Jahrgang 2008 Nummer 6

Der 30. Januar 1933 veränderte die Welt

Zum 75. Jahr nach der »Machtergreifung« – Teil I

Der Fackelzug von SA und »Stahlhelm« anlässlich der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler wurde – um eine bessere Qualität der Auf

Der Fackelzug von SA und »Stahlhelm« anlässlich der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler wurde – um eine bessere Qualität der Aufnahmen zu erreichen – im Sommer 1933 nachgestellt.
Kabinett Hitler am 30. Januar 1933, sitzend von links: Göring, Hitler, v. Papen.

Kabinett Hitler am 30. Januar 1933, sitzend von links: Göring, Hitler, v. Papen.
Nach Leopold von Ranke (1795-1886), der als bedeutendster deutscher Historiker gilt, solle der Geschichtsschreiber nicht die Vergangenheit richten oder die Gegenwart belehren, sondern »bloß zeigen, wie es eigentlich gewesen ist«. Das war und ist nicht immer einfach, fehlt es dem gutwilligen Verfasser doch manchmal an einer ausreichenden Quellenlage. Auch kann ein nicht vorurteilsfreier Blick in die Vergangenheit dem Anliegen Rankes zuwiderlaufen. Zu unserer jüngsten Vergangenheit gibt es reichlich Material. Sich über diese Zeit Gedanken zu machen, scheint von Nöten, da jene Ereignisse nicht nur ältere Mitbürger ansprechen, die heute gerade noch die dramatischen Ereignisse von damals selbst miterlebt haben und darüber berichten können. Auch die Jungen werden nicht müde nachzuforschen, wie es so weit kommen konnte. Dass dieses Thema ständig Schlagzeilen macht, wissen wir z. B. aus Medienberichten der jüngsten Zeit über eine von der ARD gekündigte Fernsehjournalistin, deren persönliche Meinung über die NS-Zeit als Verletzung eines nicht genau definierten Tabus empfunden wurde. Abgesehen davon lohnt eine Auseinandersetzung mit unserer »unbewältigten Vergangenheit« immer, nicht nur, weil sich unsere Gesellschaft im Vergleich zu damals stark gewandelt hat, sondern auch, weil im Jahresverlauf immer wieder Gedenktage mit den zugehörigen Dokumentationen in den Medien eintreten; so auch vor wenigen Tagen, als sich der Tag der »Machtergreifung« zum 75. Mal jährte.

