Jahrgang 2012 Nummer 51

Das Ecksberger Kindl

Nicht nur Altenhohenau hat ein Christkind mit der Traube

Das sogenannte Columbakindl von Kloster Altenhohena: Hanns Sweicker schuf es um 1440.
Dem Bier zugetan: Glaskrug mit Zinndeckel und Namenszug des Gründers Joseph Probst, circa 1860.
Der Öffentlichkeit kaum bekannt: das barocke Ecksberger Kindl, in Öl auf Leinwand gemalt.
Aus dem Garderobenschrank des Columbakindls: Für »modischen« Kleiderwechsel ist gesorgt.

Die Stiftung Ecksberg (Mühldorf) hat zahlreiche wertvolle Altertümer. Abgesehen von Sakralgut und liturgischem Gerät der zur Anstalt gehörigen Kirche St. Salvator – auf dem Weg zur Verwaltung zeigt man in einer Schauvitrine eine kleine Auswahl schöner, alter Andachtsgegenstände und Erinnerungsstücke. Neben Wachsstöcken (einen davon grub man am 19. März 1945 beim Mühldorfer Kaufhaus Weninger aus) und einer barocken Halbfigur der heiligen Margaretha sind das ein gläserner Zinnkrug mit graviertem Zinndeckel und dem Namenszug des Stiftungs-Gründers Josef Probst um 1860, ein rostiger Schlüssel der Rupertikirche im Tal, die im Zuge der Säkularisation 1803 abgetragen wurde und ein Sterbelämpchen.

Ein besonderes Altertum zeigt sich dem im Büro des Direktors Angekommenen: An der Wand hängt ein Gemälde mit dem Jesuskind.

Es war dem Besucher bekannt, dieses Bild. Als 12-jähriger Altmühldorfer Ministrant war er, dank der guten Beziehungen des Ortspfarrers Otto Gastager zum damaligen Anstaltsdirektor Georg Eibl, des öfteren nach Ecksberg gekommen, und in einem der oberen schönen, weiten Räume hing das besagte und jetzt wieder gesehene Jesuskind. Es prägte sich dem Buben wohl deshalb ein, weil er bis dato zwar schon so manches Jesuskind, etwa das in der Krippe von St. Laurentius liegende oder sogar das an einem der rechten Seitenaltäre stehende, in einem Tabernakelgehäuse wohnende (von dem er erst Jahre später erfuhr, dass es, als »Prager Kindl« verehrt, mehrmals im Lauf des Kirchenjahres seine Gewänder wechselte), aber noch nie eins mit einer Weintraube in der Hand gesehen hatte. Dass es in den Fingern der anderen Hand eine Beere der roten Traube dem Beschauer darreicht, fand der Bub großherzig. Kinder schenken doch nicht gern was her, vor allem dann, wenn es so etwas Kostbares wie eine Meraner Kurtraube ist, prall und voller Sonne Südtirols. Und dieses Kindl, in seinem brokatenen, geblümten langen Kleidchen, schenkt eine Beere her.

Damals wäre es dem Buben nicht eingefallen, das Bild umzudrehen, um auch seine Rückseite zu sehen. Großzügig wie der Ecksberger Direktor Dr. Alexander Skiba ist, erlaubte er es dem Gast, dem er nicht nur bereitwillig das »Ecksberger Kindl« zeigte und fotografieren, sondern auch dessen Rückseite sehen ließ. »Anna Maria Schnaumbergerin« steht da in großer Frakturschrift, von Hand gemalt, und darunter die Jahreszahl 1777. Der Stadtarchivar von Mühldorf hätte dem sich bei ihm nach dem Namen der auf dem Bildrevers verzeichneten Dame gewiss gern Auskunft gegeben, wenn er in seinen Registern fündig geworden wäre. So bleibt offen, wer die – offenbar als Besitzerin des Bildes fungierende – Frau Schnaumberger war.

Wäre schon interessant. Denn sie musste sich offenbar dieses Bild anfertigen haben lassen. Das Motiv ist keineswegs unbekannt; handelt es sich doch um das sogenannte Columbakindl, das im Dominikanerinnenkloster Altenhohenau bei Wasserburg am Inn ganz innig von der Klosterfrau Columba Weigl verehrt wurde. Die Nonne trat 1730 17-jährig dem Altenhohenauer Konvent, der seit Beginn des 13. Jahrhunderts besteht, bei und starb 1783, also sechs Jahre vor der Datierung auf dem Ecksberger Kindl-Bildrevers.

