Jahrgang 2021 Nummer 8

»Das 60-jährige Bürschchen ist wieder verliebt«

König Ludwig I. verlor bei der Affäre mit Lola Montez den Kopf, viel Geld und seinen Thron – Teil II

Lola Montez mit König Ludwig als Schoßhündchen an der Leine. Amerikanische Karikatur aus dem Jahr 1850. (Repros: Mittermaier)
Bereits wenige Tage nach ihrer Ankunft in München beauftragte Ludwig I. seinen Hofmaler Joseph Karl Stieler mit einem Porträt Lolas für die Schönheitengalerie.
Lola Montez starb 1861 in New York, wo sie auch begraben ist. Bild ihres Grabsteins auf dem Greenwood Cemetery.

Am 7. Oktober 1846 sollte es in der Münchner Residenz zu einer fatalen Begegnung kommen: Lola Montez hat eine Audienz bei Ludwig I. und der ist beim Anblick der angeblichen Spanierin sofort von den königlichen Socken.

Die 25-Jährige ist erst zwei Tage zuvor in der bayerischen Hauptstadt eingetroffen, um ein Engagement am hiesigen Hoftheater zu ergattern. Als sie abgelehnt wird, verschafft sie sich einen Termin beim König, um sich zu beschweren, und der verknallt sich Hals über Kopf in die glutäugige Fremde, die ihm in der Residenz zu seinen Füßen sinkt. Am Ende des Treffens hat Lola ihren Auftritt im Theater sicher – und die Münchner Gesellschaft ein neues Klatschthema, denn Ludwig macht aus seiner Begierde für die Montez keinen Hehl.

Nur einen Tag nach ihrer Premiere auf der Bühne, die Ludwig natürlich besucht, beauftragt er seinen Hofmaler Joseph Karl Stieler, ein Gemälde von Lola für die Schönheitengalerie zu fertigen. In sein Tagebuch notiert der Wittelsbacher: »Das 60-jährige Bürschchen ist wieder etwas verliebt. Ich bin dessen froh, der Alte, sagte ich, wäre ich wieder, das heißt, wieder bin ich jung. Lola machte Eindruck auf mich.« Diese verhaltenen Zeilen sind eine Untertreibung der wirklichen Gefühle Ludwigs, denn tatsächlich brennt der für damalige Verhältnisse ältliche Monarch bereits lichterloh für die mehr als halb so junge Frau, nichts ahnend, dass er sich damit nicht nur zum Gespött seiner Untertanen macht, sondern auch seinen politischen Sturz maßgeblich befördert.

Lola steigt die Beziehung mit dem bayerischen König ebenfalls zu Kopf, allerdings sind es bei ihr keine Liebesgefühle, sondern die Gier nach Geld und Macht. Lolas Problem ist allerdings, dass sie nicht zwischen Bühne und Realität unterscheiden kann und so auch geflissentlich übersieht, dass es für beide Bereiche unterschiedliche Regeln gibt. Für sie besteht auch der Alltag aus Theater, und das hat ihr schon vor ihrer Zeit in München immer wieder Ärger beschert.

In Berlin beispielsweise hatte sie einen Polizisten bei einem ihrer legendären Wutanfälle öffentlich mit einer Reitgerte traktiert und anschließend geflissentlich versäumt, der deshalb erfolgten, gerichtlichen Vorladung zu folgen. Für die preußischen Behörden war sie damit eine persona non grata, die man schleunigst loswerden musste. Von Berlin nach Polen geflüchtet, gerät sie auch dort prompt ins Visier der Obrigkeit, weil sie Kontakte zu revolutionären Kreisen pflegt und nicht mit politischer Kritik hinter dem Berg hält, was ihr schließlich eine Ausweisung beschert. Sie tingelt daraufhin weiter durch Europa auf der Suche nach einem lukrativen Engagement und landet schließlich in München.

Ihr Ruf ist damals zwar schon angekratzt, doch eines können ihr selbst die schärfsten Kritiker nicht absprechen, und das ist ihre ungewöhnliche Ausstrahlung, die selbst auf Frauen wirkt. Die Schriftstellerin Luise von Kobell beispielsweise berichtet, dass ihr die Montez kurz nach deren Ankunft in München auf der Straße begegnete: »Da sah ich eine schwarz gekleidete Dame, einen Schleier auf dem Kopf, einen Fächer in der Hand, des Weges kommen. Plötzlich funkelte mir etwas ins Gesicht, ich blieb jählings stehen und betrachtete verwundert die Augen, die dieses Gefunkel verbreiteten. Sie leuchteten aus einem blassen Gesicht, das einen lächelnden Ausdruck über mein bewunderndes Anstarren annahm. Dann ging sie, oder schwebte vielmehr, an mir vorüber… So, dachte ich mir, müssten die Feen in den Märchen gewesen sein.«

