Jahrgang 2006 Nummer 25

Der Name »Rupertiwinkel« erinnert an den hl. Rupert

Ab den 16. Juni 1814 durfte man den Rupertustag wieder feiern

Kaum ein anderer Heiliger ist im südostbayerischen Raum derart im Gedächtnis der Menschen verwurzelt, wie der erste Abt und Bischof von St. Peter zu Salzburg. Hrodbert, so steht sein Name in der Notitia Arnonis. Hrodbert wird auf die doppelstämmige deutsche Namensbildung Hrod und Bercht zurückgeführt. Hrod – hrotegis bedeutete im Gotischen Ruhm oder siegreich. Unter Bercht verstand man im Althochdeutschen berath – glänzend, berühmt. Somit bedeutet Rupert »Der Ruhmglänzende«.

»Angekommen zur Zeit Childeberts, des Königs der Franken, und zwar im zweiten Jahre seiner Königsherrschaft, wirkte der heilige und gläubige Bekenner Christi, Rupert, in der Stadt Worms als Bischof. Er stammte aus einem vornehmen, königlichen Geschlecht der Franken, war aber noch vornehmer durch den Glauben und seine Frömmigkeit«.

Der Wirkungskreis dieses Missionsbischofs ist abgesteckt auf Abbildungen und mit Plastiken in zahlreichen Kirchen und Klöstern unserer unmittelbaren Heimat. Sofort erkennbar ist der Schutzpatron der Salzknappen durch seine Beifügung, das Salzfass. Viele Bilder, so auch ein Gemälde in der Sakristei im Dom zu Salzburg, zeigen den hl. Rupert bei der Taufe des Bayernherzogs. Nach der Überlieferung soll er den Herzog im Christentum unterrichtet und ihn zu Regensburg »im großen Turm auf dem Kornmarkt« getauft haben.

Rupert, Hruodperth oder auch Rudpert geschrieben, war in Worms Diözesan- oder Chorbischof. Er wurde vom Bayernherzog Theodo um das Jahr 696 mit der Missionierung unserer Heimat beauftragt. Vom Bayernherzog erhielt der Adelsheilige vom Rhein hervorragende Vollmachten für den Wiederaufbau der von den Römern verlassenen Stadt Juvavum. Vom Herzog zudem mit Ländereien, zahlreichen zinspflichtigen Gütern, Mühlen, Wäldern und Salzpfannen zu Reichenhall reich beschenkt, war er mit der wirtschaftlichen Grundlage zur Gründung des Klosters und Herrenhofes St. Peter am Fuße des Mönchsberges ausgestattet. Mit diesem Besitz konnte Rupert den vollkommen verfallenen, mit Wald und Ruinen bedeckten ehemaligen römischen Verwaltungssitz wieder aufbauen, ausgestattet mit den Einkünften wurde das älteste Kloster im deutschen Sprachraum zu einem zentralen Ort der Christianisierung ausgebaut. Es bildete bereits ab dieser Zeit das Fundament zum späteren Landesausbau und zur Landeshoheit Salzburgs.

Der erste Bischof und Abt von Salzburg zog hinaus auf das Land um zu predigen und zu taufen. Er baute Kirchen und gründete Klöster. Er hatte die »Götzentempel« zu Regensburg und Altötting in christliche Kapellen umgewandelt und weihte sie zu Ehren der Gottesmutter. Darum wird der hl. Rupert auch manchmal mit dem Modell der Altöttinger Gnadenkapelle dargestellt.

Seine Nichte Erintrudis entsagte »auf seinen Wunsch gleichsam dem Glanz und Genüssen dieser Welt« und errichtete das Frauenkloster Nonnberg. Die gegründeten Klöster und Zellen wie Zell im Pinzgau, Zell am Wallersee und zu Bischofshofen wurden nicht nur Ausgangspunkte für die Mission, sondern zugleich durch Urbarmachung und Rodung kulturelle und wirtschaftliche Zentren. Besonders durch sein schöpferisches Wirken kam Rupert am Herzogshof zu Regensburg zu hohem Ansehen. Er verbreitete ja nicht nur das Christentum, sondern er verstand auch die Förderung des Salzbergbaus und Salzhandels. Noch rund tausend Jahre später schreiben die Bayernherzöge in iher Salzausgangsordnung 1520: »Nachdem das Salzärzt, Salzhandel und Salzstraß im Herzogtum Ober- und Niederbayern die rechte Schatzkammer ist, daraus all ander gemeine (gewöhnliche) Kaufmanns-Gewerb und Hantierung in Bayern, besonders mit Wein und Getreid ihren Ursprung und Gegenladung haben ...« Zudem waren damals die Klöster und Kirchen nicht nur Kulturträger, sondern die einzige Herrschaft, die wirtschaftliche und künstlerische Tätigkeiten förderte. Durch Zukauf von Gütern wie durch umfangreiche Schenkungen der bayerischen Herzöge vermehrte sich der Besitz der Salzburger Kirche. In den Genuss der Erlöse aus dem aufblühenden Salzhandel kamen im Laufe der Zeit durch weitere erzbischöfliche wie herzogliche Schenkungen viele geistliche Hochstifte, so Bamberg, die Klöster St. Peter, Nonnberg, Berchtesgaden, Herrenchiemsee und Niederaltaich. Somit verdankte Salzburg und der südostbayerische Raum damals seinen wirtschaftlichen Aufschwung vor allem seinem ersten Bischof. Wann das so segensreiche Wirken Ruperts zu Ende ging, ist nicht ganz sicher überliefert. Nach einer Überlieferung soll er 42 Jahre gewirkt haben und an einem Ostersonntag im Jahre 718 gestorben sein.

