Jahrgang 2008 Nummer 51

Das Kind im Stall vereint über Grenzen hinweg

Münchner Arzt als »Krippenregisseur«: Entdeckungen im Schusterhof in Bergen

Vorsichtig nimmt Dr. Franz Eggemann ein Schaf und stellt es in die winterliche Landschaft, direkt vor den Stall, wo es neugierig das neugeborene Jesuskind zu bestaunen scheint. Nach und nach versammelt sich eine ganze Herde. »Viele Leute verteilen die Schafe in der ganzen Krippe. Aber Schafe gehören immer zusammen«, betont der Münchner. Exotisch leuchtet die von links herbeiziehende Karawane mit Elefanten, Kamelen und bunt gewandeten Menschen vor dem schneebedeckten Karwendel- und Wettersteingebirge mit der Zugspitze. Über fast 20 Jahre, von 1986 bis 2004, hat sich der ehemalige Röntgen-Chefarzt des Neuperlacher Krankenhauses bei dem herausragenden Oberammergauer Bildhauer Christian Wagner diese gewaltige Krippe schnitzen lassen, das Prunkstück der Krippenausstellung im neu eröffneten »Schusterhof« am Schellenberg 3 in Bergen. Geöffnet ist bis 11. Januar montags bis sonntags und ab 12. Januar mittwochs bis sonntags, jeweils 11 bis 17 Uhr.

»Ich nenne sie Ettaler Schneekrippe«, verrät Dr. Eggemann. Der Wunsch, sich eine solche Krippe zuzulegen, reifte in ihm schon in seiner neunjährigen Internatszeit in Ettal. »Damals, in den 50er Jahren, hat es sehr viel Schnee gegeben«, erinnert er sich. Der Ettaler Berg, der Ettaler Sattel und sogar der Mandlbach unter dem Ettaler Mandl wurden in die auf sieben mal 2,5 Metern präsentierte Krippe integriert. Die 18 Zentimeter großen, im Ganzen 156 Figuren schuf der leider im Frühjahr verstorbene Christian Wagner, wie der Auftraggeber Ettaler Klosterschüler, nach Dr. Eggemanns Vorstellungen. »Ursprünglich war nur eine kleine Krippe geplant, aber ich habe mir immer wieder welche gewünscht«, verrät der Arzt schmunzelnd.

Die Krippe ist zugleich bairisch und kosmopolitisch. Von rechts kommen mit den Hirten Vertreter aller bayerischen Bezirke, aber auch Egerländer oder Südtiroler, alle in Original-Trachten. Unter den Musikanten ist ein Schotte zu entdecken. Von links pilgern Menschen aller Rassen und Kontinente, wie Chinesen, Japaner, Tibeter, Türken, Ungarn, Polen, Indianer und sogar ein Maori aus Neuseeland, zum Kind im Stall. »Da ist sehr viel Symbolik versteckt«, erklärt Dr. Eggemann, der die Idee der Ettaler Schneekrippe in einem Film festhielt: »Christi Geburt findet eigentlich permanent statt.« Jesus Christus sei für ihn einer der beeindruckendsten Männer, die je auf der Erde waren, und führe die Menschen über alle Nationen und Zeiten hinweg zusammen. Auch die frühen Verbreitungswege des Christentums ließ der Krippenliebhaber in Gestalt von Römern, Iroschotten, Angelsachsen oder Ungarn darstellen. Ein Wegkreuz zeigt an, dass Geburt und Tod zusammengehören.

Die Körper der Figuren mit ihren ausdrucksstarken Gesichtern hat Wagner geschnitzt, bekleidet, hart kaschiert (in Leim getränkt) und dann bemalt und mit Perlen oder anderem geschmückt. Durch das Kaschieren wirkt die Bewegung wie eingefroren und sehr lebendig. Die Detailtreue verdankt er seiner Sammlung von Accessoires internationaler Trachten. Wagners Brüder schufen dazu Hintergrund und Landschaft. Sich selber verewigte der Bildhauer in Lederhose mit Initialen als fliegenden Spielzeug-Händler.

