Jahrgang 2021 Nummer 11

Der Prinzregent und seine Zeit

Luitpold beeindruckte als spätberufener Quasi-König sein Volk

Die undatierte Aufnahme zeigt von links Prinz Rupprecht (der spätere Kronprinz), Prinz Luitpold, Prinz Ludwig (der später als Ludwig III. letzte bayerische König) und Prinzregent Luitpold. Luitpold wäre am Freitag 200 Jahre alt geworden.
Blick auf den Münchner Königsplatz mit den Propyläen, aufgenommen im Juni 1892 zur Regierungzeit von Prinzregent Luitpold.
Anlässlich des 200. Geburtstages von Prinzregent Luitpold hat der Freundeskreis des Bayerischen Nationalmuseums den Schmuckdesigner Patrik Muff beauftragt eine Gedenkmünze zu Ehren des Kulturförderers zu gestalten. (Foto: Lenz Mayer/Freundeskreis des Bayerischen Nationalmuseums)

Rehaklinik, Wanderweg, Bier, Gasthof, Hotel, Hütte, Medaille, Wohnheim, Fischerstechen, Stiftung, Straße, Birnenbrand, Lederhose, Theater und – Torte! Für fast alles, was dem Menschen dienlich sein kann, hat er seinen Namen hergegeben, des Königreichs Bayern Verweser, der Großvater Bayerns, die Fleisch gewordene, gute alte Zeit, der Prinzregent Luitpold.

200 Jahre alt wäre des Märchenkönigs Ludwigs II. Nachfolger auf dem bayerischen Thron am Freitag geworden. Er regierte am längsten im Königreich, ohne den Titel König jemals getragen zu haben. Tragisch waren die Umstände, unter denen er, ungeplant, zum Herrscher wurde: Nach dem Tod Ludwigs 1886 und angesichts der Geisteskrankheit von Ludwigs Bruder Otto, der dennoch formal König wurde, übernahm der damals schon im Rentenalter Angekommene das Zepter. Was weiß man heute noch über ihn?

»Er lebte vorher 64 Jahre ein wenig aufregendes Leben«, erzählt Katharina Weigand, Historikerin an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Trotz Karriere im Militär und gelegentlicher Übernahme von Repräsentationsaufgaben sei er vor seiner Regentschaft nie groß aufgefallen, »weil er sich nicht in den Vordergrund drängte«.

In jeder Hinsicht das Gegenteil des »Kini«, gilt Luitpold bis heute als bescheidener, pflichtbewusster, zurückhaltender Mann – zu Recht, wie Weigand findet. Als er starb, waren seine hinterlassenen persönlichen Gegenstände nicht der Rede wert: Porträts zum Verschenken, Zigarren und abgetragene Kleidung. Dennoch konnte er mit dem Hermelinmantel den Herrscher geben, wenn er musste: »Er wusste genau, was die Regeln forderten.«

Zu Luitpolds Zeiten war der König kein Alleinherrscher mehr. Das hätte wohl auch nicht zu seinem Selbstverständnis gepasst. Er regierte die meiste Zeit mit liberalen Ministern. »Er war kein so harscher Konservativer wie sein Vater in seinen späten Jahren«, urteilt Weigand. Zeitgenossen wie Philipp Graf zu Eulenburg charakterisierten ihn – im Zusammenhang mit der Krise um Ludwig II. – als Mann, »dem es an Energie fehlt und dessen Unsicherheit sich dem Ministerium mitteilt«. Dennoch sei es Luitpolds Verdienst, nach den Schuldeneskapaden und dem mysteriösen Tod von Ludwig II., Bayern vor dem Auseinanderbrechen bewahrt zu haben, findet Weigand. Trotz seines hohen Alters (er starb 1912 mit 91 Jahren) eröffnete er die Wiesn, reiste im Land umher, »klapperte Bayern ab, um die Krone wieder sichtbar zu machen«. Und er konnte gut repräsentieren, machte sogar neben dem Kaiser bella figura.

Luitpold war passionierter Jäger. Und er ließ sich, anders als andere gekrönte Häupter, das Wild nicht abschussbereit vor die Flinte treiben, sondern ging auf die Pirsch, Mann gegen Tier. »Im höchsten Alter hat man ihn auf Mulis in die Berge getragen«, schmunzelt Weigand. Die Kunst, vor allem die Malerei, war Luitpolds zweite Liebe. Er hatte beste Kontakte und förderte die Künstler etwa durch Besuche, mit denen er auf sie aufmerksam machte, wie Weigand berichtet. Auch dabei zeigte er sich nicht als nostalgischer Opatyp und setzte auf damals moderne Maler wie etwa Lovis Corinth.

Mit seiner Förderung der Kunst förderte er auch München. Der Jugendstil, benannt nach der seit 1896 in München erscheinenden Zeitschrift »Jugend«, kam in Mode, Schwabing wurde zum Zentrum der Bohème, das Bayerische Nationalmuseum wurde eingeweiht und von ihm eröffnet, die Münchner Sezession gegründet, das Deutsche Theater, die Kammerspiele, und Thomas Mann, demzufolge München leuchtete, schrieb die »Buddenbrooks«. Das »Kunst-Gen« der Wittelsbacher zeige sich auch in Luitpold, urteilt Weigand.

Schon zu Lebzeiten war Luitpold extrem beliebt, das zeigen künstlerisch ausgefeilte Grußadressen zu seinem Geburtstag und die Feierlichkeiten zu seinem Ehrentag. Diese werden im Sommer in einer Ausstellung im Nationalmuseum gezeigt. Zur Verklärung seiner als der guten alten Zeit trägt auch sein Tod im passenden Moment bei: Nach ihm kamen der Krieg und das Ende der Monarchie durch die Abdankung seines schmucklosen Sohns Ludwigs III.

Was bleibt? Die Prinzregententorte etwa, die immerhin ihre eigene Webseite beim Haus der Bayerischen Geschichte hat und mit ihren acht Schichten die damaligen acht Regierungsbezirke verkörpern soll. Das Münchner Café Luitpold, zu dessen Namensgebung der hohe Herr persönlich seine Zustimmung gab. Die Hoflieferanten, die heute noch auf die von Luitpold verliehenen Titel verweisen, wie der Schuhmachermeister Ed.Meier an der Brienner Straße oder das Lederwarenunternehmen Roeckl.

In Filmen wie den 60er-JahreKomödien »Lausbubengeschichten« nach Ludwig Thoma lebt die Ära Luitpold weiter oder in Fernsehserien wie »Königlich Bayerisches Amtsgericht«, die sie vor einem halben Jahrhundert so beschwor: »Es war eine liebe Zeit, die gute alte Zeit vor anno 14. In Bayern gleich gar. Damals hat noch Seine Königliche Hoheit der Herr Prinzregent regiert, ein kunstsinniger Monarch. Denn der König war schwermütig. Das Bier war noch dunkel, die Menschen war'n typisch, die Burschen schneidig...« Kein Wunder, dass er unvergessen ist, der Luitpold.

 

Martina Scheffler

 

11/2021

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