Noch gab es damals keine zentrale bayerische Kirchenverwaltung. Dies gelang erst im Jahre 739 dem hl. Bonifatius, indem er, vom Herzog Odilo (um 736-748) eingeladen, Bayern in vier Sprengel teilte: Regensburg, Freising, Passau und Salzburg.

Hätte der Herzog Odilo damals seinen Regierungssitz von Regensburg in den damaligen Mittelpunkt von Bayern, nach Salzburg verlegt, gäbe es wohl ein anderes bayerisches Territorium. Die Diözese Salzburg reichte damals von den Quellen der Vils nördlich des Inn bis zur Zillermündung nach Jenbach und stützte sich auf die Stammeszugehörigkeit. Die Zillermündung bildet noch heute die Trennung des Inn-Salzach-Hauses vom fränkischen Giebelbau. Im Südosten und teilweise im Osten gab es keine Grenzen, hier war offenes Missionsgebiet.

Die Verehrung des hl. Rupert begann sehr früh. Als auf Empfehlung des Frankenkönigs Pippin der Iroschotte St. Virgil (745-784), genannt der Geometer, Vorsteher der Salzburger Kirche wurde, erbaute er den Dom zu Salzburg. Am 24. September 774 erfolgte die Weihe. Zugleich wurden vom hl. Virgil die Gebeine des hl. Rupert in den Dom überführt. Seit dieser Zeit wurde Rupert als Heiliger verehrt. Eine besondere Verehrung wurde ihm all die Jahrhunderte bis zur heutigen Zeit durch die Salzbergleute entgegen gebracht. Wir finden daher im südostbayerischen, besonders im Rupertiwinkel, immer wieder in Kirchen und Kapellen den Schutzpatron Salzburgs dargestellt in bischöflicher Gewandung, Mitra, Hirtenstab und Salzfass in der Hand. In Salzburg wie im Rupertiwinkel wird seines Todestages, am 27. März (718 ?) gedacht. Anlässlich der Überführung in den Dom wird der 24. September als Rupertitag gefeiert.

Unter der straffen Hand des bayerischen Ministers Graf von Montgelas wurde Bayern und seine neu erworbenen Gebiete durch zentralistische Maßnahmen neu eingeteilt. König Max Joseph, im Vollgefühl seiner durch Napoleons Gnaden errungenen Souveränität, hatte am 1. Mai 1808 alle ständischen Korporationen im Königreich aufgehoben. Im gleichen Jahr begann aber eine »Wiederbelebung der Gemeinde-Körper durch die Wiedergabe der Verwaltung der ihr Wohl zunächst berührenden Angelegenheiten« (Bayerische Verfassung 1818/6) Dass die Gemeinden zu Beginn ihrer »Selbstverwaltung« noch unter starkem Kuratel der »Aufsichtsbehörden« standen, ist darauf zurückzuführen, dass nach der Säkularisation ein Vakuum an Lehr- und Fachkräften vorhanden war. Plötzlich sahen sich die Bauern wieder vor Aufgaben gestellt, die man ihnen Jahrhunderte hindurch vorenthalten hatte. Mit dem Gemeindeedikt von 1808 wurden zum Aufbau der Gebietskörperschaften Steuerdistrikte geschaffen, deren Einteilung zugleich als Grundlage für die geometrische Landesvermessung und zur Gemeindeformation dienten. Die ersten Landesvermessungen in unseren damaligen Steuerdistrikten waren am 21. September 1824 abgeschlossen, wegen fehlerhafter Ausführung wurde diese Vermessung 1852 wiederholt. Die Neugliederung der Gemeinden war längst abgeschlossen, doch bis zur Ausstattung der Kommunen mit der Selbstverwaltung und dem Aufgabenbereich der heutigen Gemeinden vergingen noch rund 150 Jahre.

