Jahrgang 2008 Nummer 42

Der Bayerische Hiasl – Volksheld und Räuberhauptmann

Ein Unzufriedener lehnt sich gegen die Obrigkeit auf und scheitert – Teil I

Der Bayerische Hiasl mit seinem Buben und seinem Hund. Ölgemälde. (Archivbild)

Der Bayerische Hiasl mit seinem Buben und seinem Hund. Ölgemälde. (Archivbild)
Geburts- und Elternhaus des Bayerischen Hiasls in Kissing.  (Archivbild)

Geburts- und Elternhaus des Bayerischen Hiasls in Kissing. (Archivbild)
Am 6. September 1771 wurde in Dillingen Matthias Klostermayer, ge-nannt der Bayerische Hiasl, öffentlich hingerichtet. Nach dem Urteil der hochfürstlichen Residenzstadt Dillingen von diesem Tage wurde der »Erz-bösewicht« wegen Wilddieberei, öffentlicher Gewalttaten, Landfriedensbruchs, Räuberei und vorsätzlichen Todschlags dem Scharfrichter übergeben, um mit dem Rad durch Zerstoßen seiner Glieder vom Leben zum Tode gerichtet zu werden. In dem Prozess, dem dieses Urteil vorausgegangen war, hatte Hiasl teils freiwillig, teils durch die Folter dazu gezwungen, dem Gericht seine Spießgesellen verraten und eine Lebensbeichte abgelegt, die zu Protokoll gebracht, den Chronisten seither eine einigermaßen gesicherte Rekonstruktion seines bewegten Lebens erlaubt.

Der Wildschütz als Helfer in der Not

Ist nun heute, 237 Jahre nach seinem unrühmlichen Ende, die Lebensgeschichte des Matthias Klostermayer es wert, in Erinnerung behalten zu werden? Der Hiasl war ein Wild-schütz und als solcher in weiten Kreisen des niederen Volkes ein geachteter Mann. Im Barockzeitalter des der Revolution entgegenstrebenden 18. Jahrhunderts hatte nach dem Verständnis des Volkes der Liebe Gott das Wild für alle Menschen und keineswegs für die Fürsten allein geschaffen.

Die Bauern hatten durch das für die fürstliche Jagd gehegte Wild so manchen Schaden auf ihren Wiesen und Äckern hinzunehmen. Bei einer Treibjagd hatten sie nicht nur das zertrampelte Getreide zu beklagen, sondern mussten auch noch selbst als Treiber mitlaufen. Da war der Wildschütz als Helfer in der Not hoch geschätzt. Er verringerte ihren Flurschaden und gab ihnen noch das Gefühl, dass er es denen da oben zeigen konnte, dass ihre Macht nicht grenzenlos war. Ein Unrecht konnte niemand im Jagen des herrenlosen Wildes sehen. Und schließlich gab der Wildschütz das erlegte Wild seinen »Kunden« billig ab. So konnte mancher Arme seine Familie ernähren und selbst Beamte, Soldaten und Pfarrer ließen sich einen Rehbraten schon einmal schmecken, über dessen Herkunft man nicht so genau nachdenken wollte. So hatten beide Teile ihren Vorteil. Der Gastwirt konnte seinen Gästen einen deftigen Braten auftischen und der »Wildhändler« bekam für das preisgünstige Wildbret noch freie Kost und Logis. Da versteckte auch der Pfarrer einmal den Wildlieferanten, wenn die fürstlichen Jäger so eindringlich nach ihm forschten.

Das adelige Jagdprivileg – Ein Ärgernis für die Bauern

So bestand ein Spannungsverhältnis zwischen dem durch die Jagd privilegierten Adel, der das Wild als sein Eigentum betrachtete, und den Bauern, die den Wildschaden auf ihren Feldern ertragen mussten. Das Jagdprivileg des Adels, das im ganzen Mittelalter hindurch bestanden hatte, war für die Bauern schon immer ein Ärgernis gewesen. In den Bauernkriegen hatten sie ihrem Unmut Luft gemacht. In den 12 Artikeln, in denen die Bauern ihre Forderungen festgelegt hatten, ist dies deutlich ausgesprochen: »Zum vierten ist es bisher der Brauch gewesen, dass kein Untertan die Befugnis gehabt hat, das Wildbret zu fangen – was uns gar nicht ziemlich und brüderlich dünkt, vielmehr eigennützig und dem Wort Gottes nicht gemäß.«

