Jahrgang 2021 Nummer 36

Die altehrwürdigen Linden von St. Valentin in Zell

Das imposante Baumensemble prägt seit Jahrhunderten den Zellerboden

Knorrige Stämme mit den Steinbänken. (Fotos und Repros: Schick)
Leonhardikapelle, Aufnahme von 1922.
Totenbretter
Historischer Festzug (1911).
Zellerer Dorfjugend (1944).

Die Linde – kaum einer Laubbaumart kommt in unseren Breitengraden eine solch tiefgreifende, ja fast mystisch-sagenhafte Bedeutung zu wie der einzigartigen Gattung der Linde (lateinisch: lentus, weich, biegsam). Schon die alten Germanen, aber auch andere Völker wie das der Slawen wussten bereits um deren segensreiche Vorzüge für Mensch und Tier und verehrten sie als heiligen Baum. Den Germanen sagt man nach, dass die Linde ihrem Glauben nach sinnbildlich für die Göttin Freya stand, und somit für die Attribute Fruchtbarkeit, Wohlstand und Liebe. Als Zeugnis der späteren Christianisierung kennen wir heute zahlreiche Kirchen-, Friedhofs- oder Marienlinden. Aber auch als Grenz-, Parkund Alleebäume sind sie allerorten anzutreffen und beliebt. Wohl aufgrund ihres markanten Erscheinungsbildes sowie der biologischen Fähigkeit, Menschen über viele Generationen hinweg zu überdauern, galt die Linde lange Zeit als zentrumbildender Mittelpunkt eines Dorfs. Mit ihrem weit ausladenden Schirm und dem üppigen Blätterdach diente sie als Treffpunkt für Jung und Alt, an dem getanzt, gesungen und Brautschau gehalten wurde. Selbst von Trauungen und Ratsversammlungen wird berichtet, ebenso von Vertragsabschlüssen, deren Gültigkeit die Beteiligten mit einem Daumendruck in die Rinde besiegelten.

Wesentlich ernster ging es wohl zu, wenn die Linde als Kommunikationsbaum für amtliche Bekanntmachungen oder gar als Rechtsbaum genutzt wurde, dem »judicium sub tila«, dem Gericht unter der Linde, an dem geschlichtet, vermittelt und schließlich Urteil gefällt wurde.

Ob es unter den drei uralten Kapellen-Linden an der Filialkirche St. Valentin in Zell jemals zu einem Urteilsspruch kam, ist geschichtlich zwar nicht gesichert, dem Alter der Bäume zufolge, – etwa 650 bis 800 Jahre – und den wechselnden Gepflogenheiten über einen solch langen Zeitraum hinweg ist es sicherlich nicht von der Hand zu weisen. Die Vermutung, die steinernen Bänke und Säulen in Kreuzform würden sogar auf eine frühe Hinrichtungsstätte hindeuten, fallen jedoch mehr in den Bereich der Spekulationen. Vielmehr dürfte es sich hier folglich nicht um Schöffensitze handeln, sondern um Ruhebänke für müde Pilger einer bis ins 18. Jahrhundert belegten Wallfahrt zu Ehren des Heiligen Valentins. Was die Steinkreuze zu beiden Seiten der Kircheneinfriedung betrifft, zeigen die Reliefdarstellungen eindeutig in unserer Gegend gebräuchliche Holzäxte, womit sie als Gedenkmarterl für verunglückte Holzknechte in Verbindung zu bringen sind. Die mehrfach angenommene These, es handele sich hier um Hinrichtungsbeile, ist somit eindeutig widerlegt. Die drei Kapellenlinden, die seit Jahrhunderten den Gläubigen den Zugang zur Kirche St. Valentin weisen, gehören zur Gattung der Winter- oder Steinlinden, die in Europa weit verbreitet und dem jeweilig vorherrschenden Klima bestens angepasst sind. Ihr Name geht zurück auf die kleine Leonhardi-Kapelle, die in unmittelbarer Nähe der Bäume stand und 1970 unter Monsignore Roman Friesinger abgebrochen wurde. Wolf Urschlauer hatte bereits im Jahr 1619, als eine verheerende Viehseuche im Miesenbacher Tal grassierte, zusammen mit einigen Genossen zu Ehren des Viehpatrons eine Votivkapelle erbaut. Urschlauer war es auch, der sich beim Bau der Wallfahrtskirche Maria Schnee in der Urschlau, unterhalb seines abgelegenen Gehöfts, heillos verschuldete. Aber das nur am Rande.

Bäume wie Methusalem

Mit dem imposanten Erscheinungsbild der Bäume befasst sich auch das Buch »Alte Liebenswerte Bäume in Deutschland«, in dem bundesweit unwiederbringliche Naturschöpfungen wie die archaisch anmutenden Linden in St. Valentin dokumentiert sind.

