Jahrgang 2006 Nummer 11

Das Geheimnis der merkwürdigen Zungensteine

Auch im Chiemgau findet man imposante Haifischzähne

Mit 15 cm Länge ist dies der Zahn des größten Hais aller Zeiten

Mit 15 cm Länge ist dies der Zahn des größten Hais aller Zeiten
Haifischzähne aus der Sammlung von Bernhard Beaury aus Wimpasing.

Haifischzähne aus der Sammlung von Bernhard Beaury aus Wimpasing.
Das Paläontologische Museum in München kann für sich in Anspruch nehmen, einen Zahn des größten Hais aller Zeiten in seinen Sammlungen zu besitzen. Dieses Prachtexemplar von Zahn ist fünfzehn Zentimeter lang und wurde in der Nähe der Stadt Charleston im amerikanischen Bundesstaat South Carolina gefunden. Er stammt von einem sogen. Großzahnhai, der vor etwa 20 Millionen Jahren gelebt hat. Leider ist von seinem Skelett nichts erhalten geblieben. Deshalb lässt sich auch über die Größe des zu den Knorpelfischen zählenden Tieres nichts Genaues sagen. Nach dem Zahn zu schließen, dürfte die Körperlänge mindestens zwanzig Meter betragen haben.

Derartige Zähne des gigantischen Großzahnhais findet man außer in South Carolina vor allem in Florida, und zwar meist in Flüssen und im Pazifischen Ozean. Früher konnte man sie auch beim Phosphatabbau entdecken, als das noch im Tagebau geschah. Heute werden die Zähne meist von Tauchern aus einigen hundert Meter Tiefe heraufgeholt. Oft sind diese Zähne nur bruchstückhaft erhalten. Ein vollständiges Exemplar, wie es das Münchner Museum besitzt, hat ausgesprochenen Seltenheitswert.

Haifischzähne in wesentlich kleinerem Format wurden bekanntlich auch bei uns im Thalberg-Graben in Siegsdorf sowie am Kressenberg bei Teisendorf gefunden. Sie stammen aber nicht von Großzahnhaien, können aber auch erstaunlich groß sein. So erreicht ein am Kressenberg gefundener Haifischzahn 6,5 cm Länge; er weist eine scharf gezähnte Schneide auf, die das Tier mit dem wissenschaftlichen Namen Carcharodon (griechisch karcharos = spitz, odontos = Zahn) sicher zu einem der gefährlichsten Meeresräuber machte. Im Thalberg-Graben hat Bernhard Beaury, der bekannte Fossiliensammler aus Wimpasing, zahlreiche Haifischzähne der Gattung Notorhynchus gefunden.

Haifischzähne sind schon seit der Antike bekannt, über ihre Entstehung und ihre Herkunft kursierten die abenteuerlichsten Ansichten. Nach dem römischen Schriftsteller Plinius d. Ä. nannte man sie Zungensteine (»Glossopetren«), die bei abnehmendem Mond vom Himmel fallen. Das beruht auf der bei den Germanen verbreiteten Vorstellung, dass der Mond in zyklischem Wechsel vom Mondwolf bedroht wird, der ihn zu verschlingen trachtet. Es kommt zum Kampf zwischen Mond und Wolf, und die bei diesem Ringen ausgebrochenen Zähne des Wolfes fallen zur Erde und bilden dann die Zungensteine.

Seit dem ausgehenden Mittelalter verbreitete sich eine merkwürdige Legende über die Herkunft der Haifischzähne, die man jetzt als St. Pauls-Steine bezeichnete. Die Legende ist eine Mischung aus dem Bericht der Apostelgeschichte und frommer Erfindung. In der Apostelgeschichte wird berichtet, dass der heilige Paulus nach überstandenem Schiffbruch vor der Insel Malta an Land ging und von einer Schlange gebissen wurde. Er schleuderte das Tier ins Feuer und soll daraufhin einen Fluch über alle Schlangen ausgesprochen haben.

