Jahrgang 2002 Nummer 29

Der Bernstein entstand aus Pinienharz

Das Baltische Gold ist über 50 Millionen Jahre alt

Wellen umspülen Bernsteinklumpen an einem Meeresstrand. Bernstein ist etwa 50 Millionen Jahre alt. Als die letzten Dinosaurier a

Wellen umspülen Bernsteinklumpen an einem Meeresstrand. Bernstein ist etwa 50 Millionen Jahre alt. Als die letzten Dinosaurier ausgestorben waren und die ersten Säugetiere die Erde besiedelten, tropfte Harz aus Pinienbäumen. Ein Prozess von Oxidation (Sauerstoffaufnahme) und Polymerisation (Umwandlung durch Zusammenlagerung) härtete die zähflüssige Masse zu Bernstein.
Zwei Hände voller Bernstein, fotografiert in den Ausstellungsräumen der Schaumanufaktur der Ostsee-Schmuck GmbH im mecklenburgis

Zwei Hände voller Bernstein, fotografiert in den Ausstellungsräumen der Schaumanufaktur der Ostsee-Schmuck GmbH im mecklenburgischen Ribnitz-Damgarten.
Wellen peitschen meterweit auf den Strand, das Meer bebt. Bäume biegen sich im Sturm. Die Möwen schreien. Kazimieras Mizgiris steht auf einer Düne in Nida (Nidden) und lächelt. »Traumwetter«, sagt er, »Bernsteinwetter«. Der 52-jährige Mizgiris widmet sein Leben den goldgelben Steinen, zwei private Bernstein-Museen mit angeschlossenen Galerien hat er in Litauen aufgebaut.

»Bernstein ist wieder stark im Kommen«, sagt in Königstein Bodo Jonda, Geschäftsführer des deutschen Juwelierverbands. »Das Image vom Oma-Schmuck hat er Gott sei Dank abgestreift.« Abiturientinnen lassen sich ihre erfolgreichen Prüfungen mit Accessoires aus dem geheimnisvollen Stein belohnen, auf Theaterpremieren und Vernissagen tragen die Damen wieder Bernsteinschmuck. Besonders im norddeutschen Raum seien moderne Kreationen gefragt, berichtet Jonda.

Beinah unvorstellbare 50 Millionen Jahre ist Bernstein alt. Als die letzten Dinosaurier ausgestorben waren und die ersten Säugetiere den Planeten besiedelten, tropfte Harz aus Pinienbäumen. Und ein Prozess von Oxidation (Sauerstoffaufnahme) und Polymerisation (Umwandlung durch Zusammenlagerung) härtete die zähflüssige Masse.

»Man kann mit dem Bernstein sprechen«, sagt Mizgiris. Behutsam rollt er die Steine zwischen den Fingern. Inspiziert sie mit der Lupe, hält sie gegen das Licht, riecht an ihnen. »Dann fangen sie an, Dir ihre Geschichte zu erzählen.« Tropfenartige Steine entstanden, wenn das Pinienharz in eine Pfütze fiel. Spritzte es auf den Boden, bildeten sich kantenreiche Formen. Manche Rinnsale haben Insekten eingeschlossen und die Tiere bis heute konserviert. Wenn Mizgiris mit funkelnden Augen enträtselt, was den einzelnen Exponaten genau passierte, ist zu verstehen, warum er auch der »Bernstein-Papst« genannt wird.

Bei Sturmalarm an der Ostsee beginnt für Mizgiris die »Erntezeit«. Dann spült das aufgewühlte Meer die wertvollen Steine in etwa 400 Meter Tiefe auf. Die Wellen tragen Algen, Treibholz und Bernstein in Landnähe und sogar auf den Strand. Bis zu den Knien stehen die Bernsteinfischer in den Wellen. Anglerstiefel und Gummihosen halten sie einigermaßen trocken. Seemannspullover und Sturmjacken schützen vor der Kälte. Rund 50 dieser Bernsteinfischer gibt es in Litauen, die meisten von ihnen haben das Handwerk von ihren Vätern und Großvätern gelernt. Mit langstieligen Köchern fischen sie nach dem Schutt des Meeres.

Erst an Land wird dann der Bernstein herausgesiebt. Im Frühjahr und Herbst machen die Sammler bis zu 500 Kilogramm Beute. Von dem Ertrag können sie den Rest des Jahres leben. Zwischen 100 und 200 Euro bringt ein Kilo »normaler« Bernstein. Besondere Farben und große Brocken werden frei verhandelt, erklärt Mizgiris.

Touristen seien immer wieder fasziniert, dass neben dem bekannten honiggelben Bernstein auch weißer, blauer, grüner, roter und schwarzer angeboten wird. Weißer etwa kommt durch den Einschluss von Luftbläs-chen im Harz zu Stande, grüner durch kleine Pflanzenstücke, die sich mit dem Harz verbunden haben. Schwarze Färbung ergab sich voreinst durch Holzspäne. Am seltensten ist der blaue Bernstein. Manche Wissenschaftler glauben, er stamme vom Harz im Bauminneren, andere Experten gehen von chemischen Reaktionen aus.

90 Prozent des weltweit gehandelten Bernsteins stammen aus Jantarny (ehemals Palmicken) im Kaliningrader Gebiet. Dort liegt die so genannte »blaue Erde«, in der die Ablagerungen am häufigsten sind, in Küstennähe. Durch eine Pipeline wird der Meeresschutt ganzjährig an Land gepumpt und dort durchsucht. 1600 Arbeiter gewinnen durch die maschinelle Methode bis zu 800 Tonnen Bernstein jährlich. Daneben verrichten auch um Kaliningrad Bernsteinfischer ihr Handwerk. Und sogar Taucher: unterwasser versuchen sie, die kiloschweren Brocken zu bergen, die selbst der stärkste Sturm nicht losreißt.

