Jahrgang 2002 Nummer 45

Der heilige Martin von Tours

Vom Soldaten zum Samariter – Am 11. November findet traditionell der Martinszug statt

Martin von Tours, besser bekannt als St. Martin, wird seit dem 5. Jahrhundert als der beliebteste Heilige Europas und Beschützer aller Bedrängten verehrt. Auch die Kinder kennen und lieben ihn: Jedes Jahr im November freuen sie sich auf den Martinszug, der traditionell am 11. November stattfindet. Endlich können sie dann ihre bunten, meist selbst gebastelten Laternen auspacken und singend durch die Straßen ziehen. Oft wird der Festzug von einem Reiter angeführt oder von einem Schauspiel umrahmt, das die Geschichte des edlen Ritters Martin erzählt. Das Märchen um den barmherzigen Ritter, der an einem eiskalten Winterabend mit einem armen Bettler seinen Mantel teilt, beeindruckt nicht nur Kinderherzen.

Doch damit nicht genug: Die Legende um den heiligen Martin berichtet weiter, dass ihm in der folgenden Nacht Jesus Christus erschien, mit der Hälfte seines Mantels bekleidet. Und jener soll daraufhin zu den Engeln gesprochen haben: »Martinus, der erst auf dem Weg zur Taufe ist, hat mich mit diesem Mantel bekleidet.« Das bedeutete so viel wie: was du einem meiner armen Brüder tust, das tust du mir. Nach diesem tief greifenden Erlebnis ließ Martin sich taufen und nahm Abschied von der Armee. Christentum und Kriegsdienst ließen sich in seinen Augen unmöglich verbinden.

Martins Glaube wurde immer tiefer und irgendwann war er nur noch von einem Gedanken besessen: Er wollte missionieren, gegen Heidentum kämpfen, zum Christentum bekehren. Bei seiner Mutter begann er, mit Erfolg. Damit war seine Mission aber vorerst beendet. Er wurde vertrieben und lebte in den darauf folgenden Jahren als Einsiedler nach dem Vorbild der ägyptischen Eremiten. Anschließend kehrte er nach Gallien zurück. Um das Jahr 360 gründete er eine Einsiedlerzelle, aus der sich in der Folgezeit ein berühmtes Kloster entwickelte, das erste Kloster Galliens überhaupt. Zu Anfang der 70er Jahre wurde er von Klerus und Volk zum Bischof von Tours gewählt. Auch in diesem hohen Amt behielt Martin seinen bescheidenen, asketischen Lebensstil bei. Voller Tatkraft und mit großem Gerechtigkeitssinn waltete Martin in den folgenden fast 30 Jahren seines Bischofsamtes, obwohl sein Vater ursprünglich eine andere Karriere für ihn vorgesehen hatte.

Der um 316 in Sabaria, dem heutigen Steinamanger (Ungarn) geborene Martin war von seinen Eltern christlich erzogen worden und als 10-Jähriger in die Reihe der Taufbewerber (Katechumenen) aufgenommen worden. Martins Vater, ein Italiener, wollte aber, dass sein Sohn in seine Fußstapfen tritt und brachte ihn als 15-Jährigen in der gallischen Armee unter. Der pflichtbewusste Soldat Martin brachte es bis zum Offizier. Dann geschah die Sache mit dem Mantel...

Das Fest zu Ehren des heiligen St. Martin wird immer am 11. November, dem Tag seiner Bestattung, gefeiert, nicht am Todestag des Samariters: er starb am 8. November im Jahre 397 im Alter von etwa 80 Jahren auf einer Seelsorgereise durch sein Bistum. Der Mantel Martins galt als fränkische Reichsreliquie und war auf allen Heerzügen dabei. In Ruhezeiten wurde das kostbare Erinnerungsstück im Palast des Königs in Paris aufbewahrt. Der kleine, dem Gottesdienst geweihte Raum wurde capella (cappa, capella = Mantel) genannt. Daher stammt die noch heute übliche Bezeichnung Kapelle für kleine Kirche.

Die Szene der Mantelteilung gehörte verständlicherweise durch alle Jahrhunderte hindurch zu den beliebtesten Heiligenmotiven der Künstler. Es gibt aber auch Darstellungen des Hl. Martins mit einer Gans. Und wie man weiß, gibt es neben der Tradition des Martinsumzugs den Brauch, zum Martinstag eine Gans (deshalb »Martinsgans« genannt) zu verspeisen. Die Martingsgans beruht auf einer Legende, wonach sich der bescheidene und ehrfürchtige Martin in einem Gänsestall versteckt haben soll, nachdem man ihn zum Bischof vor Tours gewählt hatte, da er sich dieser Aufgabe nicht würdig hielt. Der bescheidene und ehrfürchtige Ex-Offizier Martin wurde schließlich doch noch gefunden und in der französischen Stadt Tours zum Bischof geweiht.



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