Jahrgang 2006 Nummer 47

Die Einwohnerwehren von Traunstein und der Umgebung

In den Jahren 1919/20 waren sie Garanten der freiheitlichen Ordnung – Teil II

Am 14. April 1919 rief das Gesamtministerium des Freistaates Bayern die Arbeiter, Bauern und Bürger auf, zum Schutze des Landes und der Freiheit Volkswehren zu bilden. »Freiwillige vor! Eilet zu den Waffen!« war der Tenor des Aufrufes. Am 25. April 1919 ordnete dann auch Reichswehrminister Gustav Noske die Bildung von Einwohnerwehren an. Jetzt war der Weg zum Ausbau einer legalen Volkswehr auch für Traunstein frei. Innerhalb kurzer Zeit traten 231 Traunsteiner der Volkswehr bei. Die Verpflichtungserklärung lautete: »Ich verpflichte mich auf Handschlag im Sinne der rechtmäßig gewählten Regierung >Hoffmann< für den Schutz der Stadt und Umgebung mit meiner ganzen Person einzutreten und Ordnung und Sicherheit der Person und des Eigentums sämtlicher Bewohner von Stadt und Umgebung auch mit Waffengewalt zu gewährleisten und zu verteidigen, sowie in Stadt und Umgebung für die Regierung >Hoffmann< einzutreten. Ich verpflichte mich zu vollem Gehorsam und Unterordnung unter meine Führer, solange sie in diesem Sinne handeln.« Die Wehrmänner Anton Miller, Max Winter und Sepp Binder halfen bei der Bildung und Bewaffnung von Volkswehren in den Orten Ruhpolding, Vachendorf, Haslach, Hochberg, Wolkersdorf, Erlstätt, Nußdorf, Matzing, Chieming, Kammer und Sondermoning. Das Kommando über die Volkswehr Traunstein hatten übernommen: Leutnant der Reserve Max Binder als Kommandant; Leutnant der Reserve Oswald Schlager als stellvertretender Kommandant; Feldwebel der Reserve Max Winter als Kommandant des Maschinengewehr-Zuges; U-Boot Matrose Josef Schlager als Zahlmeister; Gefreiter der Reserve Hans Ficker als Schriftführer und Sergeant der Reserve Josef Wiendl als Vertreter des Arbeiterrates. Die Bevölkerung der Stadt Traunstein und der Umgebung war nicht mehr wehrlos.

Ein Problem für Traunstein bildete das bereits erwähnte Grenzschutzbataillon II, da sich hartnäckig der Verdacht hielt, diese Einheit könnte putschen, um auch in Traunstein ein Rätesystem wie in Rosenheim aufzubauen. Der Verdacht wurde fast zur erschreckenden Gewissheit, als das Grenzschutzbataillon am 25. April 1919 vom Kriegskommissar und Kommandeur der »Roten Armee« in München den Befehl erhielt: »... im Verein mit den Arbeitern im Interesse der Räterepublik sämtliche Macht an sich zu reißen ... Die ausübende und Vollzugsmacht liegt allein in den Händen der Arbeiter und Soldaten. Jeder, der sich dem widersetzt, wird sofort verhaftet. Mitglieder des Grenzschutz-Bataillons, die diesem Befehl nicht Folge leisten, sind sofort auszuschließen. Geiseln sind festzunehmen und nach München zu überbringen. Bürger sind zu entwaffnen, die Arbeiter und Soldaten sind zu bewaffnen.« Der Soldatenrat erklärte zwar wiederholt seine Loyalität, doch am 28. April 1919 kam es dann zum Bruch. In Verhandlungen mit dem Oberbürgermeister erklärte sich der Soldatenrat zwar weiterhin uneingeschränkt loyal, verweigerte aber das geforderte Treuebekenntnis zur Regierung Hoffmann. Diese Weigerung war Anlass und Legitimation für die folgende militärische Aktion der Volkswehr, die mit dem Ministerium für militärische Angelegenheiten abgesprochen war und von Regierungstruppen unterstützt wurde. In der Nacht vom 1. auf den 2. Mai 1919 wurde durch eine vorher streng geheim gehaltene Aktion das Grenzschutzbataillon II überfallen und entwaffnet. Rechtsanwalt Dr. Jordan, der spätere Gauhauptmann der Einwohnerwehren der Bezirke Traunstein, Laufen und Berchtesgaden-Reichenhall, schilderte die Entwaffnungsaktion so: »... Die Nacht vom 1. auf 2. Mai sah die Volkswehren bereits wieder im Zuge nach Traunstein; diesmal galt es der Entwaffnung des mehrere hundert Mann starken Grenzschutzbataillons II. Um 12 Uhr nachts näherte sich in lautlosem Zuge eine Truppe von circa 300 Mann der Stadt Traunstein; einzelne Kommandos waren im Vorneherein dazu bestimmt die Führer des Grenzschutzbataillons in ihren Quartieren auszuheben und ihr Waffendepot in der Au wegzunehmen. Restlos gelang der verwegene Streich; um 4 Uhr früh war das mit der Hauptmacht in Traunstein eingenistete, mit allen Waffen wohl ausgerüstete Grenzschutzbataillon schlagartig mattgesetzt, die Führer defilierten als Gefangene im strömenden Regen zum Bahnhof, um mittels dort bereitgestelltem Extrazug nach Passau ihrer Bestrafung zugeführt zu werden. Bei der Wegnahme des Waffendepots entstand ein kurzes Feuergefecht, bei dem es auf Seite des Grenzschutzbataillons einen schwer verwundeten und mehrere Leichtverwundete gab. Mit Jubel begrüßte am nächsten Morgen die vollständig überrasche Bevölkerung Traunstein die weiß-blauen Farben ihrer Befreier. ...« Bei diesem gefährlichen Einsatz wurde die Volkswehr Traunstein von rund 200 Wehrmännern der folgenden Volkswehren durch Waffenhilfe unterstützt: Ruhpolding, Vachendorf, Haslach, Hochberg, Wolkersdorf, Erlstätt, Nußdorf, Matzing, Chieming, Kammer und Sondermoning.

