Jahrgang 2002 Nummer 5

Der weithin vergessene Feiertag Mariä Lichtmess

Kerzenglanz und Gesinde-Auszeit zum neuen Bauernjahr

Es war einmal, da gehörten kirchliche Feste und das Leben der Menschen noch ganz eng zusammen. So galt der heute weithin vergessene Feiertag Mariä Lichtmess einst nicht allein der Gottesmutter und der Kerzenweihe in den Kirchen. Für Dienerschaft und Gesinde war der 2. Februar zugleich einer der wichtigsten Termine des Jahres: Zahltag, Chance zum Stellenwechsel - und Anlass zu ausgiebigen Feiern.

Auf dem Land markierte Lichtmess, das zu den ältesten Marienfesten zählt, traditionell den Beginn des neuen Bauernjahres. Knechte und Mägde durften weiterziehen, mit ihrem bisschen Habe, einem Zeugnis und dem selten üppigen Lohn eines harten Jahres im Gepäck. Viele fanden schon im Nachbardorf ihren neuen Arbeitsplatz.

Neben dem Zahl- und Ziehtag bot Lichtmess auch die rare Gelegenheit zu drei Tagen frohem Treiben. In diesen Schlenkeltagen zogen Knechte und Mägde durch die Wirtshäuser, tanzten auf Lichtmessbällen oder sie besuchten Vater und Mutter. Eine leckere Spezialität zum Fest waren die Schlenklweilnudeln: Daumendicke Hefeteig-Nudeln wurden goldbraun gebacken, überzuckert und noch heiß gegessen.

In den ausgelassenen Tagen kam jeder auf seine Kosten: Der Fahrer der Pferdewagen, der das Gesinde zur neuen Stelle kutschierte, bekam unterwegs auch die Wirtshaus-Zeche bezahlt. Mancher steuerte da gern im Zick-Zack-Kurs ein Gasthaus nach dem anderen an. Am 5. Februar (Agathentag) hatte der Spaß mit dem Dienstantritt stets sein Ende.

In den Kirchen versammeln sich an Lichtmess, dem offiziellen Abschluss der Weihnachtszeit, bis heute Pfarrer und Gemeinde zur Weihe der Kerzen für das Kirchenjahr. Früher brachten die Familien ganze Waschkörbe voll Kerzen mit: Symbole des geistigen Lichts wie der Vergänglichkeit – zu Taufen und Ostern aber auch für Sterbezimmer und Friedhöfe. Rote Kerzen für Frauen, weiße für Männer. Auf den Wachsmärkten zu Lichtmess tauschten die Bauern das Wachs aus ihren Bienenstöcken gegen fertige Kerzen.

Im Kerzenlicht verschwammen die Grenzen zwischen Christentum und Aberglaube: Viele versprachen sich von den geweihten Lichtern Schutz. Die pechschwarze Wetterkerze sollte Blitz und Unwetter abwehren. Bis heute wird sie mancherorts bei Gewitter ins Fenster gestellt. Über der Stalltür schützte ein Stern aus geweihtem Wachs vor bösen Geistern – im Bett bewahrte er unter dem Strohsack vor Albträumen.

Auch Heilkräfte sprach man den Lichtern zu. Die rote Kerze der Bäuerinnen brannte für die Gesundheit von Wöchnerin und Kind. Am Blasitag, der auf Lichtmess folgt, werden dem Gläubigen traditionell zwei Kerzen als Kreuz vor den Hals gehalten. Der erteilte Segen soll gegen Krankheit helfen. Der Legende nach rettete so der Heilige Blasius einen Jungen mit einer Fischgräte im Hals vor dem Ersticken.

Kerzenweihen und Lichterprozessionen gesellten sich erst im Laufe der Geschichte zu Lichtmess. Im Kirchenkalender heißt das Fest auch »Darstellung des Herrn«. Biblischer Hintergrund ist der erste Besuch von Maria und Josef mit Jesus im Tempel – 40 Tage nach der Geburt Jesu, »als die Tage der Reinigung Mariens nach dem Gesetz des Mose vorüber waren«. Noch heute gehen in Teilen Niederbayerns junge Mütter erst am 40. Tag nach der Entbindung wieder in die Kirche.

Ein wichtiges Datum ist das Fest dem Bauernkalender zufolge auch für das Wetter: »Lichtmess hell und rein – wird ein langer Winter sein«, lautet die Regel. Und sie verheißt umgekehrt: »Wenn's an Lichtmess stürmt und schneit, ist der Frühling nicht mehr weit.«

RF



5/2002