Jahrgang 2005 Nummer 22

Der letzte Schlossherr zu Lampoding, ein schrulliger Gelehrter

Joseph Ernst Ritter von Koch-Sternfeld verkaufte 1850 das Schloss

Diese Aufnahme von Joseph Ernst Ritter von Koch-Sternfeld entstand um 1860.

Diese Aufnahme von Joseph Ernst Ritter von Koch-Sternfeld entstand um 1860.
Das Schloss Lampoding auf einen Fresko an der Ostseite der Kirche in Kirchstein.

Das Schloss Lampoding auf einen Fresko an der Ostseite der Kirche in Kirchstein.
Das Wappen des Joseph Ernst Ritter von Koch-Sternfeld.

Das Wappen des Joseph Ernst Ritter von Koch-Sternfeld.
Am 21. Dezember 1835 verkauft Clement Graf von Lodron, kgl. Oberleutnant in München, das Schlossgut samt den dazugehörigen Besitzungen an den Legationsrat Joseph Ernst Ritter von Koch-Sternfeld. Dazu gehörten das Schlossgebäude samt Nebengebäuden, das Wurzgartl, die Stallungen, der Getreidekasten, ein Obstgarten, Krautacker und der Kastenanger, der Dendlgarten mit dem Weiher, die Aichet-Kapelle, weiter ein Acker im Aichet mit Wiese, der Aichetwald, 7 Tagbau vom Wildlochholz, das Sauerlochholz, dann die niedere Jagdbarkeit in der geschossenen Hofmark Lampoding, die Seegerechtigkeit oder das Fischrecht auf dem Tachinger- oder Waginger See (ein halber Segen), ferner die aus dem Niedermaiergut Lampoding erkauften Grundstücksanteile, also insgesamt 80 Tagwerk unmittelbare Schlossökonomie. Der Kaufpreis ist nicht zu ermitteln, jedoch äußerte Koch-Sternfeld später einmal, dass er bei diesem Kauf übervorteilt worden sei.

Da der neue Schlossbesitzer als Historiker vielseitig forschend tätig war, sich auch – seiner Zeit weit voraus – für die Rettung und Erhaltung von Kunst- und Kulturdenkmälern einsetzte, ebenso im Sinne des heutigen Natur- und Landschaftsschutzes wirkte, sei hier näher auf sein bewegtes Leben eingegangen.

Geboren am 25. März 1778 zu Wagrain im Pongau als Sohn des dortigen Land- und Bergrichters Johann Joseph Virgil Koch und dessen Ehefrau Anna Theresia Salzmann, kommt er 1790 ins Salzburger Gymnasium und wird, wie es damals üblich war, gleichzeitig in die Universitätsmatrikel eingetragen. Nach den vorbereitenden Gymnasialstudien widmet er sich zunächst an der Universität der Mineralogie und Bergbaukunde, wendet sich dann aber dem erfolgversprechenderen Rechtsstudium zu, das er 1799 zum Abschluss bringt. Es folgt eine Praktikantentätigkeit beim Stadtgericht Salzburg, wo er durch den damaligen Hofratsdirektor Franz Thaddäus von Kleimayrn, einem bedeutenden Historiker, zur Beschäftigung mit geschichtlichen Themen angeregt wird.

Die berufliche Laufbahn führt ihn als Akzessisten an das Landgericht Gastein. Dort beginnt er bereits seine forschende und publizistische Tätigkeit. Während der französischen Besetzung des Landes 1800/01 bewährt er sich vielseitig, was ihm einen ersten beruflichen Aufstieg einbringt. In diese Zeit fällt auch die Standeserhebung der Familie mit dem Prädikat »Edle von Sternfeld« (1803), der dann die Erhebung in den Reichsritterstand (1805) folgt. Noch der letzte Fürsterzbischof Hieronymus Graf von Colloredo hatte Koch eine Auslandsreise in Aussicht gestellt, die von dessen weltlichem Nachfolger Großherzog Ferdinand von Toskana gewährt wird. Koch reist 1804 bis an die Nordsee und besucht u. a. auch die damals führende Universität Göttingen.

