Jahrgang 2005 Nummer 50

Der Grundschulpädagoge und Lesemethodiker Hans Brückl

Der Lehrer unterrichtete um 1900 in Waging

Lesen lernen wäre ziemlich einfach – wenn man die richtige Motivation dazu hätte und eine entsprechende (wie ansprechende) Fibel dazu. Ein Lehrwerk dieser besonderen Art liegt vor mir, es zeigt intensive Gebrauchsspuren nebst kindlichen »Verzierungen«. Es ist »Mein erstes Buch zum Anschauen, Zeichnen, Lesen und Schreiben« oder mit anderen Worten die »Brückl-Fibel«. Bis in die Mitte der Fünfziger Jahre war sie in bayerischen Schulen im Gebrauch, eigene Erinnerungen und die von Alfred Prommersberger bestätigen das. Mein Exemplar, das ich nach vielem Suchen bekommen habe, macht mich immer wieder (nostalgisch) schmunzeln durch die farbenfrohen Illustrationen von Brigitte Ludszuweit und Gertrud Moder und die altväterisch anmutenden Tests im Sinne des »Ene, dene, Tintenfass, komm in d’Schul und lerne was!«

Bedenkenswert auch die Zeilen zur »Frohen Schulfahrt«: »Es hat geschneit. Viel Schnee liegt auf der Straße. Die Wege sind verweht. Wie kommen wir zur Schule? Der Vater lacht und geht hinaus. Er spannt den Schlitten an. Nur alle herauf mit Sack und Pack«. Die kalte und dürftige Zeit vor der flächendeckenden Einführung der Schulbusse – so lustig und idyllisch zeigten sie sich nur in den Schulbüchern.

Es ist kaum bekannt, dass der Autor Hans Brückl um 1900 als Lehrer in Waging unterrichtete. Manchmal, denke ich, er war es, der meine Großmutter Maria Sammer dazu brachte, das Schillersche Gedichtmonstrum »Lied von der Glocke« auswendig zu lernen und zwar gerne! Über das Leben Brückls ist mir nur ein kärglicher Rahmen von Daten bekannt. Geboren am 12. März 1881 – wahrscheinlich in München – absolvierte er seine Lehrerausbildung auf dem Freisinger Domberg am traditionsreichen dortigen Lehrerseminar. Er unterrichtete – wie erwähnt – zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Waging. Später dann war er in Ingolstadt und dann bis zuletzt in München im Schuldienst.

Der lange Erfolg der Brückler Fibel bewies vor allem dank engagierter Lehrer (und auch wegen der anheimelnden Illustrationen) die Chancen der Ganzwortmethode. Heute sieht man dieses Verfahren skeptischer: »Das Einprägen der Wortbilder war schon immer arg langweilig, manchmal irritierend« (so Rosemarie Bauer/Traunstein). Heute gelten eng integrierende Verfahren als Methode der Wahl.

Hans Brückl verbrachte seinen wahrhaft wohlverdienten Ruhestand in München und starb dort hochbetagt im Jahre 1972.

CB



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