Jahrgang 2005 Nummer 46

Das Altöttinger Jerusalem-Panorama wurde renoviert

Es ist das einzige Deutschlands in klassischer Gestalt – Von Gebhard Fugel vor 102 Jahren geschaffen

Das Altöttinger Jerusalem-Panorama wurde in den Jahren 2004 und 2005 mit einem Kostenaufwand von 450 000 Euro unter der Leitung des Bayerischen Landesamtes für Denkmalschutz grundlegend renoviert. Nach Meinung aller Fachleute ist nun nach 102 Jahren erstmals wieder ein Erscheinungsbild hergestellt, das dem originalen Zustand des auch in Europa einmaligen Werks christlicher Kunst von Prof. Gebhard Fugel (1863 bis 1939) vom 18. Juli 1903 entspricht.

Wer ins Altöttinger Panorama kommt, geht auf eine biblische Zeitreise. Die Reise führt in den April des Jahres 30 nach Jerusalem. Zum Tempel der antiken Stadt strömen Pilger aus dem bergigen Umland Palästinas, viermal so viele wie sie Einwohner zählt. Vor den Toren und Mauern findet eine Exekution statt, bewacht von der römischen Besatzungsmacht. Der Mann aus Galiläa, Jesus, erleidet den Tod durch Kreuzigen. Kurz danach wird man diesen Moment um drei Uhr nachmittags, da sich die Sonne verfinstert haben soll, als das Gründungsdatum des Glaubens der Christen bezeichnen. Die Besonderheit des klassischen Großraum-Panoramas ist, dass man leibhaftig selbst die Bühne des künstlerisch dargestellten Geschehens betritt und sich oben auf der Terrasse im Kunstbau verwundert fragen kann, ob man sich nun als mutierter Zeitgenosse jener Ferne und Fremde fühlen sollte oder gar als freibewegliche Kunstfigur in der Stille geronnener Zeit. Im realen Maßstab eins zu eins hatte man sich ja tatsächlich versetzt in eine der historischen Zeit entsprechende ferne Umgebung, nachdem die Treppe zur Terrasse inmitten der künstlerischen Installation im Stil eines idealisierenden Realismus erklommen war. Zwei Jahre waren aufwändige Renovierungsarbeiten nötig, um das Panorama in Altötting, heute das einzige Deutschlands in klassischer Gestalt, wieder in den Originalzustand zu versetzen. So wurden insbesondere die Lichtverhältnisse durch Neuverglasung korrigiert, wurde die Malerei minutiös restauriert und dem Bühnenbild des Vorgeländes, das die Räumlichkeit des Gesamtwerks steigert, die ursprüngliche Tönung nach den Farbwerten des Gemäldes zurück gewonnen. Die Arbeiten erfolgten unter Leitung des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege.

Bei dem Altöttinger Panorama handelt es sich um ein so genanntes »Künstlerpanorama« in dem Sinne, dass das Objekt keine Auftragsarbeit war, sondern von den Künstlern unter der Leitung des Münchner Historienmalers Fugel als freies Werk so genannter christlicher Kunst geschaffen und selbst finanziert wurde, was auch den Ankauf des Grundstücks am heutigen Gebhard-Fugel-Weg einschloss.

Fugel, der um die vorletzte Jahrhundertwende als Freskenmaler in Kirchen Süddeutschlands und der Schweiz und als einer der Erneuerer religiöser Malerei bekannt wurde, indem er sie »von der Süßlichkeit der epigonalen Spätnazarener befreite«, wie ihn heute die Kunsthistorie einordnet, widmete sich in seinem späteren Werk ab 1908 einem Bilderzyklus aus über 100 Gemälden zu biblischen Geschichten aus dem Alten und Neuen Testament, der bis in die 60er Jahre des 20. Jahrhunderts in Reproduktionen an Schulen weit verbreitet war. Damit erneuerte er die Tradition der »Bibel in Bildern«, die im 19. Jahrhundert begonnen hatte. Die Originalgemälde des Zyklus befinden sich heute im Freisinger Dombergmuseum, dem Diözesanmuseum für christliche Kunst der Erzdiözese München und Freising. Zwischen 1917 und 1933 schuf er zudem Freskenentwürfe zur Apokalypse, die sich seit kurzem im Besitz des Klosters Scheyern befinden und dort gezeigt werden.

Bereits 1895 und 1900 hatte Fugel, der kein Panoramaspezialist war, als Figurenmaler an Panoramen der Kreuzigung Christi (in Kevelaer) und der Geburt Christi in Bethlehem (Zürich) teilgenommen. Für seine eigene Komposition des Altöttinger Kreuzigungspanoramas holte er sich als Partner und Kollegen bei der Ausführung des Riesengemäldes von 1200 Quadratmetern den Spezialisten Josef Krieger (1848 bis 1914), für den Bühnenraum zwischen Terrasse und Gemälde Bühnenbildner der Münchner Hofoper. 1940 wurde das Panorama unter Denkmalschutz in Bayern gestellt. Seit 1991 genießt es auch den Schutz der UNESCO nach dem Haager Abkommen.

Das Altöttinger Panorama befindet sich zwei Gehminuten vom Kapellplatz entfernt am Gebhard-Fugel-Weg 10. Es ist von November bis Februar jeweils Samstag und Sonntag von 11 bis 14 Uhr geöffnet, von März bis Oktober täglich von 9 bis 17 Uhr. Anlässlich der Beendigung der Renovierungsarbeiten ist es am heutigen Samstag und morgen von 10 bis 16 Uhr geöffnet.



46/2005