Jahrgang 2002 Nummer 33

Das Schaffen von Julius Exter im Chiemgau

Vor 100 Jahren erwarb der Künstler sein Haus in der Feldwies

Julius Exter (1863-1939)

Julius Exter (1863-1939)
Exter-Haus in Übersee-Feldwies am Chiemsee

Exter-Haus in Übersee-Feldwies am Chiemsee
»Morgensonne« im Garten am Exter-Haus

»Morgensonne« im Garten am Exter-Haus
Das heutige Exter-Haus in Übersee-Feldwies, ein kleines Bauernanwesen und früher »Stricker-« oder »Schwabenhäusl« genannt, wird 1554 erstmals erwähnt in Urkunden des Bistums Salzburg. Erster Eigentümer des »vrbars Sölden, darauf ain ainfachs erzimerts guets Heusl, Städl vnd Stallung, ain clains Gärtl vmbß Hauß, darin 3 Ägkherl vnd 6 Paum« ist 1554 ein »Georg Schwab«. 1584 wechselt das Sachl ins Eigentum einer Familie Pemler. Ab 1722 leben die Familien vom Stricken. 1787 übernimmt »Bärtlmä Hartinger, Strickermeister, bürgerlich Kramersohn von Felden« das Anwesen. Bis 1899 hält die Familie Hartinger das Haus. Dann geht es an die Witwe Walburga Jrdetzberger, wohnhaft auf der Fraueninsel, die es drei Jahre später an den Münchner Kunstprofessor Julius Exter (1863-1939) weiterverkauft.

Julius Bernhard Exter hat am 13. Juli 1898 in München die Malerin und Pianistin Anna, geborene Köhler, aus der Nähe von Darmstadt geheiratet. Das Paar besucht mehrere Sommer den Chiemsee, mietet sich anfangs im Haus Nr. 152 1/2 in Übersee ein. Die Tochter Judith kommt dort am 8. Dezember 1900 auf die Welt. Auf diesem Grundstück wird nach 1945 der Kindergarten gebaut.

Exter erwirbt das Haus Nr. 36 (später Blumenweg 5, das heutige Exter-Haus) in Feldwies und weitere Grundstücke am 21. August 1902 zum Preis von 5700 Mark. Das Königlich Bayerische Notariat Prien beurkundet den Kauf. Exter und seine Familie – Sohn Karl wird am 22. Oktober 1902 schon in Feldwies geboren – nutzen das Haus zunächst nur im Sommer.

In den nächsten Jahren wird das Haus zur Dauerbaustelle. Der erste große Umbau auf der Basis des noch erhaltenen Tekturplanes vom 19.05.1904 gilt vor allem dem Einbau eines Ateliers im einstigen Heuboden des Bauernhauses. Auf der zum Anwesen gehörenden »Karpfmann-Wiese« (südlich des Seerosenwegs) lässt Exter einen Weiher graben und eine Lagerhütte errichten, außerdem eine Strandhütte auf dem Gelände des heutigen »Chiemgau-Hofes« direkt am Chiemsee.

Nach dem Hauskauf wird auch gleich mit dem Bau des Künstlergartens begonnen, belegt unter anderem durch Ausgaben für einen Gartenzaun und Lohn für die Helfer »Gasteiger« bzw. »Denk«. 1903 kauft Exter für den Garten groß ein, darunter 16 Fuhren Kies, 100 Himbeerstauden, 30 Johannisbeeren, 10 »Birnbaum Hochstamm«, 10 Ebereschen, 1 Blutbuche (sie kostete 4 Mark und steht bis heute), aber auch Georginen (Dahlien) und 20 Rosen. Er schafft »Mobiliar« für den Garten an, darunter zehn weiße »Stühl«.