Bereits ab 6 Uhr früh konnten sich die Bewohner Traunsteins über das Geschehen informieren, denn die Volkswehr hatte eine Plakataktion vorbereitet. Die Plakate ließ Anton Miller noch in der Nacht in seiner Druckerei herstellen.

Eine groteske Situation, die sich am 2. Mai ereignete, wurde so geschildert: »Während Binder Max bereits die Entlassungen aus dem Grenzschutz vornehmen ließ, gab der Führungsstab der roten Armee telefonisch Anweisungen in der Meinung, mit dem Soldatenrat zu sprechen: Der Grenzschutz sollte in den Standorten die Besetzung wichtiger Ämter und die Verhaftung von Geiseln vornehmen. Als der Student (Anm.: Telefonist) sagte, dass der Grenzschutz nicht mehr existiert und am Telefon die Heimwehr wäre, wurde ohne ein weiteres Wort aufgehängt.«

Die Volkswehren aus Traunstein und Umgebung hatten durch ihr mutiges Einschreiten ihre Bewährungsprobe bestanden und ihre Daseinsberechtigung bewiesen. Die Gefahr einer Räteregierung für die Stadt Traunstein konnte abgewendet werden. Die Gefährdung des ganzen Landes durch die »Roten« war aber nicht vorbei; die politische Wetterlage war nach wie vor kritisch.

Wegen der weiter bestehenden allgemeinen Gefahrenlage war die Regierung daran interessiert, überall gut ausgerüstete Volkswehren aufzustellen. Diese sollten die Polizei und die Regierungstruppen im Kampf gegen Diebstahl, Plünderungen und Aufruhr unterstützen.

Durch Bekanntmachung des Staatsministeriums des Innern vom 17. Mai 1919 wurden die Volkswehren zu Einwohnerwehren. Die Volkswehren waren rein militärische Verbände gewesen, anders die Einwohnerwehren, die man nun als örtliche, nichtmilitärische Schutzverbände bezeichnete. Die Aufgaben waren grundsätzlich unverändert. Der Reichswehrminister Gustav Noske führte dazu aus: »Die zukünftige Existenz der Einwohnerwehren ist durch die Friedensbedingungen von Versailles in Frage gestellt. Um die Einwohnerwehren mit Zustimmung der Entente erhalten zu können, müssen sie daher unverzüglich ihres militärischen Charakters entkleidet werden. ...«.

