Jahrgang 2002 Nummer 10

Der »verrückte Schwabe« und seine »fliegenden Zigarren«

Zum 85. Todestag des Grafen Zeppelin am 8. März

Als am 8. März 1917 der greise Erfinder des nach ihm benannten Luftschiffes starb, nahm man in Deutschland davon nur geringe Notiz. In Europa tobte ein schrecklicher Krieg. Erst Jahre später erinnert man sich wieder an die Zeit, in der Name Graf Zeppelin zu einem Begriff wurde.

4. August 1908: Mit der Schnelligkeit aller außergewöhnlichen Ereignisse hastete die Nachricht von der ersten großen Fahrt des Zeppelin-Luftschiffes durch das Land. Unzählige Menschen im Rheintal waren auf den Beinen, um dieses Ereignis mitzuerleben. Überall, wo die donnernden Motoren des Luftschiffes zu hören waren, das sich vom Bodensee in die Lüfte erhoben hatte, jubelten, winkten und jauchzten Zehntausende.

Fahnen und Wimpel flatterten dem Erfinder ihre Begrüßung zu. Böller krachten. Die Glocken läuteten. Die Begeisterung war unbeschreiblich. Ganz Deutschland kannte an diesem Tag nur ein Gespräch: Zeppelin und sein Werk. Aus den Schulen stürmten die Kinder auf die Straße. Die Büros leerten sich, die Geschäftsleute verließen ihre Läden. Alle waren sie im Freien unterwegs.

Die Menschen schienen in einem Freudentaumel zu sein. Nie hatte Ferdinand Graf von Zeppelin gedacht, dass sein Luftschiff jemals so begeistert aufgenommen werden würde – auch nicht in seinen kühnsten Träumen! Es war ein großer Festtag den Rhein hinauf und hinab.

Der Wille des Grafen war unbeugsam

Der Graf konnte es kaum fassen, dass ihm seine Arbeit so viel Jubel und Dank einbrachte, vor allem, wenn er an die vergangenen Jahre dachte, in denen er gegen die Vorurteile von Ingenieuren und Behördenstellen hatte kämpfen müssen, um sie von seiner Idee zu überzeugen. Er dachte an seine vielen Bittgänge von Tür zu Tür, um Spenden locker zu machen. Ohne Erfolg: nur bare 15 000 Mark hatte man in ganz Deutschland für seine Idee übrig!

Er dachte an den Ingenieurtag 1903 in Kiel, wo er sich die moralische Unterstützung der technischen Autoritäten sichern wollte, um neue Mittel für den Bau seiner Erfindung zu erhalten. Doch man behandelte dort den Fünfundsechzigjährigen wie einen dummen Jungen und erklärte ihm, dass sein »Monstrum« erledigt sei.

Nach der Heimkehr aus Kiel fand er am Bodensee nur noch einen Trümmerhaufen vor: ein Sturm hatte die Halle zerstört, in der er sein erstes Luftschiff gebaut hatte. Trotz aller Erfolge, die ihm sein erster Aufstieg am 2. Juli 1900 gebracht hatte, fand sich keine Hilfe.

Aber der Wille des Grafen war unbeugsam. Mit dem Rest seiner Gelder baute er mit seinem treuen Mitarbeiter, dem Konstrukteur Ludwig Dürr, das zweite Schiff. Gleich bei der ersten Fahrt am 30. November 1905 brach das vordere Steuer, nur mit Mühe konnte eine Strandung verhindert werden. Die zweite Fahrt, Monate später, führte zu einer Katastrophe: in einem heftigen Wintersturm knickte das Fahrzeug in der Mitte durch.

»Nie wieder ein Luftschiff!«

Zeppelin stand vor dem Wrack und leitete selbst das Zerstörungswerk. Sägen und Äxte zertrümmerten seine stolze Idee. »Nie wieder baue ich ein Luftschiff!« sagte er damals zu einem Bekannten, der ihn auf der Unglücksstelle besuchte.

Als die Arbeiten bei Kisslegg in der Nähe von Wangen im Allgäu beendet waren, brach er zusammen. Zu allem Unglück vernichtete ihm die Revolution von Livland seine Besitzungen, sein Hab und Gut. Auf einen neuen Versuch wollte er es nicht ankommen lassen.

Doch schon Anfang Oktober 1906 lag das dritte Schiff flugfertig in der Halle. Die Mittel stammten aus einer Lotterie, die ihm der König von Württemberg bewilligt hatte. In Preussen war ihm die Bitte eine Lotterie zu veranstalten, abgeschlagen worden. Mit der Fertigstellung des neuen Schiffes waren auch die Mittel erschöpft.

Doch das neue Luftschiff erfüllte alle Hoffnungen. Der »verrückte Schwabe« hatte gesiegt. Aber das hob die Stimmung des Grafen nicht – im Gegenteil, er war niedergeschlagener als je. Seine Mittel waren bis auf den letzten Pfennig verbraucht. Er hatte noch nicht einmal Geld für das Gas zu einem neuen Aufstieg.

Das Unglück wird zum Glück

Endlich kam Hilfe: aus staatlichen Mitteln wurde eine neue Halle gebaut, die Lotteriekonzession wurde bewilligt, es ging weiter. 1907 kamen Tausende nach Fiedrichshafen, um das Wunder der neuen Zeit zu sehen. Graf Zeppelin machte Versuchsfahrten, sogar eine achtstündige Fahrt nach Oberschwaben hinauf.

Der Reichstag bewilligte über zwei Millionen Mark zum Ankauf des fertigen und eines zweiten Schiffes. Überrascht richteten sich alle Augen auf den »Fanatiker am Bodensee«. Hohn und Verachtung machten einem Schwärmen für den Erfinder Platz. Die, welche ihn vor kurzem noch den »verrückten Grafen« getauft hatten, nannten ihn nun einen Helden.

Doch die große Fahrt 1908, das Rheinland hinunter, war endlich ein Signal. Es war ein Siegesflug, auch wenn er ein grauenvolles Ende nahm. Bei Echterdingen zerriss eine furchtbare Explosion das Luftschiff; er verbrannte. Aber schon am nächsten Tag besaß der Graf 900 000 Mark.

Aus allen Teilen Deutschlands trafen Gelder und Telegramme ein. So merkwürdig es klingen mag: das Unglück war zum Glück geworden. Die ewige Geldnot hatte ein Ende: über sechs Millionen Mark kamen zusammen. Das waren die entscheidenden Tage für die Idee des Grafen Zeppelin: sein Werk konnte fortgeführt werden – und erfährt in jüngster Zeit eine ungeahnte Renaissance.

EZ



10/2002