Jahrgang 2005 Nummer 45

Deutschlands Fundament wurde vor zwei Jahrtausenden begründet

Die »Böhmische Schlacht« (6 n. Chr.) veränderte Europas Gesicht

Kann eine Jahrtausende zurückliegende Schlacht noch Bezug zu uns heutigen Menschen haben? Ja, denn dass die Bajuwaren (Baiern) überhaupt noch existieren und bei den Deutschen insgesamt der germanische Volksanteil – bis heute – vorherrschend blieb, das haben wir letztlich ihr zu verdanken! Da jedoch kaum noch jemand redet über dieses geschichtsverändernde Ereignis, dürfte es – und dies nicht nur im Jubeljahr – hoch an der Zeit sein, sich daran zu erinnern.

Die größte Streitmacht, die Rom je aufbot, wälzte sich nach der Schneeschmelze des Jahres sechs nach Christus, dem neu erkorenen Kriegsziel Böhmen zu. Und diesem gigantischen Aufwand entsprach das hochgesteckte strategische Ziel: Marbod, Herzog und König der Markomannen, der Bajuwaren Ahnen, sollte, um die Voraussetzung zur Unterwerfung Gesamtgermaniens zu schaffen, vernichtend geschlagen werden.

Ein halbes Dutzend, vom Feldherrn Saturninus befehligte Legionen, hatten sich von Mainz herkommend, durch den hercynischen Urwald zum Kriegsschauplatz durchgequält. Von Südosten, dem Heerlager Carnuntum, nahe Wien gelegen, ausgehend, war Tiberius, der Adoptivsohn des Kaisers, mit gleicher Macht angerückt. Das Ziel war gesteckt; die Streitkräfte es zu erringen aufmarschiert; zwei Meister der Kriegskunst angesetzt, der Weltmacht Hauptfeind in einer »Zange« zu zermalmen. Doch – dazu kam es nicht! Abgebrochen worden sei die Schlacht und die Truppen zurückgeführt, eines pannonischen Aufstandes wegen, berichten uns Roms Historiker in so beiläufigem Tone, als wäre dies das alleralltäglichste der Welt. Ist dies vorstellbar? Tiberius, ein altbewährter Feldherr, sollte, ohne »Gefahrenpunkte« dieser Art abzusichern, einen weitläufigen Feldzug unternommen haben? Legionär wäre er geblieben, hätten ihm solche Fehler unterlaufen können! Doch selbst wenn: Der Rückmarsch zum Krisenherd hätte sich lange hingezogen. Da wäre es auf die wenigen Tage, die eine Bezwingung germanischer Gegner üblicherweise beanspruchten, auch nicht mehr angekommen. Zumal in der Regel ein ungeschorenes Wegkommen vom Gefechtsfeld nur dem Sieger vorbehalten blieb. Für den Nichtsieger war ein Rückzug Flucht, mit den üblich verheerenden Folgen.

Tiberius wäre also, um schnellstens zum pannonischen Krisenherd zu kommen, sogar gezwungen gewesen zum Sieg. Aber auch um die Truppenverpflegung zu sichern war er nötig. Denn die im fernen Feindesland operierenden Offensiv-Armeen brauchten die Vorräte der Besiegten, um nicht zu verhungern. Da er – wie wir wissen ñ nicht zu siegen vermochte, bot ihm ein schnelles und geplantes Absetzen noch die Chance, die Folgen zu mildern. Nur so eine prekäre Lage konnte den umsichtigen Tiberius zu seinem bitteren Rückzugs-Entschluss veranlasst haben – und die Historiker, zum Vernebeln dieser schmachvollen Niederlage – und keinesfalls der Aufstand eines Reitervolkes im fernen Ungarnlande.

Warum aber sollte diese »Böhmische Niederlage«, im Gegensatz zu der – drei Jahre später im Teutoburger Wald – erfolgten Niederlage, von den Römern so verheimlichend behandelt worden sein? Weil Anlass und Bedeutung grundverschieden waren.

Die Varuslegionen erlagen, sich tapfer schlagend, Armins Kriegslist, der Ungunst der Stunde also. Eine verlorene Schlacht, eine taktische Niederlage, die zwar schwer aber nicht schwer genug wog, um die römische Gesamtsituation im germanischen Raum auch nur im geringsten zu verschlechtern. Die Legionen wurden umgehend ersetzt, die Gefallenen gerächt und so Schlagkraft, Ehre und Respekt wieder erstellt. Darüber ließ sich, wenn auch zähneknirschend, reden.

