Jahrgang 2002 Nummer 44

Das Traunsteiner Bürgerhaus

Ein Beitrag zur Stadtgeschichte – Teil II

Das Haus Schützenstraße 4 + (6) 1899, während des großen Hochwassers

Das Haus Schützenstraße 4 + (6) 1899, während des großen Hochwassers
Nach dem entwicklungsgeschichtlichen Gesamtüberblick des ersten Teils, möchten wir unsere Betrachtung im Folgenden auf einen ausgewählten Bereich der Unteren Stadt konzentrieren. Abschließend werden wir, stellvertretend für viele andere Häuser des Viertels, die Geschichte des Hauses Schützenstraße vier etwas genauer beleuchten.

Im Bereiche Scheiben-/Schützenstraße und Wiesenzeile findet man heute die interessantesten Reste des ältesten Traunsteiner Baubestandes. Obwohl das Dehio Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler eine größere Siedlungstätigkeit dort erst im 17. Jahrhundert ansetzt, (Traunstein war da mindestens schon 300 bis 400 Jahre alt) dürften viele Gebäude im Kern älter sein. Aus zwei Gründen blieb hier überdies mehr Altes erhalten, als sonst irgendwo im historischen Stadtgebiet:

Zum einen haben die Stadtbrände von 1704 und 1851 das Viertel weitgehend verschont, zum anderen wurde durch die früher häufig eher bescheidenen finanziellen Verhältnisse der Vorstadtbewohner manches bewahrt, was im Zentrum repräsentativen Umbaumaßnahmen zum Opfer gefallen wäre. Abgesehen vom Salinenbezirk Au, der als eigene Hofmark und ehemalige Werkssiedlung eine geschichtliche und rechtliche Sonderstellung aufweist, war der Vorberg (heute etwa Scheibenstraße 1-16, Schützenstraße 1-20 und Anfang der Traunerstraße) die einzige Vorstadt mit geschlossener, städtischer Bebauung.

Die beiden wichtigsten Anreize hier zu siedeln, dürfte die Trasse der alten Handelsstraße von Salzburg/Bad Reichenhall Richtung München und die Wasserkraft des Mühlbachs gewesen sein. Die historische Straßenverbindung verlief als Vorgängerin der Scheibenstraße von der heutigen Heiliggeistbrücke über den Fuße des Kniebos mit dem Mauttor (etwa in Höhe der Vordermühle) hinauf zum Stadtplatz.

Wann die Vorstadt besiedelt wurde, ist heute nicht mehr exakt nachzuvollziehen. Bereits für 1301 sind drei Mühlen nachgewiesen, von denen die Vordermühle, natürlich mehrmals neu -und umgebaut, bis heute am Fuß des Kniebos steht. Dazu kamen im Laufe der Zeit noch unzählige andere Betriebe, die Wasser und Wasserkraft des Baches nutzten.

Im Bereich der heutigen Schützenstraße eins, drei und fünf sind beispielsweise Gerbereien für das Jahr 1509 nachgewiesen. Der Hinweis auf eine 1351 irgendwo im Stadtgebiet bestehende »Lohstampf« zur Herstellung von Gerberlohe lässt aber auch hier an eine längere Tradition denken.

Bei einem Brand aufgrund kriegerischer Auseinandersetzungen wurden 1504 viele Häuser am Vorberg zerstört. Vermutlich hat sich beim Wiederaufbau an der Struktur wenig geändert. Die Häuser wuchsen in die Tiefe und wurden aufgestockt oder zusammengelegt, wobei man wohl immer so viel wie möglich von der älteren Bausubstanz weiterverwendet hat.

Zwischen 1600 und 1800 scheint es den Bildquellen zu Folge kein nennenswertes Wachstum der Bebauung gegeben zu haben.

Im Laufe des 19 Jahrhundert entwickelte sich die Stadt in die entgegengesetzte Richtung, hin zum neuen Bahnhof. Im noch lange Zeit hochwasserbedrohten Bereich der unteren Stadt wohnten hauptsächlich weniger wohlhabende Bürger, kleine Handwerker, Taglöhner und Arbeiter.

