Jahrgang 2005 Nummer 38

Der Minnesänger Tannhäuser

War er eine Fantasie-Gestalt oder Sohn unserer Heimat?

Tannhäuser-Broncefigur auf dem Brunnen am Siegsdorfer Rathausplatz

Tannhäuser-Broncefigur auf dem Brunnen am Siegsdorfer Rathausplatz
Tannhäuser als Büßer auf dem Rückweg von Rom nach Bergen.

Tannhäuser als Büßer auf dem Rückweg von Rom nach Bergen.
Legendäre Tannhäuserdarstellung mit Instrument (war auch die Vorlage für den Tannhäuser-Brunnen am Rathausplatz in Siegsdorf).

Legendäre Tannhäuserdarstellung mit Instrument (war auch die Vorlage für den Tannhäuser-Brunnen am Rathausplatz in Siegsdorf).
Wollte ich an dieser Stelle sämtliche heute bekannten (vielfach sehr unterschiedlichen) Berichte über oder zur Tannhäuser-Sage erwähnen oder berücksichtigen, dann wäre dies kein wenige Seiten umfassender Text geworden, sondern ein Buch. Es wäre deshalb vermessen, in dieser Kurzfassung eine wissenschaftlich fundierte und abschließende Beurteilung sehen zu wollen.

Und eines muss auch noch vorausgeschickt werden: Jeder letztendlichen Herkunftsbehauptung fehlt der sichere Beweis. Und deshalb sprechen wir landläufig auch von der Tannhäuser-Sage, insbesonders was seine Bußwanderung nach Rom und zurück anbetrifft. Allerdings besteht kein Zweifel, dass es den Minnesänger Tannhäuser und seinen unruhigen Lebenswandel gegeben hat; mit Schmunzeln bedacht werden dürfen dabei aber auch die humorvollen, lebenslustigen bis schaurigen Ge-schichten um den Sänger.

Vielleicht eingangs noch die Darlegung, was »Minnesänger« eigentlich bedeutet: Das Wort »Minne« ist eine altdeutsche Fassung des Wortes Liebe; damit ist der Begriff selbst wohl auch schon erläutert. Vor einer ritterlichen Gesellschaft besang der Minnesänger als Dichter, Komponist und Vortragender in kunstvoll geformten Liedern seine nie erhörte Liebe zu einer hohen Herrin. Die Blütezeit des Minnegesangs war etwa die Zeit zwischen 1200 und 1500 n.Chr.

Wohl zählt Tannhäuser heute mit zu den bekanntesten Minnesänger-Gestalten des Mittelalters, doch wäre es vermessen, ihn mit den renommierten Namen wie Wolfram von Eschenbach oder Walther von der Vogelweide auf eine Stufe zu stellen. Vielmehr wurde er immer der Zweitklassigkeit zugeordnet, nicht zuletzt deswegen, weil er oftmals seine Minne-Lieder nicht so umschweifend, sondern eher »ungeschminkt zum Ausdruck brachte«. Diese Sprache verstand aber auch »das Volk«. Sein Leben war ein stetiges Auf und Ab, aber auch mit vielen Fehlern behaftet, und dies hat er auch unumwunden zugegeben; viele der überlieferten Lieder bezeugen seine Probleme und lassen auch seinen unsteten Lebenswandel erkennen, immer auf der Suche nach nur den angenehmen und bequemen Seiten des Lebens, und ganz besonders der Weiblichkeit angetan.

Diese »menschlichen Schwächen« waren für das »gemeine Volk« ideale Voraussetzungen, um ihm nachzueifern oder Vorbildsfunktionen zu erkennen. Und schließlich nahm sich Tannhäuser auch kein Blatt vor den Mund, wenn es um die Anprangerung von Missständen oder die Anpreisung der angenehmen Seiten des Lebens ging – wiederum besonders im Hinblick auf das weibliche Geschlecht. Lebenslustige Ausschweifungen waren seinerzeit wohl hinter dicken Festungs- oder Schlossmauern den besser gestellten Persönlichkeiten nichts Neues, doch dem niedrigen Volk blieben »die schönen Künste und angenehmen Seiten des Lebens« nicht zuletzt wegen ärmlichsten und oftmals ausbeuterischen Verhältnissen versagt. Dem einfachen arbeitenden Fußvolk war vielfach als Sünde verpöhnt, was am Hofe zum selbstverständlichen Vergnügen gehörte.

