Jahrgang 2021 Nummer 15

Das Leben der Amélie von Leuchtenberg

Sie war Kaiserin von Brasilien und Besitzerin von Kloster Seeon und Schloss Stein

Amélie von Leuchtenberg im Jahr 1829 auf einem Gemälde von Joseph Stieler.
Das Wappen von Amélie von Leuchtenberg prangt am Eingangstor von Schloss Stein. Es vereint links das Wappen des Königreichs Portugal und rechts jenes des Fürstentums Eichstätt.
Amélie erwarb im September 1845 Gut Stein an der Traun mit dem prächtigen Schloss. Dazu gehörten die Hofmarken Kienberg, Altenham und Berndlhof, zwei Seen, Wälder und die Brauerei.
1852 kaufte Amélie das ehemalige Kloster Seeon. Es war als Mitgift für ihre Tochter Maria Amélie gedacht, die den Erzherzog Ferdinand Maximilian von Österreich, den jüngeren Bruder von Kaiser Franz Joseph, heiraten sollte.

Der Freundeskreis Leuchtenberg hat kürzlich eine Biografie über Amélie von Leuchtenberg herausgegeben. Das 74-seitige, reich bebilderte Büchlein zeichnet ein lebendiges Bild von Amélie, die durch die Heirat mit Dom Pedro I. im Jahr 1829 Kaiserin von Brasilien wurde. Für den Chiemgau ist Amélie besonders deshalb historisch bedeutend, weil sie 1845 das Gut Stein an der Traun und 1852 das ehemalige Kloster Seeon samt See und Wäldern gekauft hat. Verfasserin des Büchleins ist die in Brasilien aufgewachsene und heute in Portugal lebende Historikerin Claudia Thomé Witte. Sie ist eine ausgewiesene Kennerin der Geschichte um Amélie von Leuchtenberg und hat zuletzt im Mai 2019 im Benediktussaal des Klosters Seeon einen Vortag über die ehemalige brasilianische Kaiserin gehalten.

Die hübsche Prinzessin Amélie (1812 bis 1873) war Tochter von Prinz Eugène, Sohn der französischen Kaiserin Josephine und ihres ersten Mannes, Alexandre de Beauharnais. Der wurde während der Französischen Revolution geköpft und seine Witwe heiratete Napoleon Bonaparte. Der förderte seinen Stiefsohn und verheiratete ihn mit Auguste, einer WittelsbacherPrinzessin. Bayern ernannte er zum Königreich. Deren Tochter Amélie wurde die zweite Frau des Brasilianischen Kaisers Dom Pedro I. Dessen erste Frau war gestorben, als er 28 war. Sie hatte fünf Kinder, deren Stiefmutter Amélie nun wurde. Sie selbst bekam nur ein Kind, Prinzessin Marie Amélie. Nachdem Dom Pedro abdanken musste, zog das Kaiserpaar nach Portugal, wo Dom Pedro gegen seinen Bruder Miguel in den Krieg zog, aber unterlag. 1834 starb er an Tuberkulose.

Kloster Seeon als Mitgift für die Tochter

Tochter Maria Amélie sollte den Erzherzog Ferdinand Maximilian von Österreich, den jüngeren Bruder von Kaiser Franz Joseph, heiraten. Sie wurde jedoch krank, konnte deshalb nicht verheiratet werden und starb mit nur 21 Jahren auf der Insel Madeira an Tuberkulose, wo eine Kur im milden Klima sie hätte heilen sollen. Wohl als Mitgift hatte Mutter Amélie für das junge Paar das Kloster Seeon erworben – wahrscheinlich als Sommerresidenz nahe der Grenze Österreichs.

Amélies Bruder, Herzog Maximilian, der in Russland mit der Zarentochter Maria Fürstin Romanowskji verheiratet war, hatte die Leuchtenberg-Liegenschaften in Italien verkauft. Amélie erwarb mit ihrem Erbteil im September 1845 Gut Stein. Dazu gehörten die Hofmarken Kienberg, Altenham und Berndlhof, zwei Seen, Wälder und eine der damals größten Brauereien in Oberbayern. Amélie investierte in den Betrieb, der fortan mit moderneren Geräten arbeiten konnte.