Das Columbakindl entliehen die Altenhohenauer Schwestern – Schwester Margaretha ließ es, wie sie bekannte, mit Schmerzen außer Haus wandern – großherzig für die Ausstellung »Seelenkind« des Diözesanmuseums auf dem Freisinger Domberg (25. November bis 10. Februar 2013). Dort prangt es als Abschluss der von Direktor Christoph Kürzeder und seinem Team kenntnis- und exponatenreich erstellten, bedeutenden Christkindl- Schau aus den Schätzen bayerischer Klöster. Ganz allein steht es da, im hellen Licht eigener Scheinwerfer. Es trägt ein feines, mit Goldlitze besetztes Häubchen, dazu passend ein langes, vorne einmal tief gefältetes, rot-goldenes Brokatgewand, darüber zwei dunkelrote Bänder. Die sind angeblich aus Unkenntnis von den Altenhohenauer Schwestern angebracht worden, weil sie die Bänder auf dem Rücken lieber – oder gedoppelt auch – auf der Vorderseite zeigen wollten, die aber eigentlich als »Gängelbänder« ihre spezielle Aufgabe hatten: das Kind »am Gängelband zu führen«, damit es brav ist und der Aufsichtsperson nicht so leicht auskommen kann.

Außerdem wird im Freisinger Erzbistumsmuseum eine ganze Garderobenausstattung des Columbakindls gezeigt: Kleid, Mantel, Haube, Schuhe, Strümpfe. Wie das »Prager Jesulein« wird auch das Columbakindl mehrmals aus- und angezogen. Das Ecksberger Kindl trägt ein Gewand, das im Garderobenkasten des Columbakindls anscheinend nicht vorkommt. Vielleicht wurde es nach dem Geschmack der Anna Maria Schnaumbergerin gemalt. Die wollte am Ende auch kein Häubchen, begnügte sich mit einem Strahlen-Heiligenschein, bevorzugte blonde Locken, ließ dem göttlichen Kind eine Halskette und ein die Schultern bedeckendes Oberteil aus Spitzen und Goldborten anlegen und es zusätzlich mit einem roten flammenden Herz auf der Brust schmücken. Es trägt rote Schuhe. Sein rouger Teint gleicht dem eines hochwohlgeborenen Kindes. Im Gegensatz zum figürlichen Columbakindl blickt dessen Ecksberger in Öl anonym gemalte Kopie nicht zu Boden, sondern richtet die Augen nach links oben.

Vom etwa 45 Zentimeter großen Columbakindl weiß man, dass es um 1440 entstanden ist. Es wird dem »Meister von Seeon« zugeschrieben, dem Schöpfer der Marien von Halfing und Seeon, aber auch von St. Johann in Tirol, der von Hans Ramisch als Hanns Sweicker identifiziert werden konnte, der aus Ulm in den Chiemgau gekommen und nahe Bernau von 1430 bis 1467 wohnte und arbeitete. Als Auftraggeber kommen seinen Forschungen zufolge die Laiminger in Frage, ein altes Geschlecht, »das seinen Namen von dem Weiler Laiming ganz nahe bei Altenhohenau herleitet«.

Ikonographisch stehen beide Jesuskindfiguren, das Columbakindl und das mit ihm »artverwandte«, hier einmal so bezeichnete Ecksberger Kindl, durch die rote Weintraube in starker Verbindung zum Blut Christi, vergossen für die sündige Menschheit am Kreuz von Golgotha. Der Gestus, mit dem das Kindl eine Beere von seiner Traube (also quasi ein Tröpflein Blut von seinem Blut in Fülle) an den ihm zugewandten Betrachter schenkt, ist von tiefer christologischer und heilsgeschichtlicher Bedeutung.

Das »Tantschige«, Süßliche, Niedliche, das den Christkindfiguren oft angeheftet wird, verfehlt diesen Aspekt völlig. Schon als Kleinkind weist Jesus auf sein künftiges Leiden und Sterben, auf seinen Opfertod am Kreuz, in aller Deutlichkeit hin. Manche Christkinder tragen einen mit Edelsteinen und Metallschmuck reich gezierten Kreuzstab, schultern mit beredtem Leidensausdruck ein Holzkreuz oder liegen, mit einem Lendentuch bedeckt, auf einem schmucklosen hölzernen Kreuz, umgeben von Totenkopf und Leidenswerkzeugen. Des Christkinds wonnige Kränze aus bunten Blumen und frischem Grün nehmen die marternde Dornenkrone des Schmerzensmannes vorweg. Beim Ecksberger Kindl weist das brennende rote Herz auf Christus, dessen Liebe sich für die Menschen verzehrte.


Dr. Hans Gärtner

 

51/2012