Zurückgekehrt, wird er 1805 zum wirklichen Regierungsrat befördert mit der Aufgabe, den gesamten Straßen- und Wasserbau zu betreuen. Mehrere staatswissenschaftliche und historische Veröffentlichungen legt er bereits in diesen Jahren vor, die ihm Anerkennung einbringen. Allerdings nehmen ihn die wechselnden politischen und kriegerischen Ereignisse immer mehr in Anspruch. Er wird Vertreter der Provinz Salzburg im Österreichischen Hauptquartier in Linz, nimmt in Burghausen den bayerischen Salzachkreis in Besitz und hat schließlich für die Proviantierung der österreichischen Armee von Linz bis Innsbruck zu sorgen.

Zunächst lässt er das stark heruntergekommene Schloss Lampoding instandsetzen, errichtet neue Ökonomiegebäude und bemüht sich um steigende landwirtschaftliche Erträgnisse. Aber er wird auch in Lampoding seines Lebens nicht recht froh. Er gibt immer wieder Anlass zu Ärgernissen und Zwistigkeiten, berechtigt oder unberechtigt. Die Folge ist, dass sich die Dorfgemeinschaft sehr bald in zwei Parteien spaltet. Jene, die zum Schlossherrn halten, sind ständigen Anfeindungen der Gegenpartei ausgesetzt. Koch-Sternfeld verkehrt mit seinen Nachbarn vorwiegend auf dem Laufener Landgericht, das er mit Eingaben und oft sehr kuriosen Schriftsätzen laufend zu beschäftigen trachtet. Wegen eines schmalen Grasstreifens entlang eines Weges wechselt er z. B. in den Jahren 1837/38 mit dem Laufener Landgericht allein 56 Schriftstücke.

Auch mit dem für die Kirche zu Kirchstein zuständigen Pfarrer von Petting, Adam Ulrich, legt er sich fortwährend an. Es geht zunächst um die seelsorgliche Betreuung der Dorfbewohner, um die Einhaltung der gestifteten Gottesdienste, die allerdings sehr nachlässig gehandhabt wurde, dann um den von ihm betriebenen, von Pfarrer Ulrich hintertriebenen Schulhausbau zu Kirchstein, worüber später noch zu berichten sein wird. Auch für den Fortbestand der St. Ägidius-Kirche setzte sich Koch-Sternfeld streitbar und mit Erfolg ein, nachdem Pfarrer Ulrich deren Abbruch wegen angeblicher Baufälligkeit in die Wege leiten wollte. Der eigentliche Grund für die beabsichtigte Beseitigung der Filialkirche lag darin, die beachtlichen Stiftungsgelder auf die Pfarrkirche Petting zu übertragen und den Kooperator, der die Filialgemeinde zu betreuen hatte, einzusparen.

Auch wollte sich der Pfarrer anstehender baulicher Instandsetzungsmaßnahmen entziehen. Koch-Sternfeld erfuhr von diesem Ansinnen und wirkte diesem Vorhaben energisch entgegen. So wird überliefert, dass sich der Legationsrat auf der Orgelempore der Kirche versteckt hatte, als Pfarrer Ulrich wieder einmal mit den Bauern über den Abbruch der Kirche verhandelte. Schon hatte der Pfarrer die Dorfbewohner soweit überredet, dass sie dem Abbruch zustimmten, als Koch-Sternfeld aus dem Hinterhalt hervortrat und den Gemeinderatsmitgliedern eine zündende Standpauke hielt und sie beschwor, das Gotteshaus um jeden Preis zu erhalten. Der Erfolg seiner Rede soll so durchschlagend gewesen sein, dass die Bauern sich auf seine Seite stellten und das von Pfarrer Ulrich bereits vorbereitete Protokoll nicht unterzeichneten.

