Jahrgang 2002 Nummer 50

Das alte Wirtshaus am südlichen Chiemsee

Es wurde bereits 1584 urkundlich erwähnt

Alle unsere Autofahrer kennen die landschaftlich schöne Gegend zwischen Bernau und Feldwies, zwischen unserem Bayerischen Meer, dem Chiemsee, und den nahen Bergen, fast ein Paradies, heute verkehrsmäßig fest erschlossen durch Eisenbahn und Autobahn. Wenn wir zurückblicken, war das freilich einmal etwas anders. Die Autos können erst seit dem Sommer 1936 an unserem südlichen Chiemseeufer vorbeirasen. Vorher lief die »große« vielbefahrene Straße München-Rosenheim-Traunstein-Salzburg nördlich des Chiemsees an Seebruck vorbei und noch früher noch nördlicher. Als zum Beispiel der kleine Mozart von Salzburg nach London reisen musste, fuhr seine Kutsche sogar über Waging, Seeon, Wasserburg nach München.

Der Landstrich zwischen Feldwies, Bernau, Grassau, Staudach war damals also total abgelegen. Lediglich ein »Bauernstraßerl« lief am Bergrand entlang von Bernau nach Bergen. Über die Tiroler Achen führte bei Staudach eine Holzbrücke. Das Land von den Bergen zum Chiemsee hinunter war landwirtschaftlich gesehen »schlecht«, nass, moorig, »filzig«. Vom südlichen Achental her, aus Tirol kommend, gab es aber eine kleine Straße hinunter zu den Bauern und Häuslleuten rund um die Kirche von Übersee und hinunter nach Feldwies, Baumgarten und Neuwies. Und genau in Feldwies ist schon seit 1584 nachweisbar ein Wirt, eine Tafern. Für den heutigen Bereich der politischen Gemeinde Übersee heißt das, dass im »droberen« südlichen Gemeindebereich sich die Kirche befand, im unteren nördlichen Bereich, dem Chiemsee zu, die einzige Gastwirtschaft war. Hinzuzufügen ist, dass »drunten« mehr Leute wohnten wie »droben«. Der Diözesanbeschreibung von 1820 ist zu entnehmen, dass es im »Dorf »Feldwies« 54 Häuser mit 234 Seelen gab.

Als dann 1860 die moderne Eisenbahn den Chiemgau durchzurasen begann, wurde in Übersee »droben« unweit der Kirche der bedeutende Bahnhof gebaut, später sogar die Abzweigung für die Lokalbahn nach Marquartstein. Das änderte aber zunächst nur wenig an der Zahl der Häuser und Einwohner. In Übersee zählte man 46 Häuser mit 265 Bewohnern, in Feldwies 56 Häuser und 310 Einwohner. Vermerkt muss allerdings die Tatsache werden, dass Übersee mit der Bahneröffnung 1860 auch seine erste Wirtschaft bekam, gleich hinter der Kirche, die seither den Namen »Hinterwirt« führt. Man könnte ihn zunächst auch als Ableger des Feldwieser Wirtes bezeichnen.

Doch was steckt dahinter, dass es bei den recht armen »Häuslleuten« von Feldwies ausgerechnet die einzige Wirtschaft gab, sogar noch eine »Tafernwirtschaft«, d.h. mit der Möglichkeit zur Übernachtung. Hierzu muss erinnert werden, dass wir in unserem Gebiet kirchlich gesehen früher zur Diözese Salzburg gehörten, zum Unterbistum Herrenchiemsee, dazu auch Pfarreien aus dem nördlichen Tirol. Wenn also ein Pfarrer von Tirol her auf die Herreninsel musste, reiste er wohl durchs Achental hinunter nach Feldwies, zum Chiemsee, um sich zur Herreninsel übersetzen zu lassen. Wohl kehrte man bei der Feldwieser Stollntafern ein oder übernachtete gar bei der Hin- oder Heimreise beim Wirt in der Feldwies, dem einzigen am Chiemseeufer zwischen Grabenstätt und Bernau, bzw. Felden. Reisende haben also damals dem Wirt in der Feldwies über die Zeiten geholfen gut zu leben, zu überleben. Dem heutigen Bauwerk ist das heute noch anzusehen.

