Jahrgang 2012 Nummer 8

Der Tretradkran - Meisterwerk des Mittelalters

Zwei Schreiner aus Obing zimmerten ihn aus Lärchenholz

Tretradkran im Gärtlein auf der Altan in der Hauptburg der Burghauser Burg. Unter Verwendung mehrerer Kubikmeter Lärchenholz fer

Tretradkran im Gärtlein auf der Altan in der Hauptburg der Burghauser Burg. Unter Verwendung mehrerer Kubikmeter Lärchenholz fertigten die Schreiner Karl Brindl und Konrad Berger aus Obing nach mittelalterlichen Plänen den knapp acht Meter hohen Kran.
Detailgetreues Modell der Stadt und Burg Burghausen von dem Straubinger Drechslermeister Jakob Sandtner aus dem Jahr 1574

Detailgetreues Modell der Stadt und Burg Burghausen von dem Straubinger Drechslermeister Jakob Sandtner aus dem Jahr 1574
Wenn große und schwere Lasten von der Stelle bewegt oder in die Höhe gehoben werden sollen, kommt meistens ein Kran zum Einsatz. Diese leistungsfähigen Hebe- und Verladeapparate gibt es allerdings erst seit gut anderthalb Jahrhunderten. Natürlich hat man auch vor dieser Zeit, etwa im Mittelalter, hohe Bauwerke errichtet, man denke nur an die gewaltigen Ritterburgen und die zum Himmel strebenden Dome. Wenn man vor ihnen steht, kommt man sich richtig klein vor und staunt darüber, dass die Menschen vor vielen Jahrhunderten schon in der Lage gewesen sind, mit ihrer damaligen Technik solche mächtigen Bauwerke aufzurichten.

Die Erklärung besteht darin, dass man sich auch damals bestimmter Hebemaschinen wie Seilwinden oder Flaschenzüge bediente, die schwerste Baumaterialien und Bauteile viele Meter nach oben befördern konnten. Zu diesen Maschinen gehört auch der sogenannte Tretradkran, ein Vorläufer des modernen Baukrans, mit dem er viel Ähnlichkeit aufweist. Der Hauptunterschied zum modernen Kran besteht in der Art der Krafterzeugung, wie sie zum Betätigen des Auslegers erforderlich ist. Heute leistet das der elektrische Strom, damals leistete es die menschliche Muskelkraft. Ein Mann stand in einem großen Laufrad, das wie ein riesiges Hamsterrad aussah, und hielt durch ständiges Laufen das Rad in Schwung, von dem die Kraft dann auf das Seil am Kranausleger übertragen wurde. Solche Tretradkräne hielten seit dem 13. Jahrhundert auf den mittelalterlichen Großbaustellen Einzug, nachdem die großen Bauvorhaben der Gotik einen Innovationsschub für die Arbeitsgeräte auf den Baustellen bewirkt hatten.

Im Grunde genommen handelt es sich bei einem solchen Kran um einen starken Hebel. Das einfachste Beispiel, das wohl jedermann kennt, ist eine lange Eisenstange, mit der man einen schweren Steinblock wegrücken möchte. Schiebt man das eine Ende der Stange unter der Block, legt nahe dem Ende der Stange einen Stein als Stützpunkt darunter und drückt den langen Arm des Hebels nach unten, dann wird der Steinblock angehoben. So läßt sich auch eine schwere Last mit relativ geringem Kraftaufwand von der Stelle rücken.

Seit kurzem steht in Burghausen am Vorplatz zur Hauptburg ein acht Meter hoher Tretradkran, der exakt historischen Vorbildern nachgebaut worden ist. Er weist auf die grenzüberschreitende bayerisch-oberösterreichische Landesausstellung hin, die vom 27. April bis zum 4. November unter dem Motto »Bayern und Österreich: Verbunden - Verfeindet - Verschwägert« stattfindet. Neben Burghausen sind Braunau und Mattighofen Standorte der Ausstellung. In Burghausen wird das Mittelalter in Szene gesetzt, in Braunau und in Mattighofen die Neuzeit.

Der historische Tretradkran enstand als Auftragswerk des Hauses der Bayerischen Geschichte, das zusammen mit der Kulturabteilung der Oberösterreichischen Landesregierung die Ausstellung veranstaltet. Gebaut haben den Kran zwei Schreiner aus Obing, Karl Brindl und Konrad Berger. »Der Bau hat uns viel Freude gemacht, es war eine echte Herausforderung für uns«, betonen sie. »Dreihundert Arbeitsstunden waren nötig, bis er geschnitten, gezimmert und zusammengesetzt war. Wir haben nur Lärchenholz dafür verwendet und alles in allem zehn Kubikmeter verbraucht.«

Das Laufrad, in dem Menschen mit Muskelkraft die Maschine antreiben, hat einen Durchmesser von 4,40 Metern, der Ausleger mißt 5,50 Meter. Die Übersetzung beträgt 12:1, das bedeutet: Ein Arbeiter muß in dem Hamsterrad zwölf Meter zurücklegen, um das Seil am Ausleger um einen Meter nach oben ziehen zu können. Der Tretläufer kann etwa das Neunfache des eigenen Körpergewichts hochheben, muß aber dafür für jeden Meter Hub zwölf Meter laufen. Maximal ist ein Mann mit einem Körpergewicht von 80 Kilogramm in der Lage, 700 Kilogramm nach oben zu ziehen. Was an der historischen Technik verwundert, ist die Leichtgängigkeit. Obwohl die eiserne Achse nur in einem Lager aus Lärchenholz läuft, ist der Reibungsverlust sehr gering.

Wie man aus zeitgenössischen Berichten weiß, waren zuweilen mehrere Tretläufer gleichzeitig in Aktion. Da die Treträder über keine Bremsen verfügten, kam es immer wieder vor, daß Läufer ins Schleudern gerieten und Verletzungen davontrugen. Immerhin wurden Radläufer für die gefährliche und anstrengende Arbeit vergleichsweise gut entlohnt.

Bei der Präsentation des Tretlaufkrans durfte Burghausens Bürgermeister Hans Steindl als erster den Kran ausprobieren und in Schwung setzen. »Jetzt kann ich mir denken, wie sich ein Hamster in seinem Laufrad fühlen muß«, kommentierte er den Versuch. Bei der Landesausstellung in zwei Monaten wird es auch den Besuchern möglich sein, Steindls Beispiel zu folgen und mittelalterliche Technik hautnah zu nachzuerleben.


Julius Bittmann



8/2012