Sein sicher gut gemeinter Einsatz wurde auch oft missverstanden. Kein Wunder also, dass er sich, wie er einmal berichtet, über zwei Stiegen in seinem Schlossturm verschanzte, die geladene Pistole auf dem Tisch und den scharfen Hund zur Seite, denn er fürchtete um sein Leben. Mehr als ein Schuss wurde nächtlicherweile auf sein erleuchtetes Fenster abgefeuert – und zu seinem großen Ärger bei seiner Hausmagd Janette Morgenrot gefensterlt. 1840 berichtet er seinen Töchtern Ida und Emma nach München, dass der Weber Georg Fellner, der zugleich sein Jäger war, angeschossen wurde und an seinen Wunden elend zugrunde gehen musste. Auch andere Gefolgsleute des Schlossherrn mussten diese Freundschaft büßen. So der Wirt und Kirchenpfleger Hartl; in einer finsteren Nacht gehen im nahen Wald 70 große Stämme Bauholz, die er schon zugerichtet hatte, in Flammen auf. Und auch der Nachtwächter stieß bei seinem Rundgang durchs Dorf ins Horn und rief mutwillig: »Bewahrt das Feuer und die Kohlen, den Schlossherrn soll der Teufel holen«.

Dass er bei der Bevölkerung nicht beliebt war, mag auch daran liegen, dass er an verschiedene Leute, die sich in finanzieller Bedrängnis befanden, Geld verlieh und auf regelmäßige Zahlung der Zinsen bestand, was ihm den sicher nicht ganz unverdienten Ruf eines Wucherers einbrachte.

Alle diese Vorkommnisse dürften ihm den Aufenthalt in Lampoding verleidet haben. 1843 trifft ihn mit dem Tod seiner Lieblingstochter Emma, die in München an Typhus starb, ein harter Schlag. Dieser Schmerz schürt erneut seine Unruhe. Er ist 1845 ständig auf Reisen: in Kärnten, Steiermark, Ungarn, dann hält er sich wieder in München auf, um seine zahlreichen Buchveröffentlichungen zu betreuen. Auch in seiner Eigenschaft als bedeutender Anteil-Inhaber am Eisenwerk in Ach-thal, er vertrat auch den König der Niederlande, der dort Anteile besaß, ist er vielseitig und führend tätig.

Alt und kränklich geworden, er leidet auch an einer zunehmenden Schwerhörigkeit, die ihn noch misstrauischer werden lässt, zieht er 1851 zu seiner zweiten Tochter Ida, die in Tittmoning mit dem Arzt Sebastian Hohenleitner verheiratet ist.

Schon zwischen 1845 und 1850 verkauft Koch-Sternfeld laufend Grundstücke seines Lampodinger Besitzes, da er die Ökonomie mit den wenigen Dienstboten offenbar nicht mehr bewirtschaften konnte. Am 2. November 1850 trennt er sich schließlich von seinem Schloss, was ihm sicher nicht leicht gefallen sein dürfte. Er veräußert es an die Bauerswitwe Maria Kerner von Oberweidach um 3200 Gulden. Zum Schlossgut gehörten noch 14 Tagwerk Grund und das Fischrecht am Waginger See.

Koch-Sternfeld besaß noch bis Ende Oktober 1851 das Wohnrecht im Schloss, der Pächter der Grundstücke, Simon Kropf, durfte dieselben noch bis Georgi 1851 nutzen. Der Legationsrat hatte der Käuferin zur Auflage gemacht, das altehrwürdige Schloss in seinem Bestand zu belassen und zu erhalten. Aber es kam anders.

Am 13. Juni 1853 heiratete die Witwe Kerner den Georg Kerbl, einen, wie Koch-Sternfeld 1863 rückblickend schreibt, »jungen, als Trunkenbold allbekannten Bauern im benachbarten Wolkersdorf. Dieser begann alsbald das Werk der Zerstörung des Schlosses, um das Material an die kauflustigen Nachbarn zu verschleudern und den längst besprochenen Schatz zu heben«. Es ging nämlich die Sage um, im Schloss sei ein Schatz vergraben, den der junge Kerbl zu finden trachtete.

Die Abbrucharbeiten gingen rasch voran. 1853 heißt es bereits im Steuerkataster von Lampoding unter Haus Nr. 1: Schlossrest, Schlossruine, Getreidekasten, Wagenremise, Back- und Waschhaus und Gesamtgrund von ca. 7,5 Tagwerk. Koch-Sternfeld berichtet weiter: »Unterdessen war der Unhold seinem Geschick erlegen: die Käuferin, abermals Witwe, war wieder nach Lampoding gezogen und hatte sich in der ehemaligen herrschaftlichen Stallung eine Wohnung eingebaut«.

