Jahrgang 2009 Nummer 15

Der Firmausflug in einem etwas klappriger Wagen

Mit sage und schreibe 60 Stundenkilometern von Traunstein nach Bad Reichenhall

Es war in den dreißiger Jahren. Mein Bruder sollte gefirmt werden. Schon Wochen vor diesem Ereignis konzentrierten sich die Gedanken eines jeden Firmlings auf drei Dinge. An erster Stelle stand dabei mit weitem Abstand die vom Paten zu erwartende Uhr. Sie war nicht nur ein sehnlichst erhoffter Zeitmesser, sondern auch ein Statussymbol. Jeder Gefirmte kann sich wohl noch erinnern, wie am Tag danach in der Schule bei allen Freunden mit diesem Geschenk geprotzt wurde. Der eine hatte eine Mordszwiebel, der andere eine schöne oder auch oft eine sehr billige Armbanduhr, je nach der Großzügigkeit oder dem Geiz des Paten. An zweiter Stelle folgte damals eine erhoffte Ausfahrt, nicht mit der lumpigen Eisenbahn in der dritten Klasse, sondern mindestens mit dem Mietauto. Welche Zeiten waren es doch damals! Kaum jemand hatte ein Auto und deshalb waren solche Fahrten heiß ersehnte Freuden. Weit abgeschlagen und in großer Ferne rangierte drittens das eigentliche Ereignis, die Firmung selbst. Aber auch hier hatte ein besonderer Vorgang Priorität. Nämlich die Watsch’n, die man vom Bischof zu erhalten und natürlich auch ohne Mux zu erdulden hatte. Freilich sagte der Pfarrer im Firmunterricht, dass sie ein Symbol sei und man deshalb nur einen leichten Backenstreich erhalten würde. Aber was ist schon ein Backenstreich und wer konnte wissen, ob dem Bischof die Hand nicht doch gewaltig ausrutschte? Infolge seiner guten Beziehungen nach oben könnte er doch über die Missetaten des Firmlings bestens informiert sein. Der Firmpate würde dies natürlich merken, wäre sehr zornig und die Uhr und auch die Autofahrt wären dahin. Deshalb bemühte sich jeder Firmling wenigstens noch am Vortag um etwas mehr Frömmigkeit, die ihm vielleicht oben gut angerechnet würde. Und so erwartete man mit wirklich gemischten Gefühlen den Tag mit allen seinen Ereignissen.

Zum Firmpaten war Onkel Karl, ein Bruder meines Vaters, ausersehen. Seine Frau, die Tante Pera, war eine äußerst liebenswürdige Person von kleiner rundlicher Gestalt und wie ihr Mann mit einem goldenen Humor ausgestattet. Die ganze Familie freute sich herzlich auf den Besuch dieser beiden so lieben Menschen. Leider kam am Tag der Firmung Tante Pera allein. Onkel Karl war plötzlich erkrankt und beauftragte sie, ihn am Altar als Pate und natürlich auch bei den folgenden weltlichen Dingen würdig zu vertreten.

Bei der Firmung am Vormittag blieb die Watsch’n gottseidank aus und der Bischof ließ es tatsächlich bei einem kaum spürbaren Backenstreich bewenden. Somit konnte man sich danach in aller Ruhe mit Freude den weltlichen Genüssen hingeben. Sehnlichst erwartete der Firmling die Uhr. Onkel Karl ließ sich nicht lumpen und mein Bruder trug fortan eine recht schöne runde Armbanduhr mit Leuchtziffern und Lederband genau so, wie es der damalige Geschmack der Zeit erforderte. Wie ein Magnet zog sie unentwegt seine Blicke an. Selbst beim Tischgebet, als er die Hände fromm gefaltet hielt, heftete er seine Augen unentwegt auf sie. Schließlich musste ihm mein Vater die Watsch’n androhen, die er vom Kardinal ja nun wirklich nicht erhielt.

Nach dem Essen konnte die versprochene Autofahrt losgehen. Aber durch ein kleines Missverständnis kam statt eines schönen und modernen Mietautos, wie man damals zu sagen pflegte, ein ziemlich alter hochbeiniger und schon etwas klappriger Wagen angerumpelt, ein älteres Modell der Firma Wanderer. Er war so hoch, dass mein Vater trotz seines Hutes noch kerzengerade einsteigen konnte. In dieser Hinsicht hatten die alten Autos doch auch etwas für sich. Dafür roch es innen nach Benzin und Öl und die schon sehr abgewetzten und durchgesessenen Polster der Sitze fühlten sich brettlhart an. Von der Rückwand zu dem abgeteilten Führerhaus klappte der Chauffeur noch zwei Notsitze herunter, damit wir alle in dem Vehikel Platz hatten. Denn Tante Ada, die Schwester meiner Mutter war auch dabei. Es ergab sich folgende Sitzordnung: Auf der Rückbank saß zwischen meiner Mutter und Tante Ada die Tante Pera, während mein Vater und ich auf den Notsitzen Platz nehmen mussten. Der Firmling als Hauptperson durfte vorne neben dem Fahrer den Ausflug genießen.