Nachdem die Bauern ihren Krieg verloren hatten, war es beim Jagdprivileg der Fürsten geblieben. Umso mehr zählte man auf die, die heimlich bei Nacht und unter Gefahr für Leib und Leben ein wenig für eine ausgleichende Gerechtigkeit sorgten. Bald fand die Bewunderung für die Herren der Wälder mit den rußgeschwärzten Gesichtern und der Büchse im Anschlag auch im Volkslied ihren Widerhall:

»Das Wild auf weiter Erde ist freies Eigentum.
Drum lass ich mich nicht hindern – und wers nicht schießt, ist dumm.
Und frei san d’Hirsch und frei is d’Pirsch
und frei ist der Schütz.«

So wurde auch der Hiasl als Fürst der Wälder glorifiziert:

»Ich bin der Fürst der Wälder und keiner ist mir gleich.
So weit der Himmel blau ist, so weit ist auch mein Reich.«
»Ich bin der Bayrisch’ Hiasl, - Kei’ Kugl geht mir nei.
Drum fürcht i a koan Jager, sollt’s glei der Teufel sein.«

Das war also der Robin Hood der Unterdrückten, der Rächer für alles Unrecht auf dieser Welt, der vom überirdischen Glanz einer Eigengerechtigkeit umgeben war. Zu diesem Bild gehörte auch die Kulisse der dunklen Wälder, in denen die Wilderer lebten. Der von Rousseau geprägte Gedanke »zurück zur Natur« beflügelte die Phantasie der Dichter. Schiller ließ seine »Räuber« in den Wäldern den Glanz der Freiheit erleben. Der Wildschütz stand auch mit dem Teufel im Bunde, der ihm zu mitternächtlicher Stunde beim Gießen treffsicherer Kugeln half. Diese Geschichten faszinierten natürlich auch den jungen Hiasl, der bald neben der großen Welt der fürstlichen Jäger auch die kleine, die dunkle Welt der Wilderer kennen lernen sollte.

Hiasls Traum vom fürstlichen Jäger

Doch kehren wir noch einmal zu den Gerichtsakten in Dillingen zurück, in denen der Lebensweg der Matthias Klostermayer nachgezeichnet ist. Am 3. September 1736 wurde er in Kissing, einem kleinen Marktflecken an der Paar, circa 20 Kilometer südlich von Augsburg geboren. Sein Vater wird im Gerichtsprotokoll als Gemeindehirt und Tagelöhner aufgeführt. Er galt als guter Schütze und wurde von einem befreundetem Jäger gerne mit auf die Jagd genommen.

Jägergeschichten nahm der junge Hiasl mit wachsender Begeisterung auf. Bald war er selbst im Wald zu Hause und lernte mit der Büchse umzugehen. Dabei träumte er von der anderen, unendlich erstrebenswerten Welt der adeligen Jagd. Er bewunderte den mit Geschick dem Wild nachsetzenden Jäger, das Hochgefühl der erlegten Jagdbeute und die Jagdgesellschaft mit ihren höfischen Umgangsformen. So stand sein Entschluss, Jäger zu werden, schon fest, als er mit 11 Jahren die Schule ver-ließ. Er wollte jener höheren Welt teilhaftig werden, die sich ihm in der fürstlichen Jagdgesellschaft präsentierte und die ihn ein für alle Mal aus den Niederungen seines armseligen Daseins als taglöhnerischer Schweinehirt befreien sollte. Die Natur hatte den jungen Hiasl mit vielen guten Gaben ausgestattet. Er konnte mit einem freundlichen Gesicht auf die Menschen zugehen, war lern- und wissbegierig und zeichnete sich durch Fleiß und Stetigkeit aus. So jedenfalls ist es den Zeugenaussagen vor Gericht über die Jugendzeit Hiasls zu entnehmen.

