Jahrgang 2002 Nummer 48

Der Adventskranz kam aus dem Norden

Der schöne Brauch, an den Adventssonntagen einen Adventskranz aufzuhängen und seine Kerzen zu entzünden, ist erst 170 Jahre alt, also bedeutend jünger als der Christbaum. Das Brauchtum früherer Zeit kennt ihn nicht. Zwar gab es schon früher »Christ- und Lichterkronen« und vor allem in den nieder- und ostdeutschen Gebieten vielerlei Arten von Weihnachtspyramiden.

Ein aus Tannengrün gefertigter mit Kerzen geschmückter Kranz in Beziehung zur vorweihnachtlichen Zeit schien aber erstmals im Jahre 1833 gegründeten »Rauhen Haus«, einer evangelischen Erziehungsanstalt bei Hamburg, die heute übliche Gestalt angenommen zu haben.

Johann Hinrich Wichern, der Bahnbrecher der Inneren Mission in Hamburg, schrieb in sein Tagebuch über eine Andacht am ersten Advent des Jahres 1838: »Um den Lobesspruch an der Orgel waren 23 bunte Wachslichte aufgestellt. Mit jeder neuen Verheissung wurde eines der Lichte angezündet…«

Und in einer seiner Geschichten schrieb Wichern, der sich auch als Verfasser von Weihnachtgeschichten hervortat, gleichsam über das Entstehen des Adventskranzes: »Als der Advent kam, brachte der Schulmeister einen grossen Kronleuchter in die Schulstube, worauf so viele Weihnachtslichter steckten, als es in dem Jahre Adventstage gab. Jedesmal beim Beginn der Schule wurde nun ein Adventslied gesungen und aus der Heiligen Schrift eine Verheissung gelesen, die anzeigt, dass der von Gott versprochene Heiland kommen soll. Den ersten Tag wurde eines der Lichter angesteckt, ein zweites am zweiten, darauf am dritten auch ein drittes, und so fort, bis der Lichterkranz immer glänzender strahlte…«

In den Jahren danach begann Wichern und seine Mitarbeiter die farbigen Kerzen kranzförmig aufzustellen, um die freudige Stimmung vor dem Weihnachtsfest bildhaft darzustellen. Später kam das Tannengrün dazu; man umwand den Leuchter damit, so dass daraus ein riesiger Adventskranz entstand. Der neue Brauch verbreitete sich sehr rasch, umso mehr, als Wichern sie in seiner Weihnachtserzählung »Herr Hobelmann« dichterisch ausgestaltete. Da die Gemeinden indessen im Allgemeinen nur sonntags eine Andacht abhielten, reduzierte sich die Zahl der Kerzen auf vier, von denen jede einen der vier Adventssonntage symbolisierte.

Im ersten Drittel des vergangenen Jahrhunderts wurde der Adventskranz, nun allerdings zur Gänze aus Tannengrün gewunden, auch in römisch-katholischen Gebieten üblich. Gemeinsam mit dem Christbaum wurde er so eines der ersten Symbole christlicher Gemeinsamkeit über die trennenden Konfessionsgrenzen hinweg.

GD



48/2002