Jahrgang 2008 Nummer 13

Die Frauenbrunnkapelle in Traunwalchen

Seit Jahrhunderten ist sie ein Ziel zahlreicher Wallfahrer

Der zierliche Hochaltar mit der Marienfigur in der Frauenbrunnkapelle

Der zierliche Hochaltar mit der Marienfigur in der Frauenbrunnkapelle
Die achtseitige Frauenbrunnkapelle mit ihrer charakteristischen Kuppel.

Die achtseitige Frauenbrunnkapelle mit ihrer charakteristischen Kuppel.
Ein Teil der 96 Votivtafeln an der südlichen Wand.

Ein Teil der 96 Votivtafeln an der südlichen Wand.
Die Wallfahrt zu Unserer Lieben Frau in Traunwalchen erlebte in ihrer über 500-jährigen Geschichte zwei Höhepunkte: den ersten gegen Ende des 15. und Anfang des 16. Jahrhunderts und den zweiten im 17. und 18. Jahrhundert. Die Wallfahrer besuchten dabei in erster Linie das spätgotische Gnadenbild an Hochaltar in der Pfarrkirche. Für die Zeit von 1507 bis 1541 wurden 884 Heilungsanzeigen in ein Mirakelbuch eingetragen. Nur dreimal wurde dabei auch ein »Brunnen bei der Kirche« erwähnt.

Dieser Brunnen stand vor über 400 Jahren im Mittelpunkt, als die um Mitte des 16. Jahrhunderts fast in Vergessenheit geratene Marienwallfahrt eine Erneuerung erfuhr. Im Jahre 1606 ließ der Hofmarksherr Ladislaus Freiherr von Törring zu Stein und Pertenstein (Graf erst seit 1630!) an Stelle eines schadhaften Brunnenhauses eine neue Kapelle errichten. Der achteckige hölzerne Kuppelbau stand gerade noch auf dem Gebiet der Hofmark Pertenstein. Den Altar stellte man direkt über der Quelle auf. Das Wasser gelangt seitdem mittels einer Pumpe in die Kapelle und fließt genau unter der Mitte des Altartisches aus einer Röhre. Zur wieder erwachenden Wallfahrt trug gleich im Februar des nachfolgenden Jahres die Heilung einer jungen, adeligen Dame aus der Familie Törring bei.

»Das wolgeborenen Freyle (Fräulein), Freyle Johanna geborene Freyin (Freifrau) von Törring zum Pertenstein, hat 3 jar lanng an baiden Augen grosse schmerzen gehabt, also das sy dieselben offtmals nit wol auf oder zue thun mög unnd vermaint es sein ir Stainle entzwischen, doch nichts gesehen worden, hat auch vielerlay mitl gebraucht, aber nicht helffen wollen, derowegen sich dieselb mit ainem Opfer auch peicht und Communion zue unnser lieben Frauen hieher versprochen unnd das sy sich mit dem Prunnen wasser waschen wolle, welches sy denn verricht, nach solchen ist sy der schmerzen allerdings erlassen auch sy widerumben ain frisch guet gesicht bekommen, geschehen den 28. Februar anno 1607«. Hier wird über die Gesundung der Zwölfjährigen Tochter des Ladislaus berichtet.

Johanna Freiin von Törring (* 24.4.1594, † 25.6.1618) trat in der Amtszeit der Äbtissin Magdalena Haidenbucher in das Benediktinerinnenstift Frauenchiemsee ein. Die Profess legte sie am 28. August 1613 ab. Sie führte als Nonne den Namen Anna Renata. Ladislaus Freiherr von Törring überreichte dem Kloster 2000 Gulden Aussteuer für seine Tochter. Am 25. Juni 1618 starb die Nonne Anna Renata von Törring im 25. Lebensjahr »an einem schweren Karthar«.

Alle Berichte zur Heilung der Johanna weisen diese als Tochter des Freiherrn aus. Einzig nur einem bekannten Buch über die Geschichte der Törringer entnimmt man mit Staunen, dass nicht die Tochter des Freiherrn sondern dessen Schwester Johanna 1607 durch das Wasser des Frauenbrunnens gesund geworden wäre.

Ladislaus Freiherr von Törring zu Stein und Pertenstein förderte nach der Gesundung seiner Tochter Johanna an dieser heilbringenden Quelle die Wallfahrt in Traunwalchen. Bald setzte sich für die Kapelle der Name Frauenbrunn durch. Jetzt besuchten die Pilger nicht mehr nur das Gnadenbild in der Pfarrkirche sondern auch die Quelle in der Frauenbrunnkapelle. Innerhalb kurzer Zeit wurden 192 Heilungen in einem Buch aufgezeichnet. Dieses zweite Mirakelbuch wird mit der oben beschriebenen Heilung der jungen Johanna Freiin von Törring eingeleitet.