Unvergleichlich höheren Rang hingegen hatte die »Böhmische Niederlage«! Nicht nur Legionen waren hier vernichtet: Des Kaisers strategisches Konzept war hier vereitelt. Unzertrümmert blieb dadurch der markomannische Wall, unausgeschaltet somit sein gefährlichster Gegner; unaufgestoßen blieb das Tor zum Norden, Einkesselung und Unterwerfung Gesamtgermaniens dadurch allzeit undurchführbar. In einem Hinterhalt verbluteten die Varuslegionen. Marbod schlug Roms Invasionsheer auf freiem Felde. Und diese Schläge trafen nicht nur ihre imperialen Interessen schwer, ins Mark der Römer Stolz trafen sie und dämmten so ihrer Historiker Redseligkeit.

Zwingend erhebt sich hier freilich die zentrale Frage, wie germanische Kriegerscharen, ein ins Land eingedrungenes zwölf Legionen-Heer wieder hinausgeworfen haben sollten? Überliefert ist: Es geschah! Auch ist überliefert, dass Marbod seinen Stamm, nachdem er ihn in das von Kelten verlassene Böhmen überführt hatte, völlig neu gliederte. Nach dem Muster römischen Staats- und Heerwesens baute er sein Herzogtum in ein Königreich um, aus seinen Stammeskriegern schmiedete er eine stehende Volksstreitmacht von 70 000 Mann Fußvolk und 4 000 Reitern, die bei Bedarf jederzeit verstärkbar war.

Zu schließen ist daraus, dass dieser geniale Feldherr, in Erwartung römischer Agression, es kaum verabsäumt haben wird, dem Heer, die zum Schutze seines Königreiches wirkungsvollsten Kampfmittel an die Hand zu geben. Garnisonen für Ausbildungs- und Standzeiten; ein Offizierskorps, um die Truppen beim Marsch und im Gefecht nach taktischen Regeln zu bewegen; ein Meldenetz, um Anordnungen schnellstens übermitteln zu können; Festungen und befestigtes Land, um der ringenden Truppe Deckung und Rückhalt zu bieten und Nachschub zu sichern. Auch alles andere, was den Legionen ihre ‹berlegenheit gewährte, wird er gewiss auch den eigenen Truppen zugeführt haben. Pfeil und Bogen, die dem Germanen jener Zeit nur als Jagdgerät dienende wirkungsvollste Fernwaffe, zum Beispiel.

Die Markomannen, die nicht für Sold, sondern für Frau, Kind und die Freiheit des Stammes ihr Leben einzusetzen hatten – was den Kampfgeist des Mannes bekanntlich auf das Äußerste zu steigern vermag – verfügten nun zusätzlich über wirkungsvolle, den römischen ebenbürtige, Kriegsmittel. So erwuchs Marbod, aus der glücklichen Vermählung römischen Militärwesens mit hoher germanischer Kampfmoral, eine Truppe, auf die – und seine Defensivstrategie – gestützt, er jeden Angreifer gelassen erwarten konnte.

Er kam, der Agressor! Siegessicher mag er die undisziplinierten Heerhaufen, die ihm üblicherweise kampfwütig, aber bar taktischer Fähigkeiten ins Messer liefen, erwartet haben. Doch entgegen traten ihm; Kampfverbände! Verbände, die ihn nach allen Regeln seiner eigenen Taktik, gepaart mit teutonischer Wildheit, wieder aus dem Lande jagten.

Wie viele Schläge der Angreifer zu ertragen hatte, bis es so weit war: Wir wissen es nicht. Wie viele Legionen bluteten, ja verbluteten, auch das wissen wir nicht. Doch dass der Lehrling römischer Kriegskunst, König Marbod, über den Meister darin, den Feldherrn Tiberius, triumphierte, das wissen wir gewiss. Kann die »Böhmische Schlacht« also unbedeutend gewesen sein? Führt man sich vor Augen, dass der markomanische Sieg die Unterwerfung Gesamtgermaniens abgewendet, den Niedergang des Imperiums somit eingeleitet und so das Fundament der Deutschen Nation gebildet hat, dann liegt es klar auf der Hand: Sie gehört zu den wenigen Schlachten, die den Verlauf der Deutschen Geschichte grundlegend positiv bestimmte.

Somit ist sie zu den bedeutendsten kriegerischen Auseinandersetzungen der Weltgeschichte zu zählen. Ihr gebührt Würdigung! Der Sieger, Herzog Marbod, erster markomannisch-bajuwarischer König, verdiente es demnach, in die kleine Schar der Staatenlenker eingereiht zu werden, die das Beiwort »Der Große« zurecht im »Schilde« führen.

HS



45/2005