Jahrgang 2005 Nummer 4

Der unbekannte Riese – Geschichte der Diakonie in Bayern

Eine Ausstellung gibt Einblick in ihre Entwicklung und Aufgaben

Das alte Diakonissenhaus in Neuendettelsau, um 1850

Das alte Diakonissenhaus in Neuendettelsau, um 1850
Diakonisse mit Waisenkindern, 1905

Diakonisse mit Waisenkindern, 1905
Das Löhe-Denkmal vor dem Mutterhaus in Neuendettelsau

Das Löhe-Denkmal vor dem Mutterhaus in Neuendettelsau
Wenn man heute Berichte über die soziale Lage der Landbevölkerung in Bayern im 19. Jahrhundert liest, ist man versucht, an ähnliche Zustände in der heutigen Dritten Welt zu denken. In einem Bericht eines Amtsarztes aus dem Jahre 1861 liest man: »Die Leute wohnen in armseligen strohgedeckten Hütten, Verputz und Anstrich kennt man kaum. In der düsteren Stube empfängt dich eine dicke Atmosphäre, feuchte, rissige Wände und ein Fußboden, der jahrelang keinen Tropfen Wasser gesehen hat.« An anderer Stelle heißt es: »In üblem Zustand befindet sich das von den Armen bewohnte Gemeindehaus. Es ist überfüllt, in verwahrlostem, schmutzigem Zustand. In einer viel zu kleinen Stube sind jeweils zehn Personen jeglichen Alters und noch mancherlei Federvieh zusammengepfercht. Die Luft ist durch faulende Stoffe, durch die Ausdünstung von Mensch und Tier verdorben.«

Selbst in den Randgebieten der Landeshauptstadt München war es kaum besser, wie man einem Zeitungsbericht aus dem Jahre 1898 entnehmen kann: »Die zwei Zimmer sind zusammen 38 Quadratmeter groß und dienen nicht nur den zehn zur Familie gehörigen Personen, sondern auch noch zwei Schlafgängern als Wohn-, Koch- und Schlafraum. Für die zwölf Personen sind sieben Betten vorhanden. Ein Schlafgeher schläft auf einem Strohsack am Boden, während der andere ein Bett mit einem Kinde teilt.«

Kinder, Arbeitslose, Kranke, Behinderte und alte Menschen hatten unter der Armut besonders schwer zu leiden. Seit dem frühen 19. Jahrhundert entstanden auf Initiative von Einzelpersonen oder von Vereinen eine Reihe wohltätiger Einrichtungen, die sich bemühten, die soziale Not zu lindern. Eine wichtige Rolle spielte dabei die von dem evangelischen Geistlichen Johann Hinrich Wichern ins Leben gerufene »Innere Mission« mit ihrer Verbindung von sozial-karitativem Handeln mit christlicher Missionierung. Im Gegensatz zu den ebenfalls um die Beseitigung der gesellschaftlichen Missstände kämpfenden Sozialdemokraten stellte die Kirche die sozialen Strukturen des Kaiserreichs nicht in Frage, so dass sie als stabilisierender Faktor der Gesellschaft wirkte und auf die Unterstützung des Staates rechnen konnte. In den von Wichern errichteten »Rettungshäusern« fanden Waisen, Jugendliche ohne familiäre Bindung, körperlich und geistig Behinderte und Strafentlassene eine neue Heimat.

In Bayern war es der aus Fürth stammende Pfarrer Wilhelm Löhe (1808 bis 1872), der durch die Gründung der Neuendettelsauer Anstalten zum Pionier der christlichen Liebestätigkeit wurde. Träger des Werkes waren die in der Neuendettelsauer Diakonissenanstalt ausgebildeten Frauen, die in der Lage sein sollten, in den verschiedenen sozialen Bereichen professionelle Hilfe zu leisten; später traten auch weltliche Angestellte an ihre Seite. Heute ist die Diakonie Neuendettelsau mit rund 6000 Mitarbeitern in Schulen, Heimen, Krankenhäusern und Werkstätten der größte Arbeitgeber im Landkreis Ansbach.

Die Neuendettelsauer Diakonissenanstalt ist die älteste diakonische Einrichtung in Bayern. Die vom Haus der bayerischen Geschichte anlässlich des 150. Gründungsjahres erarbeitete Ausstellung »Der unbekannte Riese – Geschichte der Diakonie in Bayern« wird bis 20. Februar in Neuendettelsau und anschließend in München, Landshut und anderen Orten gezeigt. Mit zahlreichen Fotografien, Originalexponaten, Hörspielen, Filmen und Computerprogrammen zeichnet sie die Sozialgeschichte Bayerns vom frühen 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart nach.

Während der Weimarer Republik brachte die staatliche Finanzierung einen Wohlfahrtsboom, der eine starke Ausweitung der karitativen Arbeitsfelder der Diakonie zur Folge hatte. Um gegenüber den Behörden ihre Belange wirksamer zu vertreten, schloss sich die Diakonie (damals noch Innere Mission genannt) mit der Caritas, dem Roten Kreuz und anderen Vereinigungen zur »Liga der Wohlfahrtsverbände« zusammen.

Die Ausstellung beleuchtet auch die zwiespältige Haltung der Diakonie zum Nationalsozialismus. »Deutsch-nationales Denken, Angst vor dem Kommunismus, antisemitische Vorurteile und missionarische Hoffnungen waren der Grund, dass man in Teilen der Evangelischen Kirche den Nationalsozialismus begeistert begüßte«, stellt ein Ausstellungstext fest. Mindestens achthundert Patienten aus Neuendettelsau wurden im Rahmen des Euthanasieprogramms getötet. »Die Auslieferung der Pfleglinge war das Opfer, das die Anstalten für den eigenen Fortbestand bringen mussten« (Archivleiter Matthias Honold). Aus heutiger Sicht mag das ein allzu hoher Preis gewesen sein. Vor der einstigen Pflegeanstalt in Neuendettelsau erinnert eine Gedenktafel an die unschuldigen Opfer der Euthanasie sowie an weitere vierhundert ausgelagerte Behinderte, die durch sogenannte »Hungerkuren« in staatlichen Heimen zu Tode kamen.

Nach dem zweiten Weltkrieg mehrten sich die Aufgaben der Diakonie, regionale und konfessionelle Schranken verloren zunehmend ihre Bedeutung. Zu internationalen Programmen wie »Brot für die Welt« kamen die Katastrophenhilfe, die Betreuung der Vertriebenen und der ausländischen Mitbürger. Der Rückgang der Diakonissinnen und die verstärkte Professionalisierung bewirkten eine Umstrukturierung bei den Angestellten, deren konfessioneller Bezug zur Diakonie und zur evangelischen Kirche unterschiedlich sind. Mit annähernd 400 000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in etwa 26 000 Einrichtungen ist die Diakonie in Deutschland eine wichtige Säule im dualen Wohlfahrtssystem.

JB



4/2005