Jahrgang 2006 Nummer 10

Der steinerne Fußabdruck des hl. Wolfgang

Die St. Wolfgangskirche bei Altenmarkt an der Alz

Die St. Wolfgangskirche – der romanische Bau wurde im Barock umgestaltet.

Die St. Wolfgangskirche – der romanische Bau wurde im Barock umgestaltet.
Der Hochaltar mit dem heiligen Wolfgang in der Mitte.

Der Hochaltar mit dem heiligen Wolfgang in der Mitte.
Der Schlupfstein mit dem Fußabdruck des heiligen Wolfgang.

Der Schlupfstein mit dem Fußabdruck des heiligen Wolfgang.
Heute besuchen wir die zum Kloster Baumburg bei Altenmarkt gehörende Kirche St. Wolfgang. Auf der Bundesstraße 304 von Obing nach Altenmarkt sind wir an der St. Jakobskirche in Rabenden mit ihrem berühmten gotischen Altar vorbeigekommen. Auf der rechten Straßenseite, gleich nach einem Waldstück, entdecken wir auf der Höhe eines Bergrückens den massigen Bau der Wolfgangskirche. Wenn wir uns auf der schmalen Bergstraße der Kirche nähern, kommt uns das Bild einer wehrhaften, durch eine Mauer geschützten Burg in den Sinn. Dem aus massiven Steinquadern gebauten Langhaus schmiegt sich der wuchtige Turm an.

Die schmalen Glockenfenster oben am Turm stören die Einheitlichkeit der Fassade nicht. Sie wirkt ebenso geschlossen wie die von drei kleinen Fenstern unterbrochene Südwand des Langhauses. Im Mittelalter waren Kirchen nicht nur Stätten des Gebetes, sondern boten auch für die meist in einfachen Holzhäusern wohnenden Menschen der Umgebung Schutz und Sicherheit vor Gefahren aller Art. Der dem Turm später aufgesetzt, mit Schindeln gedeckte Turmhelm lässt erkennen, dass St. Wolfgang im Laufe seiner Geschichte vielfach baulichen und stilistischen Änderungen unterworfen war. Der Rundbogenfries am Turm deutet auf einen frühen, noch der Romanik zugehörenden Bau hin.

Da es weder einen Kirchenführer für St. Wolfgang gibt, den die Kirche übrigens längst verdient hätte, und das Archiv des ehemaligen Klosters Baumburg die Säkularisation nicht unbeschädigt überstanden hat, sind die Quellen zur Baugeschichte äußerst spärlich. Dem Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler von Georg Dehio ist zu entnehmen, dass die Wolfgangskirche, die einen romanischen Vorgängerbau aus der 2. Hälfte des 13. Jahrhunderts hatte, im Jahre 1400 geweiht und um 1720 im Barockstil umgestaltet wurde. Die Innenausstattung ist danach ganz dem barocken 18. Jahrhundert zuzuschreiben.

Es bleibt die Frage, warum die Kirche an einem so einsamen, abseits einer größeren Siedlung gelegenen Ort gebaut worden ist. Falls die Mauern einen Friedhof umgrenzt haben sollten, wer hat hier seine Toten begraben? Oder diente die Mauer dazu, die Wehrhaftigkeit der Kirche noch zu unterstreichen? Vielleicht kommen wir den hier interessierenden Fragen in der Jakobskirche von Rabenden ein wenig näher.

Ein dem römischen Kaiser Markus Severus gewidmeter Weihestein in dieser Kirche ist ein Hinweis auf eine römische Siedlung an die in Ost-West-Richtung verlaufende Römerstraße, der im Mittelalter die Salzstraße folgte. Römerstraßen benötigten zu ihrer Sicherung Wachtposten an hierfür geeigneten Stellen im Gelände. Ob in St. Wolfgang eine römische Straßenstation bestand, ist nicht nachgewiesen. Allerdings sind an Standorten römischer Stationen, die ihrerseits mit Altären zur Verehrung von Göttern verbunden waren, später oft christliche Kirchen gebaut worden. Damit sollte der Sieg des Christentums über die alten, heidnischen Götter deutlich gemacht werden.