Ein Jahr später kam die ehemalige Kaiserin wieder nach Bayern, lebte in München und bei ihrer Mutter in Schloss Ismaning. Mit ihr zusammen fuhr sie im Herbst 1847 nach Stein, wo sie gemeinsam mit Amélies Tochter die Monate September und Oktober verbrachten. Die Historikerin Claudia Thomé Witte, die das Büchlein verfasst hat, berichtet aus alten Quellen, dass viele Besucher nach Stein kamen, um das Schloss kennenzulernen; sogar Amélies Bruder Maximilian und dessen Frau kamen aus Russland. Die Schlossherrin organisierte eine große Jagd für sie. Im kommenden Jahr kam Amélie mit ihrer Tochter noch einmal nach Stein. Während dieses Aufenthalts kaufte sie den großen Bauernhof Nähreit, ein paar Kilometer westlich von Stein. Der Hof ist abgebrannt und wurde nicht wieder aufgebaut. Eine kleine Feldkapelle ist der einzig noch vorhandene Rest, der an den Hof erinnert.

Es war der letzte Aufenthalt von Mutter und Tochter in Stein. 1850 kehrten sie nach Portugal zurück. Von dort aus kaufte die Kaiserin Amélie 1852 das ehemalige Kloster Seeon und ein Jahr später auch den Seeoner See. Das Mineralbad hatte damals 30 Zimmer und 30 Badewannen für die Behandlung von Patienten, die an Gicht, Arthritis und Rheuma litten. In den folgenden Jahren wurden in Seeon weitere Kuren angeboten: Trinkkuren mit Mineralwasser, Badekuren, Solebäder und Kneippanwendungen. Amelie und ihre Tochter haben nie in Seeon gewohnt. Die Krankheit der Tochter ließ es nicht zu, dass beide noch einmal nach Bayern kamen.

Amélie konnte den Verlust ihres Mannes und ihrer Tochter nie überwinden. Die letzten 20 Jahre ihres Lebens verbrachte die ehemalige Kaiserin zurückgezogen und widmete sich vorwiegend sozialen Aufgaben. Sie unterstützte Bedürftige, baute mit ihrem Vermögen ein Krankenhaus in Madeiras Hauptstadt Funchal, dem Ort, in dem ihre Tochter gestorben war. Das Haus besteht noch heute.

Die Erben von Kloster Seeon und Schloss Stein

Amélies Güter im Chiemgau sollten getrennt vererbt werden. Gut Stein mit der lukrativen Brauerei wollte sie Erzherzog Ferdinand Maximilian von Österreich hinterlassen, den sie gerne als Schwiegersohn gehabt hätte, was jedoch wegen des frühen Todes ihrer Tochter Marie Amélie nicht zustande kam. Ferdinand Maximilian wurde 1867 als Kaiser von Mexiko erschossen, weshalb Amélie entschied, dass ihr Neffe, Nikolaus Fürst Romanowsky, Stein übernehmen sollte. Er war der älteste Sohn ihres Bruders Maximilian. Seeon und Nähreit vererbte sie ihrer Schwester Josephine, der Königin von Schweden und Norwegen. Diese verkaufte die beiden Landgüter aber bald darauf an ihren Neffen Nikolaus.

Der wollte eine verheiratete, bürgerliche Frau heiraten. Damit würde er alle Privilegien am russischen Hof verlieren. Daher hat ihm Amélie ein Zuhause und Unterhalt in Bayern zugesichert. So war es ihr zu verdanken, dass die Leuchtenbergs wieder zurück nach Bayern kamen. So steil der Aufstieg war, so schnell verlor die Herzogsfamilie am Ende alles: die russischen Besitztümer durch die Revolution, die bayerischen Liegenschaften in München, Eichstätt, Ismaning, Stein an der Traun und Seeon durch Tod und Weltwirtschaftskrise. Die Herzöge von Leuchtenberg, einst die zweitwichtigste Adelsfamilie im Königreich Bayern, sind heute beinahe vergessen. Im Bildungszentrum des Bezirks Oberbayern trifft sich jedes Jahr der Freundeskreis Leuchtenberg und informiert Interessierte über das alte Adelsgeschlecht. Das Büchlein ist im Klosterladen Seeon erhältlich.

 

Klaus Oberkandler

 

15/2021

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