Auch das Haus Schützenstraße vier, das die Autoren im Rahmen einer Studienarbeit genauer untersucht haben, (genaues Aufmaß, Quellenforschung ...), wurde zu dieser Zeit von einfachen Leuten bewohnt.

Von außen verrät das Gebäude heute sehr wenig über seine Geschichte.

Einen wichtigen Ansatzpunkt für die Datierung des Hauses fanden wir aber unter dem Dach, das die Schützenstraße vier und sechs zusammenfasst.

Schon bei einer ersten Besichtigung fiel uns das offensichtlich hohe Alter, aber auch die große handwerkliche Qualität der Zimmermannsarbeit auf. Die Pfetten sind komplett mit dem Beil aus Stämmen von über 17 Meter Länge herausgearbeitet und ihre Oberflächen sind mit dem selben Werkzeug sehr sorgfältig geglättet. Bemerkenswert sind neben schönen Holzverbindungen vor allem die unterseitige Profilierung der Pfettenköpfe und eine seitlich daran angebrachte ornamentale Malerei.

Eine exakte Datierung war aber allein auf der Grundlage derartiger Beobachtungen nicht möglich. Hierfür bedienten wir uns der so genannten dendrochronologischen Altersbestimmung. Dieses Verfahren basiert auf dem Vergleich der Abfolge genau vermessener Jahrringbreiten von entnommenen Holzproben mit einer Standardabfolge. Es konnte festgestellt werden, dass die im Dachstuhl verwendeten Hölzer im Winter 1553/54 gefällt wurden. Dieses Datum konnte auch für Bauteile im 2.Obergeschoss ermittelt werden.

Offensichtlich hatten also die Häuser Schützenstraße vier und sechs im Jahr 1554 ihre heutigen Dimensionen erreicht. Eine Reihe von Fakten sprechen aber dafür, dass dies nicht das eigentliche Baudatum der Häuser, sondern der Zeitpunkt einer durchgreifenden Umbaumaßnahme ist.

Mit einiger Wahrscheinlichkeit kann man spätestens im 15. Jahrhundert ein zweigeschossiges Haus annehmen, das circa 1/3 kürzer war als heute. Vermutlich gab es aber noch kein gemeinsames Dach mit der heutigen Haus Nummer sechs, da die beiden Häuser offensichtlich unabhängig voneinander entstanden sind.

Nach 1500 kam es zur Erweiterung auf die heutige Haustiefe, worauf ein ebenfalls mittels Dendrochronologie auf »um 1500« datierter Deckenbalken hinweisen könnte. Die Aufstockung auf die heutige Höhe erfolgte vermutlich erst 1554 zusammen mit der Errichtung des Dachstuhls.

Eine so genannte Bohlen-Balkendecke der Stube im 1.OG. lässt sich stilistisch ebenfalls diesem Zeitraum zuordnen. Die Balken dieser Decke sind reich profiliert und zusätzlich noch mit Kerbschnitzereien verziert.

Wer das Haus 1554 in der heutigen Form umbauen ließ, und ob er die Häuser vier und sechs zusammen besessen hat, wissen wir nicht.

Die erste schriftliche Erwähnung des Gebäudes findet sich in einer Urkunde von 1575.

Diese betrifft den Kauf von zwei Gulden »Gilt« vom Haus des Wolfgang Vinckh d.Ä. durch Martin Maierhauser. Der Begriff »Gilt« ist folgendermaßen zu erklären: Ein Hausbesitzer konnte eine Art Kredit auf sein Haus aufnehmen, womit er sich und jeden folgenden Hausbesitzer auf ewige Zeiten verpflichtete, jährlich dem Besitzer der Gilt einen festgesetzten Betrag (hier 2Fl) zu entrichten. Glücklicherweise vermachte Maierhauser diese Forderung 1597 dem Siechen- und Leprosenhaus. In dessen seit 1604 weitgehend erhaltenen Jahresabrechnungen lässt sich der Posten samt Namen und Beruf des Zahlers bis circa 1800 verfolgen.