Von dem in der Bernsteinfabrik geförderten Steinen sind nur gut zehn Prozent so schön glatt und klar wie der See-Bernstein und zur lukrativen Schmuckverarbeitung geeignet. Der große Rest wird erhitzt und unter großem Druck zu Pressbernstein. Weiterverarbeitet zum Isoliermittel ist das Material vielseitig verwendbar – bei Kaffeetassen ebenso wie in der Raumfahrt.

Mizgiris gefallen die Methoden in Jantarny (Übersetzt: Gemacht aus Bernstein) nicht. »Terror gegen den Bernstein« nennt er sie. Seine Juweliere stellen aus den in offener See gefundenen Steinen ohne Maschinen die ganze Schmuckpalette her: Ringe, Ketten, Amulette, Broschen, Ohrringe, Armbänder. Für Männer werden Krawattennadeln, Manschettenknöpfe, Wanderstöcke und auch Skulpturen als Zierde für den Schreibtisch angeboten.

In Litauen wird traditionell versucht, den Stein in einer möglichst ursprünglichen Form zu belassen. Für ein jedes Fundstück überlegen die Schmuckkünstler, welche Verwendung am besten passt. Möglichst wenig möchten sie wegschleifen, möglichst viel vom natürlichen Zauber erhalten. »Jedes Mal, wenn wir ein Stück verkaufen, geben wir einen Teil von uns weg«, sagt Mizgiris. Sein Pool aus knapp zwanzig eigenständig arbeitenden Bernsteinjuwelieren zeigt den neuen Schmuck aus dem uralten Stein weltweit.

»Gold und Silber passen am besten«, sagt Mizgiris. Die litauischen Künstler spielen mit der Farben- und Formenvielfalt. An einer Kette zeigen Brocken den Regenbogen der Bernsteinfarben. Den talergroßen Stein einer Brosche prägen in der Mitte zwei geheimnisvolle, augenscheinlich natürlich entstandene Löcher. Bei vielen Schmuckstücken verschmelzen schroffe, zerklüftete Bernsteinbrocken scheinbar natürlich mit einer silbernen Verlängerung. Selten wird der Bernstein auf Hochglanz poliert, »das Meer ist auch keine Kinderstube«. Mizgiris selbst begnügt sich mit einem Bernsteinsplitter im rechten Ohr.

Westeuropäer fürchten häufig, Fälschungen aufgeschwatzt zu bekommen. Tatsächlich lassen sich etwa aus Plastik bernsteinähnliche Objekte herstellen. Und auch der Pressbernstein kann für das ungeübte Auge natürlich aussehen. Aber im Normalfall lohnen sich das Nachahmen oder eine künstliche Farbveränderung kaum. Dafür ist der Naturbernstein zu preiswert. Am ehesten, so heißt es, werden die selten vorkommenden Inklusien, eingeschlossene Insekten etwa, nachgemacht.

»Wir haben eine Mission«, sagt Mizgiris und nennt seine Mitarbeiter eine »Bernsteinfamilie«. Sie wollen die neuen Generationen für ihr Material begeistern. Eine Wanderausstellung tourt dafür seit Jahren von Nida aus bis nach Washington, Rom und Reykjavik. Einen »Bernsteinweg« wollen sie aufbauen, der quer durch Europa aufzeigt, wie das Gold aus der Ostsee einst bis nach Griechenland als Zahlungsmittel genutzt wurde.

Sogar Bernstein-Schnaps wird in Litauen produziert, wenn auch nur für den Hausgebrauch. Splitter im Wodka ziehen lassen und dann täglich ein kleines Gläschen, das empfiehlt Mizgiris gegen Wehwehchen. Gefunden hat er das Rezept in alten Aufzeichnungen. Heilende Wirkung wurde dem Stein, der sich stets warm anfühlt, schon lange zugesprochen. Die alten Römer benutzten Bernsteinpulver bei Halsschmerzen, Augenkrankheiten oder Übelkeit.

In Litauen gibt es fast nichts, was nicht auch mit Bernstein (Litauisch: Gintaras) assoziiert wird: Eine Biersorte bekam den Namen Gintarinis, Jungen heißen oft Gintaras, Mädchen Gintarine. Poeten widmen dem Stein ihre Gedichte, der Kurort Palanga trägt eine Bernsteinkette im Stadtwappen. Dort steht auch im ehemals fürstlichen Bernsteinpark das staatliche Museum für den litauischen Lieblingsstein mit einer der bedeutendsten Sammlungen der Welt. Bei Nida wurde gar im Kurischen Haff nach dem Bernsteinzimmer gesucht. Das Geschenk des Preußischen Königs Friedrich I. an den russischen Zaren Peter I. aus dem 18. Jahrhundert wurde im Zweiten Weltkrieg demontiert und gilt als verschollen.

»Hier in Litauen hat man Bernstein nicht bloß im Herzen, er liegt auch im Blut«, sagt Mizgiris und erzählt von der Mythologie des baltischen Staates. Denn die hat eine poetische Erklärung für die Entstehung des »Brennsteins« (niederdeutsch) bewahrt: Einst lebte auf dem Meeresgrund die Ostsee-Nixe Jurate in einem Bernsteinschloss. Jurate sollte mit dem Wassergott verheiratet werden, aber sie verliebte sich in einen sterblichen Fischer. Als Donnergott Perkunas davon hörte, kam er so in Rage, dass er mit einem Blitz Jurates Bernsteinschloss zerstörte. Über den Verlust weinte sie goldene Tränen, die sich in Bernstein verwandelten. Und seither finden sich im Meer die »Göttertränen«.

JL



29/2002