Jahrgang 2008 Nummer 28

Die Bau- und Entstehungsgeschichte des AKG

Schülerheim für Knaben – Städtische Oberrealschule für Mädchen – Teil II

Das Städtische Knabenpensionat und die beiden Schulen, die es ab 1901 mit ‚Lernwilligen’ versorgte – das Königliche Progymnasium

Das Städtische Knabenpensionat und die beiden Schulen, die es ab 1901 mit ‚Lernwilligen’ versorgte – das Königliche Progymnasium an der Rosenheimer und die Königliche Realschule an der Marienstraße – um 1910 auf einer Postkarte.
Der Speisesaal, 1940 selbstverständlich mit einem Porträt des Reichskanzlers und Führers; im Zentrum blieb dennoch das Kreuz. (S

Der Speisesaal, 1940 selbstverständlich mit einem Porträt des Reichskanzlers und Führers; im Zentrum blieb dennoch das Kreuz. (Sämtliche Abbildung entstammen den Beständen des Stadtarchivs Traunstein.)
Die Hauskapelle der Maristen zwischen 1930 und 1937.

Die Hauskapelle der Maristen zwischen 1930 und 1937.
Immer mehr ein finanzielles Sorgenkind der Gemeinde

Ungeachtet gelegentlicher Vorkommnisse erfreute sich das Institut auch unter den auf die Ära Niklas folgenden Direktoren Dr. Anton Endrös(21) und Dr. Sigmund Beer(22) einer Beliebtheit, die einen weitgehend kostendeckenden Betrieb sicherstellte, bis ab etwa Mitte der 1920er Jahre die Belegungszahlen drastisch zurückgingen. 1929 musste der Verband Bayerischer Städtischer Schülerheime bedauernd feststellen, dass deren »Frequenz […] seit 1924 um durchschnittlich 50 % gesunken [ist]; bei weiterem Rückgang stehen sie vor der Frage der Auflösung«. Als Hauptgrund sah man die staatlich geförderte Errichtung zahlreicher privater Mittelschulen auf dem Land, die es den Eltern mehr und mehr erlaubte, ihre Söhne den höheren Lehranstalten vor Ort anzuvertrauen, anstatt sie in städtische Internate zu geben.(23) Auch in Traunstein lässt sich eine dramatische Entwicklung ablesen. Waren es im Schuljahr 1921/22 noch 140 Zöglinge, hatte sich deren Zahl 1928/29 mit 75 annähernd halbiert, um ein Jahr später mit 58 endgültig in den Keller zu rutschen. Und so blieb nur noch die lapidare Feststellung: »Das Schülerheim ist in den letzten Jahren immer mehr ein finanzielles Sorgenkind der Gemeinde geworden.«(24)

Die »Vermeidung weiteren Anwachsens des alljährlich steigenden Betriebsdefizites« wurde zur zwingenden Notwendigkeit und ließ Bürgermeister und Rat der Stadt Traunstein nur die Wahl zwischen einer (kaum gewollten) Schließung der Institution oder deren Privatisierung. Sigmund Beer, Direktor seit zwei Jahrzehnten und mit 53 Jahren noch im »besten Alter«, erwog ernsthaft, das Heim auf eigene Rechnung weiter zu führen, doch in Gestalt des »Maristen-Fürsorge- und Missionsvereins e.V.« erwuchs ihm ein (über)mächtiger Konkurrent. 1817 hatte der Franzose Marcellin Champagnat die »Maristen-Schulbrüder« in La Valla-en-Gier (Loire, Frankreich) gegründet mit dem Ziel der religiösen Bildung und Unterrichtung von Jugendlichen. Ausgehend von seinem (seit 1915) deutschen Hauptsitz in Furth bei Landshut expandierte der Orden ab 1920 vor allem in Südbayern mit zahlreichen Neugründungen, so in den benachbarten Orten Bad Reichenhall und Mühldorf.

Angesichts dieser Ausgangslage sah sich Dr. Beer außerstande, sein Vorhaben zu verwirklichen. Am 17. Juli 1930 schlossen daher Stadt und Maristen den Pachtvertrag und wickelten noch am selben Nachmittag die ordnungsgemäße Übergabe des Pensionatsgebäudes samt Zubehör und Inventar ab. Als »Pachtschilling« galt die unentgeltliche Bereitstellung des erforderlichen Personals (Leiter, Präfekten, Hauswirtschafts- und Hilfskräfte) seitens des Ordens. Im übrigen wurden die protestantischen Zöglinge übernommen, neue jedoch nicht mehr zugelassen. Damit war der Fortbestand des Schülerheims unter katholischer Obhut für weitere sieben Jahre gesichert…

