Jahrgang 2008 Nummer 35

Das Salzkammergut, ein fürstliches Kleinod Östereichs

Salz und Sole förderten schon früh den Handel und den Tourismus

Hallstatt gehört zu den frühesten Wohngebieten der Menschheit.

Hallstatt gehört zu den frühesten Wohngebieten der Menschheit.
Erzherzogin Gisela mit ihrem Sohn beim Radfahren in Bad Ischl

Erzherzogin Gisela mit ihrem Sohn beim Radfahren in Bad Ischl
Eine Holzbrücke verbindet das Seeschloss Ort mit dem Festland.

Eine Holzbrücke verbindet das Seeschloss Ort mit dem Festland.
Älteste Industrieregion und traditionsreichste Tourismusregion von Österreich – mit diesen zwei Superlativen schmückt sich das Salzkammergut. Die Industrie geht auf die Salzgewinnung in Hallstatt und im Gosautal zurück, der Tourismus auf die Solequellen in Ischl, deren außergewöhnliche Heilkraft die Wiener Gesellschaft zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Scharen in das Salzkammergut reisen ließ.

Zu den prominentesten Kurgästen zählte die Erzherzogin Sophie, Tochter des ersten bayerischen Königs Maximilian I. und Ehefrau des Kaiserneffen Franz Karl. Sophie war nach ihrer Heirat sechs Jahre kinderlos geblieben, und alle Welt wartete sehnsüchtig auf einen Thronfolger. Auf Anraten ihrer Ärzte unternahm sie eine Kur in Bad Ischl – und hatte Erfolg. Schon ein Jahr später brachte sie einen Sohn, den späteren Kaiser Franz Joseph I. zur Welt, dem noch drei weitere Söhne folgten, die im Volksmunde die »Salzprinzen« genannt wurden. Bad Ischl hatte seitdem einen besonderen Platz im Herzen der kaiserlichen Familie. So war es kein Zufall, dass die Verlobung von Kaiser Franz Joseph mit seiner bayerischen Cousine Elisabeth (»Sisi«) in Bad Ischl stattfand. Als Hochzeitsgeschenk erhielt das junge Paar von Erzherzogin Sophie die sogenannte Kaiservilla zum Geschenk, in der Franz Joseph über achtzig mal die Sommermonate verbrachte, so dass Bad Ischl zu einer Art Nebenresidenz von Wien wurde. Viele Mitglieder des Wiener Hofadels folgten dem Beispiel der Kaiserfamilie und ließen sich im Salzkammergut für die Sommerfrische eine Villa errichten.

Das Salzkammergut gehört heute zu 90 Prozent zum Bundesland Oberösterreich, zu zehn Prozent zum Bundesland Salzburg und zu einem noch kleineren Teil zur Steiermark. Ursprünglich verstand man unter Salzkammergut nur die Gegend um den Hallstätter- und Traunsee mit den Orten Gmunden, Hallstatt und Ischl. Als Kammergut war das »fürstliche Kleinod des Salzsiedens« kaiserliches Eigentum und bildete ein gegen die Außenwelt abgeschlossenes Territorium. Heute zählt man auch das Ausseer Land, das Gebiet um den Wolfgangsee und den Mondsee, den Attergau und das Almtal zum Salzkammergut.

Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts benötigte man für die Einreise in das Salzkammergut einen eigenen Pass, der vom Kammerhof in Gmunden, dem zentralen Verwaltungssitz, ausgestellt wurde. In der Stadt Gmunden ist der stattliche Kammerhof noch erhalten, ein dominierender, im Kern gotischer Bau mit Renaissancecharakter der ebenso sehenswert ist wie die Stadtpfarrkirche Erscheinung des Herrn und das Rathaus mit dem Glockenspiel im Turm, dem Wahrzeichen von Gmunden. Am südlichen Stadtrand steht das See- und Landschloss Ort. Das auf einer kleinen Felseninsel gelegene und durch eine 123 Meter lange Brücke mit dem Land verbundene Seeschloss stammt aus dem 12. Jahrhundert, verdankt aber sein heutiges Aussehen der Wiederherstellung nach dem Brand von 1626, als die aufständischen Bauern das Schloss gestürmt und in Brand gesetzt hatten. Das Schloss ist bis zum November dieses Jahres Schauplatz der großen oberösterreichischen Landesausstellung mit dem Titel »Salzkammergut«, in der Geschichte und Kultur der Region mit vielen Exponaten erläutert werden.

