Jahrgang 2005 Nummer 15

Die Edlen von Nußdorf

Graf Hartmann und seine Zeit – Eine geschichtliche Darstellung – Teil II

Gurker Dom

Gurker Dom
Hohenburg

Hohenburg
Eine der Urkunden im Salzburger Güterverzeichnis berichtet von einer merkwürdigen Güterübertragung Hartmanns II. an den Erzbischof von Salzburg. Sinngemäß heißt es darin:

Der Edle Hartmann von Nußdorf übergibt durch die Hand des Erzbischofs Konrad III. die Burg Rabenstein (nw. Althofen in Kärnten) zum völligen Abbruch zusammen mit dem Wald und gerodetem Neuland und erhält von den Kanonikern 12 Mark in Silber(19).

Der Inhalt dieser Urkunde, die von hochrangigen Zeugen bestätigt wurde, ist nach den üblichen Maßstäben nicht nachvollziehbar. Denn eine Burg zum völligen Abbruch gegen einen Minimalbetrag zu verkaufen, erscheint nicht sinnvoll und könnte uns am Wahrheitsgehalt der Urkunde zweifeln lassen.

Erst die Kenntnis der geschichtlichen Zusammenhänge und Ereignisse dieser Epoche lassen diese Besitzaufgabe der Nußdorfer logisch erscheinen. Der Herausgeber des Salzburger Urkundenbuches, Willibald Hauthaler, gab als erster den Hinweis, dass es sich um die Burg Rabenstein in Kärnten zwischen Friesach und Althofen handeln könnte. In der Tat gibt es heute noch ein Landgut Rabenstein mit einem spätbarocken Herrenhaus und daneben ein kleines romanisches Kirchlein, das erstmals 1074 erwähnt wird(20). Von der ehmaligen Burg sollen nur noch wenige Stufen des Aufgangs übrig sein.

Burgen waren im Mittelalter Symbole der Macht. Aber nicht jeder Adelige konnte sie erbauen, denn es bedurfte der Erlaubnis des Landesherren, des Herzogs oder Königs.

Burgen wurden aber auch als Lehen vergeben und mit bestimmten Aufgaben, zum Beispiel der Landesverteidigung und der Rodung, verbunden.

Die Burg Rabenstein in Kärnten lag in einem machtpolitischen Spannungsfeld zwischen dem Erzbistum Salzburg, dem Salzburger Eigenbistum Gurk (vergleichbar dem Bistum Chiemsee) und dem Herzogtum Kärnten. Der Bischof von Gurk, Roman I. (1131 bis 1167) ließ sie erbauen(21). Der Name Rabenstein wird erstmals 1163 genannt(22).

In mehreren Zeugenlisten Salzburger Urkunden wird Hartmann von Nußdorf zusammen mit Bischof Roman I. genannt. Das setzt Bekanntschaft oder sogar Besitznachbarschaft voraus. Burgen dienten der Verteidigung, die den weltlichen Adeligen übertragen wurde, in diesem Fall Hartmann II.

Bald nach dem Tode Romans I. 1167 kam es zu einem Zerwürfnis zwischen dem Nachfolger und dem Salzburger Erzbischof. Vor allem das Gurker Domkapitel versuchte durch Urkundenfälschungen sich vom Salzburger Erzbischof unabhängig zu machen und eigene Hoheitsrechte zu erwerben. Dies geschah vor allem in der Zeit der von Kaiser Friedrich I. Barbarossa verursachten Kirchenspaltung, in der es über mehrere Jahre zwei Päpste, zwei Salzburger Erzbischöfe und zwei Gurker Bischöfe gab(23).