Der Heimleiter ist Parteigenosse

…bis 1937 die Nationalsozialisten zum finalen Schlag gegen die schon zuvor bekämpften kirchlichen Lehranstalten ausholten. Seiner totalitären, antireligiösen Ausrichtung entsprechend entfernte der NS-Staat die klösterlichen Lehrkräfte aus dem Schuldienst, wovon in Traunstein neben den Englischen Fräulein in Sparz und der Mädchenvolksschule an der Ludwigstraße auch die Maristen betroffen waren. »Im Vollzuge der Entschließung des Bayer. Staatsministeriums für Unterricht und Kultus Nr. IX 61074 v. 26. XII. 1936, betr. den Vollzug der Verordnung v. 26. VIII. 1933 über das nichtstaatliche Erziehungs- u. Unterrichtswesen, wurde das Pachtverhältnis mit den Maristenschulbrüdern mit Ablauf des Schuljahres 1936/37 gelöst.«(25)

»Nur gesunde Knaben arischer Abstammung [konnten von nun an] Aufnahme finden«(26), »der Heimleiter [war] Parteigenosse« und seine Schüler nahmen »an verschiedenen Veranstaltungen der Partei als Angehörige der HJ« teil.(27) Die Leitung der Anstalt wurde an auswärtige, linientreue Pächter vergeben, wobei sich ein rascher Wechsel einstellte; auf Hans Färber, dessen Intermezzo nur wenige Wochen dauerte, folgten ab 1. September 1937 bis 1939 Luitpold Haun und anschließend bis Ende September 1942 Dr. Alois Helmbrecht.(28) Unter ihnen sollte sich, so die ideologische Vorgabe, die erzieherische Grundausrichtung des Schülerheimes radikal ändern: »Das Kampfspiel mit dem Sieg des Überlegenen, die im Vergleich zu früher weit stärkere Betonung der körperlichen Ausbildung soll dem Kleinen das Bewußtsein seiner eigenen Kraft einimpfen. Das ist die Voraussetzung dafür, daß er dereinst als Mann seinem Vaterland dienen kann.«(29)

Allerdings scheint die tatsächliche Praxis zumindest nicht immer und in vollem Umfang der von den Nazis eingeforderten Theorie entsprochen zu haben, dieser Eindruck jedenfalls drängt sich beim Studium der Quellen auf. Vor allem Dr. Alois Helmbrecht legte einen gesteigerten Wert auf die Pflege der Musik und besorgte die dafür erforderlichen, zahlreich vorhandenen Instrumente zum Teil auf eigene Kosten. Bei den Eltern erfreute er sich großer Beliebtheit, was auch aus einer Reihe von in Abschriften vorhandenen Briefen anlässlich seines Ausscheidens deutlich wird.

Helmbrecht selbst sah sich in der Tat als Opfer der Verhältnisse: »Ich war bis 1. September 1942 der Leiter des damaligen Schülerheims Traunstein. Am 25. Juni 1942 wurde mir durch den damaligen Leiter des Bay. Staatsministeriums für Unterricht und Kultus Obergebietsführer Klein das Heim entzogen. Als Grund wurde angegeben, dass ich meiner Wehrpflicht noch nicht genügt hätte, der wirkliche Grund war, dass das Heim nicht nach nationalsozialistischen Grundsätzen geleitet wurde, was eine Reihe von späteren Erklärungen der NS-Presse und führender politischer Leiter bestätigte. […] Ich bin laut Spruchkammerbescheid vom Gesetz zur Befreiung vom Nationalsozialismus und Militarismus nicht betroffen.«(30) Ob und in welchem Umfang diese Darstellung zutreffend ist, wäre durch genauere Forschung noch zu belegen, wie überhaupt die Aufarbeitung der gesamten Geschichte des Traunsteiner Schülerheims einer größeren wissenschaftlichen Arbeit durchaus angemessen wäre.

