Jahrgang 2002 Nummer 41

Der Bergkristall vom Ödenwinkel

Edle Steine aus den Hohen Tauern bei den 39. Mineralientagen in München

Im Jahre 1962 machte der Salzburger Bergsteiger Sepp Oschlinger in Rauris einen sensationellen Kristallfund. Im Gebiet des Sonnblicks auf 2400 Meter Höhe entdeckte er eine vier Meter lange Höhle, die über 250 Kilogramm Bergkristalle und Feldspate enthielt. Es gelang, in einer schwierigen Abbruch- und Tansportaktion, sämtliche Kristalle zu bergen. Sie können in einer naturgetreuen Nachbildung der Kristallkluft im Haus der Natur in Salzburg bewundert werden.

Ebenfalls in den Hohen Tauern gelang dem Pinzgauer Bauernsohn Peter Meilinger aus Bramberg und seinem Freund Hans Hofer ein noch sensationellerer Fund – der umfangreichste Bergkristallfund der Alpen überhaupt mit einem Gesamtgewicht von zweitausend Kilogramm. Die zwei Bergsteiger stießen in der Nordwand des Eiskögele, im sogenannten Ödenwinkel, in einer anderthalb Meter hohen Felsspalte auf zehn riesige Bergkirstalle und zahlreiche mindestens 20 Zentimeter große Kristalle. Das größte Einzelstück wog 618 Kilogramm und ist damit der größte Bergkristall, der je in den Alpen gefunden wurde.

Den Kristallfunden der Hohen Tauern ist in diesem Jahr die Sonderausstellung bei den Münchner Mineralientagen gewidmet, die vom 25. bis 27. Oktober in der Neuen Messe in Riem stattfinden. Schon seit vielen Generationen ist das »Stoasuachen« in den Dörfern des Tauerngebiets eine vom Vater auf den Sohn vererbte Leidenschaft. Da ist etwa der Pinzgauer Alois Steiner senior, der bis ins hohe Alter von 90 Jahren aufstieg, um nach Kristallen, Smaragden, Rauchquarzen und anderen Steinen zu suchen. Oder der Pfarrer aus Osttirol, der heute noch den Weg hinauf auf die Berge nimmt und Bergkristalle sammelt – aus Freude über die Schönheit der Schöpfung. Schade, dass es bei der Suche immer wieder einmal zu Unfällen kommt; so stürzte vor wenigen Jahren ein 17-jähriger Schüler tödlich ab, als er über eine Felswand zu einer schwer zugänglichen Höhle klettern wollte.

Die Tradition des »Stoasuachens« reicht in den Hohen Tauern bis in das 18. Jahrhundert zurück. Für die arme Bevölkerung der Häusler und Waldarbeiter bildeten Mineraliensuchen und der Handel mit Edelsteinen einen willkommenen Nebenerwerb. Käufer der Steine waren die wohlhabenden Bürger, Adelige und gekrönte Häupter, die Sammlungen anlegten, um ihre Schätze zur Schau zu stellen. Allmählich etablierte sich die Mineralogie als Wissenschaft, aber Museen und Universitäten wurden weiterhin von privaten Sammlern mit Fundstücken versorgt. Mineraliensammeln ist in gewisser Weise praktischer Naturschutz, ohne das Sammeln würden die Mineralien mit der Zeit von den Kräften der Erosion wie Regen und Sonne, Eis und Schnee sowie durch Steinschlag zerstört. Nur planmäßiges Sammeln bewahrt diese unwiederbringlichen Schätze der Natur für künftige Generationen.

Dass die »Stoasuacha« in den Hohen Tauern nicht ausgestorben sind, beweisen die an die hundert privaten Sammler aus dem Pinzgau und aus Osttirol, die sich zu den diesjährigen Münchener Mineralientagen angesagt haben, um ihre Kostbarkeiten einem großen Publikum zu zeigen – und zu verkaufen. Die Funde stammen zum Großteil aus dem Habachtal und den zwei Sulzbachtälern. Osttirol wartet mit Mineralien aus der historischen Sammlung des Theologen J. Ruggentahler auf, die lange Zeit als verschollen galt.

JB



41/2002