Jahrgang 2005 Nummer 14

Die Edlen von Nußdorf

Graf Hartmann und seine Zeit – Eine geschichtliche Darstellung – Teil I

Wappen der Gemeinde Nußdorf

Wappen der Gemeinde Nußdorf
Kirche in Nußdorf

Kirche in Nußdorf
Einhorn, Wappen der Nußdorfer in Raitenhaslach.

Einhorn, Wappen der Nußdorfer in Raitenhaslach.
Im Nußdorfer Ortsbild begegnet uns an mehreren Stellen die Gestalt eines seltsamen Tieres: das Einhorn. Wir sehen es am Rathaus, an der Schule und am Bürger- und Vereinsheim. Selbst im Altarraum der Pfarrkirche, hoch oben auf einem gotischen Schlussstein, schaut uns dieses wundersame, pferdeähnliche Wesen mit dem spitzen Horn auf der Stirn entgegen
.
Abbildungen dieses Einhorns befinden sich auch auf zwei Grabsteinen an der Westwand des Haslacher Friedhofs. Und wer in der wunderbaren Barockkirche des ehemaligen Zisterzienserstifts Raitenhaslach seinen Blick nach oben richtet, wird das Einhorn der Nußdorfer Adeligen unter zahlreichen anderen Wappen entdecken. Da wir uns an diesen Anblick längst gewöhnt haben, ist es sinnvoll nach der Bedeutung und Herkunft dieser Sagengestalt im Wappen der Gemeinde Nußdorf zu fragen.

Viele der heute gebräuchlichen Gemeindewappen wurden auf Grund historischer Forschungen erst in den fünfziger und sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts verliehen.

Auch die Gemeinde Nußdorf erfüllte sich 1964 den Wunsch ein eigenes Wappen zu führen. Nachforschungen in den staatlichen Archiven führten damals auf die Spur eines Adelsgeschlechtes, das im hohen Mittelalter in Nußdorf seinen Stammsitz hatte und sich nach diesem Ort benannte. Es hatte in seinem Wappen ein steigendes (aufgerichtetes) silbergraues Einhorn auf schwarzem Grund.

Große Verdienste bei der Erforschung der Geschichte des Chiemgaus hat sich der Heimatforscher Karl Schefczik erworben, der auch mehrmals über die Vergangenheit Nußdorfs berichtete. Von ihm stammt der Entwurf des Gemeindewappens.(1)

Adelige verwendeten im Mittelalter das Einhorn häufig als Wappentier, da es als Zeichen der Kraft und des Mutes des Ritters galt. Ob man nach Franken, nach Schwaben oder nach Österreich kommt, überall wird man das schöne Tier auf Wappen und Grabsteinen finden.

Für den mittelalterlichen Ritter war das Wappentier auf seinem Schild das wichtigste Erkennungszeichen, wenn er in seiner Eisenrüstung beim Turnier auftrat.(2)

Die Edlen von Nußdorf – ein besitzreiches Adelsgeschlecht

In der Zeit des Mittelalters, von 1100 bis 1230, war der Ort Nußdorf Stammsitz dieses Geschlechtes, dessen Herrschaftsbereich sich nicht nur über die nähere und weitere Umgebung erstreckte, sondern auch ferne Gebiete in Kärnten, in der Steiermark und im Pinzgau umfasste.(3) Mehrere Mitglieder dieser Familie lernen wir namentlich in kirchlichen und weltlichen Urkunden kennen, wobei sich drei Generationen unterscheiden lassen. Immer wieder stoßen wir auf den (Vor-)Namen Hartmann, mit dem Zusatz de Nuztorf (= von Nußdorf), der als Leitname dieser Adelsfamilie anzusehen ist.

Herkunft und Abstammung

Das Auftreten der Nußdorfer Adelsfamilie zu Beginn des 12. Jahrhunderts wirft die Frage nach der Herkunft und Abstammung auf. Der Ort Nußdorf wird zwar schon um 790 in einem Salzburger Güterverzeichnis genannt, das unter dem lateinischen Namen Breves Notitiae (= kurze Aufzeichnungen) bekannt ist, dann aber versinkt er wieder im Dunkel der Geschichte.