Dem Nationalsozialismus besonders verschworen

Fakt ist jedenfalls, dass die Stadt Traunstein mit notariellem Vertrag vom 1. September 1942 dem Land Bayern das Schülerheim zur Errichtung eines »Staatlichen Deutschen Schulheims« für die »Staatliche Oberschule für Jungen« überlassen musste.(31) Es wurde dem Leiter der Schule unterstellt und formell mit dieser vereinigt. »Das Deutsche Schulheim – dem Nationalsozialismus besonders verschworen« – so berichtete die (lange schon gleichgeschaltete) »Traunsteiner Zeitung« über die feierliche Amtseinführung des Leiters des Deutschen Schulheims am 24. Oktober 1942: »Während dieser Feierstunde, die von der HJ bestritten wurde, führte Stabsleiter des Staatsministeriums für Unterricht und Kultus, Obergebietsführer [Emil] Klein, der aus diesem Anlaß in Traunstein erschienen war, den altbewährten nationalsozialistischen Kämpfer, SA-Sturmbannführer Oberstudienrat Dr. [Wilhelm] Rüdinger(32), Träger des Goldenen Ehrenzeichens der Partei und des Blutordens, als Leiter des neuen Deutschen Schulheims in sein Amt ein.«(33)

Damit war 1942 die 1937 eingeleitete Entwicklung vollendet, das Schülerheim, geleitet von einem Träger des Blutordens, der höchsten Parteiauszeichnung der NSDAP, von Adolf Hitler den 1500 Putschisten von 1923 verliehen, fest im Griff des »Tausendjährigen Reiches« – dessen Ende glücklicherweise schon drei Jahre später gekommen war.

Schülerheim als städtische Mädchenoberschule

Nicht nur für die weitere Entwicklung des Gebäudes bedeutete dies die Wende zum Guten. »Anfang 1945 wurde es […] zunächst als Reservelazarett genutzt, dann von der Besatzungsmacht beschlagnahmt und erst in den Jahren 1951-1953 schrittweise freigegeben und wieder in städtischen Besitz überführt. Seither diente es schulischen Zwecken und beherbergt die Städtische Oberschule für Mädchen, das Staatliche Annette-Kolb-Gymnasium.«(34) Dieser lapidaren Ausführung des Stadtchronisten Anton Kasenbacher bleiben nur noch wenige präzisierende Worte hinzuzufügen.

Bei der angesprochenen Nutzung seitens der Besatzungsmacht handelte es sich um eine »Haltestation mit Waschgelegenheit des 316 Durchgangslagers und Verpflegungsstation der Britischen Truppen in Österreich« mit der offiziellen Bezeichnung »72 Meal Halt Medloc C«.(35) Medloc C stand dabei als Codewort bzw. Abkürzung für eine »rail route«, eine Bahnlinie, die »Mediterranean Line of Communication C«, auf der Britische Truppen aus dem Mittelmeerraum in ihre Heimat zurückgeführt wurden. Das Schülerheim wurde daher schon bald im täglichen Sprachgebrauch als »Medloc-Gebäude« bezeichnet.

Centamaria Back hatte mit ihrer »handstreichartigen« Vorgehensweise – womit sich der Kreis dieser Betrachtung schließt – mögliche Verstimmungen billigend in Kauf genommen und die Risikokarte gespielt, doch die solchermaßen von ihr demonstrierte »außerordentlich große Schulraumnot in Traunstein [führte] im Jahre 1949 dazu […], daß die engl. Besatzungsmacht der Umwandlung des II. Obergeschoßes des Gebäudes für Schulzwecke zugestimmt hat. Die Zustimmung erfolgte jedoch nur unter der Bedingung, daß die überlassenen Räumlichkeiten auf Verlangen und ohne Kündigungsfrist wieder freigemacht werden, sobald die Zwecke der Besatzungsmacht dies erfordern. Der Verbleib der Schule und ihrer Zugehörungen in dem Gebäude kann daher nicht als gesichert betrachtet werden.«(36) Die ohne Zweifel berechtigte Skepsis sollte sich, wie wir heute alle wissen, als unbegründet erweisen, denn die entscheidenden Weichen in die »gymnasiale Zukunft« wurden schon bald gestellt.

»Innerhalb von acht Tagen riefen die beiden Traunsteiner Oberschulen die Eltern und Erzieher ihrer Schüler im Sailerkeller zu stark besuchten Jahresversammlungen zusammen. […] In der Diskussion wurden die Wiedereinrichtung des Traunsteiner Schülerheimes gefordert, das sich früher großer Beliebtheit erfreute, […]. Auf diese Forderung kam Oberbürgermeister Berger zu sprechen, als er acht Tage später in der Elternversammlung der Mädchenoberschule das Wort ergriff. […] Er […] denke daran, es eines Tages als Haus der städtischen Mädchenoberschule auszubauen und es jedenfalls nicht mehr als Schülerheim einzurichten (großer Beifall).«(37) Der Stadtrat ging »mit dem Ansuchen der städt. Mädchen-Oberrealschule auf Überlassung des ganzen Gebäudes […] vollkommen einig«(38), und mit vereinten Kräften konnte dieses Ziel 1953 schließlich erreicht werden.