Tatsache ist, dass auf dieser Mittelmeerinsel in den weichen Ablagerungen immer schon Haifischzähne gefunden und als Raritäten exportiert wurden. Weil man ihre Herkunft nicht erklären konnte, deutete man sie als Zähne der von Paulus verfluchten Schlangen. Man trug sie um den Hals oder am Arm, legte sie in Wasser oder Wein und trank davon, um vor Krankheiten jeder Art verschont zu bleiben. Dieser Glaube fand Eingang bis in fürstliche Häuser. So kann man in der Schatzkammer des Deutschen Ordens in Wien eine sogenannte Natternkredenz bewundern. Das ist eine Goldschmiedearbeit aus dem 16. Jahrhundert, bei der für wundertätig gehaltene Natternzungen auf einem Korallenstock befestigt sind. Nach dem Volksglauben hatten die Natternzungen die Eigenschaft, durch Schwitzen die Nähe von Gift anzuzeigen. Deshalb benutzte man sie als Gegenmittel für möglicherweise im Essen enthaltene Giftstoffe indem man verdächtige Teile der Nahrung eng daneben legte.

Die Entdeckung, dass es sich bei den Zungensteinen in Wirklichkeit um die Zähne ausgestorbener Haie handelt, ist dem dänischen Arzt und Naturforscher Niels Stensen /1638-1686) zu verdanken. Stensen, der sich der Mode der Zeit folgend mit der latinisierten Form seines Namens Steno nannte, war nach seiner Konversion zum katholischen Glauben Apostolischer Vikar der Nordischen Missionen. Die bisherige Deutung der Glossopetren als versteinerte Schlangenzungen erschien im völlig abwegig, erkannte er doch in ihnen die große Ähnlichkeit mit Haifischzähnen. Es sollte jedoch über hundert Jahre dauern, bis sich diese Ansicht allgemein durchsetzte und die Zungensteine ihren medizinischen Wert verloren.

Bei den Großzahnhaien konnten die Zähne bei Bedarf wieder durch neue ersetzt werden, beispielsweise dann, wenn das Tier einige beim Kampf eingebüsst hatte. Diese beneidenswerte Fähigkeit haben sich die Haie und die meisten anderen Fische bis heute erhalten. Im Laufe der Evolution hat sich der mehrfache Zahnwechsel immer mehr zurückgebildet, dafür wurde die Qualität der Zähne verbessert. Immerhin kann das Krokodil noch bis zu zwanzig Mal verlorene Zähne durch neue ersetzen. Die Säugetiere und der Mensch verfügen zwar über die höchst entwickelten Gebisse, aber sie mussten das mit der Beschränkung auf einen einmaligen Zahnwechsel bezahlen.

Die Entwicklungsbiologen haben im übrigen nachgewiesen, dass die Zähne aller Tiere aus den Schuppen der Haivorfahren entstanden sind. Bei diesen uns nicht näher bekannten Fischen wuchsen vor rund 400 Millionen Jahren die Körperschuppen nach und nach am oberen und am unteren Mundrand immer weiter in den Mund hinein. Wurden dort größer und entwickelten sich schließlich zu Zähnen. Eine gewaltige Verbesserung, um Nahrung zu zerkleinern, aber auch beim Nahrungserwerb erfolgreicher zu sein. Auch bei den heutigen Haien sind die gefürchteten Zähne noch Schuppen ohne Wurzel, die am Rand der Mundöffnung nur länger auswachsen. Sie stehen reihenweise hintereinander und können bei Bedarf laufend nachgebildet werden. Bei den Embryonen der Amphibien, Reptilien und der Säugetiere ist die Verwandtschaft der sich bildenden Zähne mit den Schuppen sehr deutlich erkennbar – ein Beweis dafür, dass diese Tierklassen auf die gleichen Vorfahren wie die Haie zurückzuführen sind.

Julius Bittmann



11/2006