Um 1107/20 tritt dann erstmals ein Mitglied der Nußdorfer Adelsfamilie mit dem Namen Hartmann als vir nobilis (=edler Mann) auf. In zahlreichen Urkunden des Augustiner-Chorherrenstifts Baumburg an der Alz wird er als Zeuge bei Besitz- und Personenübertragungen an dieses Kloster unter zahlreichen Adeligen und sonstigen Personen aufgeführt.(4) Was ihn aus der Zeugenreihe heraushebt, ist seine vorrangige Stellung. Mehrmals steht er an der Spitze der Zeugenreihe. Wiederholt hat er die Rolle des Salmanns zu erfüllen, was ihn als Mittelsmann und Garanten für die Besitzübertragung eines anderen kennzeichnet. Er ist also gleichsam der Notar, der das Testament vollstreckt und die Rechtmäfligkeit der Schenkung garantiert.

Woher kommt Hartmann von Nußdorf?

Erst die umfangreichen Forschungsarbeiten des Historikers Günther Flohrschütz über zahlreiche bayerische Adelsfamilien des Mittelalters brachten Licht in die Abstammungsgeschichte Hartmanns. Er konnte aufzeigen, dass Hartmann einem Adelsgeschlecht aus dem Ebersberger/Wasserburger Raum entstammte. Dieses nannte sich die Edlen von Steinhart.(5) Steinhart ist heute ein kleiner Ort in der Gemeinde Farrach; er liegt an der Attel südwestlich von Wasserburg. Das Adelsgeschlecht der Edlen von Steinhart hatte sich nach Flohrschütz in drei Zweige aufgespalten: Je eine Linie in Aschheim bei München, eine in Tegernbach bei Dorfen und eine dritte in Nußdorf.(6)

Bedeutung der Zeugenlisten der Schenkungsurkunden

Güterschenkungen des Adels an Kirchen und Klöster wurden in Urkunden seit dem frühen Mittelalter überliefert. Verfasst wurden sie in den Schreibstuben der Klöster, in denen die des Lesens und Schreibens kundigen Mönche saßen. Die Klöster wollten mit diesen Urkunden die von den Adeligen gestifteten Güter für immer als ihr Eigentum sichern.

Nur wenn zahlreiche einflussreiche Zeugen bei der Ausfertigung der Urkunden anwesend waren, erlangten diese Schenkungsurkunden rechtliche Geltung. Als Zeugen kamen nur erprobte, vertrauenswürdige adelige und geistliche Männer in Frage. Häufig waren es Besitznachbarn, die über die »Grenzen« der geschenkten Güter Bescheid wussten. Oder Freunde und Bekannte, auf die sich Schenker und Empfänger verlassen konnten. Häufig waren die Schenkenden mit den Zeugen verwandt, denn fehlende Zustimmung konnte zu Streitigkeiten mit dem begünstigten Kloster führen.(7) In den Zeugenlisten kommt auch die Rangordnung der mittelalterlichen Sozialstruktur zum Ausdruck. Erst wird der hohe Adel, dann der niedere genannt, streng geschieden von den Ministerialen (=Dienstleuten). Man kann so auch die Zeugen erschließen, die zu den Abhängigen der Nußdorfer Adeligen gehörten.

Auffallend häufig wirkten die Edlen von Nußdorf, Hartmann I und sein Sohn Hartmann II, bei Güterübertragungen an Klöster als Zeugen mit. Ihre Namen erscheinen in mehr als 80 Urkunden, davon dreißig Mal in Baumburger Urkunden. Sehr häufig werden sie in Verbindung mit Schenkungen an kirchliche Einrichtungen in der Bischofsstadt Salzburg als bedeutende Zeugen genannt, ein Hinweis auf die enge Beziehung zum Erzbistum Salzburg, dem kirchlichen und politischen Mittelpunkt der Region.