In halbjähriger Arbeit entwarf Dr. Eggemann dazu eine effektvolle, geheimnisvoll-magische Lichtinszenierung, die mit der dunklen Krippe unter dem Sternenhimmel beginnt. Bevor es taghell wird, leuchtet nur der Stall auf: Alles Licht kommt vom Christuskind. Der Münchner freut sich, dass die Krippe, die im Garmischer Krippenmuseum keinen Platz mehr fand, hier schön zur Geltung kommt. »Sie ist zu schade dafür, dass sie bei mir im Keller steht.«

Eine weitere Krippe von Christian Wagner überließ er der »Zirmstiftung Schusterhof« als Leihgabe, die dreiteilige heimatliche »Tennenkrippe« mit 20 Zentimeter großen, ebenfalls kaschierten Figuren. Sie stand während der Weihnachtszeit in seinem Chefarzt-Büro im Regal und verlegt Christi Geburt in die Tenne eines bayerischen Wirtshauses. Nebenan karteln unberührt einige Männer, nur eine Kellnerin schaut neugierig durch die Tür. Von links nähern sich unter anderem ein original Isarwinkler Jäger und ein Bub mit Milchkandl.

Als »Erfinder« der Krippe gilt der heilige Franz von Assisi, der 1223 mit lebenden Tieren und Menschen das Weihnachtsgeschehen darstellte. Doch es gab mehrere Impulse, wie um 500 in Rom und Ravenna entstandene Mosaiken von der Huldigung der drei Weisen oder im Spätmittelalter die Weihnachtsspiele in Kirchen für die analphabetische Bevölkerung und das »Christkindlwiegen« in Frauenklöstern. Auch Darstellungen der Geburt Jesu in gotischen Schnitzaltären zählt Adolf »Waggi« Rehm aus Garmisch-Partenkirchen zu den Vorläufern. Der enge Freund des 2006 verunglückten Andreas Mayer aus Bergen wurde von diesem beauftragt, sein Vermächtnis, den Schusterhof, mit zu betreuen, und organisierte als Ehrenvorsitzender des Werdenfelser Krippenvereins die vorerst fünf herausragende Krippen umfassende Ausstellung. Sie soll noch erweitert werden: »Der Krippenverein Inn-Salzach kann eigene Krippen hier einbringen«, betont Rehm.

Als Ehrenmitglied des Landeskrippenverbands Tirol stellte der Garmischer den Kontakt zum Tiroler Peter Riml aus dem Pitztal her. Dieser kreierte zu den drei anderen Krippen die orientalischen Hintergründe und Landschaften. Es sind sogenannte Heilig-Land-Krippen. »Die ersten Krippenfreunde reisten etwa 1850 nach Bethlehem«, erzählt Rehm, Herausgeber des Buchs »Krippen aus drei Jahrhunderten«. Daheim hätten diese die biblische Gegend dann nachempfunden. Die anfangs sehr großen Figuren wurden im Lauf der Zeit kleiner. Um 1830 geschnitzte Miniaturen aus dem Atelier der bedeutenden Südtiroler Bildhauer-Brüder Probst, die Rehm am ehesten dem jüngeren Joseph Benedikt Probst (1773 – 1861) zuordnet, erstaunen in der kleinsten Krippe. Eine große orientalische schuf um 1930 der akademische Münchner Bildhauer Otto Zehentbauer (1880 – 1950), der auch die Domkrippen in München und Speyer gestaltete. Die wunderbar schlichte Krippe daneben mit ganz holzgeschnitzten, gefassten Figuren entstand um 1950 bis 1960 in einer Oberammergauer Schnitzwerkstatt.

Parallel laufen im Schusterhof eine sehenswerte Trachtenausstellung des Gauverbands I mit einer geschnitzten Hochzeitskutsche, ebenfalls aus Dr. Eggemanns Wagner-Sammlung, und bis 11. Januar die Wastl-Fanderl-Wanderausstellung der Sänger- und Musikantenzeitung über den Bergener Badersohn und Volksliedsammler. Hier ist eine Baderstube aus den 50ern zu entdecken, ebenso wie Fanderls Zither, Lederhose, »Fanderlstrick« und ein Nachbau der Bühne für seine legendäre Sendung »A weni kurz, a weni lang«.-

Veronika Mergenthal



51/2008