Nicht selten kam es aber anscheinend dazu, dass diese Lieder, bekannt im ganzen deutsch-sprachigen Raum seiner Zeit, später auch noch ergänzt oder abgeändert worden sind, so dass in vielen Fällen nicht mehr klar erkennbar wurde, was an Originaltexten überliefert worden ist und was aus einer »Erweiterungs-Dichtung« bestand. Und dies gilt vermutlich, zumindest teilweise, auch für die Überlieferung seiner Episoden und Eskapaden. So trieb das »Drum herum« um die Tannhäuser-Erzählungen teilweise wahre Blüten.

Zweifelsfrei war Tannhäuser aber ein unruhiger Zeitgenosse, den es von Burg zu Burg, von Fest zu Fest zog, und dies über weit verstreute Landstriche. Weder Geburts- noch Sterbeort sind nachweislich bekannt; doch dürfte er kurz nach 1200 geboren worden sein und bis ca. 1270 gelebt haben. Kaum ein Minnesänger wird dabei so reiselustig gewesen sein wie Tannhäuser. Neben den deutschen Landen fanden seine Einsätze auch in den heutigen Gebieten von Italien, Österreich, Schweiz, Frankreich, Belgien und Dänemark statt, und so verwundert es nicht, dass »seine Geschichte« wohl weit im mitteleuropäischen Raum verbreitet war und ist.

Schließlich zieht es ihn durch eine Beteiligung an einem Kreuzzug 1228/1229 unter Kaiser Friedrich II. bis ins heilige Land und weiter führt seine Spur nach Ägypten und Syrien; von dieser Reise berichtet er über die in Seenot geratene Flotte bei Kreta.

In sehr unterschiedlichen Berichten taucht Tannhäuser später wieder auf am Hofe des Wittelsbacher Herzogs in Niederbayern; unter Otto II. auf der Trausnitz bei Landshut schien es ihm eine gewisse Zeit sehr gut zu ergehen. Diese angenehmen Jahre enden jäh durch den Tod Ottos im Jahre 1242. Doch er findet erneut donauabwärts bei Wien mit Fürst »Friedrich dem Streitbaren« einen Gönner, der der Lebenslust Tannhäusers zugetan ist und ihn verwöhnt. Hier gibt es wieder ein Leben in Saus und Braus, bei Jagd, Wein, Schleckereien und schönen Frauen. Wieder einmal erhält er auch eigenen Landbesitz. Doch 1246 fällt Friedrich im Kampf gegen Ungarn, und damit verschlechtert sich schlagartig auch für Tannhäuser erneut die Situation, denn offensichtlich frisst sein Lebenswandel in kürzester Zeit die Besitzungen auf. Mit Ironie und zweifelhaftem Humor berichtet er auch über diese Situation in seinen Liedern.

Dies waren ganz bestimmt nicht alle Orte, wo es Tannhäuer vorübergehend festhielt. Wahrscheinlich waren es beinahe unzählig viele Stationen bei Kaisern, Fürsten, Herzögen und Pröbsten usw., die ihm wohlgesonnen waren und ihn für eine gewisse Zeit zur Unterhaltung ihres Hofes aufnahmen. Spätestens ab 1266 verlieren sich die nachweislichen Spuren Tannhäusers.

Doch die Lieder des alternden Minnesängers werden fortan auch nicht mehr vorrangig am Hofe vorgetragen, sondern nur allzu gern bei primitiven Gelagen lauthals gegrölt, und das weit über Tannhäusers Lebzeiten hinaus.

In der Mitte des 2. Jahrtausends herrschte in deutschen Landen geradezu eine »Venusbergfaszination«. Die Liebesgöttin Venus schien dabei hervorragend in Tannhäusers Ausschweifungen zu passen. Das Volk malte sich lebhaft die tollsten Erlebnisse dazu aus; dann aber wurde man doch auch wieder von Gewissensbissen geplagt und so gestand man auch Tannhäuser die religiöse Reue zu.