Erst 1182 gelang es dem neuen Erzbischof von Salzburg Konrad III., dem Bruder Herzog Ottos I. von Bayern, den widerrechtlich gewählten Gurker Bischof zur Abdankung zu zwingen. Wie rigoros der Salzburger Erzbischof gegen die Rebellen des Bistums Gurk vorging, beweist die Tatsache, dass er 1179 die Residenz des Bischofs im nahen Straßburg niederbrennen ließ.(24)

Unter diesen Umständen war für Hartmann von Nußdorf die Burg Rabenstein als Gurker Lehen zum heißen Eisen geworden, zumal sie an einem strategisch wichtigen Platz stand, da sie einen bedeutenden Alpenübergang von der Adria zur Donau kontrollieren konnte. Ungewollt stand Hartmann auf der Seite der Feinde des Erzbischofs, dem diese Burg, wie sich später zeigen sollte, ein Dorn im Auge war. Nur so erklärt sich der Verkauf zum »völligen Abbruch« und zu einem symbolischen Preis. Die Burg Rabenstein wurde, nachdem sie mehrmals zerstört und wieder aufgebaut worden war, 1307 auf Befehl des damaligen Salzburger Erzbischofs endgültig zur Ruine gemacht und diente den Bürgern von Althofen als Steinbruch zum Bau der Befestigungsanlagen(25).

Begräbnisstätte der Nußdorfer Adeligen im Kloster Raitenhaslach

Die Nußdorfer Adeligen hatten enge Beziehungen zum Kloster Raitenhaslach, das auch zu ihrer Begräbnisstätte wurde. Im Jahr 1146 gründete der Salzburger Erzbischof Konrad I. (1106 bis 1147) in Raitenhaslach ein Zisterzienserstift.(26)

In der Gründungsurkunde werden nach den hochfürstlichen geistlichen Zeugen, Bischof Otto von Freising und Roman I. von Gurk, und einigen Grafen Hartmann I. und seine Sohn Hartmann II. und weitere Adelige aus Kärnten genannt. Damit gehörten die Nußdorfer zu den Gründungsmitgliedern von Raitenhaslach.

Ihre besondere Beziehung zu Raitenhaslach dokumentierten die Nußdorfer Adeligen mit einer Güterübertragung an das Zisterzienserstift. Um 1180 übergaben Hartmann II. und seine Frau Richgard einen Herrenhof in Nußdorf und einen Anger unter dem Vorbehalt von Nutzungsrechten bis zu ihrem Lebensende(27). Es muss sich um den Maierhof gehandelt haben, bei dem die Abgaben der Untertanen abgeliefert werden mussten. Aus späteren Urkunden und Besitzlisten von Kloster Raitenhaslach lässt sich der »Emerhof« als dieses übertragene Gut ausmachen. Im Güterverzeichnis von 1752 werden zwei Höfe, der Ebner und der Kainzebner in der Größe von je 45 Tagwerk genannt(28), was auf Teilung hinweist.

Der Zweck dieser Stiftung der Nußdorfer an Raitenhaslach erschließt sich aus einer weiteren Urkunde, den »Gräbnitzbüchern«, einem Verzeichnis der im Klosterbereich beerdigten Adeligen und Gönner. Raitenhaslach war die berühmteste altbayerische Adelsgrablege. Durch Schenkungen an das Kloster sorgten Adelige dafür, dass sie im Schatten der Klosterkirche ihre letzte Ruhestätte fanden. Die Mönche verpflichteten sich, für die verstorbenen Spender täglich zu beten, Seelengottesdienste zu halten und die Gräber zu pflegen.(29)

Tatsächlich stehen in den »Gräbnitzbüchern« die Namen Hartmannus de Nusdorf, uxor Richardis (=Hartmann von Nußdorf, Frau Richgard)(30). Ein kaum noch lesbarer Marmorstein im Kreuzgang des Klosters erinnert an die Grabstelle der Nußdorfer.

Ein weiterer Hinweis auf die Nußdorfer ist ihr Wappen, das Einhorn, in der Klosterkirche von Raitenhaslach.

Die Nußdorfer Adeligen und das Benediktinerkloster Tegernsee

Hartmann II. war in zweiter Ehe mit Richgard von Hohenburg verheiratet. Die Edlen von Hohenburg hatten ihren Stammsitz auf einem Berg über Lengries, Landkreis Bad Tölz. Der Edle Albero von Hohenburg war der Bruder von Richgard. Er vermachte bereits zu Lebzeiten seinen gesamten Besitz dem Benediktinerkloster Tegernsee, wobei er sich das Nutzungsrecht bis zu seinem Lebensende vorbehielt. Albero holte bei der Besitzübergabe weder das Einverständnis seiner Schwester Richgard ein, noch das seines Bruders Richer. Die beiden benachteiligten Familienmitglieder fochten deshalb diese Schenkung an. Sie wandten sich als Adelige unmittelbar an Herzog Heinrich von Bayern (1155 bis 1179), um ihr Erbgut einzuklagen.

