Jahrgang 2002 Nummer 43

Das Traunsteiner Bürgerhaus

Ein Beitrag zur Stadtgeschichte – Teil I

Südliche Stadtplatzfassade von 1740 bis 1860

Südliche Stadtplatzfassade von 1740 bis 1860
Dachfronten am Stadtplatz

Dachfronten am Stadtplatz
Als wir im Rahmen einer Studienarbeit begannen, in Traunstein ein historisches Bürgerhaus mit den Methoden der Bauforschung zu untersuchen, fiel aus Fachkreisen die verwunderte Bemerkung: »in Traunstein, da gibt es doch nichts, da ist doch alles abgebrannt.«

Freilich, am Stadtplatz dominieren die Bauten aus der Zeit nach der großen Brandkatastrophe von 1851. Es ist also nicht verwunderlich, dass wir auf der Suche nach einem interessanten Objekt etwas abseits der Stadtmitte, in der unteren Stadt, fündig wurden.

Um die typologische Entwicklung des Traunsteiner Bürgerhauses verstehen zu können, kommt man aber nicht umhin sich auch mit der baulichen Entwicklung des Stadtzentrums zu befassen.

Versucht man sich ein Bild über das im Laufe der Jahrhunderte wechselnde Aussehen des ehemaligen Schrannenplatzes (=Stadtplatz) zu machen, wird man sich zunächst Schrift- und Bildquellen zuwenden. Beim Studium von historischen Abbildungen, jüngeren Aufsätzen und Fotomontagen, entsteht ein Bild, wie wir es in Abbildung eins skizziert haben (Grundlage der leicht unmaßstäblichen Darstellung ist ein Aquarell aus dem Traunsteiner Heimathaus von 1782).

Trotz allem ist es schwierig im Geiste den Sprung von einer zweidimensionalen Zeichnung zur Vorstellung einer vergangenen Wirklichkeit zu vollziehen. Wie haben diese untergegangenen Häuser gewirkt? Wie würde man ihren Anblick heute empfinden? Diese Fragen könnte nur ein tatsächlich erhaltenes Bauwerk vermitteln. Beginnt man solche Anschauungs-, oder besser Erlebnisobjekte zu suchen, wird man zunächst auf das ehemalige Zieglerwirtshaus, das heute zusammen mit den Resten des Münchener Tores das »Heimathaus« bildet, stoßen. Tatsächlich, mit seinen gewölbten Erdgeschosslauben, den Erkern und dem typischen Grundriss (gewölbte Gewerbe- und Wirtschaftsräume im Erdgeschoss, eine innenliegende Rauchküche und die große Stube an der Straßenseite im Obergeschoss) stellt es ein eindrucksvolles Beispiel des ehemals stadtbildprägenden Haustyps dar. Doch so wie das Gebäude sich heute präsentiert, sieht es mit Sicherheit nicht seit der Stadtgründung (wohl im 13. Jahrhundert) aus. Nach dem »Dehio Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler« hat es seine heutige Gestalt erst 1851 durch Entfernung der Dachüberstände erhalten, und es existieren Hinweise auf noch jüngere Veränderungen. Um eventuell vor Ort noch Zeugen einer weiter zurückliegenden Entwicklungsstufe zu erkennen, müssen wir uns zunächst ein wenig mit Theorie wappnen:

Die Hauskundler zählen Traunstein zum Gebiet der so genannten Inn-Salzach-, oder Innstadtbauweise. In dieser Gegend haben sich die Bürgerhäuser von vermutlich hölzernen Bauten mit weit auskragenden Legschindeldächern (Legschindel = durch Beschwerung gehaltene Holzschindel), die vieles mit den noch heute erhaltenen historischen Bauernhäusern des Umlandes gemeinsam hatten, zu blockhaften Steinbauten mit so genannten »Grabendächern« entwickelt. Wie ein solches Haus mit Grabendach aussieht, kann gut die Stadtplatzfassade des Heimathauses vermitteln. Das ehemalige Zieglerwirtshaus besitzt zwar kein »echtes« Grabendach, aber dazu später.

