Jahrgang 2021 Nummer 2

Die Entstehung der Mühlbauern-Kapelle liegt im Dunkeln

Ihre Erbauung geht auf zwei Ruhpoldinger Bauern zurück

Die Mühlbauernkapelle auf dem Weg nach Wasen.
Schwerwiegende Putzschäden im Sockelbereich.
Die großflächigen Schäden am Außenputz mussten ausgebessert werden.
Kirchenmaler Robert Birnbacher an der Schriftkartusche.

Seit fast zwei Jahrhunderten ist die schmucke Mühlbauern-Kapelle nicht mehr aus dem Ruhpoldinger Ortsbild wegzudenken. Unübersehbar weist sie den Weg von westlicher Richtung kommend hinauf zum Wasen, dem sattgrünen Moränenhügel, den uns der Eiszeitgletscher als glaziales Vermächtnis seiner unvorstellbaren Schubkraft hinterlassen hat. Noch heute dient die sanfte Anhöhe einer Reihe von alteingesessenen Landwirten als Grundlage für ihre Viehwirtschaft. Ihrem angestammten Hausnamen nach sind dies der Allinger, der Koaler, der Schifter, der Simandl und der Vorderrausch.

Der Name des Vorderrausch-Hofs steht zusammen mit dem Anwesen des ehemaligen Mühlbauern in enger Verbindung, wenn es um den Bau des kleinen Gebetshauses geht. Denn beide Bauern, so weiß es das Ruhpoldinger Heimatbuch, errichteten 1836 auf eigene Kosten und sicherlich mit nicht unerheblichem Zeitaufwand die Kapelle mit dem charakteristischen, der Ostseite zugewandten Giebel des Krüppelwalmdachs. Wie es scheint, kümmerten sich in der Nachfolgezeit mehrere Generationen beider Bauersfamilien um den Erhalt des Kleinods. Durch den Verkauf des Mühlbauernhofs vor 90 Jahren, dem heute in ganz Deutschland bekannten Bauernhaus-Kaffee »Windbeutelgräfin«, ging auch die Kapelle in den Besitz der Grafenfamilie zu Stolberg-Wernigerode über und wurde fast vierzig Jahre lang von der Pächterfamilie Jochen und Anneliese Grill betreut. Sie ist damit eine von mehr als einem Dutzend privater Kapellen, die sich über verschiedene Weiler im Gemeindegebiet verteilen und ein eindrückliches Zeugnis tiefen Volksglaubens ablegen. Zumeist sind sie nur einen Steinwurf vom zugehörigen Bauerngehöft entfernt vorzufinden und, sofern nicht täglich zugänglich, in der Regel auf Anfrage auch zu besichtigen.

Wer sich auf eine Kapellen-Tour durch das Miesenbacher Tal macht, dem würde nach einer Weile bestimmt auffallen, dass er dabei gar nicht über den südlichen Gemeinderand hinauskommt. Alle diese bäuerlichen Gebetshäuser befinden sich nämlich in einem breitgestreuten Gürtel, angefangen von Maria Schnee in der Urschlau im Brander Tal bis hinüber nach Osten zur Häusler-Kapelle in Zell, in der einst die berühmte Ruhpoldinger Madonna, ein lange unerkanntes Juwel aus romanischer Zeit, »entdeckt« wurde. Die Fragen, die man sich in diesem Zusammenhang stellen darf, werden wohl unbeantwortet bleiben. Waren etwa ihre Erbauer gläubiger als ihre Zunftkollegen im nördlichen Teil? Oder waren sie besser »ei'gsamt«, also mit besseren, finanziellen Mitteln ausgestattet? Oder aber hatten sie aufgrund ihres Lebenswandels mehr Anlass zur Abbitte?