Da aber Kaiser Friedrich I. Barbarossa 1179 den bayerischen Herzog Heinrich den Löwen wegen Befehlsverweigerung abgesetzt und ihn aus Bayern vertrieben hatte, wurde diese Klage um 1180 von seinem Nachfolger Herzog Otto I. von Wittelsbach zu ihren Gunsten entschieden und ihnen das anteilige Hohenburger Erbe zugesprochen.

Danach geschieht etwas völlig Unerwartetes: Richgard schenkt um 1180/83-86 ihren Anteil an dem Hohenburger Erbe dem Benediktinerkloster Tegernsee ohne Angabe eines Grundes. Ihr Ehemann Hartmann II. gibt seine Zustimmung und tritt sogar als Spitzenzeuge auf. Als weitere Zeugen werden die Nußdorfer Dienstleute Heinrich, Rudger und Rupert genannt.(31)

Die Lebensumstände der Nußdorfer Adeligen

Als Angehörige des Adelsstandes gehörten die Nußdorfer zu der kleinen Oberschicht, die etwa zehn bis fünfzehn Prozent der Bevölkerung ausmachte. Ihr tägliches Leben war zwar angenehmer als das der abhängigen Bauern, da sie keine harte Landarbeit leisten mussten. Denn sie lebten von den landwirtschaftlichen Erzeugnissen, die diese für die leihweise Überlassung der Hofstellen als Abgaben an die Besitzer entrichten mussten. Nicht selten betrugen diese Abgaben bis zur Hälfte des Ertrages der Hofstelle.

Wegen der Konkurrenzsituation unter den Adeligen, die zu häufigen Auseinandersetzungen untereinander führte, mussten sie ständig ihre weit auseinanderliegenden Besitzungen kontrollieren und sichern. Sie waren deshalb dauernd unterwegs und übten ihre Herrschaftsrechte über ihre Güter »vom Sattel« aus, indem sie zu Pferd und in Begleitung von einfachen Rittern und Waffenknechten ihre Ländereien von Zeit zu Zeit aufsuchten. Es war aber auch die Zeit großer machtpolitischer Auseinandersetzungen zwischen dem Kaiser und dem Papst um die Vorherrschaft in der damaligen Welt. Religion und Kirche spielten im gesellschaftlichen und politischen Leben die Hauptrolle. Besonders die Kreuzzugsidee löste unter den adeligen Rittern große Begeisterung aus und viele von ihnen kamen auf diesen Zügen ins Heilige Land ums Leben.

Die religiösen Vorstellungen des mittelalterlichen Menschen waren geprägt von der Vorsorge für ein Leben nach dem Tod, der wegen tödlicher Krankheiten, Seuchen und hoher Kindersterblichkeit allgegenwärtig war. Als drohendes Ereignis stand das »Jüngste Gericht« jedem Menschen bevor, das über sein endgültiges Schicksal in der Ewigkeit – Himmel oder Hölle – entschied.

Man war aber auch der Überzeugung, dass der Mensch sein Schicksal durch wohltätige Werke zum Positiven wenden konnte. Dazu gehörten die zahlreichen Wallfahrten ins Heilige Land und nach Rom, die Teilnahme an den Kreuzzügen, insbesondere aber die Widmung des eigenen Besitzes an ein Kloster oder an eine Kirche, wobei die Schenkung immer an den Patron gerichtet war. Da die Nußdorfer Adeligen über reichen Besitz verfügten, sorgten sie ebenfalls für ihr Leben nach dem Tode vor und gaben den Großteil ihrer Güter an kirchliche Einrichtungen »für das Heil ihrer Seele«. Diese Großzügigkeit ist auch damit begründbar, dass das Geschlecht der Nußdorfer dem Aussterben nahe war, ein Schicksal, das vielen Adelsfamilien um die Jahrtausendwende widerfuhr.