Mit Lolas langer Liste an Eroberungen, die unter anderem auch so prominente Zeitgenossen wie den Komponisten Franz Liszt umfasst, wundert es nicht, dass ihr Ludwig I., der ja von jeher weiblichen Reizen alles andere als abgeneigt war, ins Netz ging. Die Blütezeit des Königs ist zwar längst vorbei, er leidet an zunehmender Schwerhörigkeit und auch äußerlich macht der Monarch, der ja nie sonderlich attraktiv war, nun noch weniger her. Doch die geheimnisvolle Fremde, die ihm urplötzlich in seine Residenz hereingeschneit kam, wirkt wie ein Lebenselixier. Ludwig verspürt nicht mehr für möglich gehaltene Frühlingsgefühle und vergisst dabei, wie ein junger Pennäler, alle Konventionen.

Als verheirateter Mann Affären zu pflegen, war in adeligen Kreisen damals zwar alles andere als ungewöhnlich und wurde von der Gesellschaft auch weitgehend akzeptiert. Allerdings nur, wenn das Ganze mit entsprechender Diskretion geschah. Ludwig denkt jedoch gar nicht daran, seine Liebelei mit Lola heimlich auszuleben. Fast täglich sehen ihn die Münchner zu Fuß ins Hotel »Goldener Hirsch« eilen, wo Lola eine luxuriöse Suite bewohnt – bezahlt mit königlichem Geld. Zwar gab es damals noch keine lauernden Paparazzi, deren Fotographien die Affäre zwischen dem König und der Tänzerin in Windeseile in der ganzen Welt verbreiten hätten können, doch es gab die Hofgesellschaft, die jeden Schritt der königlichen Familie überwachte und für entsprechenden Klatsch sorgte, wenn sich jemand einen Fauxpas erlaubte. Und davon gab es bald genug, wie die Affäre um Lolas Loge im Hoftheater.

Der König hatte seiner Liebsten ein Separee im ersten Rang gewährt, das Lola aber nicht fein genug war, denn so konnten die Mitglieder der Hofgesellschaft aus ihren Logen im zweiten Rang auf sie hinunter schauen. Sie fordert von Ludwig eine Loge im zweiten Rang – und der gibt prompt nach. Lola saß nun auf gleicher Höhe mit dem Hochadel – ein Affront, der den König aber nicht kratzt.

Über die Art und Weise der Beziehung zwischen den beiden ist im Lauf der Jahrhunderte viel gerätselt worden. Maritta Krauss schreibt, dass, Ludwig seinen Aufzeichnungen zufolge, Lola nur zweimal »beygewohnt« habe, einmal im Juni und einmal im Dezember 1847. Warum dem so war, darüber ließe sich allenfalls spekulieren. Bekannt ist, dass die Montez währenddessen auch intime Beziehungen zu anderen Männern pflegte, von denen der König zum Teil wusste oder es zumindest ahnte, was ihn zu heftiger Eifersucht veranlasste, die Lola ganz bewusst schürte, um sich den König weiter gefügig zu machen.

Ludwig war regelrecht besessen von Lola, schrieb ihr schmalzige Briefe und Gedichte – und dachte dabei wahrscheinlich auch an seine Jugend. Der Wittelsbacher hatte in früheren Jahren zahlreiche Reisen nach Italien unternommen, wo er unter anderem eine Beziehung mit der florentinischen Marchesa Marianna Florenzi unterhielt, die sich über intime Stunden hinaus in einem fast fünf Jahrzehnte andauernden Briefwechsel fortsetzte. Von ihr gibt es übrigens auch ein Bild in der Schönheitengalerie.

Lola war als – angebliche – Spanierin für Ludwig sicher auch deshalb so interessant, weil sie sein altes Faible für alles Südländische bediente. Dass ihr Spanisch äußerst holperig war, was nicht wirklich zu der von ihr kolportierten Herkunft passte, muss auch Ludwig aufgefallen sein, denn er pflegte sich mit Lola in einem Gemisch aus Italienisch und Spanisch zu unterhalten. Ludwig hatte sich jedoch schon so in seiner Traumwelt verloren, dass er alles kritiklos hinnahm. Wie weit seine Verblendung führte, beweisen die finanziellen Zuwendungen, die er der Montez gewährte. Nur wenige Wochen nach Beginn der Affäre hatte der König Lola schon in sein Testament aufgenommen und darüber hinaus bekam sie ein jährliches Gehalt von 10000 Gulden – arrivierte Schauspielerinnen erhielten damals um nur 3000 Gulden. Dazu schenkte er ihr ein Haus in der Barer Straße, das er umbauen und luxuriös ausstatten ließ, überhäufte sie mit Kleidung und Schmuck und ließ extra in Paris eine kostspielige Kutsche für sie anfertigen. Damit nicht genug, erhob er Lola auch noch in den Adelsstand; ihr neuer Titel: Gräfin von Landsfeld.