Tante Pera zeigte sich mit dem bisherigen Verlauf des Tages sehr zufrieden, besonders deshalb, weil der Firmling in der Kirche so fromm und brav war. Deshalb wollte sie zum Nachmittagskaffee unbedingt noch einen Extrakuchen besorgen. Man ließ also das Auto bei der Konditorei Mayer halten und Tante Pera zwängte sich schnaufend aus dem Wagen. Daran trug nicht die Höhe, sondern mehr die geringe Breite der Türe Schuld. Nach kurzer Zeit kehrte sie mit einer großen Torte zurück und überreichte sie während der anstrengenden Einsteigeprozedur Tante Ada. Nun konnte die Autofahrt beginnen. Es war keine allzu große Strecke geplant, denn die Gesellschaft wollte ja zu einer vielleicht auch etwas späten Kaffeestunde wieder zuhause sein. So erhielt der Chauffeur die Anweisung: Nach Mauthäusl bitte. Wie schön und interessant war es doch mit dem Auto und nicht wie sonst immer mit dem Fahrrad über die Blauewandstraße nach Siegsdorf zu fahren. Es ging ja viel schneller und der Staub, den der Wagen aufwirbelte, konnte einem auch nichts anhaben. Über die neu geteerte Queralpenstraße gelangte man nach Inzell und von dort über die Zwing am Gletschergarten vorbei zum Mauthäusl. Dort in der Nähe lud das schöne Wetter zu einem kleinen Spaziergang ein. Alle bis auf den Chauffeur stiegen aus. Tante Pera’s Kuchen aber blieb im Auto auf der hinteren Sitzbank liegen.

Aus der tiefen Schlucht drang das Rauschen des Weißbaches herauf und man genoss den unvergleichlichen Blick auf den Watzmann. Strahlend erhob er sich mit seinen schroffen Wänden gegen den Himmel, ein wahrer Gigant gegenüber dem von Traunstein aus gewohnten Blick zum Panorama des Hochfelln und Hochgern. Die ruhigen Minuten des Schauens wurden plötzlich durch den herbeigeeilten Chauffeur gestört. Er meinte, es sei höchste Zeit weiter zu fahren, denn man wolle ja schließlich noch bis Bad Reichenhall kommen. Außerdem müsse er zu einer bestimmten Zeit wieder daheim sein und übrigens derrennen könne er sich ja schließlich auch nicht. Durch diese nicht gerade freundlichen Worte angetrieben, begab man sich in großer Eile zum Wagen. Besonders der guten Tante Pera machte dies wegen ihrer Fülle arg zu schaffen. Am Ziel streckten sich ihr viele helfende Hände entgegen. Endlich ließ sie sich schwitzend und völlig erschöpft auf ihrem angestammten Platz nieder, sichtlich froh wieder im Auto zu sitzen.

Dann rumpelte der alte Wagen dahin. Er erreichte dabei oft eine Geschwindigkeit von sage und schreibe 60 Stundenkilometern! Über den Antoniberg brauste man hinunter nach Bad Reichenhall und gelangte über Piding, Anger, Höglwörth und Teisendorf schließlich wieder nach Traunstein. Uns Buben machte diese Höllenfahrt richtig Spaß. Weniger erfreut waren die Erwachsenen. Durch die Holperei auf den harten Sitzen zeigten sich bei ihnen doch Spuren von Erschöpfung, die aber sogleich verfliegen sollten. Als nämlich alle ausgestiegen waren, fragte Tante Pera nach dem Kuchen, den sie während der Fahrt auf dem Schoß von Tante Ada vermutet hatte. Den hatte sie seit Mauthäusl nicht mehr gehalten. Plötzlich rief sie nach einem Blick ins Auto: »Um Himmels willen, jetzt weiß ich, warum ich die ganze Zeit so weich gesessen bin!« Alle drängten sich zur Türe und erblickten auf der hinteren Sitzbank einen großen dünn ausgewalkten »Pfannkuchen«, dessen getreuer Abdruck sich auf Tante Peras Mantel an dessen rundester Stelle befand und begann, sich der Schwerkraft folgend langsam von dort zu lösen.

Reinhold Bendel



15/2009