Ein Mitglied der Traunsteiner »high society«, wie es der Salzsender (=Salzhändler) Fink wohl war, bleibt in der Eigentümerfolge allerdings die Ausnahme. Zu diesem vermögenden Besitzer würde jedenfalls der aufwendige Umbau von 1554 passen, auch wenn wir nicht wissen, ob das Haus zu dieser Zeit schon in seinem Besitz war.

1576 jedenfalls verkauft Fink an den Messerschmied Ulrich Schermaier und von da an tauchen für lange Zeit nur noch Handwerker als Besitzer auf.

Im 17. Jahrhundert sind durchweg Hutmacher die Eigentümer. Das Haus wird in den Quellen als Schardenmayerhuterisches dann als Kaindlhuterisches, später Säplhuter -Haus bezeichnet. Eine Aussage, wer damals im heutigen Haus Nummer vier bzw. Nummer sechs wohnte, wem welcher Teil ganz, oder wiederum nur teilweise gehörte, ist heute allerdings kaum mehr möglich. Immerhin lässt sich mit Sicherheit sagen, dass sich das Haus Nummer sechs um 1700 im alleinigen Besitz einer Hutmacherfamilie Säpl befindet. Das Hutmachergewerbe hat sich dann dort bis ins 19/20. Jahrhundert unter jeweils einem einzigen Besitzer gehalten.

Haus Nummer vier nimmt eine ganz andere Entwicklung. Spätestens um 1700 hat sich das Haus vom Wohnhaus einer Familie zum »Herbergshaus« gewandelt. Der traditionelle Begriff der »Herberge« bezeichnete dabei nicht, wie man vielleicht erwarten würde, eine Art Gasthaus, sondern eher eine Art »Eigentumswohnung«. Auch die rechtliche Gestaltung von Kaufverträgen aus dieser Zeit erinnert mit ihren genauen Festlegungen von Gemeinschafts- und Sondereigentum an eine heutige Wohnanlage.

Einem Kaufvertrag für eine Herberge aus dem frühen 18. Jahrhundert können wir allerdings Kurioses entnehmen. So musste der Besitzer der Wohnung im 2. Obergeschoss durch ein Loch im Boden seines Schlafzimmers Licht in die Schlafkammer der Wohnung darunter fallen lassen, da diese wegen einer rückwärtig angebauten Stallung kein Fenster in der hinteren Außenwand besaß.

Baulich schlug sich die Aufteilung in mehrere Eigentümer vor allem im Einbau einer so genannten Himmelsstiege nieder. Zwei in einer Linie hintereinander liegende Treppenläufe ermöglichten die komplette Abtrennung der Wohnungen vom Treppenhaus und die Schaffung separater Wohnungseingänge.

Die Herberge im ersten Stock wurde im 18. Jahrhundert meist von Seifensiedern bewohnt. (Das Recht ein bestimmtes Handwerk auszuüben wurde damals häufig mit dem Haus oder der Herberge übernommen.) Von einem dieser Handwerker, Egidius Ettengruber hat sich das Nachlassinventar von 1763 erhalten.

Aus ihm geht hervor, dass in diesem Hause eher bescheiden gelebt werden musste.

Neben wenigen Möbeln finden sich in Küche, Stube, Flur und Kammer nur die notwendigsten Haushaltsgegenstände. Einzig Bettwäsche und die wenigen Kleidungsstücke überraschen durch ihren verhältnismäßig hohen Wert.

Zwar kann man in der Stube mit ihrem wärmenden Ofen von gewisser Wohnqualität ausgehen, die fensterlose und durch den Deutschen Schlot (auch schliefbarer Kamin genannt, weil er so groß war, dass man zur Reinigung durch ihn hindurch »schliafen« konnte) zugige Küche dürfte aber ein ebenso ungastlicher Ort gewesen sein, wie die nur durch die darüber liegende Wohnung indirekt belichtete unheizbare Schlafkammer.

