Jahrgang 2005 Nummer 28

Die eigene Wallfahrt der Nußdorfer und Sondermoninger

Eine Episode aus dem Dorfleben des 17. Jahrhunderts

Bistum Salzburg

Bistum Salzburg
Kirche in Hart

Kirche in Hart
St. Laurentiusaltar von Hart

St. Laurentiusaltar von Hart
Man schrieb das Jahr 1628, als es zwischen den Nußdorfer und Sondermoninger Gläubigen sowie deren Kirchenverwaltungen und dem damals zuständigen Pfarrer von Haslach, Johann Froschmair, zu einem heftigen Streit kam. Der Grund für diese Auseinandersetzung lag in der Anordnung des Pfarrers an die beiden Kirchengemeinden, ihrer Verpflichtung zur Wallfahrt, damals Kreuzgang genannt, nach Salzburg zusammen mit den Traunsteinern, Haslachern und Erlstättern nachzukommen.

Die Nusdorffer und Sumeringer, deren Filialkirchen zur Pfarrei Haslach gehörten, widersprachen ihrem Pfarrer nicht nur vor Ort und verweigerten ihm den Gehorsam, sondern richteten ihre Beschwerde an den zuständigen Kirchenoberen, den Erzdiakon von Baumburg, der als Vertreter des Erzbischofs von Salzburg die kirchliche Oberaufsicht über die Gläubigen hatte. Damals gehörte der Chiemgau kirchlich zum Erzbistum Salzburg und weltlich zum Herzogtum Bayern. Im Archiv des Erzbistums München und Freising sind mehrere Schreiben des Haslacher Pfarrers Froschmair an den Erzdiakon erhalten, die Einblick geben in die recht dramatische Auseinandersetzung zwischen dem Pfarrer und den beiden Kirchengemeinden(1). Die Entscheidung dieser Nußdorfer Streitsache durch das Chorgericht Baumburg wird als Urkunde im Bayerischen Hauptstaatsarchiv in München aufbewahrt (2).

Was war die Ursache dieser Auseinandersetzung?

Wallfahrten haben als Ausdruck der Volksfrömmigkeit eine lange Tradition. Einen besonderen Aufschwung erlebte das Wallfahrtswesen im Spätmittelalter, vor allem im Zusammenhang mit der Verehrung von Reliquien, die an heiligen Stätten aufbewahrt wurden. Neben den großen Wallfahrtsstätten wie Jerusalem im Heiligen Land, Rom als Sitz des Papstes oder das Jakobusheiligtum in Santiago di Compostela in Spanien, galten auch die Zentren der Diözesen als Wallfahrtsziele der Gläubigen.

Als Diözesanmetropole war Salzburg für die Pfarrgemeinden des Chiemgaus vor allem in der Zeit des Mittelalters Ziel der jährlichen Wallfahrt. Es war die Domkirche in Salzburg, die die Gebeine des Heiligen Rupert beherbergte, zu der die Gläubigen der Diözese pilgerten. Bildhaft bezeichnete man den Dom als die »Mutterkirche«, zu der die Pfarreien als »Töchter«, was heute noch in dem Begriff ‘Filialkirche’ (=Tochterkirche) erhalten ist, pilgerten, um zu danken und den Segen des Diözesanheiligen zu erbitten. Jeder Gläubige hatte die moralische Verpflichtung zu dieser Wallfahrt, auch wenn der Weg noch so weit war(3). Ausgangspunkt war der jeweilige Pfarrsitz, wo sich die Gläubigen der Filialkirchen einzufinden hatten. Da das Kreuz vorangetragen wurde, nannte man diese Wallfahrten auch »Kreuztrachten« oder »Kreuzgänge« und die teilnehmenden Gläubigen »Kreuzvolk«. Neben dem Dom waren auch die Peterskirche und die Klosterkirche Nonnberg, wo die Gebeine der Heiligen Erentrudis ruhten, Ziel der Wallfahrt.