Nach der Auflösung der Pfleggerichte orientierte man sich bei der Neubildung der Gemeinden im wesentlichen an der alten Vierteleinteilung. Die damalige Gemeindegliederung hatte sich zum größten Teil bis zur letzten Gebietsreform erhalten. Bei der ersten Einteilung der Steuerdistrikte im Bereich des ehemaligen Pfleggerichtes Staufeneck, des südlichen Teils vom Rupertiwinkel, wurden die Gemeinden Ainring, Anger-Stoißberg, Högl und Piding dem Landgericht Teisendorf zugeordnet, das am 9. Januar 1811 mit seinen 65 Ortschaften und den neu angegliederten 84 Orten aus dem ehemaligen Gericht Waging, das aus dem Markt und 12 Vierteln bestand, seine Verwaltungstätigkeit aufnahm. Wenige Jahre später erfolgte eine Umgliederung: Die alte Schifferstadt Laufen wurde zum »zentralen Ort« bestimmt. Der Rupertiwinkel, der bis dorthin verwaltungsmäßig zum Salzachkreis gehört hatte, wurde dem Isarkreis zugeordnet. Daraus ergab sich aus den ehemaligen salzburgischen Pfleggerichten, Laufen, Tittmoning, Teisendorf, Waging und Staufeneck, der geographische Begriff Rupertiwinkel.

Die neuentstandenen Kirchenprovinzen, Dekanate und Pfarreien erforderten damals auch eine Neuordnung zwischen dem Hl. Stuhl und der Staatsgewalt. Für das Königreich Bayern wurden die Verträge zwischen dem Vatikan und Bayern über die kirchliche Organisation des Landes im Rahmen der Zirkumskriptionsbulle vom 1. 4. 1818 festgelegt, die am 23. 9. 1821 publiziert wurde. Zuerst wurden diese altsalzburgischen Pfarreien dem Bistum Passau einverleibt und erst durch eine Korrektur vom 5. Oktober 1821 dem Erzbistum München-Freising zugeteilt.

Im Land Salzburg, wie in den ehemaligen altsalzburgischen Gemeinden, wurde der 24. September als Feiertag des Salzpatrons Rupertus begangen, nicht im bayerischen Reichenhall und nicht im ehemaligen Reichstift Berchtesgaden. Als damals die Gebiete des ehemaligen Landkreises Laufen mit den Gemeinden Anger, Aufham, Högl und Piding zur Krone Bayerns kamen, von 1810 bis 1816 stand Salzburg unter bayerischer Herrschaft, Kronprinz Rudolf residierte im Schloss Mirabell, ersuchten diese Pfarreien im Bistum Passau um eine Sondergenehmigung zur Abhaltung einer hl. Messe zum Andenken an den hl. Rupert. Eigentlich hat nach 1820 der heute oft missbräuchliche Begriff »Rupertiwinkel« sehr spät Eingang in Sprache und Schrifttum gefunden. Diese Bezeichnung wurde erst einige Jahre nach der Abdankung des letzten geistlichen Landesfürsten und 74. Nachfolgers des hl. Rupert, Erzbischof Hieronymus Graf von Colloredo, geboren.

Bereis vor der endgültigen Abtrennung dieser altsalzburgischen Gemeinden an die Krone Bayerns, durften auf ihr Bitten »ab den 16. Juni 1814, diese altsalzburgischen Pfarreien den Rupertustag wieder feiern, jedoch wenn er nicht Kirchenpatron ist, nur unter ausdrücklicher Beschränkung auf den Kirchengottesdienst und ohne Spur eines Feiertags außer der Kirche«. Es war den Pfarrherren klar, dass sie wohl keinen weltlichen Feiertag mehr bekommen würden, doch von Passau aus gesehen machte man dem »Winkel« des Restes aus dem Erzstift Salzburg, in Erinnerung an den hl. Rupert, eben dem Rupertiwinkel, das Zugeständnis eines eigenen Messblatteindruckes« und somit überkam auf uns der Name Rupertiwinkel.

Der Grenzverlauf zwischen dem Land Salzburg und dem Rupertiwinkel ist im wesentlichen auf den »Vertrag zwischen seiner Majestät dem König von Bayern und seiner Majestät des Kaisers von Österreich, geschlossen zu München, den 14. April 1816 zurückzuführen«. Bayern hatte damals auf Druck der Großmächte Salzburg gegen die Pfalz eingetauscht. (Geh.StA MÜ Ma I 249) Am 1. Mai 1816 wurde an der Salzburger Residenz das bayerische Wappen abgenommen und der österreichische Doppeladler aufgezogen.

Max Wieser



25/2006