Sicher war es für den alten ehemaligen Schlossbesitzer schmerzlich, von Tittmoning aus das Zerstörungswerk mitzuverfolgen. Nicht zu Unrecht sieht er in diesem Vorgang eine allgemeine Zeiterscheinung, die im Widerspruch zu seinen lebenslangen Bemühungen um die Erhaltung der Zeugnisse der Vergangenheit steht. So schreibt er auch resignierend. »Dieser barbarische Vorgang der Zerstörung steht heute in Bayern nicht vereinzelt; er gereicht nicht zum Schmuck der Landschaften und ist wohl nicht ein Beweis des Fortschritts der Civilisation. Aber das Niederbrechen und Veröden der Schlösser rührt keineswegs von einem Hass der Bauern gegen die ehemaligen Grundherrn, sondern von ihrer Indolenz und der Gewohnheit her, Türen und Fenster lieber zu Ihren eigenen Häusern zu verwenden«. Hier spricht der Denkmalschützer, der die Bauten nicht nur als architektonische Merkwürdigkeiten betrachtete, sondern als Geschichtsdenkmäler zu werten wusste.

Auch im Sinne des Naturschutzes, damals noch unbekannt, setzte er sich ein. Nicht nur, dass er sich bereits 1839 gegen das Abmähen des Seegrases am Waginger See wandte und in diesem Zusammenhang die Pettinger Bauern Lorenz Guggenberger und Georg Angerpointner verklagte. Er setzte sich auch stark zur Wehr, als man ab ca. 1860 die Tieferlegung des Waginger Sees beabsichtigte, die dann 1865 beschlossene Sache war. Koch-Sternfeld warnte vor den Folgen, die ein solcher Eingriff in die Natur mit sich bringen werden; die Absenkung des Grundwassers dürfte sich nachteilig auswirken, der Gewinn an Boden stehe in keinem Verhältnis zu den Aufwendungen. Aber seine Warnungen blieben unbeachtet. Die Maßnahme selbst erlebt er nicht mehr. Die Tieferlegung wird 1867 unter Leitung von Regierungsrat Karl Desch von Laufen durchgeführt. Die Pläne für das Unternehmen erstellten der kgl. Baubeamte Ruf und der Kreiskulturingenieur Ludwig Stratzner.

Als allerdings während dieser Zeit der Schwiegersohn der Schlosszerstörerin die Dreistigkeit besaß, Koch-Sternfeld wegen der Tieferlegung des Waginger Sees um Geld anzupumpen, um sich einen Grund kaufen zu können, soll der alte Legationsrat nach der Hundepeitsche gegriffen und den »gewissenlosen Spekulanten« aus dem Zimmer geworfen haben.
Im Rahmen dieser kurzen Betrachtung seines Lebens kann nicht näher auf das fruchtbare schriftstellerische Wirken des Historikers eingegangen werden, so aufschlussreich dies auch im Hinblick auf die Geschichte unserer Heimat wäre. So hat Koch-Sternfeld eine ziemlich phantasievolle Studie seinem geliebten Lampoding gewidmet mit dem Titel »Der Lampotinger Heimath und Weltleben, und ihre Vermächtnisse« (1843). In einer anderen Schrift befasst er sich mit den Fischereirechten, u. a. auch auf dem Tachensee: »Der Fischfang in Bayern und Österreich ob der Enns« (1863). Eine Geschichte Laufens (1843) entstammte ebenso seiner Feder wie eine Auswertung der bei St. Johann entdeckten Funde aus römischer Zeit »Das Beinfeld bey Fridolfing«, (1832).

Der schrullige Gelehrte, wegen seines übermäßigen Kropfes von der Tittmoninger Jugend auch »Kropf-Sternfeld« genannt, starb am 28. Juni 1866 in Tittmoning. Seine letzte Ruhestätte fand er im dortigen Friedhof in einer für ihn und seine Familie eigens errichteten Grabkapelle. Die Inschrift auf dem Gedenkstein lautet: »Hier ruht Joseph Ernst Ritter von Koch-Sternfeld, königlich bayerischer Legationsrat, Ritter des Zivilverdienstordens, königlicher Akademiker, geboren zu Wagrain im Pongau des Erzstifts Salzburg am 25. März 1778, gestorben zu Tittmoning am 28. Juni 1866«.



22/2005