»Wahrheit« wird seit jeher als positiver Wert empfunden. Max Frisch weist uns in diesem Zusammenhang auf ein sonderbares menschliches Verhalten hin. In seinem Theaterstück »Biedermann und die Brandstifter« werden zwei schräge Figuren ins Haus aufgenommen, die offen sagen, dass sie es anzünden werden, wie auch schon andernorts geschehen. Der Gastgeber will das nicht glauben oder wahrhaben und versucht, durch Anbiederung und Kumpanei das drohende Unheil abzuwenden. Einer der beiden erklärt dem naiven Hausherren das Geheimnis ihres Erfolges: Eisenring – »Scherz ist die drittbeste Tarnung. Die zweitbeste: Sentimentalität… Die beste und sicherste Tarnung ist immer noch die blanke und nackte Wahrheit. Komischerweise. Die glaubt niemand.«) Ähnlich war es in den 30er Jahren. In »Mein Kampf« sagte Hitler auch die Wahrheit. Sie war radikal, vermessen und bar jeder Wahrscheinlichkeit, durchgeführt zu werden. Viele wussten: Papier ist geduldig. Und: Es wird nichts so heiß gegessen, wie’s gekocht wird. In diesem Fall war es anders. H. bekam rund 10 Jahre nach der Abfassung die Möglichkeit, sein Programm wie aus dem Lehrbuch durchzuführen: die Umgestaltung Deutschlands zu einem totalitären Führerstaat, die Verfolgung und Vernichtung der Juden bzw. der »minderwertigen« Völker Osteuropas, die imperialistische Zielsetzung der Außenpolitik bis zur Entfesselung des 2. Weltkriegs. Alles wird in »Mein Kampf« angekündigt. Hitler sagte also tatsächlich die »Wahrheit«, nur glaubte sie ihm kaum einer. Eine Frage wurde seitdem immer wieder gestellt: Warum ging ein derartiges Ausmaß an Inhumanität gerade von Deutschland aus? Unwillkürlich schweift der Blick zurück in die früheren Zeiten der deutschen Geschichte und Kultur, wo unser Land für ganz andere Werte stand: als Land der Musik (und der vielen Komponisten), als Land der tiefen Einblicke (Philosophie), als Land der Dichter und Denker, Land der Wissenschaft und Nobelpreisträger, Land der Erfindungen usw. Gleichzeitig weisen Historiker aber auf einen geschichtlichen Sonderweg der Deutschen hin, der es ihnen verwehrt habe, eine den westlichen Demokratien (z.B. England und Frankreich) ebenbürtige parlamentarische Entwicklung zu nehmen. Hatte nicht schon die Schlacht im Teutoburger Wald 9 n. Chr. weit reichende Folgen, als durch die Niederlage der Römer gegen die Germanen unter Hermann (Arminius), dem Cherusker, eine Eingliederung Germaniens in das Römische Weltreich verhindert und eine in Sprache, Politik und Kultur andersartige Entwicklung eingeleitet wurde – zum Teil abweichend von unseren europäischen Nachbarn, die romanisiert wurden. War nicht das sogenannte Heilige Römische Reich (Deutscher Nation) seit dem Spätmittelalter durch seine politische Zersplitterung ein Ausdruck politischer Ohnmacht, das es in dieser Form sonst nirgendwo gab? Trat nicht Deutschland verspätet, als Nachzügler, den Weg in die europäische Verfassungsgeschichte an, als es Bismarck 1871 endlich gelang, Deutschland politisch zu einigen und zu einem Nationalstaat zu machen. So groß bei den meisten die Freude über dieses Ereignis war: Die Verfassung des Deutschen Reiches beinhaltete eine abgeschwächte Position des Parlaments – die Regierung war nicht ihm, sondern dem Kaiser verantwortlich. Die kurze, aber in seinen Auswirkungen katastrophale Phase des 3. Reiches fußte auf der vorausgehenden »Weimarer Republik«, die auch »Republik ohne Republikaner« genannt wurde. Die Gefahr war groß, dass ein so widersprüchliches Gebilde zumindest in Krisenzeiten den politischen Belastungen nicht würde standhalten können.

Rückblick auf das Kriegsende und die Weimarer Republik

Die Niederlage von 1918 und die Folgen konnten viele Deutsche nur schlecht verarbeiten. Nach jahrelangen echten oder vermeintlichen Siegen, welche die Zivilbevölkerung mit großer Opferbereitschaft begleitet hatte, sollte nun alles umsonst gewesen sein? Wie Ertrinkende nach einem Strohhalm greifen, so bot die »Dolchstoßlegende« einen Rettungsanker für jene, die eine militärische Niederlage nicht wahrhaben und deshalb verdrängen wollten. Nach ihrer Meinung blieb das deutsche Heer »im Felde unbesiegt« und sei durch linke Umtriebe in der Heimat sozusagen von hinten »erdolcht« worden: Revolution, Sturz der Monarchie, Ausrufung der Republik, Unterzeichnung eines Waffenstillstandes, später eines als Zumutung empfundenen Friedensvertrages. Was aber hatte General Ludendorff (neben Hindenburg an der Spitze der OHL = Oberste Heeresleitung) dem Kaiser mit vorsichtigen Worten mitgeteilt: Dass man nicht mehr hoffen dürfe, »den Kriegswillen unserer Feinde durch kriegerische Handlungen zu brechen.« 2) Eine Fortsetzung des Krieges wurde plötzlich für aussichtslos erklärt. Da kam in der Tat für viele unerwartet, wurden doch politische Versuche, den Krieg zu einem günstigen Zeitpunkt zu beenden, von ihm und der OHL zurückgewiesen. Die Heftigkeit, den sofortigen Waffenstillstand zu fordern, schwächte die politischen Bemühungen, einen milderen Verlustfrieden zu erhalten. Dieser Ludendorff war ebenso derjenige, der später die neue republikanische SPD-Regierung, welche die Verantwortung für die Niederlage geerbt hatte, zusammen mit Hitler als »Novemberverbrecher« schalt und mit ihm am 9. November 1923 einen Putschversuch in München zum Sturz der Reichsregierung in Berlin unternahm, der aber misslang.