Das könnte einer der Grundgedanken sein, wie es zu den Ausschmückungen der Tannhäuser-Geschichten- bzw. – sagen kam.

Den Anspruch, den Venusberg zu beheimaten, in dem also die süße Sünde ihre Regentschaft führt, erheben Gebiete von Mittel-Italien über die Schweiz bis in den Norden der deutschen Gaue; der Fantasie waren dabei keine Grenzen gesetzt.

Ein Normalsterblicher schaffte es eigentlich nie, in den Venusberg zu gelangen und schon gar nicht mehr heraus, einzig und allein Tannhäuser, so erzählt man sich, hat die Flucht geschafft, um Buße zu tun für sein sündhaftes Leben im Venusberg. Aber auch dies bedurfte großer Anstrengungen, um den Verlockungen der Venus und ihrer Gespielinnen zu entrinnen. Dann aber konnte doch keiner der Priester und Bischöfe ihm die Absolution erteilen – nur der Papst höchstpersönlich. Damit gewann das Leiden Tannhäusers an Dramaturgie.

Nachdem ihn aber auch der Papst in Rom nicht von der Sünde freisprach (»denn so wenig es möglich ist, dass dieser dürre Pilger-Stock, den ich in Händen halt, noch einmal ergrünen wird«, so Papst Urban IV. (1261-1264), »so unwahrscheinlich ist, dass Gott dir deine Sünden vergibt«), zieht er enttäuscht von dannen. Einer der überlieferten Berichte erzählt, dass der Stab in den Händen des Papstes kurz darauf doch wieder zu grünen begann und er daraufhin den Sünder hat suchen lassen; die Erlösungsnachricht für Tannhäuser hat ihn aber nicht mehr erreicht, denn er befand sich schon wieder (auf ewig) im Berge und im Schoße von Venus.

Der Chiemgau aber hat seine eigene Version über die Geschichte Tannhäusers:

In dem kleinen Dorf Tann am Tannberg (jetzt Untersiegdorf) lag in Osterham das Bauerngütl der Dannhuser. Der jüngere Sohn des Bauern ist mit 15 Jahren durchgebrannt und wurde nach einigen Eskapaden und liederlichem Leben schließlich Dichter und Reimer, alsdann Minnesänger. Am Rande von Tann lag am Fuße des Lichtsbergs (= Liebesberg, Venusberg) der Venusberger Hof. Dieses Venusberger Anwesen ist tatsächlich in Apians Topografie bereits seit dem Jahre 1566 nachgewiesen. Dort versündigte sich Tannhäuser später an den beiden verheirateten Töchtern des Venusbergers. Diese Tat würde nun nach der Todesstrafe rufen. Kein Priester, kein Kardinal konnte ihn von dieser Sünde befreien. So pilgerte er nach Rom, um von Papst Urban IV. (1261-1264) die Absolution zu erhalten. Im Gegensatz zu den landesweit bekannteren Versionen ist die Chiemgauer Fassung diplomatischer. Ob dem Sünder Vergebung erteilt wird, überließ Papst Urban allein dem Herrgott. Mit den Worten »Nimb hin den Stain vor deine Bues, der dier an Hals stehts hangen mues« wird vor dem Papst dem Sünder zur Buße mit Ketten ein schwerer Stein um den Hals geschmiedet, den er über die Alpen nach Hause zu tragen hat.

Total erschöpft erreicht er bei seiner Rückkehr ins Trauntal den Weiler Pletschach bei Bergen; und beim Anblick des dortigen Ägidiuskirchleins löst sich auf wundersame Weise die Kette und Tannhäuser ist von Schuld und Sünde frei.

Einige Gemälde und der Stein an der Kette zeugten in der alten Bergener Kirche von der Pilgerschaft. Leider nur noch ein kleiner Rest davon konnte später wieder aufgefunden und in die heutige Bergener Kirche übernommen werden.

Heinrich Heine, der 1836 die Geschichte Tannhäusers in einem Gedicht eigener Fassung zu Papier gebracht hat, nennt diese Geschichte »eine Legende«.