»Das Gebäude, das in den 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts errichtet wurde, zeigt die wenig ansprechende Formensprache dieser Zeit.« Sollte es noch eines Beweises für das kulturelle Banausentum des Nationalsozialismus bedürfen, er wäre mit diesem Aktenvermerk des Jahres 1942 gefunden.(39) Im Ensembleverbund mit den benachbarten Villen der Architektur des Jugendstils zuzurechnen, prägte es, wie schon eingangs festgestellt, seit 1891 das Stadtbild, und wird dies, in welcher Funktion auch immer, weiterhin tun. »Gerade Linien treffen auf Bögen« – so titelte unlängst der Lokalteil des Traunsteiner Tagblattes in seinem Bericht über das Richtfest des neuen AKG-Gebäudes.(40) Im übertragenen Sinn beschreibt dieses Bild treffend die Geschichte des Hauses Herzog-Friedrich-Straße 6. Der im Nachhinein logisch nachvollziehbare und geradlinige Weg vom Schülerheim für Knaben zum (Mädchen-)Gymnasium war in der historischen Rückschau von so mancher Kurve unterbrochen, das Ziel jedoch wurde dennoch erreicht.

Franz Haselbeck


Teil 1 in den Chiemgau-Blättern Nr. 27/2008




Anmerkungen:
(21) Dr. Anton Endrös, * 2. Mai 1871 in Horgauergreut (bei Augsburg), am 1. September 1910 nach Freising verzogen; Direktor des Städtischen Schülerheimes 1907-1910. Sein gleichnamiger Sohn war in späteren Jahren Leiter des NSDAP-Kreises Traunstein.
22) Dr. Sigmund Beer, * 20. März 1877 in Brennberg (bei Regensburg), Direktor des Städtischen Schülerheimes 1910-19(30, anschließend als Beamter vorzeitig in den Ruhestand versetzt, 1956 nach Uhingen (bei Göppingen) verzogen.
(23) Jahresbericht 1929 des Verbandes Bayerischer Schülerheime, in: StA TS, A 240/7-9.
(24) StA TS, A 240/7-12: Verpachtung an den Maristen-Fürsorge- und Missionsverein 1930-1937.
(25) Bericht des Bürgermeisters Georg Seufert an die Regierung von Oberbayern vom 23. April 1937, in: StA TS, A 240/7-13.
(26) Zitiert aus Werbebroschüre circa 1940, in: StA TS, A 240/7-15.
(27) Zitiert aus Jahresbericht 1940/41, in: StA TS, A 240/7-11.
(28) Hans Färber, * 20. November 1907 in Thurnau (bei Kulmbach), noch 1937 nach Marktbreit verzogen; Luitpold Haun, * 8. Oktober 1900 in Würzburg, 1939 nach München verzogen; Dr. Alois Helmbrecht, * 18. März 1909 in Unterelkofen (bei Grafing), 1942 nach Moosach verzogen.
(29) Wie Anm. 26.
(30) Schreiben von Dr. Alois Helmbrecht, Moosach bei Grafing, an Bürgermeister Rupert Berger vom 22. Juni 1948, in: StA TS, A 240/7-16.
(31) StA TS, A 240/7-11.
(32) Wilhelm Rüdinger, * 15. Februar 1902 in Ansbach, Oberstudienrat; am 7. Oktober 1942 von Windsbach nach Traunstein zugezogen, am 11. Juni 1945 nach Nußdorf verzogen.
(33) Traunsteiner Zeitung vom 27. Oktober 1942, »Schülerheim und Oberschule zu einem Deutschen Schulheim vereinigt«, in: StA TS, A 240/7-15.
(34) Kasenbacher, wie Anm. 4, S. 137-138.
(35) StA TS, A 240/7-16: Verwendung des Schülerheims durch die Besatzungsmacht 1947-1951.
(36) Schreiben des Landbauamts Traunstein an die Regierung von Oberbayern vom 29. Dezember 1949, in: StA TS, A 240/7-16.
(37) »Schülerheim als städtische Mädchenoberschule«, in: Südost-Kurier, 5. Jahrgang, Nr. 147 vom 8. Dezember 1959, S. 6.
(38) Schreiben von Oberbürgermeister Rupert Berger an das Landbauamt Traunstein vom 11. Juni 1951, in: StA TS, 240/7-16.
(39) Aktenvermerk vom 10. August 1942, zitiert aus: StA TS, A 240/7-15.
(40) Traunsteiner Tagblatt, 154. Jahrgang, Nr. 37 vom 13. Februar 2008, S. 7.



28/2008