In einem Verzeichnis des Stiftes St. Peter sind 37 Orte verzeichnet, aus denen alljährlich Kreuztrachten zum Stift kamen. Auch Haslach bzw. Erlstätt, als ursprünglicher Pfarrsitz, sind darin aufgeführt, erstmals 1376. Von Haslach aus dürften die Wallfahrer acht bis neun Stunden unterwegs gewesen sein. Tag der Wallfahrt war der Pfingstmontag.

Eine schwere Krise erlebte das Wallfahrtswesen durch die Reformation zu Beginn des 16. Jahrhunderts. Der Visitationsbericht von 1558(4) stellte fest, dass man nur noch selten mit dem Kreuz ging. Als Ursache wird genannt, dass sich das Volk weigerte teilzunehmen. Das Gehen mit dem Kreuz verschwand nicht nur aus der religiösen Praxis, es wurde sogar als Schmach empfunden.

Als Folge des reformatorischen Gedankengutes, das auch das einfache Volk erfasste, erwachte das Selbstbewusstsein der Gläubigen. Vor allem die Infragestellung der kirchlichen Autorität durch die Reformatoren führte zu einer laxeren Haltung gegenüber kirchlichen Geboten. Dies hatte auch Auswirkungen auf das Wallfahrtswesen. Denn es war üblich, dass der Pfarrer die Wallfahrten von der Kanzel verkündigte und die Gläubigen dieser Aufforderung gehorsam Folge leisteten.

Die Zeit der Kreuzgänge oder Wallfahrten entsprach dem bäuerlich geprägten Jahresablauf, also vorwiegend im Frühjahr, als die Ernte heranreifte. Entweder ging man Wallfahrten am Montag oder Dienstag vor Christi Himmelfahrt oder während der Pfingstfeiertage. So war die Wallfahrt der Pfarrei Haslach nach Salzburg jeweils am Pfingstmontag(5).

Als Pfarrer Froschmair 1628 von der Kanzel herab zur Wallfahrt nach Salzburg aufrief, erinnerte er die Gläubigen der Pfarrei Haslach und der Filialen Erlstätt, Traunstein (damals noch Filialkirche von Haslach), Nußdorf und Sondermoning an einen Brauch, der weit in die Vergangenheit zurückreichte. Er scheint aber nicht bedacht zu haben, dass sich die Einstellung der Gläubigen zur Wallfahrt in Teilen seiner Gemeinde geändert hatte.

Denn die Nusdorffer und Sumeringer hatten schon lange nicht mehr an der Pfarrwallfahrt nach Salzburg teilgenommen. Sie hatten statt dessen eine eigene Wallfahrt nach dem nahen Hart eingeführt, die aber anscheinend nie von der kirchlichen Obrigkeit weder bestätigt noch behindert worden war.

Einen urkundlichen Nachweis für diese Wallfahrt nach Hart gibt es außer diesen Briefen von Pfarrer Froschmair nicht. Dass die Nusdorffer und Sumeringer ihr eigenes Wallfahrtsziel mit Hart festlegten, kann nur damit erklärt werden, dass sie zu ihrem Kirchenpatron, dem Heiligen Laurentius, pilgerten. Denn es besteht die Möglichkeit, dass das Patrozinium des Heiligen Laurentius von Nußdorf als dem älteren Kirchenort nach Hart, dessen Gründung später liegt, übertragen wurde(6).

Pfarrer Froschmairs Briefe an den Erzdiakon von Baumburg

Da die Nusdorffer und Sumeringer der Anordnung des Pfarrers zur Wallfahrt nach Salzburg nicht Folge leisteten und sich beim Erzdiakon in Baumburg über ihn beschwert hatten, musste sich Froschmair schriftlich rechtfertigen. Gleichzeitig bat er den Erzdiakon, seiner Anordnung von höchster Stelle Nachdruck zu verleihen.

In seinem Brief vom 18. August 1628 beklagte er sich über die rebellischen Nusdorffer, die sich nicht nur seinem Aufruf zur Wallfahrt nach Salzburg widersetzten, sondern gegenüber dem Erzdiakon von Baumburg behaupteten, Froschmair hätte ihnen eigenmächtig diese Wallfahrt aufgetragen.