Richard Wagner schildert dramatisch anschaulich in seiner Oper »Tannhäuser« auch das Innere des Venusberges und bezieht sich dabei auf den Hörselberg bei Eisenach in Thüringen. Hier verführte Tannhäuser die liebliche Elisabeth, eine Nichte des Landgrafen Hermann von Thüringen, Herrscher auf der Wartburg. Dann aber ließ er sie sitzen, weil er vorübergehend zur Venus in den Hörselberg ging. Später beginnt auch hier die Geschichte mit dem Bußgang nach Rom.

Heimatforscher Max Fürst/Traunstein kommt zu Beginn des vorigen Jahrhunderts zu der Ansicht, dass aufgrund der vielen verbalen Anhaltspunkte die Vermutung sehr ernsthaft diskutiert und weiterverfolgt werden muss, ob nicht doch Tannhäusers Heimat im Trauntal zu suchen sei. Demgegenüber erzürnte sich der Historiker Prof. Dr. Sepp geradezu, wenn diese Theorie in Zweifel gestellt wurde. So war er denn auch zu tiefst enttäuscht, dass man in Traunstein beim Bau eines Monumentalbrunnen 1894 nicht seinem Vorschlag der Verwirklichung eines Tannhäuserbrunnens gefolgt ist. Auch ein alsdann erneut angestrebter Anlauf einiger Gönner in Bad Adelholzen ließ sich nicht realisieren.

In einem für unsere Verhältnisse und der damaligen Zeit unwahrscheinlichen Aufwand inszenierte die Siegsdorfer Bevölkerung im Jahre 1950 das Festspiel »die Tannhäuser-Sage« (nachdem 1934 diese Idee bereits einmal verworfen wurde), geschrieben von dem Siegsdorfer Schreiner und Glaser Hans Pointner und bühnenreif bearbeitet von Hanns Beck-Gaden. Nahezu ausschließlich Siegsdorfer Laienspieler waren es, die dieses aufwendige Stück im professionell umgebauten Festsaal in der Alten Post als ersten kulturellen Höhepunkt nach dem schrecklichen 2. Weltkrieg zur Aufführung brachten. Mit Schuldscheinverschreibungen wurde das Projekt vorfinanziert, eine kühne Entscheidung in einer noch sehr ärmlichen Zeit.

Als im Jahre 1987 in Siegsdorf das neue Dorfzentrum kurz vor der Vollendung stand, tauchte noch die Frage auf, wie ein nun vom Staat in Verbindung mit dem genehmigten Bauwerk zur Auflage gemachtes Kunstwerk auszusehen habe. Nach ausführlicher Information und Debatte im Gemeinderat einigte man sich mehrheitlich, dem Minnesänger Thannhäuser (im letzten Jahrhundert schlich sich hier die Schreibweise mit »Th« ein), den man seit vielen Jahrzehnten irgendwie mit Siegsdorf in Beziehung brachte, ein Denkmal zu setzen. Die junge Siegsdorfer Künstlerin Karin Wein bekam den Auftrag, Thannhäuser mit einer Lyra auf dem neuen Dorfbrunnen in Lebensgröße zu entwerfen und in Bronce gießen zu lassen, was dann auch geschah. Damit hat nun auch dieser Minnesänger endgültig sein Denkmal – und zwar in Siegsdorf.

Nahezu unzählige Schriftsteller, Geschichts- und Heimatforscher versuchten die Herkunft Tannhäusers zu begründen. Immer und immer wieder wird nach Hof- und Flurnamen, nach Geschlechtern und Vorfahren gesucht, von denen sich die verschiedensten Schreibweisen des Tannhäuser ableiten ließen. Doch wenn man ehrlich ist: über mehr oder weniger begründete Vermutungen kommt keine der Feststellungen hinaus.

Was den Chiemgau und speziell Siegsdorf auf die Heimat Tannhäusers pochen lässt, sind die ungewöhnlich vielen auf engstem Raum vorkommenden Bezugsnamen zur Lebensweise und Sage Tannhäusers (allein 15 auf diese Geschichte passende Begriffe in der Gemeinde Siegsdorf).

HS



38/2005