Die Weimarer Republik hatte sich in der zweiten Hälfte der 20er Jahre stabilisiert (die goldenen Zwanziger). Nach häufigen Kabinettswechseln wurde im Mai 1928 mit der Regierung Müller (SPD) ein Zustand erreicht, der die Nationalsozialisten mit nur 2,6 Prozent der Wählerstimmen der Bedeutungslosigkeit anheim gab. Die von ihm eingegangene große Koalition platzte knapp zwei Jahre später wegen einer untergeordneten Frage (Beiträge zur Arbeitslosenversicherung), der Nachfolger Heinrich Brüning (Zentrum) konnte nur ohne parlamentarische Mehrheit mit Hilfe des Reichspräsidenten (Notstandsartikel 48) regieren. Damit war das Ende zumindest einer parlamentarisch funktionierenden Demokratie erreicht. Dennoch konnte Brüning am Ende Erfolge aufweisen: Der Tiefpunkt der Wirtschaftskrise war überwunden, das Reparationsproblem (Zahlungen an die Siegermächte) im deutschen Sinne gelöst, eine Revision der harten Versailler Bedingungen in Aussicht. Die Tragik der Ereignisse bestand nun darin, dass bei der Wahl des Reichspräsidenten 1932 zwar Hitler, der auch kandidiert hatte, nicht gewählt wurde, sondern ein zweites Mal Hindenburg (sonst hätte die »Machtergreifung« noch früher begonnen); dass aber der eben wieder gewählte Reichspräsident den Einflüsterungen seiner Umgebung (der so genannten Kamerilla) unterlag, die Brüning nicht mehr haben wollten (wegen Meinungsverschiedenheiten in landwirtschaftlichen Fragen). Er ernannte also den ungeliebten »böhmischen Gefreiten« zum Reichskanzler, dessen Machtstreben er bisher immer gebremst hatte – auf Anregung von Papens (vorletzter Regierungschef), und seines Sohnes Oskar Hindenburg. Angesichts der Tatsache, dass bei den Wahlen im November 1932 die NSDAP einen deutlichen Rückgang hinnehmen musste und kaum mehr als ein Drittel der Bevölkerung repräsentierte, außerdem die Partei vor einer Spaltung stand, müssen die Ereignisse um die Monatswende Januar-Februar 1933 als größte Fehlentscheidung des 20. Jahrh. angesehen werden. Die Erfolge, die noch die Regierung Brüning erarbeitet hatte, fielen nun den neuen Machthabern in den Schoß.

Ideologische Positionen

Die Entwicklung Deutschlands zum totalitären Führerstaat, der mit der »Machtergreifung« beginnt, ist besser zu verstehen, wenn auf einige ideologische Positionen näher eingegangen wird.

Das NS-Parteiprogramm

Dieses Programm schien die wirtschaftlichen Nöte der Menschen ernster zu nehmen als das anderer Parteien. Die Genugtuung, die Probleme der durch die Weltwirtschaftskrise zum Teil gezeichneten Menschen von Hitler immer wieder ausgesprochen zu hören, genügte vielen, sich den NS-Leuten anzuvertrauen, ohne Programm und Ideologie auf ihre Gefährlichkeit hin abzuklopfen. Die beiden Bestandteile des Namens waren geschickt gewählt. Mit »national« und »sozialistisch« deckten sie so gut wie jede politische Anschauung ab. Besonders wichtig war das nationale Element. Vor dem Hintergrund von Hitlers Erfahrungen im »undeutschen« Wien, wo er von 1909 bis 1913 lebte, seiner Ablehnung der »überfremdeten« österreichisch-ungarischen Monarchie und des als nationale Schmach empfundenen Versailler Friedensvertrages sollte ein wieder herzustellendes nationales Selbstbewusstsein jeden Deutschen wieder aufrecht gehen lassen. (Durch die von ihm verursache nationale Katastrophe hat er bis heute das Gegenteil erreicht!). Im Bekenntnis zum Sozialismus glaubte er der Arbeiterschaft signalisieren zu können, dass ihre Nöte von der Partei ernst genommen würden, aber nicht durch marxistischen Klassenkampf zu lösen seien. Das besänftigte wiederum die bürgerlichen Schichten. Vor allem Gregor Strasser galt als sozialistischer Exponent der Partei, der – mehr als Hitler – von »antikapitalistischer Sehnsucht« der Deutschen sprach. Er wurde aber 1932 angesichts von Spaltungsvorwürfen von Hitler aus der Partei gedrängt.

