Jahrgang 2002 Nummer 45

Der Malteser-Orden und seine 900-jährige Geschichte

Ausstellung »Malteser – gestern und heute« in der Alten Wache im Traunsteiner Rathaus

Der Selige Bruder Gerhard, der 1099 das »Hospital vom Orden des Heiligen Johannes von Jerusalem« gegründet hatte und der 1113 vo

Der Selige Bruder Gerhard, der 1099 das »Hospital vom Orden des Heiligen Johannes von Jerusalem« gegründet hatte und der 1113 vom Papst Paschalis II die Anerkennung des international tätigen Ordens erhielt.
Raimund von Le Puy war der Nachfolger von Bruder Gerhard. Er formulierte die ersten Ordensregeln und trat dafür ein, das sich de

Raimund von Le Puy war der Nachfolger von Bruder Gerhard. Er formulierte die ersten Ordensregeln und trat dafür ein, das sich der Malteser-Orden neben der eigentlichen Aufgabe dem »Herren Kranken« zu dienen auch militärisch organisierte, um die Pilger und Pilgerwege zu schützen.
Der Malteser-Orden – mit vollem Namen: »Souveräner Ritter- und Hospitalorden vom Heiligen Johannes zu Jerusalem, genannt von Rhodos, genannt von Malta« ist eine der merkwürdigsten Erscheinungen in der Kulturgeschichte der Menschheit: Zum einen ist er eine Organisation, die auf Freiwilligkeit aufgebaut ist, aber zugleich von ihren Mitgliedern unbedingten Gehorsam verlangt, andererseits ein Ritterorden, der die bestgeschulten Kämpfer der Kreuzzüge hervorbrachte, die jedoch bei Kampfesruhe die Mönchskutte überzogen und sich der Krankenpflege widmeten. »Diener der Kranken und Armen« zu sein, dieser Aufgabe verschrieben sich die Söhne des Adels, die das Gelübde der Armut auf sich nahmen. Diese Widersprüche lassen sich nur verstehen, wenn man versucht, sich in die Geisteshaltung das Mittelalters zu versetzen und sich den religiösen Eifer der Kreuzzüge vor Augen führt.

Die Ritter und ihr Gefolge waren nach monatelangem Marsch voller Entbehrung erschöpft und teilweise schwer verwundet mehr oder weniger auf sich selbst angewiesen. Ärztliche Hilfe gab es kaum. Wer sich nicht selbst helfen konnte, starb. Ein Hospital, das Pilger und Kreuzfahrer aufnahm, pflegte und versorgte, war eine Besonderheit. Doch ein solches gab es in Jerusalem und es könnte nach der Reisebeschreibung eines Mönches namens Bernhard schon um 870 existiert haben. Er berichtet, dass dort »ein Hospital des glorreichen Kaisers Karl bestanden habe, in dem alle aufgenommen wurden, die als Pilger Jerusalem aufsuchten.« Zu der Zeit als sich die Kreuzzugsheere der Heiligen Stadt näherten (1095-1099), war ein Benediktinermönch namens Gerhard der Verwalter eines Hospitals und Hospizes für Pilger. Gerhard gestaltete das Hospital 1099 völlig um, was einer Neugründung gleichkam. Der Mönch stammte aus Amalfi, einer Stadt, die im 8. Jahrhundert sowohl vom Langobardenreich wie vom Kirchenstaat unabhängig blieb und großen politischen Einfluss hatte. Da Gerhard sein Hospital den Mitgliedern aller Religionen offen hielt, wurde es während der Besetzung Jerusalems durch die Seldschuken nicht zerstört und hatte auch während des Angriffs der Kreuzfahrer auf die Heilige Stadt Bestand. Nach der Errichtung der Kreuzfahrerherrschaft wurde das Hospital erweitert. Viele Pilger traten in das Hospital als Helfer und Brüder ein, so das sich allmählich eine neue Gemeinschaft bildete, die sich die Betreuung von Pilgern und Kranken zur Lebensaufgabe machte. Diese Zeit ist die eigentliche Geburtsstunde des Ordens. Zahlreiche Pilger bekundeten nach ihrer Rückkehr nach Europa ihre Dankbarkeit durch eine Geld- oder Landspende. Dies verpflichtete die verantwortlichen Mönche, neben der zentralen Organisation im Königreich Jerusalem auch in allen katholischen Ländern Europas tätig zu werden. Das Hospital errichtete Zweighäuser entlang der Pilgerwege, vor allem in den Einschiffhäfen in Marseille, Pisa, Bari, Otranto, Taranto und Messina. Alle diese Tätigkeiten erfolgten zunächst ohne Autorisierung, doch schon im Jahr 1113 erfolgte die Anerkennung durch Papst Paschalis II. Das Hospital wurde als internationaler Orden mit Sitz in Jerusalem und Besitzungen in ganz Europa anerkannt. Das wichtigste an der päpstlichen Bulle war die Autonomie des kirchlichen Ordens: Er durfte seinen Großmeister selbst »ohne jede äußere Einflussnahme« wählen. Alle seine Güter in Europa unterstanden dem Großmeister und waren frei von jeder feudalen Bindung. Der Papst richtet seine Bestätigung an »den ehrwürdigen Sohne Gerhard, Leiter und Probst des Xenodochiums zu Jerusalem und seinen rechtmäßigen Nachfolgern für alle Zeiten«. Der Papst zählt hiermit die neue Gemeinschaft zu den bleibenden, denn er richtet die Bulle nicht nur an Gerhard, sondern auch an seine Nachfolger. Meister Gerhard starb 1120. Sein Nachfolger Raimund von Le Puy, war der erste, der zu seinem Amt vom Kovent des Ordens gewählt wurde. Raimund legte die Fundamente zur späteren Entwicklung des Ordens, vor allem die Betonung auf die Adeligkeit der Ordensritter und die Verpflichtung, den »Herren Kranken« zu dienen. Die Ordensregel wird formuliert:

