Jahrgang 2002 Nummer 52

Das neue Jahr steht vor der Tür!

Geschichte und Geschichten zur Jahreswende

Noch ist die Tür nicht geöffnet, und alle sind sehr neugierig auf das neue Jahr. Wird es Freude oder Schmerz bringen, Erfolg oder Misserfolg, Gesundheit oder Krankheit? Wie wird sich die Welt um uns entwickeln?

Wir möchten gern die Schleier lüften und sind im Grunde unseres Herzens doch dankbar, dass dies unmöglich ist. Ob uns das Bleigießen in der Silvesternacht einen Zipfel der Zukunft erhaschen lässt?

Blicken wir zunächst ein wenig in die Vergangenheit. Die Ägypter vor vielen Jahrtausenden mussten noch bedeutend länger auf das neue Jahr warten. Ihr Jahr umfasste nur 360 Tage, es entsprach der 360-Grad-Einteilung des Kreises, die wir von diesem mathematisch hoch begabten Volk übernommen haben. Für die übrigen fünfeinviertel Tage des astronomischen Jahres war kein Platz.

Sie bildeten die »Neujahrsnacht«, das heißt ein fünftägiges Silvester als »eine Nacht außerhalb der Zeit«, die »hungernd und dürstend« – wie alte Texte wiedergeben – zugebracht wurde. Keine Arbeit wurde verrichtet, nichts unternommen; die Zeit stand astronomisch gewissermaßen still.

Auch die Ureinwohner Mexikos, die Azteken, hatten 360 Tage, also ebenfalls Überzählige »ohne Namen«, »wesenlos, weil sie ohne Namen sind«, die Sumerer, Anwohner des Unterlaufs der Flüsse Euphrat und Tigris, hatten sogar zwölf Überzählige, in denen sie das Neujahrsfest begingen, das in den Frühling fiel.

Das Fest hatte ein doppeltes Gesicht wie Janus, der römische Gott des Anfangs und Endes, nach dessen Name unser 1. Monat, der Januar benannt ist. In der klassischen Darstellung trägt der Januskopf zwei Gesichter, ein bärtiges, nach rückwärts in die Vergangenheit gewandt, und ein bartloses, jugendliches in die Zukunft gerichtet.

Die Germanen hatten ihre »Zwölf Nächte«, auch »Zwölften« genannt, die als ein besonderes Fest am Ende des Jahres begangen wurden und das neue Jahr einleiteten. Zwölf Nächte heißt so viel wie zwölf Tage (die Germanen zählten wie alle indogermanischen Völker nach Nächten). Sie stellen auch hier einen Jahresrest dar, den Unterschied zwischen dem Mondjahr von 354 und dem Sonnenjahr von 366 Tagen.

Diese zwölf Nächte liegen im christlich-germanischen Bereich zwischen Weihnachten (25.12.) und Dreikönig (6.1.), Höhepunkt und Mitte ist die Silvester-Neujahrsnacht. Man nennt sie Rau- oder Rauchnächte, weil in diesen Nächten Unheil abwehrende Räucherungen notwendig waren, aber auch Raun- oder Los-Nächte, weil sie (losen oder raunen bedeutet lauschen und verkünden), über die Zukunft ausgefragt, für Orakel und Glückszauber geeignet sind.

Was man träumt, soll in Erfüllung gehen, denn diese Nächte, so die Vorstellung, bedeuten die zwölf Monate des neuen Jahres. Sicher liegt in diesem Aberglauben ein Stück erahnte Psychologie: auch ein Albtraum kann gute Vorsätze herbeizaubern, besonders wenn man dann weiss, in welchem Monat man diese besonders dringend gebrauchen kann.

Auch ein Wetterspruch für die »kalten Hundstage« sei noch erwähnt: »Von Weihnachten bis Dreikönigstag aufs Wetter man wohl achten mag, ist’s regen-, nebel-, wolkenvoll, viel Krankheit es erzeugen soll. Leb mit Vernunft und Mäßigkeit, dann bist du vor allem Wetter gefeit.« Maß halten galt also schon vor einigen Jahrhunderten als praktikable Regel.

GD



52/2002