Von diesen zahlreichen Mirakelberichten folgen nun eine kleine Auswahl in ihrer ursprünglichen Form: »Anna Weberin von Reichharting (bei Emertsham) hat ain halbs Jar an ainem Fueß ain schedliche Plater gehebt. Nachdem sich aber dieselb alher gehen Traunwalchen zue unser lieben Frauen Pronn versprochen unnd alda bemelten Fueß gewaschen, ist Ir derselb alspalt hail worden, hat solches in beysein Hans Ludwig Lippens unnd des Wierts von Mäzing Khnecht den 22. May (1607) angezaigt.«

»Geörg Mulner auf der Unndermül zu Khaltnpach (bei Kammer) Traunstainer Gerichts hat 26 Jar lanng an dem lingkhen Fueß ein groben wilden Zetrach (= Zeh) gehebt, derowegen er sich zu unnser lieben frawen Gotshauß alher gehen Traunwalchen versprochen. Als er nun solches verricht unnd sich von dem Prunen alda gewaschen ist es darauf alspalt pesser geworden, hat solches aigner Person angezaigt den 24. Mai 1607.«

»Barbara des Zimermans von Khienperg Dochter hat in Iren fuessen 6 Wochen lanng grossen Wehetagen gehebt. Wie Sy Ir dann gleich wie ein Bierkhibl groß aufgeschwolen gewest, derowegen Sy sich zue unnser lieben Frauen unnd zue dem Pronen alher nach Traunwalchen versprochen, alda Sy 8 tag lang verbliben, das Wasser von ermeltem Pronen gewörmet unnd die Füess darinnen gewaschen in welcher Zeit Sy widerumben frisch unnd gesundt worden, hat solches angezaigt in beysein Hannsen Maurers im Hölzl zu Traunwalchen, Hannsen Schneiders daselbst, und Christan Inmans (Mieters) in der Tafern aldort, den 24. May 1607.«

»Geörg Hueber von Perckham auß Obinger Pfarr ist zu ainem Aug gannz plind, daß annder aber ime 2 Jar lanng gar rott geweset, deß wegen hat sich derselb unnser lieben frauen alher zum prun verlobt, solche sein khürchfarth verricht am wasser von demselben mit ime haimb getragen, unnd sich damit gewaschen darauf er alspalt widerumb gesechent frisch unnd gesund ist worden welches Zaichen durch seinen Bruedtern in beysein Manng (=Magnus) Aichpichlers unnd Oswolden Ambtmanß zu Pertnstain den 24. May ao. 1607 angezaigt worden auch hernach durch Herrn Vogt zu Finingen alß Pflegsverwalter zu Cling.«

»Wolfen Steckhel von Edt Khienperger Pfarr Son, Hannß genannt, ist im Leib dermassen 3 Jar lanng khranckh schwach unnd übl auf gewest, das Ime niemandt helffen mögen. Nachdem es sich aber zue unnser lieben Frauen unnd dem hail. Pronen alher versprochen, Ime ain wasser davon haimbtragen lassen, unnd dasselb gedrunckhen, ist er frisch unnd gesund worden, hat solches annzaigt in beisein Geörgen Khriechpämers zu Khrichpäm und Christophen Taferners den 26. May (1607).«

»Elspeth des Mesners von Khienperg Diern, hat am Sambstag den 22. Mai umb 12 Uhr in der nacht ainen drunckh wasser gethan, so in ainem Schaff gestanndten, hab Sy darinen zwo Spinen gedrunckhen nach sodehren Sy grossen schmezen erliden unnd verschwollen. Als sich dieselb zu unnser lieben Frauen und zum Prunen verlobt, wie Sy nun daselb verricht, unnd das wasser gedrunckhen hat es die spinen sambt anndern Unflath meer von Ir getriben, darnach Sy widerumben zu Irer gesundhait khumen, hat solches angezaigt in beysein des richte zu Päumwurd unnd Hoffmarchsrichter zum Stain den erstn Juny.«

Die Heiltumsanzeigen von 1607/08 nennen Menschen aus einem Gebiet zwischen Obing und Tittmoning bzw. von Feichten bis Traunstein. Sie haben sich mit den verschiedensten Gebrechen und Krankheiten nach Traunwalchen zu Unserer Lieben Frau und dem Frauenbrunn verlobt und Votivgaben und Opfergelder mitgebracht.

