Jahrgang 2006 Nummer 52

»Das neue Jahr muss in Gang gesetzt werden«

Glückwünsche sind ein »wirksamer Zauber« – Allerlei Bräuche um die Jahreswende

Früher glaubte man, um die Jahreswende unterhielten sich die Tiere im Stall miteinander, man sollte sie aber dabei nicht belauschen. Die Kinder brachten ihnen Zucker, Weihnachtsgebäck oder einige Scheiben vom guten Brot. Der älteste Knecht zeichnete drei Kreuze auf die Stalltüren, denn gerade um diese Zeit musste man vor unfreundlichen Geistern auf der Hut sein. Deshalb war viel Lärm nötig, und so nannte man diese Zeit auch »Nidl-, Klöpflins- oder Klöpflesnächte«.

In deutschen Landen feierte man nämlich nach der Wintersonnenwende eine Reihe von zwölf Tagen und Nächten hindurch, besonders auch mit Umzügen und Vermummungen, deren Ursprünge in heidnischen Bräuchen liegen. Weihnachten hieß damals das »Kleine Neujahr«, das Fest der Heiligen Drei Könige das »Große Neujahr«.

In den »Klöpflinsnächten« wünschte man sich Glück zum neuen Jahr. Und in diesen Nächten klopften die jungen Leute an den Fensterläden und Türen und pflegten Geschenke zu heischen. Ein dabei gebräuchlicher Sinnspruch lautet: »Holla, holla, Klöpflinsnacht! Guts Jaur, guts Jaur, dass s Korn wohl grath. Kraut und Zibel ist au nit übel. Bhüet uns Gott vorm Todtengrübel!«

Wie auch immer, das alte Jahr musste zu Ende gebracht werden. Als alter Mann, als Winter, als wilder Mann in allen seinen landschaftlich verschiedenen Namen wird er ausgetrieben. Nicht mehr getötet, aber als Strohpuppe verbrannt oder ertränkt, nicht mehr verspeist im kultischen Opfer, aber in Form von Weckmännchen, Printen- und Spekulatius-Mann.

Und nun muss das neue Jahr in Gang gesetzt werden: die Römer, die seit 153 v. Chr. Neujahr am 1. Januar begingen (im Abendland gilt dieser Tag erst seit 1691), schmückten ihre Räume dann mit grünen Zweigen; ein Schlag mit der Lebensrute (mit grüner Tanne) überträgt Lebenskraft und Fruchtbarkeit.

Das Neujahr muss fröhlich begonnen werden. Glückwünsche sind ein wirksamer Zauber; in früherer Zeit spielte der Aberglaube mit hinein, dass durch den Wunsch wirklich ein Segen bewirkt werde. Der Neujahrsglückwunsch ist im Grunde nicht anders zu beurteilen als irgendeine Bewahrungsformel. Auch Gaben in der Neujahrsnacht bringen Glück, oft sind es Glückstiere und Glückszeichen.

Natürlich spielte in dieser dunklen Jahreszeit das Licht eine bedeutungsvolle Rolle: Kerzen, Lichterbaum, Fackeln und brennende Sonnenräder, die man über die Hänge hinabrollt, Feuerbrände, die man in den Himmel hochwirft. Die Bewegung, die den Jahreslauf »in Gang setzt«, ist dabei wichtig. Mit »Verspätung« läuten die Silvesterkläuse im appenzell-außerrhodischen Urnäscher Tal in der Schweiz alljährlich am 13. Januar den noch am Julianischen Kalender orientierten »Alten Silvester« ein. Das Datum des Silvesterklausens geht auf einen kalenderstreit im 16. Jahrhundert zurück. Damals änderte Papst Gregor XIII. den bis dahin geltenden Julianischen Kalender. Dadurch wurde der Jahreswechsel um 13 Tage vorverschoben. Die reformierten Außerrhoder akzeptierten aber diesen Entscheid des Papstes nicht und weigerten sich standhaft, »ihren« alten Kalender aufzugeben.

Günter Dörner



52/2006