In seiner geliebten Feldwies engagiert sich Exter, dem 1903 das Bürger- und Heimatrecht in der Gemeinde Übersee verliehen worden war, im dörflichen Leben. 1904 gibt er als »Freiwilligen Beitrag« 40 Mark für den »Dampfschiffsteg« und weitere zehn Mark für den neuen »Steg zum Bad«. Er ist gern gesehener Gast am Bauernstammtisch im Gasthof Feldwies. In mehreren Gemälden portraitiert er seine Freunde in der Gaststube. Die freiwillige Feuerwehr ernennt »Wohlgeboren Herrn Julius Exter, k. Professor, als Anerkennung für das der freiwilligen Feuerwehr bisher erwiesene Wohl wollen« am 21. Januar 1905 zum Ehrenmitglied.

Ab circa 1905/06 nutzt Exter sein Haus in Feldwies auch als Sommermalschule. Unter seinen Schülerinnen ist Olga Zetter, spätere Fritz-Zetter, aus Solothurn/Schweiz. 1995 sorgt deren wieder entdeckte und durch ihren Großneffen, den Unternehmer Dr. Claus Hipp aus Pfaffenhofen/Ilm, bekannt gewordene Sammlung von 31 Exter-Bildern für eine Sensation.

Die Malschule mit »Akt im Freien« am Chiemsee beflügelt die Phantasie der einheimischen Bevölkerung. Überliefert ist die Erzählung eines alten Malermeisters. Demnach robbten die Burschen durch Schilf und Gebüsch, um einen Blick auf die attraktiven »nackerten« Aktmodelle von der Münchner Akademie und auf die oft nicht weniger hübschen Malschülerinnen zu erhaschen. Beim geringsten Geräusch traten die Jugendlichen allerdings sofort den Rückzug an.

In Privathäusern sind die Exter-Schüler begehrte Logiergäste. Der Russe Paul Nietsche aus Odessa zum Beispiel wohnt bei Anna Güntherr in der »Villa Holzner«, einer inzwischen nicht mehr existierenden »Kraemerei« an der heutigen Feldwieser Straße.

1906 spendet Exter 20 Mark für die Feuerwache, kleinere Beträge für den Schützenverein, für Jung- und Altschützen, für den Gebirgstrachten-, den Verschönerungs-, den Veteranen- und den Burschenverein.

Vor und nach dem Ersten Weltkrieg ist Exter gefeierter Gastgeber prachtvoller Seefeste. Er, seine Malschüler und vor allem Malschülerinnen aus vielen Ländern Europas errichten 1911 am Chiemseeufer eine elf Meter hohe Pallas Athene-Statue aus Draht, Rupfen und Gips. Sie fällt allerdings bald einem Sturm zum Opfer. Vom »Seefest am 15.8.11« sendet Malschüler Paul Nietsche seiner Logierwirtin, dem »l. Frl. Anny« (Güntherr) eine Postkarte mit der Pallas Athene, der »Schutzgöttin der Kunst«. Auch »venezianische Nächte« mit geschmückten Booten auf dem Bayerischen Meer sind überliefert.
1914 folgt die nächste große Bauphase im Exter-Haus, vor allem im Wohnteil. Ab 1915/16 werden die Zeiten schlechter. Für die Malschule finden sich keine Schüler mehr. Im Garten wird in der Kriegszeit Nahrhaftes angebaut wie Buschbohnen, Erbsen, Zwiebeln und Kartoffeln.
1917 gibt Exter die Wohnung und das Atelier in München auf, zieht ganz nach Feldwies. Das Ehepaar Julius und Anna Exter wird geschieden. Anna Exter nimmt Tochter Judith mit nach München. Julius bleibt mit Sohn Karl im Exter-Haus. Der Zwangsverkauf droht. Frau Anna kehrt in das Exter-Haus zurück, heiratet den Künstler aber nicht wieder. Von mehreren Grundstücken muss sich Exter trennen.

Die Gemeinde Übersee ernennt Exter mit Urkunde vom 19. Dezember 1929 zu ihrem Ehrenbürger, vor allem ob seiner Verdienste um die öffentliche Wasserversorgung.