Im 19. Jahrhundert änderte sich an Lebensumständen und baulicher Situation wohl kaum etwas. Die Bewohner des Hauses waren nun mehrheitlich Taglöhner, teilweise auch Zimmerleute und Maurer. Es gab durchwegs drei Besitzer im Haus, wobei das Erdgeschoss, wie wohl schon zuvor, nicht immer nur als Wohnung sondern vermutlich auch als Werkstatt oder Laden genutzt wurde.

Auf dem Titelbild, einem Ausschnitt eines Fotos von 1899, kann man das Aussehen der Straßenfassade und des Schindeldaches gut erkennen. Ganz offensichtlich wurde das Renovieren der Fassade in der damaligen Zeit als Aufgabe des jeweiligen Wohnungseigentümers betrachtet und ist deswegen stockwerksweise erfolgt.

Im 20. Jahrhundert wird dann mehr am Haus verändert. So muss vermutlich schon am Anfang des 20. Jahrhunderts das hölzerne Legschindeldach durch eine Blecheindeckung ersetzt worden sein. Wohl schon recht bald werden neue Treppen und Wohnungsabtrennungen, sowie neue Innentüren und Fenster eingebaut. Auch das Dachgeschoss wird in dieser Zeit zum Teil ausgebaut und als zusätzlicher Wohnraum genutzt. 1913 erhalten dann die Schützen- und Scheibenstraße eine Wasser- und Abwasserversorgung. Die entsprechenden Leitungen werden im Haus verlegt und Spülclosetts eingebaut.

Erst 1940, mitten im 2. Weltkrieg wird der bis dahin vorhandene weite Deutsche Schlot durch einen (für uns heute normalen) so genannten russischen Kamin ersetzt.

Während aber in den 1960ern das Haus Schützenstraße 6 aus Brandschutzgründen beinahe komplett entkernt wurde, verhindert vermutlich die Eigentumsteilung ähnliche Maßnahmen beim Haus Nummer 4. Hier wurden zwar auch kleinere Umbauten vorgenommen, die historische Grundsubstanz bleibt aber weitgehend erhalten.

Heute stellt das Gebäude ein hervorragendes Beispiel für ein Traunsteiner Bürgerhaus einer relativ frühen Entwicklungsstufe dar, und erinnert uns an die ferne Zeit, als derartige Bauten noch in dichter Reihung den Stadtplatz säumten.

MF/CS

Teil 1: Siehe Chiemgau-Blätter Nr. 43/2002


Literatur:
Amann Hedwig, Geschichte in Bildern, in: Stadt Traunstein, (Hrsg.), Der Traunsteiner Stadtplatz, Rosenheim: Rosenheimer Verlagshaus GmbH, 1999. Dehio, Georg (Begr.), Gall, Ernst (Hrsg.), Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler, Bayern Bd. 4, München und Oberbayern/ bearb. Von Ernst Götz, Berlin: Deutscher Kunstverlag, 1990. Friedel 1993, Friedel, Guido, Die Grabendache (Bauformen der Salzburger Altstadt Band 1) Hrsg: Stadtgemeinde Salzburg, Salzburg 93. Haselbeck, Franz und von Dobeneck, Götz, »... die von Reichenhall Scheiben her gen Wasserburg füren«, in Historischer Verein für den Chiemgau zu Traunstein e.V., (Hrsg,) Jahrbuch, 7. Jahrgang 1995 (und weitere Jahrgänge.) Kasenbacher, Anton, Traunstein: Chronik einer Stadt in Wort und Bild, Grabenstätt: Drei Linden Verlag 1980. Rosenegger, Albert, Traunsteiner Keramikfunde und ihr Bezug zur Stadtgeschichte, in: Historischer Verein für den Chiemgau zu Traunstein e.V., (Hrsg,) Jahrbuch, 11. Jahrgang 1999. Schuster, Max Eberhard, Das Bürgerhaus im Inn- und Salzachgebiet, Tübingen: Wasmuth 1964. Von Dobeneck, Götz, Traunstein, Trostberg und Tittmoning, in: Landkreis Traunstein (Hrsg.), Stadt und Land, Profane Baudenkmäler im Landkreis Traunstein, Traunstein, 1996.



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