»Tuitio Fidei et Obsequium Pauperum« – dieser Leitspruch des Malteser-Ordens wird mit »Bezeugung des Glaubens und Hilfe den Bedürftigen« übersetzt. Er drückt aus, dass vor 900 Jahren, ebenso wie heute, Glauben und Helfen für die Malteser untrennbar zusammengehören.

Auch wird bereits die Pflicht der Verteidigung der Pilger und Pilgerwege erwähnt. Die Hinzufügung der militärischen Verpflichtungen zu denen der Krankenpflege, erfolgte nur langsam und zögernd. Die Päpste glaubten, dass ein kämpfender Ritterorden »die Templer« genüge. Als der unglückselige Zweite Kreuzzug (1146-1148) scheiterte, erwarb der Orden den Charakter eines zugleich religiösen, sozial-karitativen wie militärischen Ritterordens. Ein stehendes Heer, dass auf Dauer im Heiligen Land bleibt, war notwendig, um das Königreich Jerusalem zu verteidigen. Ritter und Soldaten, die nur auf kurze Zeit mobilisiert werden konnten, reichten dafür nicht mehr aus.

Die Katastrophe für die christlichen Herren brachte die Schlacht von Hattin 1187. Saladins Heer besiegte die christlichen Ritter und das heilige Kreuz, das der Bischof von Akko dem Heer wie üblich in der Schlacht vorangetragen hatte, fiel in die Hände der Ungläubigen. In der Schlacht von Hattin standen sich mit 28000 Mann die größten Kämpferscharen gegenüber, die im Verlauf der Kreuzzüge ins Feld geführt wurden. Die Ordensritter mussten daraufhin Jerusalem verlassen und verlegten ihren Sitz nach Akko. Mit der Eroberung Akkos 1291 durch den Mameluckensultan el-Aschraf ging die Kreuzfahrerherrschaft im Heiligen Land zu Ende. Der Orden des Hl. Johannes lässt sich auf Zypern nieder. Im Jahr 1308 erobert er Rhodos und erwirbt dadurch territoriale Souveränität. Zur Verteidigung der christlichen Welt gründet der Orden eine mächtige Flotte, die das östliche Mittelmeer kontrolliert und sich in zahlreichen, berühmten Schlachten einen Namen macht. Die Ritter widerstehen erfolgreich den Belagerungen durch die Ägypter und die Türken. Neben den militärischen Aufgaben widmen sie sich intensiv der Krankenpflege und bauen auch in Rhodos ein Hospital. Durch Sultan Soleiman den Prächtigen und dessen Flotte und Heer attackiert, kapitulieren die Ordensritter und verlassen am die Insel am 1. Januar 1523 in ehrenvollem Abzug.