Um 1860 gab es dann abermals ein neues Aufblühen. Dazu hat die neue Eisenbahn mitgeholfen. Die Münchner Kunstmaler haben nämlich die Feldwies entdeckt. Der damals noch junge Kunstmaler Exter, aber schon Professor in München, kam nach Übersee und gründete hier eine Malschule. Zunächst wohnte er zwar in Übersee, aber bald zog er total in die Feldwies, kaufte sich ein altes Bauernhaus und baute es entsprechend aus. Seine Malschüler mieteten sich Zimmer, machten uns weithin bekannt und die »Sommerfrischler« kamen mit ihnen und der Feldwieser Wirt profizierte. Weithin wurden der Schweinsbraten und die Knödl der Wirtin berühmt. das alte Wirtshaus »blühte« weiter und der Wirt ließ sodann sogar eine Strandwirtschaft unmittelbar an den See bauen, dorthin wo sich schon seit Jahrhunderten die »Überfuhr« mit dem Kahn befand und wo es seit der Jahrhundertwende den Dampfersteg und eine größere Kahnvermietung gab: Ortschaft Feldwies mit angesehener Wirtschaft, eine berühmte Malschule, sogar international bekannt und besucht, Häuslleute mit Zimmervermietung an Maler und Sommerfrischler, und alles bestens erreichbar mit dem »Schnellzug« von München oder Wien her!

Auch zwischen den beiden Weltkriegen ließ es sich weiterhin leben drunten in der Feldwies. Im Jahre 1936 war es dann sogar soweit, dass der Feldwieser Wirt an den nötigen Bau eines beachtlich großen und schönen Saales denken konnte. Nicht uninteressant ist dabei die Tatsache, dass den Plan nur ein Feldwieser Zimmermeister fertigte, kein Architekt. Dass der Bau außen und innen voll gelang, davon kann man sich heute noch überzeugen. Planfertiger und Bauüberwacher war der Feldwieser Andreas Gasteiger, genannt der Zaußer Wast, der sich später Architekt nennen durfte. Mitunter nannte man ihn auch nach 1945 den heimlichen Bürgermeister von Übersee. Er ist heute noch bei älteren Einheimischen in guter Erinnerung. Die Nachkriegsjahre brachten mit dem modernen Autobusverkehr noch einmal viele Fremde, Sommerfrischler in die Feldwies. Gleich im Wirtshauszuhaus befand sich das Reisebüro, wo die ankommenden Erholungssuchenden dann bei den Zimmervermietern verteilt wurden. Gut essen ließ es sich vorne in der Wirtsstube, wenn kein Platz mehr war auch im stilvollen Saal, der sich bei den wöchentlichen Heimatabenden, Tanzabenden, Aufführungen des bestens bekannten Bauerntheathers füllte. Meist musste man »früh« genug dort sein, um Platz zu bekommen. Leider änderte sich gerade bei unserem »Fremdenverkehr« in den zurückliegenden Jahren viel. Man fliegt halt in den Urlaub nach Mallorca etwa oder in ein asiatisches Land. Und unser schönes Feldwieser Wirtshaus? Der Denkmalschutz hat zwar schon lange entdeckt, dass der Bau erhalten werden muss. Aber es wäre halt nötig, dass auch wieder Leben hineinkommt, ein richtiges Leben, wie es sich für eine denkmalgeschützte Wirtsstube gehört, ein richtiges Leben, auch in die »Wirtskuchl«. Dass eine Gemeinde auch Räume für das Zusammenkommen der Vereine braucht, hat sich schon länger gezeigt. Früher hat eine bayerische Wirtschaft dazu ein »Nebenzimmer« gehabt. Dass für größere Veranstaltungen wieder Säle gefragt sind, weiß man auch wieder. Darf man hier in der politischen Gemeinde Übersee hoffen, dass sich diesbezüglich im Herzen von Feldwies etwas tut?

Vor zwei Jahrhunderten konnten sich wenigstens die armen Feldwieser Häuslleut wirtschaftlich helfen. Daran sei erinnert mit der Aufschreibung des Traunsteiner Rentamtmannes Petz aus dem Jahre 1879: »Seit der Säkularisation (1803) die Mustergärten verschwanden, kultivierten die Bauern zu Feldwies und Baumgarten allein die Laucharten fort, besonders die Zwiebeln. Sie brachten ihre Zwiebeln als begehrten Hausartikel weit ins Land. Vor 100 Jahren erzielten 32 Familien, davon aber keine über ein Tagwerk Boden hatte, eine jährliche Ernte von 1500 Metzen oder 800 Zentnern Zwiebeln, also für ein Haus 47 Metzen oder 28 Zentner. Diese trugen sie selbst mit der Kraxe hausieren.« Diese Hausiererzeit wünscht sich freilich keiner mehr zurück. Aber echtes, gutes bayerisches Leben ins Wirtshaus und in seinen Saal, in den weit und breit schönsten alten Wirtshausbau!

JM



50/2002