Wichtige Nachrichten über das Nußdorfer Adelsgeschlecht liefern uns auch die Urkunden des Zisterzienserstifts Raitenhaslach und des Augustiner-Chorherrenstifts Herrenchiemsee, weil sie diesen Klöstern einen Großteil ihres eigenen Besitztums vermachten. Als Zeugen werden sie ferner in den Urkunden der Klöster Gars und Au am Inn und des Benediktinerklosters Tegernsee genannt. Schließlich tauchen sie auch im Güterverzeichnis des mächtigen Grafen von Falkenstein, einer ehemaligen Burg bei Flintsbach am Inn, als Zeugen auf.

Der Herrschaftsbereich der Nußdorfer Adeligen
Im Mittelalter hatten Adelige nur dann Rang und Namen, wenn sie über ein großes Herrschaftsgebiet verfügten. Dazu zählten nicht nur umfangreicher Grundbesitz mit vielen Hofstellen, sondern auch zahlreiche Dienstleute, auch Ministeriale genannt, und Waffenknechte oder einfache Ritter, die Verwaltungsaufgaben erfüllten oder militärische Dienste leisteten. Ganz wichtig waren auch die sonstigen Untertanen, bestehend aus leibeigenen und hörigen Bauern, welche die Hofstellen der Adeligen bewirtschafteten.

Da es im Chiemgau viele dieser Adeligen gab, war die Konkurenz untereinander groß, denn das zur Verfügung stehende fruchtbare Land war längst aufgeteilt. Es kam deshalb immer wieder zu Auseinandersetzungen, die meist mit Waffengewalt ausgetragen wurden.

Das Herrschaftsgebiet der Nußdorfer erstreckte sich nicht nur auf den Stammsitz und die nähere Umgebung, sondern griff weit aus in den südostbayerischen Raum bis in das heutige Österreich, vor allem nach Kärnten und die angrenzenden Gebiete. Wie die meisten Adeligen aber besaßen sie kein geschlossenes Herrschaftsgebiet mit festen Grenzen. Ihr Besitz an Gütern und Lehen lag weit auseinander und häufig im Einflussbereich anderer Herrscher. Dieser Zustand bedingte ein ständiges Wanderleben der Adeligen. Ihre Lage kann so beschrieben werden:

Die Edelfreien dieser Zeit waren mehr unterwegs als daheim, verbrachten mehr Zeit im Sattel als in ihren vier Wänden. Sobald die Wege nach der Schneeschmelze gangbar wurden, begann ihr ruheloses Umherstreifen, bald mit ihresgleichen, bald im Aufgebot eines Mächtigen, eines geistlichen oder weltlichen Fürsten oder gar des Königs selber. Sie nahmen Teil an Fehden und Kriegszügen, an Pilgerreisen und Italienfahrten, bis der Schneefall des Spätherbstes ihrem Wanderleben Einhalt gebot.(8)

Um den Herrschaftsbereich der Nußdorfer Adeligen ausfindig machen zu können, müssen die Urkunden, in denen sie als Zeugen auftreten oder selbst Schenkungen machen, herangezogen werden. Sie liefern uns den Schlüssel zum Besitzstand, wobei ohnehin nur ein Teil erfasst werden kann. Im folgenden wird versucht, den Besitzstand der Nußdorfer zu markieren: Stammsitz in Nußdorf: Hier befand sich der Herrensitz, vermutlich auf dem Gelände, das von der Kirche und dem alten Friedhof eingenommen wird. Um diesen Herrensitz gruppierten sich Wirtschaftsgebäude und etwas abseits davon der Meierhof und weitere Hofstellen in der Größe von Huben. Der Herrensitz glich eher einem Wohnturm und war im Mittelalter nur selten gemauert, da befestigte Plätze und Burgen nur mit Zustimmung des Herzogs oder Königs erbaut werden konnten. Der Meierhof war Verwaltungsstelle und Ort der Abgabe für die Naturalien, die die abhängigen Bauern liefern mussten. Das Dorf war umgeben von Feldern, die ausschließlich im Besitz der Adelsfamilie waren und von den hörigen Untertanen bewirtschaftet wurden. Die damaligen Orte muss man sich wie Siedlungsinseln inmitten einer weiten, öden Landschaft vorstellen. Außer den bebauten Äckern existierten nur Ödland und lichter Buschwald, der als Weide diente.