Während der sieben folgenden Jahre ist der Orden ohne eigenes Territorium, bis Kaiser Karl V. ihm die Inseln Malta, Gozo und Comina sowie die Stadt Tripolis als souveränes Lehnen gibt. Im Oktober 1530 nimmt der Orden mit Zustimmung von Papst Clemens VII Malta in Besitz.

Während der »Großen Belagerung« vom Mai bis September 1565 werden die Osmanen von den Rittern und der Führung des Großmeisters des Johanniterordens Jeon de la Valette (nach dem die Hauptstadt Maltas Valetta benannt ist) in die Flucht geschlagen. Die Flotte des Ordens vom Heiligen Johannes hat Anteil an dem endgültigen Sieg über die Osmanen in der Seeschlacht von Lepanto (1571). Im Jahr 1798 besetzt Napoleon, der auf dem Weg nach Ägypten ist, die Insel Malta. Zu diesem Zeitpunkt ist Ferdinand von Hompesch, der erste und bisher einzige Ritter der Deutschen Zunge, Großmeister des Ordens. Aufgrund der Ordensregel, die es untersagt, gegen andere Christen zu kämpfen, leisten die Malteser-Ritter keinen Widerstand und verlassen Malta. 250 Jahre war die Mittelmeerinsel in Besitz des Ordens. Diese Zeit wird zurecht als die Glanzzeit des Ordens bezeichnet. Der Orden wird zur beherrschenden Land- und Seemacht im Mittelmeer, die Söhne des europäischen Adels verteidigen auf Malta, wie zu vor auf Rhodos, das christliche Abendland vor dem, nach Westen drängenden Islam. Die Ritter vergessen gleichzeitig nie die Verpflichtung der Ordensregel. Nach dem Vorbild der Hospitäler von Jerusalem und Rhodos wurde auf Malta das beste und größte Krankenhaus seiner Zeit gebaut. Bis zu 900 Patienten konnten versorgt werden. Das Ordenshospital machte keinen Unterschied zwischen Freien und Sklaven oder zwischen Freund und Feind, ein Prinzip, das erst Jahrhunderte später als Konvention für den Kriegsfall international eingeführt wurde. Im Hospital gab es auch eine Abteilung für Geisteskranke, und dies zu einer Zeit, als solche Menschen üblicherweise ins Gefängnis kamen und nicht als Kranke anerkannt waren. Die Reformation brachte die Spaltung des Ordens in einen evangelischen Zweig, den Johanniter-Orden und den katholischen Zweig, der sich Malteser-Orden nennt. Die Verbindung zwischen den beiden Ordensgemeinschaften bleib jedoch bestehen.