Ursprünglich eine Ölberg-Kapelle

Lange Zeit hatte man angenommen, dass es sich bei dem sakralen Kleinod um eine Marienkapelle handelt. Den Eindruck vermittelten jedenfalls die um etwa 1800 entstandene »Sitzende Muttergottes mit Jesukind und Szepter« als zentrale Figur in der Apsis und eine stehende Madonna, die vorübergehend einmal den Innenraum schmückte. rst die Freilegung der ausdrucksstarken Fresken durch den früh verstorbenen Ruhpoldinger Kirchenmaler und Restaurator Siegfried Geierstanger in den vergangenen Achtzigern brachten eine andere Erkenntnis zutage, zumal es sich bei dem ehemaligen Altarbild sowie dem darüber liegenden Fresko um Leidensmotive (Ölbergszene) handelt. Heute geht man davon aus, dass ursprünglich am Altar eine Pietà-Statue stand. Das Altarbild unter der Abendmahl-Szene beschreibt Sigi Geierstanger recht plastisch: »Die Bemalung der Apsis füllt den gesamten oberen, gewölbten Raum aus. Dargestellt ist der thronende Gottvater auf der Weltkugel, mit symbolisierter Taube als Heiliger Geist und umgeben von sechs trauernden Engeln in den Wolken.« Wieviel Hoffnung mag wohl der Künstler in die weitausladenden Schwingen gelegt haben, die sich über das gesamte Erdenrund spannen?

Dasselbe Motiv, jedoch von weitaus höherem künstlerischen Wert findet man auch in der Pfarrkirche St. Georg. Die Darstellungen sind das Werk des zu seiner Zeit bekannten Malers Heinrich Dagn und stammen ebenso wie die vier Evangelisten Lukas und Johannes sowie Matthäus und Markus zu beiden Seiten des Gewölbes aus der Bauzeit. Heinrich Dagn (1808 bis 1890) erblickte im Grabenhäusl in Bacherwinkl zu Ruhpolding das Licht der Welt und machte sich als Maler und Vergolder in Tirol und im altbayerischen Raum einen Namen, unter anderem in Wasserburg, Freising und Kraiburg. Ein von ihm geschaffenes Aquarell diente den Schützen der Königlich privilegierten Feuerschützengesellschaft Ruhpolding als historische Vorlage bei der originalgetreuen Nachbildung ihrer Schützentracht. Heinrich Dagn verstarb als hochbetagter, ehrenwerter Greis im Markt Kraiburg, wo er sich 1863 niedergelassen hatte und vom dortigen Magistrate »…durch kgl. Regierungsentschließung eine MalersKonzession« verliehen bekam.

Spekulation über den Erbauungs-Grund

Welche Beweggründe die Erbauer damals veranlassten, ausgerechnet auf den Beginn der Leidenszeit Jesu aufmerksam zu machen, eröffnet zwangsläufig Spekulationen in alle Richtungen; zumal die einschlägigen Archive in dem Punkt keine verwertbaren Aufschlüsse hergeben. Denkbar wären schwerwiegende Ereignisse, die beide Familien in ihrer wirtschaftlichen Existenz bedrohten; beispielsweise durch Viehseuchen oder mehrjährige Ernteausfälle. Nicht umsonst, grob aber treffend, bringt es der Ausspruch auf den Punkt: »Bäuerin sterm (sterben) is koa Vaderm (Verderben) – Ross varrecka duad an Bauern schrecka!« Aber, und da sieht man sich schon wieder in die Rolle des Fragers gedrängt: Müssten unter solchen Umständen nicht auch die anderen Bauern in der unmittelbaren Nachbarschaft betroffen sein? Noch dazu in einer Zeit, als man Seuchen und Krankheiten jeglicher Art mit den damals bekannten Hausmitteln mehr oder weniger aussichtslos gegenüberstand? Dann wären aber sicher auch andere Bauersleut' bereit gewesen, sich am Kapellenbau zu beteiligen. Oder war es das befreiende Aufatmen nach einer endlich beendeten Familienfehde, deren glücklichen Ausgang man mit dem Bau auf halbem Weg zwischen den Höfen auch symbolisch besiegeln wollte?