Zwischen Ladislaus Freiherr von Törring und dem Pfarrherrn von Traunwalchen, dem Propst Urbanus Stammler von Baumburg, entwickelte sich alsbald ein heftiger Streit um die Einnahmen aus dem Opferstock am Frauenbrunn. Der Freiherr verrechnete nämlich das Opferstockgeld mit den Einkünften seiner Hofmark Pertenstein. Der Propst verklagte den Freiherrn beim Konsistorium in Salzburg. Die Klageschrift erwähnt einen Besuch von 300 bis 400 Wallfahrern täglich in Traunwalchen. Da sich Ladislaus aber schon vor der Errichtung der Kapelle aus Salzburg die notwendigen Genehmigungen eingeholt hatte, blieben dem Propst die Einnahmen aus dem Opferstock verwehrt.

Die freiherrliche Familie Törring war sehr religiös. Als Maria Catharina Freiin von Törring im Jahre 1623 vor der Geburt zu ihrem siebten Kind stand, opferte sie vor ihrer Niederkunft ein wächsernes Kind in der Schwere des erwarteten Kindes. Vor der Entbindung genoss sie sogar noch das heilkräftige Wasser vom Frauenbrunn. Das kleine Knäblein starb trotzdem schon nach 20 Wochen.

Um 1630 wurde ein aufschlussreicher Kupferstich als Werbebild angefertigt und weitum verbreitet. Das interessante Blatt enthält lateinische Texte und zeigt im Mittelfeld die hl. Maria mit dem Jesuskind auf Wolken, unter ihr die Pfarrkirche Traunwalchen, die Frauenbrunnkapelle, »Badehütten« mit Wallfahrern, einen hohen Bildstock und im Hintergrund das Schloss Pertenstein. Darunter wurden in den Eckfeldern links das Familienwappen der Törring und rechts kombiniert die Wappen der Fugger und der Gumppenberg dargestellt. Dazwischen knien Ladislaus Freiherr von Törring (* 20.7.1566, † 12.12.1638), seine beiden Ehefrauen Catharina Fugger zu Kirchberg und Weißenhorn (? 25.11.1590, † 16.5.1607) und Maria Catharina Gumppenberg (? 22.10.1613, † 25.3.1662) und zehn ihrer 16 Kinder. Zwölf kleine, um das zentrale Bild angeordnete, Szenen zeigen verschiedene Heilungen und verweisen auf die reichhaltige Gnadenfülle Unserer Lieben Frau in Traunwalchen, die sich auch durch die Heilkraft des Wassers in der Frauenbrunnkapelle ausdrückt.

Die Zeilen unter den 12 Mirakelbildchen, die alle den Frauenbrunn zeigen, lauten übersetzt auf der linken Seite von oben:

Du gibt den Blinden das Gesicht.
Du gibst den Lahmen die Kraft zugehen.
Du heilst gebrochene Glieder.
Du heilest Fußbeulen.
Du linderst inneren Schmerz.
Du gibst den gekrümmten Füßen Kraft zu gehen

und auf der rechten Seite von oben:

Du heilst geschwollene Füße.
Du vertreibst das Gift.
Du heilst verwundete Füße.
Dem Erblindeten gibst Du wieder Sehkraft.
Dem Stummen gibst Du die Sprache.
Du heilst an einem Knaben einenUnterleibsbruch.

96 Votivtafeln von 1669 bis 1946 bezeugen in der Kapelle die lange währende Verehrung der Gnadenmutter von Traunwalchen und das Vertrauen der Pilger in die Heilkraft des Quellwassers im Frauenbrunn.

Meinrad Schroll

Quellen: Staatsarchiv München, Pertenstein Lit. M 1 Nr. 38; Pfarrarchiv Traunwalchen, Mirakelbuch. –
Literatur: Johannes Danner, 1200 Jahre Traunwalchen, Trostberg 1990; Johannes Danner, Pfarrkirche Mariä Geburt, Frauenbrunn, Kirche Kirchstätt, Traunstein 1995; Rudolf Kriß, Die Volkskunde der Altbayrischen Gnadenstätten, Band I Oberbayern, München-Pasing 1953, S. 262-271; Ernest Geiß, Geschichte des Benedictiner-Nonnenklosters Frauenchiemsee, München 1850, S. 403 f.



13/2008