Familiengeschichte der Edlen von Nußdorf
Als erster Nußdorfer Adeliger begegnet uns Hartmann I. um 1107/25 in den Urkunden des Augustiner-Chorherrenstifs Baumburg (32). Er hatte zwei Söhne: Hartmann II. und Otto, sowie eine Tochter, deren Namen wir nicht kennen. Sie war mit Volkmar von Raiten, Gemeinde Schleching, verheiratet.

Hartmann II. tritt ab 1133 auf, gemeinsam mit seinem Vater bis 1147; er scheint um 1185/88 gestorben zu sein. Er hatte drei Söhne: Hartmann III., Otto und Richer. Wahrscheinlich war er zweimal verheiratet: In erster Ehe mit Frugart(33), wofür auch die Zeugenliste spricht, und in zweiter Ehe mit Richgard (Richkardis, Richza)(34) von Hohenburg, Landkreis Bad Tölz. Hartmann III. wird als Zeuge und Verwandter der Edlen von Bruck, Landkreis Ebersberg, um 1206/17 genannt.(35) Mehrmals werden die drei Söhne zusammen mit ihrem Vater oder Großvater in der Zeugenliste aufgeführt, wobei sie nicht immer namentlich erscheinen.

Später sind die Nußdorfer Adeligen aus den Zeugenlisten verschwunden, ein Zeichen dafür, dass diese Familie ausgestorben war.

Im Jahr 1230 wird der Nußdorfer Adelssitz als »verödet« bezeichnet, was sich vermutlich nur auf den Besitzer bezog. Denn der Dienstmann der Grafen von Wasserburg, Otto von Sondermoning, wird in einer Salzburger Urkunde als Besitzer des Nußdorfer Gutes bezeichnet. Im Tauschverfahren gab er dieses Gut an das Kloster St. Peter in Salzburg und erhielt dafür das Gut Sondermoning, das er bereits als Lehen hatte, ganz als Besitz.(36) Es gibt auch weitere Hinweise, dass zwischen den Edlen von Nußdorf und den Ministerialen von Sondermoning besitzrechtliche Verbindungen(37) bestanden und die Verwaltung der »Nußdorfer Spend«, einer Wohltätigkeitseinrichtung der Nußdorfer, auf letztere übertragen wurde.


Quellennachweis:
18: Edith Noichl, Der Codex Falkensteinensis, in: Quellen und Erörterungen zur bayerischen Geschichte Neue Folge / Band XXIX, 1978, Nr. 106.
19: SUB I Nr. 217, S. 687
20: Georg Wacha, Die alte Feste Rabenstein, in: Carinthia I, Geschichtliche und volkskundliche Beiträge zur Heimatkunde Kärntens, Nr. 145, 1955, S. 345f
21: Robert Gratzer, Friesach, 1986, S. 48 (kurz: Friesach, S.)
22: August Jaksch, Geschichte Kärntens bis 1335, Band I, 1928, S. 297
23: Heinz Dopsch, Die Frühzeit Salzburgs, in: Österreich im Hochmittelalter, Wien 1991, S. 181
24: Friesach, S. 52
25: Monumenta Historica Ducatus Carinthiae, Nr. 420
26: SUB II, Nr. 244, S. 350 bzw. Edgar Krausen, die Urkunden des Klosters Raitenhaslach, 1959, Nr. 4
27: K. H. Daumrath, Die Traditionen des Klosters Raitenhaslach, 1938, Nr. 50
28: HA Traunstein, S. 138
29: Wolfgang Hopfgartner, 1200 Jahre Raitenhaslach, 1987, S. 135
30: MB III, S. 218
31: Peter Acht, Die Traditionen des Klosters Tegernsee, in: Quellen und Erörterungen zur bayerischen Geschichte, Neue Folge Band IX, 1952, Nr. 348 b (kurz: Tegernsee, Nr.)
32: Baumburg, Nr.9
33: SUB I, Nr. 590, S. 547
34: Baumburg, Nr. 200
35: Tegernsee, Nr. 384
36: SUB I, Nr. 845, S. 380
37:Baumburg, Nr. 242

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Teil 1 in den Chiemgau-Blättern Nr. 14/2005



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