Typisch für die Region ist es zudem, dass die Häuser mit ihren Nebengebäuden ursprünglich auf sehr schmalen Parzellen errichtet wurden, die sich als tiefe Streifen von den Plätzen und Straßen mitunter bis an die Stadtmauer erstreckten. Hielten die Anwesen zunächst noch Abstand vom schützenden Mauerring, so wurde später an die Mauer angebaut und diese v.a. ab dem 18. Jahrhundert mitunter sogar für Fenster und Türen durchbrochen. Da die Grundstücke viel tiefer als breit waren, zeigten alle Häuser mit ihrer Giebelseite zu den öffentlichen Straßenräumen, sie waren also »giebelständig«.

Wir wollen nun versuchen vor Ort der Entwicklung vom Typ »Bauernhaus« (zugegebenermaßen eine Vereinfachung) zum Typ »Heimathaus« nachspüren.

Aus einer historischen Schriftquelle wissen wir, dass das Zieglerwirtshaus um 1680 zumindest teilweise noch eine »plosse helzerne Hitten« gewesen ist (QUELLE Hist. Ver. Haselbeck). Von diesem Bautyp hat sich verständlicherweise in Traunstein kein Beispiel mehr erhalten. Leider besitzen wir aus der ältesten Zeit (früheste Abbildungen aus dem 16. Jahrhundert von Apian und Thonauer) auch nur Darstellungen von Hausrückseiten.

In der unteren Stadt, am ehemaligen Vorberg, im Bereich Schützen- und Scheibenstraße, können wir aber die Entwicklung vom Holz- zum Steinbau noch förmlich spüren. Die mächtigen Giebelhäuser (Scheibenstraße neun und elf sowie Schützenstraße eins, drei, vier, fünf, sechs, mit ihren Erkern und auskragenden Flachsatteldächern, dürften einen guten Eindruck der ehemaligen Stadtplatzbebauung vermitteln. Zwar sind hier bereits alle Wohngeschosse in Mauerwerk errichtet, aber unterm Dach finden wir noch teilweise hölzerne Giebel mit Lauben, manche Giebel wurden eindeutig erst nachträglich ausgemauert. In diesem Viertel hatte sich bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts sogar die ursprünglich übliche Dachdeckung mit steinbeschwerten hölzernen Legschindeln erhalten. Den jüngeren Lesern dürfte das Bild einer derartigen Dachlandschaft wohl nur noch von alpinen Bauten her bekannt sein.

Spätestens nach dem Stadtbrand von 1704 begann man am Stadtplatz die weiten Dachüberstände und die hölzernen Bauteile aufzugeben. Ob, wie einige Autoren meinen, damals tatsächlich zunächst Dächer errichtet wurden, an deren Giebeln nun weder die Dächer noch das Giebelmauerwerk überstand (vgl. c), können wir nicht mit Sicherheit sagen. Auch ob wirklich vor allem Brandschutzgründe oder nicht vielmehr der Wunsch nach einem »städtischeren« Erscheinungsbild zur Aufgabe der als »ländlich« empfundenen Dachüberstände führte, wissen wir nicht. Im Laufe des 18. Jahrhunderts zeigten jedenfalls die meisten Häuser dann Giebelmauern, die teils in einfacher Dreiecksform (a), teils geschweift (b) über die eigentliche Dachfläche ragten und diese verbargen.

Die dreieckige Variante zeigte bis um 1900 noch das Haus Stadtplatz acht (heute mit historisierendem Schweifgiebel), einen geschwungenen Giebel trägt bis heute das Haus Schaumburgerstraße 15. Die Erscheinung dieses Hauses ähnelt stark den auf dem bereits erwähnten Aquarell von 1782 dargestellten Gebäuden des Stadtplatzes. Die Mariendarstellung im ersten Obergeschoss erinnert daran, dass die meisten Fassaden, in der Barockzeit vielfältige Fassadengliederungen und Verzierungen in Form von Malerei und möglicherweise auch Stukkatur zeigten. Stellt man sich nun den ganzen Stadtplatz von Bauten in der Art von Schaumburgerstraße 15 gesäumt vor, mag man dem malerischen Stadtbild aus der Zeit vor dem letzten Brand nachtrauern. Interessanterweise sind aber schon um 1820 (also vor dem Brand!) bereits die meisten Giebel beseitigt worden.