Die Nusdorffer und Sumeringer würden sogar behaupten, sie seien niemals mit den Erlstättern nach Salzburg gegangen und sie hätten auch keine Verpflichtung dazu je gehabt. Als Zeugen hätten sie zwei Nusdorffer, Sebastian Linsmair und Wolff Pruner, und zwei Sumeringer, Johannes Arnolt und Georg Hueber, angegeben.

Demgegenüber habe ihm der Mesner von Nusdorff bestätigt, dass der frühere Haslacher Pfarrer Wofgang Tinctor (1577 bis 1614) sehr wohl den Kreuzgang nach Salzburg jährlich verkündigt hätte, aber er hätte sie nicht strikt genug dazu angehalten, sondern »durch die Finger gesehen«. Die Nusdorffer und Sumeringer würden auch behaupten, dass sie seit unvordenklichen Zeiten am Pfingstmontag nach Hart, am Dienstag nach Haslach, am Mittwoch nach Sondermoning, am Donnerstag nach Weißenkirchen und Kirchstätt gegangen seien. Diese Wallfahrten seien am Pfingstsonntag von der Kanzel verkündigt worden und sie hätten diese fleißig verrichtet. Da er nun den pfarrlichen Gehorsam zur Wallfahrt nach Salzburg einfordere, würden sie dennoch starrköpfig an ihrer Wallfahrt nach Hart festhalten.

Die Kirchenpfleger (früher Zechpröbste genannt) des Nusdorffer Gottshaus würden ferner zu einer Ausrede greifen, dass sie den Erlstätter Kirchenpflegern jährlich aus Anlass der Wallfahrt nach Salzburg 28 Kreuzer und 50 Eier gäben, damit sie den Crysam (= geweihtes Öl für die Taufe) erhielten.

Pfarrer Froschmair versuchte dieses Argument dadurch zu entkräften, dass er den Nusdorffern vorhielt, sie würden dafür von den Erlstättern das geweihte Öl und die Hostien unentgeltlich erhalten. Die 50 Eier würden am Vorabend des Peter- und Paulfestes (Patrozinium in Erlstätt) an die Armen verteilt. Im übrigen müssten auch die Traunsteiner und Haslacher diesen Geldbetrag an die Erlstätter zahlen und trotzdem die Wallfahrt nach Salzburg machen.

In einem weiteren Beschwerdebrief vom 10. August 1628 wird deutlich, dass die Weigerung der Nusdorffer, die vom Pfarrer aufgetragene Wallfahrt nach Salzburg zu machen, von der weltlichen Macht strafrechtlich geahndet wurde. Denn wegen geschehenen Ungehorsams verurteilte der kurfürstliche Pflegverwalter zu Traunstein die Beschwerdeführer Stephan Ettmair und Michael Freislinger von Nußdorf zu einer Geldstrafe von 2 Gulden.

Besonders scheint Pfarrer Froschmair geärgert zu haben, dass die rebellischen Nusdorffer aus einer Gewohnheit ein Recht gemacht hätten. Denn die Wallfahrt nach Hart (statt nach Salzburg) sei von ihren Vorfahren ohne die Zustimmung der Kirchenoberen eingerichtet worden und es sei auch noch nie ein Priester der Pfarrei mitgegangen. Schuld daran sei wohl auch sein unmittelbarer Vorgänger, Pfarrer Simon Theurman (1614 bis 1619), der die Sache zu nachlässig betrachtet habe.

Die Nusdorffer scheinen auch sonst widerspenstig und ungehorsam (»rebellantes«) gewesen zu sein, während die Traunsteiner, Haslacher und Erlstätter als gehorsam (»obedientes«) bezeichnet werden.

Am 12. Dezember 1628 kommt das Chorgericht Baumburg nach Anhörung von Zeugen zu dem Ergebnis, dass die Nusdorffer und Sumeringer seit sechzig Jahren nicht mehr nach Salzburg gegangen seien, sondern an diesem Tag, und zwar am Pfingstmontag, jährlich die Wallfahrt nach Hart gemacht hätten. Es wird deshalb erklärt, dass sie auch weiterhin an diesem Tag die Prozession nach Hart machen können.

