Jahrgang 2021 Nummer 13

Der stille Karfreitag

Vor dem Heiligen Grab fanden sich am Karfreitag und Karsamstag die Gläubigen zum stillen Gebet ein

Heiliges Grab, Wolfratshausen

Der Karfreitag ist ein Tag der Trauer und der Stille. Früher sagte man: »Der Karfreitag ist still wie das Grab«; laute Arbeiten in Haus und Hof waren untersagt. Die feierliche Ruhe durfte lediglich durch das Klappern der Ratschen gestört werden, die zum Kirchgang rufen.

Zum Zeichen der Trauer trugen die Frauen früher auf dem Land am Karfreitag dunkle Kleidung mit dunkelblauen oder violetten Schürzen und Halstüchern. Das Innere der Kirche war dunkel, da die Fenster mit schwarzen Vorhängen und Tüchern verhängt waren. Das gab auch den richtigen äußeren Rahmen für das Heilige Grab ab, das im Altarraum oder in einer Nebenkapelle am Gründonnerstag mit viel Mühe und Liebe aufgebaut worden war.

Der Brauch des Heiligen Grabes geht bis auf die Renaissance zurück und erlebte seine Hochblüte in der Barockzeit, als man die historische Grabesstätte in Jerusalem nachbilden wollte. Umgeben von einem Meer von Blumen wurde die Grablegung Christi ganz bildhaft demonstriert. Um den Eindruck des Grabes zu verstärken, beleuchtete man Glaskugeln, die mit farbigem Wasser gefüllt waren, mit einem Öllämpchen oder einer Kerze von rückwärts. In Stadt und Land wetteiferten die Pfarreien um die möglichst prunkvolle Ausgestaltung ihrer Heiligen Gräber untereinander. Man ging von Kirche zu Kirche und besuchte den »Herrn in der Ruh«, wie man die künstlichen Felsengrotten nannte. In manchen Kirchen haben die Stelle der Figuren gläubige Bürger eingenommen und haben, als römische Soldaten verkleidet, die Grabwache gehalten. Vom Grafen Anton zu Toerring-Seefeld (bei München) weiß man sogar, dass er alljährlich im Heiligen Grab der Münchner Michaelskirche den toten Christus verkörperte. Nach dem 2.Vatikanischen Konzil (1962 bis 65) geriet der beliebte Brauch leider in Vergessenheit.

Früher hatte fast jede Kirche ihr eigenes Heiliges Grab, vor dem sich am Karfreitag und Karsamstag die Gläubigen zu stillem Gebet einfanden. Nach der jüngsten Liturgiereform drohte der einst so beliebte Brauch fast auszusterben. In den letzten Jahren erinnerte man sich da und dort an die alte Tradition, mit der die Gläubigen das Sterben des Herrn nachempfinden konnten. Eine besondere Sehenswürdigkeit ist das riesige Grab in der Friedhofskirche in Fischbachau und in der ehemaligen Klosterkirche von Höglwörth, das aber nur alle drei Jahre aufgestellt wird.

Der Passionsfrömmigkeit dienten auch vielerorts Kalvarienberge, auf denen mit drei Kreuzen die Hinrichtungsstätte Christi nachgebaut wurde. Zu den Kalvarienbergen führten Kreuzwegstationen, an denen vorbei die Gläubigen betend hinaufzogen. Bekannt sind die Kalvarienberge in Bad Tölz, in Lenggries und auf dem Kreuzberg in der Rhön.

In Vergessenheit geraten sind auch die einst so beliebten Karfreitagsprozessionen, die an vielen Orten durchgeführt wurden. Erhalten konnte sich dieser religiöse Brauch, der bis auf das Spätmittelalter zurück geht und in der Barockzeit seine größte Blüte erlebte, in der unterfränkischen Stadt Lohr am Main. Hier wird in einer stummen feierlichen Prozession ein großes Kreuz durch die Straßen getragen, gefolgt von den Vertretern und Bürgern der Stadt. Zwei Musikkapellen intonieren Passionschoräle und Trauermärsche. Organisiert wird der seit dem 17. Jahrhundert übliche Umzug von den Handwerkerinnungen als Nachfolger der einstigen Zünfte. Aus dem Brauch der Passionsprozessionen, in denen der Kreuzweg Jesu nachvollzogen wurde, sind auch die Passionsspiele hervorgegangen, die in Erl, Thiersee und 2022 (Verschiebung wegen Pandemie 2020) wieder in Oberammergau abgehalten werden.

Alter Aberglaube

Und auch das gehörte zum Karfreitag: Wie am Palmsonntag und Gründonnerstag ist auch in das Brauchtum des Karfreitags mancherlei Aberglauben eingeflossen, der uns heute unverständlich erscheint. So war es wohl auf die Vorstellung, dass mit dem Karfreitag der Frühling beginnt, zurückzuführen, dass man an diesem Tag mit dem Säen beginnen sollte. Beschnitt man am Karfreitag die Obstbäume, so sollte damit eine gute Ernte gewährleistet sein. Brot, Wasser und Ei waren am Sterbetag Christi besonders heilkräftig.

In der Neumarkter Gegend in der Oberpfalz rupfte man noch vor Sonnenaufgang dem Geflügel drei Federn aus und glaubte, dass dadurch die Tiere vor Fuchs und Habicht geschützt seien. Es sollte auch am Karfreitag kein Brot gebacken werden, denn sonst würde im kommenden Jahr der Regen gänzlich ausbleiben. In der Oberpfalz und in Schwaben durfte man nach altem Volksglauben am Karfreitag keine Haare und auch keine Fingernägel schneiden.

 

Albert Bichler

 

13/2021

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