Bekanntester Schlossbesitzer war der österreichische Erzherzog Johann Salvator von Toscana. Er stammte aus der toskanischen Linie des Hauses Habsburg-Lothringen und war 1852 in Florenz geboren. Im Zuge der nationalstaatlichen Einigung Italiens musste er mit seiner Familie Florenz verlassen und fand in Wien am Kaiserhof Aufnahme. Johann Salvator hatte rebellisches Blut, er interessierte sich für Literatur und Kunst, fand keinen Gefallen an der Jagd und stand dem militärischen Drill in der Armee kritisch gegenüber. Warnungen des Kaisers ließ er unbeachtet. Schließlich verzichtete er auf den Titel und die Würde eines Mitglieds des Kaiserhauses. »Zu jung, um für immer zu ruhen, zu stolz, um als bezahlter Nichtstuer zu leben, will ich eine neue Existenz, einen neuen Beruf wählen«, schrieb er an den Kaiser. Er erwarb das Schloss Ort, in das er sich mit seiner Frau Milli (Ludmilla) Strubel, einer ehemaligen Balletteuse, zurückzog und nannte sich von nun an Johann Orth. Nach einer Ausbildung zum Handelskapitän kaufte er einen Dreimaster, heuerte eine Mannschaft an und fuhr mit einer Ladung Zement von London nach Chile. Aber das Schiff erreichte nie den Zielhafen; es geriet in einen schweren Sturm und ging mit Mann und Maus unter.

Im Zuge der touristischen Entwicklung des Salzkammergutes veränderten sich das dörfliche Siedlungsbild und die Sozialstrukturen, Gasthäuser, Hotels und Cafes entstanden, neue Berufe im Dienstleistungssektor wie Köche und Köchinnen, Ober und Bedienungen, Bergführer, Kutscher und Gepäckträger wurden notwendig. In den Seegemeinden entstanden am Seeufer Kurpromenaden, wurden Badeanlagen, Wanderwege und Sportanlagen errichtet. Eine Kuriosität bildeten die Sesselträger, die kranke und gehbehinderte Gäste in korbartigen Tragsesseln zu den Kureinrichtungen trugen, zuweilen aber auch gehtüchtige und junge Personen herumtrugen.

Es dauerte nicht lange, und dem Beispiel des Wiener Adels folgte das Bürgertum, in erster Linie reiche Geschäftsleute, Rechtsanwälte, Professoren und Ärzte. Inzwischen wurden auch die Reisemöglichkeiten von Wien in das Salzkammergut wesentlich verbessert. Ursprünglich hatte die Fahrt mit der Kutsche bis Ischl dreieinhalb Tage gedauert, ab 1826 verkürzte ein zweimal wöchentlich verkehrender Eilwagen die Reisezeit erheblich. Einen Meilenstein in der Verbesserung des Reisekomforts bedeutete die Verlängerung der Pferdeeisenbahn-Linie-Budweis-Linz bis nach Gmunden. Im Jahre 1838 wurde das erste Dampfschiff auf dem Traunsee in Betrieb genommen.

Auch die Künstler entdeckten die Reize des Salzkammerguts, und so bevölkerten in den Sommermonaten viele Komponisten, Sänger, Schriftsteller, Interpreten und Maler die Hotels und Kaffeehäuser. Johann Strauss und Johannes Brahms verlebten regelmäßig ihre Sommer hier, ebenso die Operettenkomponisten Leo Fall, Emmerich Kalmann und Franz Lehar, dessen Villa in Bad Ischl besichtigt werden kann. Mit der Gemeinde St. Wolfgang wurde schließlich das Salzkammergut selbst zum Operettenschauplatz. Ralph Benatzkys Operette »Im Weißen Rössl« die 1930 ausgerechnet in Berlin uraufgeführt wurde, hat für das Salzkammergut eine enorme Werbewirkung entfaltet – der Walzer »Im Weißen Rössl am Wolfgangsee« und das Lied der Rösslwirtin Josepha »Im Salzkammergut, da kann man gut lustig sein« sind bis heute lebendig geblieben.

Julius Bittmann



35/2008