Jahrgang 2002 Nummer 19

Der Drache im Märchen und in der Sage

Unterschiedliche Bedeutungen eines Fabeltiers

Für Kinder sind Drachen eine Realität, an der sie nicht zweifeln. In Märchen und Sagen hören sie von unerschrockenen Helden, die einen Drachen besiegen, um eine gefangene Königstochter zu befreien. Später begeistern sie sich für Siegfried, dem es gelingt, den Feuer speienden Drachen zu töten; er badet im Drachenblut und wird dadurch unverwundbar.

In Kirchen und Kapellen begegnet uns der Drachentöter St. Georg, und auch der vom Erzengel Michael besiegte Satan wird von Künstlern oft in Drachengestalt dargestellt. Selbst in modernen Kinderbüchern, Comics und Filmen behauptet sich der Drache – ein sehr anpassungsfähiges Fabeltier von erstaunlicher Langlebigkeit.

In der Kunst hat sich für den Drachen im Laufe der Zeit eine feste Ikonographie herausgebildet, die ihn als Mischwesen aus verschiedenen Tieren erscheinen lässt. Meist hat er einen Raubtierkopf, einen Schlangenhals, Fischschuppen, Tatzen wie ein Tiger und Fledermausflügel. Sein Kopf wird von einem Kamm gekrönt, seine Zähne sind äußerst scharf und der Atem ist so giftig, dass er von tödlicher Wirkung sein kann.

Mit der Bedeutungsgeschichte des Drachen vom alten Orient bis heute befasst sich die Ausstellung »Mythos Drache« im Historischen Museum in Bamberg mit Exponaten aus allen Epochen und Kulturen, die noch bis 20. Mai zu sehen ist. Sie wurde von einem interdisziplinären Arbeitskreis der Universität Bamberg erarbeitet.

Das Erscheinungsbild des Drachen ist im wesentlichen in der Antike geprägt worden, vor allem durch altorientalische Steinreliefs und durch die naturkundlichen Schriften von Plinius im 1. Jahrhundert nach Christus. Aus der Griechischen Mythologie stammt die Vorstellung eines Untiers mit mehreren Köpfen, die Wendigkeit und Gefährlichkeit des Drachen verdeutlichen. Im Mittelalter nahm sich die Medizin des Fabeltiers an und entdeckte seine therapeutischen Effekte. Hildegard von Bingen empfiehlt gegen Steinleiden eine Mixtur aus Drachenblut und Wasser, eine Salbe aus in Wein gekochter Drachenzunge sollte von Schwermut heilen, die Asche aus Drachenknochen wurde bei Zahnschmerzen empfohlen.

Im Eingangsbereich der Bamberger Ausstellung sind Fossilien eiszeitlicher Großsäugetiere wie Mammut, Höhlenbär und Waldelefant zu besichtigen. In solchen Skelettresten sah man früher Beweise für die tatsächliche Existenz von Drachen. Aus der Bamberger Staatsbibliothek stammen mittelalterliche Handschriften mit phantasievollen Drachendarstellungen.

Ein Steckbrief eines Drachen, der die mittelalterliche Auffassung von dem schrecklichen Fabeltier wiederspiegelt, stammt von dem fränkischen Dichter Wirnt von Gräfenberg aus dem Anfang des 13, Jahrhunderts. In seinem Artusroman »Wigalois« heisst es vom Drachen: »Sein Kopf war übermäßig groß, schwarz und zottig. Sein unbedeckter Schnabel war einen Klafter lang und wellenbreit und scharf wie ein neugeschliffener Speer. In seinem Maul hatte er lange Hauer wie ein Wildschwein, überall an ihm waren breite Schuppen aus Horn erkennbar. Vom Kopf abwärts war sein Rücken gezackt wie beim Krokodil, das damit Schiffe zerstören kann. Er besaß einen langen Kamm wie ein Hahn, außer dass er riesig war. Sein Bauch war grün wie das Gras, die Augen waren rot, seine Flanke gelb. Zwei Ohren hatte er wie ein Maultier. Sein Atem stank, denn er war faulig, er stank schlimmer als ein Aas, das lange unter der heißen Sonne liegt. Seine Füße waren ganz hässlich wie beim Greif und behaart wie bei einem Bären. Zwei edle Flügel hatte er wie das Gefieder eines Pfauen, sein Hals war nach unten zur Erde gebogen. Seine Kehle war knorpelig wie das Horn eines Steinbocks.«

Beim Vergleich der europäischen Drachenvorstellung mit der chinesischen Auffassung erkennt man den Bedeutungsunterschied in den beiden Kulturen.

Bei uns ist der Drache negativ besetzt, er symbolisiert das Böse, das Chaotische und die widergöttlichen Mächte. Die Drachenbezwinger bringen die Welt wieder ins Lot, stellen die ursprüngliche Ordnung wieder her. Der endgültige Sieg über das Böse, über den »Drachen, die alte Schlange« (Satan) kommt nach der Auffassung der »Geheimen Offenbarung« des Johannes erst am Ende der Zeiten, wenn das Untier und mit ihm der »falsche Prophet« bei lebendigem Leib in den See von brennendem Schwefel geworfen werden.

Im Gegensatz dazu gilt der Drache in China als ein Sinnbild von Stärke, Güte und Weisheit. Als Symbol für den Kaiser findet er sich auf der chinesischen Nationalflagge, zusammen mit der glücksbringenden roten Perle, die auch als Sonne interpretiert wird. Der Anblick des Drachen soll Kraft verleihen, deshalb ziert sein Bild Teekannen und Teller, Lampions, Briefbeschwerer und Krawatten, von denen die Bamberger Ausstellung eine Auswahl zeigt.

JB



19/2002