Eine Antwort auf die Frage nach dem entlegenen Standort der Wolfgangskirche gibt auch die Sage, nach der der hl. Wolfgang auf seiner Reise von Regensburg zum Abersee geradewegs hier vorbeigekommen sein soll, um den Bewohnern den christlichen Glauben zu lehren. An dem legendären Weg des Heiligen von Regensburg zum Wolfgangsee erinnern eine Reihe von Kirchen, die dem Heiligen geweiht sind. Essenbach bei Landshut und St. Wolfgang, wo Ort und Kirche den gleichen Namen tragen, seien hier als Beispiele herausgegriffen.

Die Legende sieht den Heiligen auf seinem Weg ziehen, mit einer Axt den Platz für den Bau einer neuen Kirche lokalisieren und selbst mit Hand anlegen, um den Bau zu vollenden. Die Bilder an der Orgelempore erzählen uns diese Legenden und vermittelten schon den Gläubigen im Barock auch eine Erklärung. Der Teufel ist mit am Werk. Der Heilige gebietet dem Herrn des Bösen Einhalt und veranlasst ihn, wie uns ein Bild zeigt, beim Bau einer Kapelle mitzuhelfen. Der Heilige besiegt so das Böse, das in der Gestalt des Teufels leibhaftig in Erscheinung tritt.

Vielleicht ist es in diesem Zusammenhang von Interesse, die Reise des heiligen Wolfgang auch auf einem historischen Hintergrund zu betrachten. Wolfgang, im schwäbischen Pfullingen um 925 geboren, wurde 972 zum Bischof von Regensburg geweiht. Regensburg war Sitz des bayerischen Herzogs Heinrich, der mit dem Kaiser einen Streit angezettelt hatte, der sich zu einem bewaffneten Konflikt auswuchs. Wolfgang war als Reichsbischof sowohl dem Kaiser wie auch dem Herzog als seinem unmittelbaren Landesherrn zur Treue verpflichtet. Diesem Konflikt entzog sich Wolfgang durch seine auch missionarischen Zwecken dienende Reise zum Abersee, der damals auch zum Regensburger Bistum gehörte.

Nun stehen wir mitten in dem durch die vergrößerten Chorfenster hell erleuchteten Kirchenraum. Wenn uns das äußere Erscheinungsbild der Kirche aus dem frühen 15. Jahrhundert einen schlichten Innenraum erwarten ließ, so überrascht uns das im Barock veränderte Bild. Licht, Farbe und dynamische Formen sind die stilistischen Merkmale, die im 18. Jahrhundert Kirchenräume zum »theatrum sacrum«, zum sakralen Bühnenraum werden ließen, in dem sich die Gläubigen dieser Zeit geborgen fühlten.

Sehen wir uns dazu die über die Decken von Chor und Langhaus gezogenen und symmetrisch angeordneten Stuckornamente an. Da hat der Künstler Blätter und Blüten, wie er sie im Frühjahr und Sommer draußen in der so reizvollen Landschaft zwischen den Seen und vor den Bergen bewundern konnte, in den Kirchenraum hereingeholt. So preist die Natur ihren Schöpfer auch in der Dekoration einer Kirche. Besonders augenfällig wird dieses Anliegen des Künstlers in der Verzierung der beiden Seitenaltäre.

Beide Altäre sind die den Kirchenraum beherrschenden Prinzipien der Parallelität untergeordnet. Eine gedachte, über die Decke gezogene Linie macht deutlich, dass die Zierformen der beiden Seiten einander angeglichen sind. Die dem hl. Antonius von Padua und der hl. Elisabeth geweihten Seitenaltäre zieren in der Mitte Ovalbilder der Heiligen. Hervorgehoben werden die Bilder besonders durch die sie umgebenden Rahmen. Jeweils fünf Putten sind in ein Rankenwerk von Blüten und Blättern eingefügt, die als Ausdruck überschäumender Lebensfreude die Vielfalt der Natur ergänzen. Obwohl der Künstler im Antoniusaltar ein Spiegelbild des Elisabethaltars gegenüber gesehen hat, zeigen die Putten beider Altäre doch höchst individuelle Züge.