Auch die Orte Herbsdorf, Aiging, Wang und Eglsee gehörten zum Herrschaftsbereich der Nußdorfer, wenn dies auch nur verschlüsselt zu erkennen ist. Denn die dort ansässigen Herren, die sicher ehemals freie Bauern und Grundbesitzer waren, erscheinen in den Zeugenlisten unter den Dienstmannen der Nußdorfer.(9) Dies besagt, dass sie persönlich unfrei und von ihrem adeligen Herrn abhängig waren, der ihnen aber als Gegenleistung Schutz gewähren musste. Namentlich werden in mehreren Urkunden genannt: Der Waffenknecht der Nußdorfer, Heinrich von Steinhart, vermutlich ein Verwandter, Gottschalk von Herbsdorf, Warmund von Eglsee und Ulrich von Wang.(10) Das in der Nähe gelegene Mühltal wird direkt als Eigenbesitz der Nußdorfer urkundlich erwähnt. Denn um 1160 schenkte Hartmann II mit Zustimmung seiner Frau Richgard eine Mühle an der Traun und eine dazugehörende Wiese an das Augustiner-Chorherrenstift Herrenchiemsee für sein ewiges Heil und das seiner Söhne.(11)

Der Besitz von Mühlen weist auf Wohlstand hin, da sie mit dem damals einträglichen Mahlrecht verbunden waren. Der Adelige konnte als Mühlenbesitzer den abhängigen Bauern den Gebrauch der in den Haushalten üblichen Handmühle verbieten und dafür Mahlgeld verlangen, was eine weitere Einkunftsquelle für den Besitzer darstellte.

Mühlen lassen auch einen technischen Fortschritt erkennen, da die Wasserkraft zum Einsatz kam. Die Leistung der Mühlen war wegen des oberschlägig betriebenen Wasserrades jedoch gering. Dennoch war die Ausstattung eine kostspielige Angelegenheit, die nur ein wohlhabender Adeliger bewältigen konnte. Für das Stift Herrenchiemsee war diese Schenkung sehr wertvoll, da die Chorherren vor allem in der fleischlosen Fastenzeit hauptsächlich von Mehlprodukten lebten.

Wie wir aus drei Schenkungsvorgängen wissen, waren die Nußdorfer Adeligen in Ruhpolding reich begütert. Der Ortsname »Ruhpolding« lässt den Schluss zu, dass schon in der Zeit der bajuwarischen Stammesbildung durch Rodung eine Siedlung entstand, da es sich um einen Ortsnamen mit der Endung »ing« handelt, der den germanischen Personennamen Ruotbalt enthält.(12) Möglicherweise ist dieser Ort, wie Professor Ernst Klebel feststellt, später verfallen und um 1100 wieder neu begründet worden.(13) Nachdem die Nußdorfer Adeligen um 1100 erstmals in Urkunden nachgewiesen sind, könnten sie den Ort erneut besiedelt und gerodet haben. Hinsichtlich der zeitlichen Abfolge besteht zur Abstammung von den Edlen von Steinhart Übereinstimmung.

Die Nußdorfer Schenkungen an die Salzburger Kirche werden innerhalb von zehn Jahren vollzogen. Um 1183/85 übergibt Hartmann II sein Eigentum, ein Gut zu Buchschachen, an das Benediktinerkloster St. Peter in Salzburg. Noch heute existiert dieser Name als Ortsteil von Ruhpolding. »Schachen« deutet auf Roding hin, da es die Bezeichnung für einen einzeln stehenden Restwald ist, der in diesem Fall aus Buchen bestand.

Die Bestätigung dieser Schenkung an das Kloster St. Peter liefert uns der Güterbestand um 1752/60, da es damals in Buchschachen noch drei Anwesen, ein Lehen und zwei Sölden besaß.(14) Aus einem Gut waren durch Zertrümmerung drei kleine Anwesen geworden. Um 1185/88 erfogte die zweite Güterschenkung der Nußdorfer an das Domstift in Salzburg, das sind die Kanoniker des Domkapitels. Im Auftrag Hartmanns II und auf Bitten seiner Witwe Richgard übergab Graf Siegfried von Lebenau (ehemalig Burg bei Laufen) als Mittelsmann und Vogtherr über das Domstift ihr Gut Ruhpolding(15) an die Domherren, damit sie es zu ihrem Unterhalt und ihrer Versorgung verwenden konnten. Hartmann II war nicht mehr am Leben, da seine Frau als Witwe bezeichnet wird.