Diese Entscheidung traf Pfarrer Froschmair zutiefst und er drückte seine Enttäuschung darüber in einem Schreiben vom 24. Dezember 1628 besonders drastisch aus:

Das Herz täte ihm so weh, dass es fast zerspringe und er müsse für seine gute Absicht Hohn und Spott leiden.

Zur Person von Pfarrer Froschmair (1619 bis 1637 Pfarrer in Haslach): Johann Froschmair war als Pfarrer von Haslach nicht unumstritten. Der Chronist der Pfarrei Haslach, Pfarrer Josef Rosenegger, drückt sich sehr vorsichtig aus, wenn er schreibt und zitiert:

»Leider hat sich auch Froschmair, wie sein Vorgänger (gemeint ist Theurmann), wenig priesterlich in ‚seinem Leben und Wandel’ betragen, ‚er auch zum priesterlichen Wesen einen geringen Eifer tragt und tut dem gemeinen Mann mit schlechtem auferbaulichen Beispiel verleihen’, daß ihm hier in nichts, was er redet, zu glauben noch Glauben geschenkt werden will, welches auch dem Besuch der Predigten ein Mangel und Abbruch ist’«(7).

Aus anderen Quellen ist bekannt, dass Pfarrer Froschmair einen nicht seinem Priesteramt entsprechenden Lebenswandel führte. Er musste sich wegen seines dem Priesteramt unwürdigen Lebenswandels bereits 1627 vor dem Erzdiakon in Baumburg verantworten. Da er sich aber weitere Verfehlungen zu Schulden kommen ließ, wurde er vor der Kirchengemeinde unglaubwürdig. Selbst der Stadtrat sah sich in die Affäre hineingezogen.(8)

Im Ergebnis zeigte sich, dass Pfarrer Froschmair mit der Wiedereinführung der Wallfahrt nach Salzburg bei den Nusdorffern und Sumeringern nur Widerspruch weckte. Sowohl der Spruch des Baumburger Chorgerichtes als auch andere Quellen lassen erkennen, dass alle Kirchengemeinden der Pfarrei Haslach früher an dieser Wallfahrt teilnahmen.

Das widerspenstige Verhalten der Nusdorffer und Sumeringer darf wohl damit erklärt werden, dass sie wegen des Lebenswandels von Pfarrer Froschmair den notwendigen Respekt verloren hatten und auf ihrem Standpunkt beharrten und das Wallfahrtswesen an sich unter dem Einfluss des reformatorischen Gedankengutes in Verruf geraten war.

IJ

Quellen:
1: Archiv des Erzbistums München und Freising (AEM), Pfarrakten Traunstein (PA TS), Filiale Nußdorf 1628 – 1876
Nur Dank der Unterstützung des Kreisarchivars Goetz von Dobeneck und dem Doktoranden Reinhard Rieß war es möglich, die schwierig zu lesenden handschriftlich verfassten Briefe und Urkunden auszuwerten
2: BayHStA, HL Salzburg 1080, p. 312: Eintrag zum Gerichtstag am 12.12.1628
3: Salzburgs Wallfahrten, in Kult und Brauch, Katalog 1986, Sonderschau des Dommuseums zu Salzburg, S. 28 f
4: Reiner Braun, Die Bayerischen Teile des Erzbistums Salzburg und des Bistums Chiemsee in der Visitation des Jahres 1558, in Studien zur Theologie und Geschichte, Band 6, 1991, S. 95 f
5: Wie Anmerkung 3
6: Irmtraut Heitmeier, Ortsnameninterpretation und Siedlungsgeschichte, in: ZBLG 53 (1990), S. 605)
7: Josef Rosenegger, Geschichte der Pfarrei Haslach, 1963
8: Abert Rosenegger, Als die »laidige Sucht der Pest« grassierte, in: Jahrbuch 1991, Historischer Verein für den Chiemgau, S. 54 f



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