In kurzer Zeit überzog ein dichtes Netz von Regierungstruppen, Freikorps und Einwohnerwehren das Land. Die Keimzelle der bayerischen Einwohnerwehr überhaupt und der stärkste paramilitärische Verband in Bayern war der Chiemgau. Von den 87 000 Einwohnern des Chiemgaus waren 10 000 Männer Mitglieder der Einwohnerwehr.

Nach dem Stand vom 20. März 1921 hatten sich im Landkreis Traunstein 2253 Männer zu den Einwohnerwehren gemeldet, davon 413 in Traunstein. In Bayern insgesamt waren es 400 000.

Die Ausrüstung der Einwohnerwehr bestand im allgemeinen darin, dass jeder Wehrmann ein Gewehr 98 mit etwa 50 Patronen in Händen hatte. Jede Ortswehr hatte außerdem Maschinengewehre nach Bedarf, sowie eine Reserve von 2000 Patronen. In den Städten hatten die Wehrmänner darüber hinaus auch Handgranaten, Stahlhelme, Leibriemen, Patronentaschen und Seitengewehre. Eine Uniformierung war nicht eingeführt. Jeder Wehrmann hatte als Abzeichen nur eine weiß-blaue Armbinde am linken Oberarm zu tragen, die mit dem Stempel der Landesleitung versehen war. Die Wehrmänner der Einwohnerwehr Chiemgau trugen auf der Armbinde auch den Chiemgauadler. Die Einwohnerwehr Traunstein war zuerst Teil der Einwohnerwehr Chiemgau, kam aber dann zur Einwohnerwehr Grenzgau.

Die Bewaffnung der Einwohnerwehren war mit Sicherheit überzogen. Bayern erhielt 2 500 000 Infanteriegewehre, 130 000 leichte Maschinengewehre, 3000 schwere Maschinengewehre, 100 leichte Feldartillerie-Batterien, eine ganze Reihe 15 cm Haubitzen und 13 cm Langrohrkanonen sowie 30 Flugzeuge neuester Bauart.

Während sich die Einwohnerwehr Traunstein nur noch selten an militärischen Aktionen beteiligte, war die Einwohnerwehr Chiemgau bei zahlreichen Einsätzen dabei. So zum Beispiel in Rosenheim, Endorf, Kolbermoor und Rott am Inn. Der spektakulärste Einsatz war aber wohl die Befreiung der Stadt Hof von den »Roten«. Den rund 4000 Soldaten und Wehrmännern gelang zwar die kampflose Einnahme der Stadt Hof, die Chiemgauer Wehrmänner hinterließen aber einen bleibenden Eindruck. In einer Schilderung der Ereignisse kann man nachlesen: »... Jeder, der nach linkem Rädelsführer aussah, geriet in Gefahr, von den Chiemgautruppen willkürlich verhaftet und misshandelt zu werden. Meistens genügte das Umfallen des berühmten >Watschenbaumes<, in hartnäckigeren Fällen Nachhilfe mit dem Maschinengewehr-Gummischlauch, um renitente Elemente aus ihren Illusionen wieder auf den Boden der Tatsachen zurückzuführen. ... Insgesamt waren die Chiemgauschützen aber wohl etwas enttäuscht über den fehlenden Widerstand der Hofer. >Wos tean ma eigentlich do? Zraffa gibt’s ja doch nix< lautete ein Gespräch zwischen Chiemgau-Leuten ...«

Am 12. März 1920 verlangten die Alliierten von der Reichsregierung die Auflösung der Einwohnerwehren bis 10. April 1920 und das Reichsministerium ordnete am 8. April 1920 die Entwaffnung an, der bayerische Ministerpräsident Gustav Ritter von Kahr weigerte sich aber, die Einwohnerwehren aufzulösen. Er konnte die Auflösung nur verzögern, aber nicht verhindern. Am 8. Juni 1921 wurden dann durch eine Verordnung der bayerischen Regierung die Einwohnerwehren in Bayern aufgelöst.

Die Einwohnerwehren, die lange als Garanten für die öffentliche Sicherheit und für die Aufrechthaltung der demokratischen Ordnung galten, gehörten der Vergangenheit an.

Alfred Staller


Teil 1 in den Chiemgau-Blättern Nr. 46/2006

Anmerkung:
Die ungekürzte Arbeit mit allen Literaturhinweisen wird im Jahrbuch 2006 des Historischen Vereins Chiemgau zu Traunstein erscheinen.



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