Unter den vielen Zeugen dieser Urkunde, die meistens Dienstleute des Salzburger Erzbischofs sind, erscheint auch ein Wernhard von Nußdorf, den man zu den Dienstleuten der Nußdorfer rechnen kann.

Dieser Besitz wird im Salzburger Güterbestand 1385 und 1392 bestätigt, da das Domkapitel damals in Ruhpolding zwei Güter hatte, von denen eines eine Mühle war. Da im 17. Jahrhundert noch zwei Kleinhäuser hinzukamen, weist das Hofanlagenbuch von 1760 vier Hofstellen aus.(16)

Vor 1193 schließlich gab die Edle Witwe Richgard ihr Gut Ruhpolding zu ihrem eigenen Seelenheil an das Benediktinerkloster St. Peter in Salzburg. Vermutlich handelte es sich um ein »Frauengut«, über das sie selbstständig verfügen konnte. Es war auch nicht identisch mit dem Vorangegangenen, da ein anderer Empfänger genannt wird.

Unter den Zeugen tauchen wieder hauptsächlich Dienstleute und Gefolgsleute der Nußdorfer auf: Warmund von Eglsee, Heinrich von Steinhart und Rachwin von Miesenbach.

Gutsbesitz in Schönram – Auseinandersetzung mit dem Grafen von Plain

Eine Schenkungsurkunde des Salzburger Domkapitels zwischen 1183 und 1185/88 berichtet davon, dass Graf Heinrich von Plain (Burg bei Großgmein) einen Hof in Schönram, den Hartmann II dem Domkapitel vermacht hatte, gewaltsam für sich beanspruchte.(17) Erst auf dem Sterbebett im Angesicht des Todes ließ der Graf von seiner Forderung ab.

Dieses Ereignis erinnert an ein besonders dunkles Kapitel der Salzburger Geschichte. Unter der Herrschaft des Kaisers Friedrich I Barbarossa (1152 – 1190) kam es zu einer fast zwanzigjährigen Kirchenspaltung und zu einer doppelten Papstwahl. Da der Salzburger Erzbischof sich als Anhänger des rechtmäßig gewählten Papstes zeigte, belegte der Kaiser das Erzbistum Salzburg mit der Reichsacht. In dieser machtpolitischen Auseinandersetzung schlug sich Graf Heinrich von Plain, obwohl er Vogt und Schirmherr des Erzbistums war, auf die Seite des Kaisers und wurde zum Gegner des Erzbischofs. Deshalb beauftragte ihn der Kaiser, die Reichsacht und die Entmachtung des Erzbischofs von Salzburg zu vollziehen. Graf Heinrich von Plain leistete ganze Arbeit und setzte 1167 Teile der Stadt Salzburg in Brand. Er nutzte diese Gelegenheit auch dazu, sich Güter und Besitzungen der Salzburger Kirche anzueignen oder unter seinen Gefolgsleuten zu verteilen. Das von den Nußdorfern an das Domkapitel von Salzburg geschenkte Gut in Schönram scheint eines der Beutestücke des Grafen gewesen zu sein.

Lehensgüter der Nußdorfer Adeligen

Im Mittelalter verliehen hochadelige Grafen ihre Güter an die edlen Geschlechter, die sie ihrerseits von abhängigen Bauern bewirtschaften ließen. Die Grafen konnten von diesen edlen Lehensnehmern als Gegenleistung eine finanzielle und militärische Unterstützung einfordern.

Ein ab 1165 aufgezeichnetes Urkundenbuch, Falkensteiner Codex genannt, gibt Einblick in den umfangreichen Besitz der Grafen von Falkenstein (eine Burg bei Flintsbach am Inn), die auch in Neuenburg bei Vagen und Hartmannsberg bei Eggstätt einen Herrensitz hatten. Es ist das einzige weltliche Güterverzeichnis, das sämtliche Besitzungen und Rechte der mächtigen Falkensteiner Grafenfamilie inventarisiert.