Ein Faschingsscherz lässt den Hiasl zum Wilderer werden

So ist es nicht verwunderlich, dass der Hiasl, kaum 17 Jahre alt, auf dem Jagdschloss Mergenthau von den Jesuiten eine Anstellung als Jagdgehilfe erhielt. In dieser Umgebung fühlte er sich offensichtlich wohl und nahm auch einiges von den höfischen Sitten und Ausdrucksformen an, die ihn später bis zu seinem Lebensende prägten. Wahrscheinlich wäre der Hiasl hier in allen Ehren alt geworden, hätte ihn nicht ein Bubenstreich aus der Bahn geworfen. Zur Faschingszeit hatte der Hiasl einen Pater, der auf der Jagd eine Katze statt eines Hasen erlegt hatte, nachgeäfft und lächerlich gemacht. Der gekränkte Jagdgast erreichte beim Prior die Entlassung des Jagdgehilfen. Hiasl war zutiefst verletzt. Er empfand die Entlassung als bitteres Unrecht und wurde von dem Gefühl umgetrieben, sich dafür rächen zu müssen. Wenn er nicht freiwillig an der Welt der hohen Herrschaften teilhaben dürfte, dann wollte er sich mit Gewalt das holen, wovon er glaubte, dass es ihm zustehe.

Nach seiner schmählichen Entlassung als Jagdgehilfen verdingte er sich bei einem Bauern in seinem Heimatort Kissing als Knecht. Und weil man ihn nicht ehrlich jagen ließ, verlegte er sich auf die Wilderei. Die schöne Monika, die Tochter des Bauern in Kissing, verliebte sich in den Hiasl, schenkte ihm später, als er in München im Zuchthaus saß, einen Sohn und hielt ihm bis zu seinem bitteren Ende in Dillingen die Treue.

Hiasls eigenständiges Regiment als Wilderer

Kaum hatte er sich mit der Tochter des Bauern eingelassen, ging er immer öfters und heimlich auf die unerlaubte Pirsch. So machte er sich die Jäger zu seinen Feinden. Diese ersannen, um den lästigen Konkurrenten loszuwerden, eine List. Sie hetzten dem Hiasl die Soldatenwerber des Kurfürsten auf den Hals. Weil sich sein Ruf als treffsicherer Schütze schon herumgesprochen hatte, hätte man ihn gerne zu den Soldaten des Kurfürsten gezählt. Hiasl dachte aber nicht daran, die Freiheit der Wälder gegen ein Lager in der Kaserne einzutauschen.

So entwischte er der Werbekommission durch die Hintertür des am Lech gelegenen Gasthauses. Er wusste, dass er den kalten Lech zu durchschwimmen hatte, um am jenseitigen schwäbischen Ufer vor den bayerischen Soldaten sicher zu sein. Er wusste aber auch, das er sich auf ein lebensgefährliches Abenteuer einließ. Er wagte und gewann. Auf dem schwäbischen Ufer angekommen, schleppte er sich mit letzter Kraft bis vor das Tor eines Bauernhofes. Der Samariter von Oberottmarshausen, so hieß der schwäbische Ort, nahm den vom Fieber Geschüttelten auf und pflegte ihn über Wochen gesund. Als die Geschichte seiner abenteuerlichen Flucht bekannt wurde, nannte man ihn nur noch den bayerischen Hiasl, weil er den bayerischen Soldaten auf der Flucht entkommen war. Kaum wieder auf den Beinen, Schloss sich Hiasl einer Bande von Wildschützen an, die unter dem Hauptmann Xaver Bobinger in den Wäldern ein recht zügelloses Regiment führten.

Hiasl sah eine Zeit lang dem Treiben zu. Dann merkte er aber, dass es ihm nicht entsprach, sich einer fremden Führung unterzuordnen. Er verließ daher die Bande, ging zunächst alleine auf die Jagd und fand bald Spießgesellen, die mit ihm zogen und ihn als ihren Hauptmann anerkannten. Da er sich in dieser Zeit lediglich auf die Jagd beschränkte, die Bauern vor Wildschaden bewahrte und sie obendrein noch mit billigem Fleisch versorgte, genoss er bald das Vertrauen der Landbevölkerung. Überall kannte man ihn und bot ihm mit den Seinen Unterschlupf, wenn ihm Jäger oder Gendarme nachstellten. Einmal entkam er seinen Verfolgern über die Dachlucke, wurde von der Bäuerin im Schrank versteckt oder er verbarg sich solange im Heu, bis die Häscher den Hof verlassen hatte.

Dieter Dörfler

Teil 2 in den Chiemgau-Blättern Nr. 43/2008



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