So glanzvoll die Zeit des Ordens auf Malta war, so gewaltig war auch der Niedergang. Nach dem Abzug der Ritter von der Insel. Gingen die meisten Ordensbesitzungen verloren und übrig blieb nur das Großpriorat Böhmen, als einziges von 22 Prioraten und 18 Balleien, aus denen sich der Orden einst zusammensetzte.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts besann sich der Orden auf seine ureigensten Aufgaben, nämlich die Krankenpflege und soziale Fürsorge. Das Interesse für die Wiedererlangung eines unabhängigen Hoheitsgebietes trat gegenüber der Erneuerung des karitativen Gedankens in den Hintergrund. Als 1859 Henri Dunant unter dem Eindruck des schweren Loses der Verwundeten der Schlacht von Solerino die Gründung des Internationalen Komitees vom Roten Kreuzes beschloss, war bei der ersten Konferenz im April 1869 in Berlin auch der Orden dabei und zwar in Gestalt eines Vertreters der neu erblühlten Ballei Brandenburg des Johanniter-Ordens. Schon 1865 errichtete die rheinisch-westfälische Assoziation des Malteser-Ordens in Flensburg ein Krankenhaus; die Ritter Schlesiens in Trebnitz und Rybnik. Die schlesischen Adeligen gründeten 1867 den »Verein der schlesischen Malteser-Ritter.« Diese Genossenschaftsform wurde bald auch in anderen Ländern nachgeahmt, so in England (1872), Italien, Spanien, Frankreich, Portugal und Niederlanden (1910). Durch die Erneuerung des Ordenslebens in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts überstand der Orden den Ersten Weltkrieg ohne nennenswerte Erschütterung. An allen Fronten wurden Lazarette errichtet, Sanitätszüge geführt und tatkräftig mitgeholfen, das Los der Verwundeten zu mildern. Schwere Zeiten hatte der Malteser-Orden durch die, den Zweiten Weltkrieg auslösenden Ereignisse durchzustehen. Weder das böhmische Priorat noch die beiden deutschen Assoziationen konnten tätig werden und Hilfe leisten. Nach den Verwüstungen des Krieges gingen im Osten sämtliche Besitzungen verloren; die schlesischen, polnischen, ungarischen und rumänischen Malteser-Assoziationen waren heimatlos geworden und flüchteten in den Westen. Nach dem Krieg erstreckte sich die Tätigkeit des Ordens in erster Linie auf die Flüchtlingshilfe. Gerade durch diese Tätigkeit stieg das Ansehen und die Bedeutung des Ordens wieder. Seit 1834 hat der Malteser-Orden seinen Sitz in Rom, wo er das Großmeisterpalais, via Condotti und die Villa Malta auf dem Aventin besitzt. Beide Häuser genießen den Status der Exterritorialität. Immer noch leiten den Orden die so genannten Professritter, die die drei Gelübde von Armut, Ehelosigkeit und Gehorsam abgelegt haben und die seit seiner Gründung seinen geistlichen Kern bilden. Regiert wird der Malteser-Orden seit 1988 vom 78. Großmeister, dem Engländer Andrew Bertie. Als völkerrechtlich anerkannte Institution, ebenso wie ein unabhängiger, souveräner Staat, unterhält der Malteser-Orden mit mehr als 100 Ländern diplomatische Beziehungen und verfügt über ständige Vertretungen bei den Vereinten Nationen in New York, Genf, Paris und Wien sowie bei der Europäischen Kommission und wichtigen internationalen Organisationen. Die Ordensbotschafter der Malteser haben eine besondere Rolle: Sie müssen ihr Amt mit diplomatischer Kompetenz erfüllen, aber auch mit der Fähigkeit humanitäre Aktivitäten zu entfalten. 1993 schlossen sich die beiden deutschen Gliederungen des Ordens, die 1859 gegründete Genossenschaft der Rheinisch-Westfälischen Malteser Devotionsritter und der 1866 gegründete Verein Schlesischer Malteserritter zusammen. Diese waren die ältesten nationalen Assoziationen im Orden; ihr Zusammenschluss war die Konsequenz aus der bestehenden engen Zusammenarbeit beider Vereinigungen.

Heute hat der Malteser-Orden weltweit rund 12000 Mitglieder, in Deutschland rund 600 Frauen und Männer, davon 60 Priester. Tätig ist der Orden im Bereich der humanitären Hilfe, der ärztlichen Versorgung sowie der Katastrophen- und Notfallmedizin. Er betreibt Krankenhäuser und Altenheime, führt Wallfahrten für Kranke und Behinderte, zum Beispiel nach Lourdes oder Rom durch, entwickelt und unterhält Gesundheitsdienste in Ländern der Dritten Welt und vieles mehr.

Ein Werk des Malteser-Ordens ist der Malteser Hilfsdienst, der als nationale deutsche Hilfsorganisation 1953 gegründet wurde. Im Landkreis Traunstein feiert die Kreisgliederung in diesen Tagen ihr 35-jähriges Bestehen. Aus diesem Anlass findet von 9. bis 16. November in der »Alten Wache« im Rathaus in Traunstein eine Ausstellung unter dem Motto »Malteser – gestern und heute« statt. Dabei stellen sich die Malteser mit ihren vielfältigen sozialen und karitativen Diensten vor, schauen auf 35 Jahre Hilfe im »Dienst am Nächsten« zurück und informieren über den Grundstock der weltumspannenden Idee, der vor 900 Jahren im Hospital des Seligen Bruder Gerhard in Jerusalem gelegt wurde.

PV


Literatur- und Quellennachweis:
Der Johanniterorden – Der Malteserorden, Adam Wienand (Hrsg.), 3. überarb. Aufl., Wienand Verlag, Köln 1988;
Die Johanniter und Malteser, Yehuda Karmon, Linzenzausgabe, Weltbild Verlag, Augsburg 2001;
Die Ordensregel der Johanniter/Malteser, Gerhard Tonque Lagleder, EOS Verlag, St. Ottilien, 1983
Satzung/Leitfaden, Malteser Hilfsdienst e.V., Generalsekretariat, 11. Auflage 1999



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