Zu seinem 70. Geburtstag am 20. September 1933 veranstaltet Exter eine Ausstellung in seinem Haus in Feldwies. Das »Traunsteiner Wochenblatt« schreibt am 18. September über einen Besuch bei dem Künstler: »Es ist ein stiller Spätsommer-Nachmittag, als ich in ein wunderbares Gartenparadies mit einer seltenen Fülle sonnigster Blumenpracht eintrete. Ein Paradies ist dieser Garten deshalb, weil er weder gekünstelt, noch abgezirkelt, sondern ganz in den Rahmen der Landschaft hineingestellt ist: ein bunter Chiemgauer Blumengarten. Und zwischen den Bäumen und Blumen versteckt ist der nach außen bescheidene Bauernhof hineingestellt in diese ländlich-friedliche, bäuerlich-bunte Idylle des reizenden Chiemseedorfes Feldwies. Kraft und Naturverbundenheit strömt aus der Erde des Gartens und aus dem alten Mauerwerk des Hofes. Es ist die Wohn- und Schaffensstätte eines der bekanntesten Chiemgauer Maler, des Herrn Professor Exter ...«

In einem anderen Artikel hält Alexander Heilmeyer seine Eindrücke fest: »In der dörflichen Stille von Feldwies am Südufer des Chiemsees sitzt an schönen, sonnigen Herbsttagen ein alter Maler nahe seinem Haus im Garten und freut sich der letzten Sonnengluten, die in dem leuchtend roten und weißen Flox ein wahres Feuerwerk von Farben entzünden. Lange schaut er sinnend in dieses Farbenspiel, bis dass sich ihm diese chaotisch bunten Eindrücke zu dem harmonischen Farbenakkord einer Bildvorstellung gewandelt haben. Dann greift er zur Palette und setzt die Farben ungebrochen nebeneinander, bis es auch auf der Leinwand sprüht und glüht mit einer unerhörten Leuchtkraft. Eine unglaubliche Intensität der sinnlichen Anschauung, gepaart mit der Erfahrung von Jahrzehnten, lässt diesen Siebzigjährigen in ungebrochener Schaffenskraft mit den Jungen wetteifern. Sein Garten liegt wie eine geöffnete Farbschachtel vor ihm. Im Laufe der Jahres- und Tageszeiten, im täglichen Wechsel von Licht- und Luftstimmungen bietet er unerschöpfliche Motive. ... Hundert sollte man werden, meinte er, um alles das bildhaft zu gestalten, was man zeitlebens geschaut und in sich aufgenommen hat.«

Exter stirbt am 16. Oktober 1939 um 9.05 Uhr im Exter-Haus an Herzschwäche, wie im Sterberegister festgehalten ist. Tochter Judith (1900 bis 1975) wird Haupterbin Exters. Gebhardt, Westerbuchberg (selbst Künstler) würdigt Exter im »Traunsteiner Wochenblatt«. Unter anderem heißt es: »Feldwies, der stille, am Chiemsee gelegene Ort, hatte es ihm angetan. 1902 erwarb er hier das Stricker-Anwesen und richtete sich häuslich ein. Hier wurde er heimisch. Eine Anzahl seiner besten Bilder ist hier entstanden. ... Mit der Gründung der Freilicht-Malschule – die weltberühmt wurde – begann ein fröhliches Malerleben. Unbewusst ist Exter so der Begründer des Fremdenverkehrs in Feldwies geworden. Tatkräftig setzte er sich in der Folgezeit für die Erhaltung des wildromantischen Seeufers und Badestrands ein. Er unterstützte die Bestrebungen zur Tieferlegung des Chiemsees, desgleichen den Bau einer genossenschafltichen Wasserleitung und die Ortsversorgung mit elektrischem Licht ...«