Haltung, Aussehen und Gestik der kleinen Engel sind ebenso wie die von ihnen gehaltenen Gegenstände Zeichen der Liebe des Künstlers zum Detail und einer besonders im Barock beliebten, spielerischen Ausdrucksform. So zeugt das Werk von der Individualität seines Schöpfers, die in der Einmaligkeit der Form zeitlose Gültigkeit hat. Übrigens trägt die in ausgewogener Parallelität gestaltete Formenvielfalt wesentlich zu einem harmonischen Gesamteindruck des Kirchenraumes bei.

Strenger Parallelität folgt auch der Aufbau des Hochaltars. Säulen, Engel und Heiligenfiguren der linken Seiten entsprechen denen der rechten. Der hl. Wolfgang auf seinem Thron in der Mitte mit Bischofsstab und einem Kirchenmodell in der Hand entzieht sich der Parallelität, womit seine beherrschende Stellung in dem bühnenartigen Altaraufbau hervorgehoben ist. Die beiden Putten über den Säulen halten eine kleine Kirche bzw. eine Hacke in den Händen. Damit wird auf die Legende hingewiesen, nach der der hl. Wolfgang den Platz für die Gründung einer neuen Kirche durch den Wurf seines Beiles bestimmt hat. Neben den seitlichen Säulen stehen zwei Heilige, die an Mitra und Bischofsstab als der heilige Ruppert mit dem Salzfass auf der linken Seite und als hl. Erasmus zu erkennen sind.

Vor dem Hochaltar ist ein für die Messfeier bestimmter Altartisch aufgebaut. Der Stein unter diesem Altar zeigt eine wulstige Verformung mit einem Loch unter der linken Seitenwand, in der eine halbrunde Öffnung ausgespart ist. Die Wolfgangssage erzählt dazu, dass der Heilige bei seiner Rast seinen Fußabdruck im Stein hinterlassen habe. Ein ebenfalls muldenartig verformter Stein nahe dem Eingang soll ein weiterer Fußabdruck des Heiligen sein. Sagen kommt in der Regel eine aussagekräftige Bedeutung zu. So ist der den Stein verformende Fußabdruck wohl dahin zu deuten, dass die Anwesenheit des Heiligen bei den Menschen einen tiefen, selbst den Stein erweichenden Eindruck hinterlassen hat.

Die seitliche Öffnung in dem Altartisch gilt als Schlupfstein. Ein schlanker Mensch ist in der Lage, in gebückter Haltung durch diese Öffnung zu schlüpfen. So wird die Heilkraft des Steines auf den Menschen übertragen. Vornehmlich im Barock war die körperliche Gegenwart von Heiligen, etwa in ihren zur Schau gestellten Reliquien, ein Ausdruck tiefer Religiosität. Die Gegenwart des verehrten Heiligen musste begreifbar und mit Händen greifbar sein. Die Berührung einer Reliquie und das Schlüpfen durch einen Altarstein über den Fußabdruck des Heiligen sind durchaus vergleichbar.

Natürlich ist mit der Berührung des Steines auch die Erwartung einer Heilung verbunden. Angeblich wurde dem Schlupfstein Heilkraft gegen Kreuzschmerzen und Rheuma zugesprochen. In dem Buch »Sagen aus dem Chiemgau« von Gisela Schinzel-Penth (Ambro Verlag) S. 188 findet sich noch eine andere, interessante Deutung für den Schlupfstein: »In früheren Zeiten galten Schlupfsteine als Zaubersteine, bei denen Menschen beim Hindurchzwängen ihre körperlichen Mängel gleich einer Schlangenhaut abstreifen konnten.« Einen ähnlichen Schlupfstein finden wir übrigens auch in der Krypta der St. Michaelskirche in Bamberg vor dem Grab von Bischof Otto II. ( + 1139 ).

Nach diesen Hintergrund bezogenen Betrachtungen der St. Wolfgangskirche sind wir in den sonnigen Herbsttag hinausgetreten, der uns ein eindrucksvolles Bild dieser von Seen und den Bergen gestalteten Landschaft schenkt. Die Kulisse der Berge am Horizont wird von einer Moor- und Seenlandschaft im Vordergrund begrenzt. Sie hat immer wieder Künstler angezogen, die mit ihren Werken Zeichen ihrer Kunst und Individualität hinterlassen haben. Dazu zählt auch die Kirche St. Wolfgang.

Dieter Dörfler



10/2006