Im 19. Jahrhundert schloss man die Straßenfassaden der meisten Häuser, in der Art, wie dies beispielsweise beim Heimathaus der Fall ist, mit einer waagerechten, so genannter Vorschussmauer ab. Das Bild der Gebäude wurde dem eines Grabendach-Hauses angenähert.

Das Grabendach wurde nach momentanem Forschungsstand ursprünglich für Wehrbauten entwickelt und wohl im 15. Jahrhundert im Raum Innsbruck erstmals bei Wohnbauten angewendet. Später fand es in vielen anderen Orten als Feuerschutzmaßnahme Verbreitung. Bei dieser Bauweise wurden rings um das ganze Dach Mauern hochgezogen (Vorschussmauern), und die Dachfirste möglichst niedrig gehalten. Dazu veränderte man die Dachform vom im Querschnitt dreiecksförmigen Satteldach zum V - oder W- förmigen Grabendach. Es gab nun sozusagen statt einem Dach eine Kombination aus mehreren niedrigeren Pult- und Satteldächern, deren Dachrinnen dann nicht mehr am Rand des Gebäudes liegen konnten, sondern in der Mitte oder den Drittelspunkten der Fassaden angeordnet waren. Brannte ein solches, mit Holzschindeln gedecktes Dach, schlug das Feuer nicht sofort auf das Nachbargebäude über, und der Brand konnte gut bekämpft werden.

In Traunstein hat sich kein echtes Grabendach erhalten, obwohl man augenscheinlich bemüht war dessen Fassadenbild nahe zu kommen. Meist fehlen die hochgezogenen Mauern an der Rückseite oder zum Nachbarhaus, und hinter der Fassadenmauer verbirgt sich ein ganz normales Satteldach. Die Wirkung als »Brandschutzdach« dürfte daher also eher beschränkt gewesen sein. Trotzdem wird in der Literatur davon berichtet, dass in der Stadt Vorschussmauern im Rahmen von großen Feuerschutzkampagnen in den Jahren 1816 und 1832 errichtet wurden.

Verbunden mit der Vereinfachung des Fassadenschmucks und der Erker entsprachen die waagrechten Fassadenabschlüsse sicher dem klassizistischen Zeitgeschmack eher, als die früheren Giebel. Neben dem bereits erwähnten Heimathaus hat sich auch in anderen Gebäuden wie beispielsweise Stadtplatz 37 (Höllbräu) sehr viel Substanz eines solchen Hauses mit Vorschussmauer erhalten (heute trägt das Haus allerdings ein Dach der Zeit nach 1851, das wenig mit der lokalen Bautradition zu tun hat, aber die Fassade kaum beeinträchtigt). Das wohl im Kern aus dem 16. oder 17. Jahrhundert stammende Haus ziert ein Wappenstein des Bürgergeschlechts der Großschedel. Dieses Anwesen, das in einem Bereich liegt, der sowohl von den Bränden 1704 und 1851 heimgesucht wurde, beweist, dass selbst große Feuersbrünste die ältere Bausubstanz nie völlig vernichten konnte.

Erst nach dem Brand von 1851 begann man sich radikal von den traditionellen Bauweisen zu verabschieden. Man veränderte nicht nur die Fassaden und Giebel, wie dies durch die Jahrhunderte zuvor geschehen war, sondern den ganzen Haustyp. Aus den seit der Stadtgründung üblichen giebelständigen Häusern wurden Gebäude, die dem Platz ihre Traufseite zuwendeten. Darüber hinaus verschwanden die meisten Erker, Parzellen wurden zusammengelegt und die Innenaufteilung der Gebäude verließ das zuvor übliche Schema, das uns vom Zieglerwirtshaus bekannt ist. Dafür entstanden sehr repräsentative Fassaden, wie beispielsweise am Gasthaus zum Goldenen Hirsch (= Hotel Wispauer, heute Sparkasse). Von der historischen Stadt zeugte nunmehr vor allem der Stadtgrundriss, die Fassaden aber orientieren sich nicht mehr an lokalen Traditionen, sondern beispielsweise an Münchner Vorbildern.

MF/CS

Teil 2 in den Chiemgau-Blättern Nr. 44/2002



43/2002