Das größte Exemplar besteht im Ur-Stamm aus einer Halbschale mit zwei Metern Durchmesser und einem Stammumfang von über sechs Metern, dessen Alter auf 650 Jahre geschätzt wird. Nach dem Absterben von oben herab, was bei Linden durchaus typisch ist, entstanden aus dem Wurzelwerk viele neue Triebe, die mit den großen Austrieben auf der Urstammhalbschale zu acht Großästen bis in 24 Meter Höhe zu einer stattlichen Krone emporwuchsen und so wieder einen geschlossenen Stamm bilden. Rechnet man die zweite Baumgeneration mit 155 Jahren dazu, die ja entwicklungsgeschichtlich auf das ursprüngliche Samenkorn zurückgeht, pendelt sich das Gesamtalter bei etwa 800 Jahren ein. Die mittlere Winterlinde hat ihren Stamm unverändert bewahrt, jedoch ist auch sie mit vielen Altersbeulen belegt, was man in dieser Form nur bei sehr alten Winterlinden beobachten kann. Linde Nummer drei war laut einem Foto von 1922 ein hohler Baumstumpf mit dünnen Astaustrieben, die sich seitdem prächtig entwickelt haben. Auch ihr Alter ist dem der beiden anderen gleichzusetzen. Auch wenn alle drei ein rekordverdächtiges Alter aufweisen: an die englische Linde, deren Alter mittels Radiokohlenstoffdatierung auf 6000 Jahre ermittelt wurde, kommen sie nicht annähernd heran. Kundige Menschen hatten sie immer wieder »geköpft«, so dass sie diesen langen Lebenszyklus erreichte. Lindenblattfossilien aus dem Tertiär belegen die Existenz der Linde sogar seit etwa 50 Millionen Jahren.

Vorzüge und vielfältiger Nutzen

Abgesehen von der Insektenwelt, denen die Linde als füllhornähnliche Nahrungsquelle dient, ist es insbesondere der Mensch, der die Vorzüge dieses geschichtsträchtigen Baums in vielfältiger Weise für sich zu nutzen (und zu schätzen) weiß. Sei es in praktischer, medizinischer oder ökologischer Hinsicht.

So verwendete man bereits im bronzezeitlichen Bergbau (circa 1500 v. Chr.) Seile aus Lindenbast, wie Ausgrabungen im österreichischen Hallstadt belegen. Diese Bastfaser ist vergleichbar mit dem der Jutepflanze, die vorwiegend in Bangladesch und Indien angebaut wird. Umfangreiche Tests in neuerer Zeit ergaben, dass Lindenbastseile mit einer Zuglast bis zu 850 Kilogramm denen aus Kunststoff oder sogar Stahl in nichts nachstehen.

Neuerdings entdecken wieder immer mehr Zeitgenossen die stolze Magie, den natürlichen Zauber, der von den Bäumen selbst und ihrem Umfeld ausgeht, zumal diese Eigenschaften förderlich auf das gesamte Wohlbefinden wirken. Nicht umsonst nutzt der moderne Schamanismus westlicher Prägung ihren Standplatz zunehmend als Kraftort für Seele, Herz und Geist.

Schon Heinrich Heine (1797 bis 1856) ließ sich zu dem Vierzeiler hinreißen:

Das ist der alte Märchenwald

Es duftet die Lindenblüte!

Der wunderbare Mondenglanz

Bezaubert mein Gemüte.

Ob Poesie, Literatur oder Musik: auch hier begleitet uns die Linde auf Schritt und Tritt, wo sie in zahlreichen Werken und Liedern einfühlsame Erwähnung findet. »Am Brunnen vor dem Tore, da steht ein Lindenbaum« oder, um das alpenländische Liedgut zu bemühen »Bei da Lindn bin i gsessn«, sind nur zwei exemplarische Beispiele daraus.

Volksheilkunde und Namensgebung

Für die Volksheilkunde sind die Wirkstoffe der Lindenblüte seit alters her unverzichtbar. Insbesondere als Tee wird die wohlduftende Lindenblüte etwa wegen ihrer schweißtreibenden und beruhigenden Wirkung bei Erkältungen, Fieber oder bei Darmerkrankungen und Nervosität eingesetzt.

Ökologisch gesehen leistet das feingliedrige, tiefgehende Herzwurzelwerk der Bäume einen unverzichtbaren Dienst für feste, wasserdurchlässige Böden. Ihr sehr eiweiß- und kalkhaltiges Laub zersetzt sich relativ schnell und liefert dadurch wertvollen organischen Dünger.

Welch tiefgreifende Verbundenheit der Mensch seit jeher mit der Linde empfand, kann man auch an der Namensgebung ablesen, die sich über den gesamten deutschsprachigen Raum zieht. Das schließt urbanen Lebensraum (Lindau, Lindenberg, Lindenthal) ebenso mit ein wie persönliche Ruf- und Familiennamen: Gerlinde, Linda, Rosalinde oder Lindhuber, Lindmayr, und macht auch vor sakralen Stätten nicht Halt, wie die Wallfahrtskirche Weihenlinden in der Nähe von Bad Aibling zeigt.

Untrennbar verwurzelt stehen die Linden seit Jahrhunderten in Verbindung mit dem Georgi-Ritt, ein weitum bekanntes Zeugnis der Volksfrömmigkeit, das von der Ruhpoldinger Ortsmitte hinüber zur Filialkirche St. Valentin führt, wo nach dem Gottesdienst Ross und Reiter unter dem Schutzschirm ihres dichten Blätterdachs vorbeiziehen und von der Geistlichkeit gesegnet werden.

Nachdem es vor gut zwanzig Jahren Pläne gab, die Kapellenlinden (auch Kirchenlinden genannt) aufgrund angeblich fehlender Verkehrssicherheit zu fällen, formierten sich engagierte Bürger und gründeten den Verein »Rettung der alten Linden St. Valentin-Zell e. V.«, der sich seit 2005 um ihren Erhalt kümmert. Mittlerweile sind sie als Naturdenkmal ausgewiesen und genießen behördlicherseits ganz offiziell ihren »schützenswerten Bestandsstatus«. Ein lebensverlängender Status, der ihren Bestand auf lange Zukunft sichern möge. Gemäß dem Spruch: 300 Jahre kommt sie – 300 Jahre bleibt sie – 300 Jahre geht sie.

 

Ludwig Schick

 

Quellen:

Lindenverein, Sepp Plenk, Ruhpoldinger Heimatbuch, Wikipedia.

 

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