Die Volksgemeinschaft

Viele klammerten sich auch an den von Partei und Hitler hofierten Begriff der »Volksgemeinschaft«. Es wurde der Wunsch nach einem harmonischen Miteinander aller Volksschichten gefördert, nach einer Einheit des Volks ohne Klassengegensätze und aggressive Auseinandersetzungen, die in den Jahren vor 1933 überhand genommen hatten. Der Einzelne sollte in der Gemeinschaft aufgehen: Kollektive Mahlzeiten, Freizeit- und Kulturveranstaltungen standen gegen Standesegoismen und Klassenbewusstsein. Das Volk wurde gleichsam vergöttert, das Individuum eher entrechtet (»Du bis nichts, dein Volk ist alles« – »Gemeinnutz geht vor Eigennutz«). Diese Bestrebungen nach einer »heilen Volkswelt« sind nicht von vornherein schlecht und hätten unter anderen Voraussetzungen durchaus Positives bewirken können. Sie wären auch heute sogar wünschenswert in einer Zeit immer stärkerer sozialer Ungleichheit oder übertriebener Ellbogenmentalität. Damals jedoch mussten sie nach und nach Tendenzen zu einer ausgerichteten Gesellschaft verstärken, die in ihrer Gutwilligkeit zu einem Opfer ideologischer Manipulation zu werden drohte.

Das Führerprinzip

Daran schloss sich nahtlos das Führerprinzip an. Hitlers Witterung erkannte frühzeitig eine Zeitströmung, die in Deutschland nach dem 1. Weltkrieg aufkam. Die Revolution hatte mit dem Sturz der seit Jahrhunderten dem Volk vertrauten Fürsten- und Königshäuser ein Vakuum hinterlassen. Die neuen demokratischen Politiker waren für viele kein Ersatz für die geschichtlich legitimierten alten adeligen Autoritäten. Hier konnte Hitler mit seiner Partei ansetzen und den zum Teil verunsicherten Zuhörern seine Verachtung des demokratischen Majoritäts-/Mehrheitsprinzips entgegenschleudern, dem es seiner Meinung nach an Verantwortungsbereitschaft, Führungsfähigkeit, Heroismus mangelte – alles Fähigkeiten, die ein wahrer »Führer« ausstrahlen musste. Offen gaben er und seine Paladine bisweilen zu, die Demokratie nur zu benutzen, um an die Macht zu kommen. Das Führerprinzip beruhte auf der Befehlsgewalt von oben nach unten und war hierarisch durchorganisiert – vom Block- über den Gauleiter bis zum »Führer des Deutschen Reiches und Volkes«. Mit Hilfe seines auffallenden Redestils, seiner und Goebbels rhetorischen Begabung und der von ihnen aufgegriffenen Themen erreichte er viele und projizierte das Bedürfnis nach Autorität auf sich. Der Ausruf »Führer befiehl, wir folgen« wurde zu einer Losung, die in den Erfolgsjahren vor und während des Krieges die Massen zu begeistern schien. Bedauerlicherweise sind dann Menschen allzu leicht bereit, kritisches Urteilsvermögen abzubauen, die Bürde einer in der Demokratie notwendigen politischen Anteilnahme oder Mitarbeit abzuschütteln und die unbequeme Last der Mitverantwortung abzulegen.

Werner Segerer

Teil 2 und 3 in den Chiemgau-Blättern Nr. 7 und 8/2008


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