Julius Zerfaß schreibt am 13. August 1949, zehn Jahre nach Exters Tod, in dem Artikel »Lob des bunten Bauerngartens«: »... Im Bauerngarten erhält das Stillose Stil, das wenig Beachtete Rang. Hier dringt der Maler, der die starken Komponenten liebt, am intensivsten in das Mysterium von Licht, Farbe und Atmosphäre ein. ... Unvergesslich sind mir die Ferien in der Feldwies am Chiemsee, wo der ... Maler Julius Exter an seiner südlichen Hausfront den fülligsten Bauerngarten sein eigen nannte. So wie er in trächtigen Stunden der Mittagsglut die Reize der Chiemseelandschaft vom Kahn aus in ekstatischem Schaffen auf die Leinwand zauberte so war ihm sein Garten Sujet, immer wieder und Jahr für Jahr das Vergängliche des Blühens im Bild unvergesslich zu machen, das Gloria in excelsis Deo des Sommerflors in Farbtönen zu singen. Noch sehe ich die hohe, hagere Gestalt im abgetragenen Bauerngewand und mit breitem Erntestrohhut, wie er, uns die Köstlichkeiten seines Gartens zeigend, auf das Wunder auch des Kleinsten in der Schöpfung hinwies, das in seinen Bildern Steigerung und Verklärung erfuhr, die Umwandlung des äußeren in das innere Erlebnis. ...«

Exters Frau Anna, genannt Judith, verstirbt am 30. März 1952 im Alter von 82 Jahren im Exter-Haus. Ein großer Trauerzug begleitet den von einem Pferdegespann gezogenen Sarg zum Pfarrfriedhof Übersee, wo Anna Exter in das Grab ihres Mannes gebettet wird. Ihr Name allerdings erscheint nicht auf dem Grabstein.

Anlässlich des Todes von Anna Exter blickt Franz Baumeister am 14. Juni 1952 in den »Chiemgau-Blättern«, auf das Leben von Julius Exter zurück: »... Dem Tode des ... Künstlers im Herbst 1939 wurde ob der Kriegssorgen leider zu wenig Beachtung geschenkt. Er hat sich jedoch selbst ein Denkmal gesetzt durch die Werke seiner Malerei und Plastik, von denen ein ansehnlicher Teil noch heute die Räume seines Hauses schmückt. Seine Tochter Judith, die Bildhauerin, hütet dieses kostbare Erbe ...«

Judith Exter bietet das Exter-Anwesen 1973 zusammen mit den Werken ihres Vaters dem Freistaat Bayern, vertreten durch die Bayerische Verwaltung der staatlichen Schlösser, Gärten und Seen, zum Kauf an mit folgender Bedingung: »Mein Hauptwunsch ist die Erhaltung der Gedenkstätte für Julius Exter, mit seinen Werken aus den verschiedenen Schaffensperioden, in Feldwies, in dem Haus des Künstlers (Judith Exter 1973 in einem Brief an die Schlösserverwaltung). Judith Exter stirbt am 28. Oktober 1975.

Der Wunsch von Judith ging in Erfüllung. Seit 1980 ist das denkmalgeschützte, vom Kunstverein Übersee-Feldwies geführte Exter-Haus Galerie und Museum, in dem regelmäßig auch Werke ihres Vaters gezeigt werden. Unter Leitung der Bauabteilung bei der Schlösser- und Seenverwaltung sowie fachlicher Betreuung durch das Staatliche Hochbauamt Traunstein wurden das Haupthaus mit seinen früheren historischen Bauelementen, das Nebengebäude nach und nach gründlich saniert und restauriert. Auch der Garten entstand wieder mit Anklängen an Exters Künstlergarten. Viele tausend Besucher erfreuen sich jedes Jahr an dem komplett in der Fassung um 1905 renovierten Ensemble aus Innen und Außen.

Zugänglich ist das Haus zwischen Ende Mai und Mitte September, während Ausstellungen täglich außer montags von 17 bis 19 Uhr geöffnet. Weitere Auskunft über 08642/895083.

Für Informationen Dank an Margrit Thamm (Enkelin von Julius Exter), Roswitha Brunner (Gemeinde Übersee), Ortsheimatpfleger a. D. Josef Metz, Wolfgang Lauber (Bad Endorf), Herrn Förg (Straßenbauamt Traunstein), Rosl Sommer, Sebastian Steffl, Nikolaus Holzner senior (alle Übersee), Dr. Claus Hipp (Pfaffenhofen). Weitere Quellen: Ausgabenbuch von Exter, Dokumente aus dem Exter-Haus, Zeitungsausschnitte, auch aus dem »Traunsteiner Wochenblatt«.

MKD



33/2002