Ihr Herrschaftsgebiet erstreckte sich westlich des Chiemsees bis zum Inn. Sie waren auch Vögte, also Schirmherrn und Richter der Untertanen der Klöster Weyarn und Herrenchiemsee und der Güter der Salzburger Kirche im Leukental, das ist das Gebiet um Kitzbühel. Als Graf Siboto IV seine Nachfolge regelte, denn er schloss sich 1189 dem Kreuzzug Kaiser Friedrichs I Barbarossa an, und seinen Besitz unter seinen beiden Söhnen Kuno und Siboto V aufteilte, ließ er den Falkensteiner Codex als Besitzverzeichnis und Rechtssammlung anlegen.

Darin werden die Nußdorfer Adeligen nicht nur als Zeugen, sondern auch als Lehensnehmer mehrere Falkensteiner Besitzungen aufgeführt.(18)

Demnach hatten die Nußdorfer folgende Lehensgüter der Falkensteiner: in Prien 1 Großhof, der 4 Huben entsprach, in Anning/Stein 1 Dorf mit 4 Huben, in Teisendorf 1 Hube, in Tauernhausen/Chieming 1 Hube. Nach gängiger Berechnung könnte dieser Lehensbesitz etwa 600 Tagwerk Ackerland umfasst haben. Dazu kamen Wiesen und Wälder, die Gemeingut waren und als Viehweiden dienten. Bewirtschaftet wurden diese Güter von unfreien Bauern, die an die Adelsfamilie der Nußdorfer Abgaben entrichten mussten. Letztere waren als Lehensnehmer Vasallen der Falkensteiner Grafen und damit zu militärischer Gefolgschaft verpflichtet. In der Zeugenreihe wird dies dadurch deutlich, dass Hartmann II von Nußdorf in der Rangfolge erst unter den Vasallen angeführt wird


Quellennachweis:
1: Chiemgau-Blätter, Unnterhaltungsbeilage zum Traunsteiner Wochenblatt, Die Edlen von Nußdorf, Nr. 29,1963, Das neue Wappen der Gemeinde Nußdorf, Nr. 50, 1963.
2: Rüdiger Robert Beer, Einhorn, Fabelwelt und Wirklichkeit, München 1972.
3: Historischer Atlas von Bayern, Teil Altbayern Heft 26 Traunstein von Richard van Dülmen, München 1970, S. 31,32 (kurz: HA Traunstein, S.)
4: Martin Johann Walko, Die Traditionen des Augustiner-Chorherrenstifts Baumburg an der Alz, in: Quellen und Erörterungen zur bayerischen Geschichte Neue Folge / Band XLIV/1 (kurz: Baumburg, Nr.)
5: Günther Flohrschütz, Der Adel des Ebersberger Raumes im Hochmittelalter, in: Schriftenreihe zur Bayerischen Landesgeschichte, Band 88, 1989 (kurz: Ebersberg, S.)
6: Günther Flohrschütz, Tegernbach, in: Oberbayerisches Archiv für Vaterländische Geschichte, Band 100, 1975 (kurz: Tegernbach, S.).
7: Ebersberg, S. 441
8: Ebersberg, S 4
9: Tegernbach, S. 266
10: Ebersberg, S. 438
11: Hauthaler Willibald und Martin Franz, Salzburger Urkundenbuch, 3 Bde, Salzburg 1910 – 1918 (SUB), Band 1, Nr. 398, 408, 590, 593 und 253 (SUB. Nr.)
12: Monumenta Boica II, Nr. 62 und 165 (MB, Bd., Nr.)
13: Karl Puchner, Die Ortsnamen auf -ing im Kreis Traunstein, in: Licht ins Dunkel der Geschichte von Franz Ebert, 1983
14: Ernst Klebel, Die Siedlungsgeschichte nach der Landnahme durch die Bajuwaren, in: Heimatbuch des Landkreises Traunstein I, Historischer Teil, Nr. 2
15: HA Traunstein, S. 133
16: SUB Nr. 234, S. 697
17: HA Traunstein, S. 133
18: SUB I Nr. 290, S. 723

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Teil 2 in den Chiemgau-Blättern Nr. 15/2005



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