Diese Annahme dürfte ebenso ausscheiden wie ein Gelübde über eine glückliche Kriegsheimkehr, da Bayern zu der fraglichen Zeit unter König Ludwig I. nicht in kriegerische Handlungen verwickelt war.

Vielleicht aber gibt der Tod der Mühlbäuerin Anna Zeller, Hösltochter von Bernhaupten, im Jahr 1837 einen brauchbaren Hinweis. Könnte es sein, dass man durch den Bau ein Jahr zuvor das Schicksal einer längeren Krankheit beeinflussen wollte? Und unter dem Dach des Vorderrausch-Hofs ähnliches Ungemach herauf dräute? Dann wäre man einer halbwegs schlüssigen Erklärung näher gekommen. Doch wie man es dreht und wendet: So lange weitere Nachforschungen im Sand verlaufen, wird der wahre Grund für die Errichtung im Dunst der Geschichte verborgen bleiben.

Neuer Glanz für altes Gemäuer

Wichtiger dagegen ist, dass die mehrjährige und behutsam durchgeführte Außenrenovierung der unter Denkmalschutz stehenden Mühlbauern-Kapelle noch rechtzeitig vor Winterbeginn abgeschlossen werden konnte. An den Kosten der umfangreichen Sanierung unter der Leitung des Siegsdorfer Architekten Sylvester Dufter beteiligten sich neben dem Eigentümer auch die Gemeinde Ruhpolding, der Landkreis Traunstein, der Bezirk Oberbayern sowie das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege.

Im Lauf der Zeit hatten sich schwerwiegende Schäden eingestellt, angefangen vom Sockelbereich bis hinauf zum Dach, die unbedingt behoben werden mussten. Die detailgetreue Eindeckung mit handgespaltenen Lärchenschindeln, eine Lehmabdichtung mit Kiesschüttung gegen Feuchtigkeit und die unauffällig ausgeführte Geländemodellierung, um das Oberflächenwasser besser abzuführen, waren nur einige Maßnahmen für den weiteren Erhalt der Kapelle. Die teilweise großflächigen Schäden am Außenputz mussten fachmännisch ergänzt und ausgebessert werden. Dazu gehörte das langwierige Abnehmen der obersten dispersionshaltigen Farbschicht.

Zeitintensiv und mühsam gestaltete sich für Restaurator Robert Birnbacher das chemische Freilegen der sechs Rauhputzfelder mittels Lanzettenspachtel und Skalpell. Eine weitere Sisyphusaufgabe wartete auf ihn, als er sich zum Abschluss der Sanierung der Schriftkartusche im Giebeltrapez widmete. Hier stellte sich heraus, dass der ursprüngliche Wortlaut nur noch in Fragmenten besteht, beziehungsweise schon mal verändert worden ist, sodass der genaue Spruchsinn weitgehend verloren gegangen ist. So beließ es der Experte beim IstZustand und legte das Augenmerk vielmehr auf das Konservieren der gesamten Kartusche.

Birnbacher konnte vorher noch anhand von übermalten, partiell verfügbaren Farbresten wenigstens den Trapezrahmen in den Originalzustand versetzen. Dem Kirchenmalermeister kam hier seine fast dreißigjährige Erfahrung zugute, die er sich beispielsweise mit Aufträgen an der Pferdeschwemme, dem Trauungssaal im Schloss Mirabell, der Pfarrkirche Maria Eck und vielen, anderen kirchlichen und herrschaftlichen Objekten aneignete.

Nach der gelungenen Außensanierung, die in enger Abstimmung mit dem Bayerischen Landesamt für Denkmalschutz und der Unteren Denkmalschutzbehörde erfolgte, lädt die Mühlbauernkapelle alle Vorbeikommenden zu einem kurzen Innehalten ein. Was ja in bewegten Zeiten wie diesen sicher nicht schaden kann.

 

Ludwig Schick

 

2/2021