Jahrgang 2005 Nummer 19

Das hohe kirchliche Fest Pfingsten

Heiliger Geist und etliche Bräuche

An das hohe kirchliche Fest Pfingsten haben sich viele Volksbräuche angeschlossen, die eher den Charakter eines ausgelassenen Frühlingsfestes tragen. Neben frischem Grün und kühlem Nass spielen auch Blumen und Eierspeisen, Tanz und Musik eine besondere Rolle. Die Feier eines Kirchenfestes »pentekosta hemera« (am 50. Tag nach der Auferstehung) ist seit dem dritten Jahrhundert bezeugt.

Die Herabkunft des Heiligen Geistes, das zentrale theologische Thema des Tages, wurde früher gern deutlich sichtbar dargestellt. In zahlreichen süddeutschen und alpenländischen Gemeinden war es Brauch, während der Pfingstmesse den Heiligen Geist in Gestalt einer hölzernen Taube durch das so genannte »Heilig-Geist-Loch« von der Kirchendecke des Kirchenraumes auf die Köpfe der Gläubigen herabschweben zu lassen. Da es bei diesem wiederholt als »ergötzliches Spektakel« beschriebenen Schauspiel jedoch hin und wieder zu Unfällen kam, wenn die Taube sich aus ihrer Halterung löste, wurde der Brauch vielerorts bereits im 18. Jahrhundert von den Kirchenoberen untersagt.

In weiten Teilen Europas war es Brauch, zu Pfingsten einen Burschen als »grünen Jungen« oder »Laubmännchen« in frisches Grün zu wickeln und mit Girlanden und Blumen zu schmücken. Diese Laubgestalt, die den bevorstehenden Sommer symbolisieren sollte, wurde zumeist durchs Dorf gefahren oder geführt, um den Bewohnern einen leibhaftigen Sommer zu präsentieren.

Mit Blumen, bunten Eiern und Birkenzweigen werden besonders im mitteldeutschen Raum jedoch auch Brunnen und Hydranten geschmückt. Hierbei hat sich wohl die Erinnerung an die Leben spendende Kraft des Wassers erhalten, der man in früheren Zeiten mit einer pfingstlichen Wasserweihe gedacht hat. Mancherorts bespritzt man sich noch heute mit Wasser, das zu Pfingsten von besonders segensreicher Wirkung sein soll. Im Bayerischen Wald, aber auch bis in die Gegend von Ulm kann man bei Pfingstumzügen den so genannten Wasservogel, eine Puppe im Laubkleid mit Vogelhals und Schnabel, bewundern.

Am deutlichsten wird die Verknüpfung zwischen kirchlichen und nichtkirchlichen Bräuchen jedoch bei den Umritten, die seit altersher am Pfingstsonntag veranstaltet werden und ihrerseits mit einer Segnung von Feld und Flur verbunden sind. Zu den bekanntesten Umritten dieser Art dürfte der Kötztinger Pfingstritt in Bayern zu zählen sein, bei dem nicht selten hunderte von Reitern einem Kreuzträger durch das Zellertal folgen.

Einer Legende nach geht dieser Pfingstritt auf das Jahr 1412 zurück. Damals habe man den Kötztinger Pfarrer zu einem Sterbenden ins sechs Kilometer entfernte Steinbühl gerufen. Da die umliegenden Wälder seiner Zeit jedoch sowohl von wilden Tieren als auch von Räubern unsicher gemacht wurden, sei der Pfarrer nur in Begleitung einiger mutiger Burschen dorthin aufgebrochen. Aus Dankbarkeit für ihre glückliche Heimkehr gelobten diese dann, auf diesem Weg alljährlich eine Prozession abzuhalten.

HM



19/2005