Wie sich seine Familie und vor allem seine Frau Therese bei dieser Geschichte fühlten, interessierte Ludwig nicht im Geringsten. Er ging ungeniert öffentlich am Arm mit ihr spazieren, duzte sie im Beisein anderer und nannte sie dabei ungeniert »mi querida« – mein Schatz, in der Annahme, niemand um ihn herum verstünde Spanisch. Selbst bei offiziellen Anlässen, bei denen seine Gattin anwesend war, vergaß er jeglichen Takt und gab sich turtelnd mit Lola ab, was die steigende Empörung der Öffentlichkeit über die Affäre mit dieser hergelaufene Tänzerin, die den König nach Strich und Faden ausnahm, noch vergrößerte.

Der König übersah dabei vollkommen, dass sich Monarchen Mitte des 19. Jahrhunderts nicht mehr alles erlauben und auch angestammte Throne ins Wanken geraten konnten, weil das Volk nicht mehr länger bereit war, sich von geldverschwenderischen und von der Wirklichkeit losgelösten Herrschern bevormunden zu lassen.

In Bayern gärte es, weil Missernten die Lebensmittelpreise in Rekordhöhen getrieben hatten, gleichzeitig waren die Löhne immer weiter gesunken. Ein König, der für die Nöte seiner Untertanen in einer derartigen Situation taub und blind ist, weil er – zumindest aus Sicht des Volks – nur noch mit seiner Mätresse beschäftigt war, heizte die ungute Stimmung zusätzlich auf, zumal die Montez sich mittlerweile nicht nur mit Geldeinstecken begnügte, sondern Ludwig auch bei politischen Entscheidungen beeinflusst. Im Februar 1848 kam es in München schließlich zu Demonstrationen und Krawallen, und dabei wurden auch die Stimmen, die eine Ausweisung der Montez forderten, immer lauter. Bald fliegen Steine in die Fenster ihres Palais, dazu wird sie auf offener Straße gejagt und muss sich vor dem Mob verstecken.

Am 11. Februar 1848 flieht die 27-Jährige schließlich aus der Residenzstadt und reist über Lindau in die Schweiz, ihre Koffer gut gefüllt mit Ludwigs Schmuck und einer satten Summe Geld, was ihr zunächst ein mehr als bequemes Leben ermöglicht – und Ludwig hat ihr versprochen, sie, sobald sich die Lage wieder beruhigt, aus dem unfreiwilligen Exil zurückzuholen. Doch aus diesen Plänen wird nichts. Ludwig ist indes nämlich nichts anderes übrig geblieben, als den Forderungen nach Reformen nachzukommen. Verärgert über die aus seiner Sicht undankbaren Untertanen und dabei auch verständnislos für den gesellschaftlichen Fortschritt, verkündet Ludwig I. am 19. März 1848 den Rücktritt zugunsten seines Sohnes Maximilian. Als Begründung nennt er: »Regieren konnte ich nicht mehr und einen Unterschreiber abgeben wollte ich nicht. Nicht Sklave zu werden, wurde ich Freyerr.«

Während sich Ludwig aufs Altenteil zurückzieht, muss sich Lola nach neuen Einnahmequellen umsehen und wird dabei weiter in Skandale verstrickt. In London geht sie eine Ehe ein, obwohl sie gar nicht rechtmäßig von ihrem ersten Mann, James Gilbert, geschieden ist, was ihr eine Anklage wegen Bigamie und die Flucht aus England einbringt. Der Versuch, ihre Karriere als Tänzerin wieder zu beleben, scheitert, worauf Lola in die USA auswandert. Dort macht sie das, was auch heute für ehemalige Lebensabschnittspartner prominenter Herrschaften noch äußerst lukrativ ist: sie schlachtet ihre Beziehung zu Ludwig finanziell aus.

Am Broadway tritt sie als Hauptdarstellerin ihrer eigenen Show mit dem Titel »Lola Montez in Bavaria« auf. Als das nicht mehr zieht, gibt sie Lesungen und verfasst Schönheitsratgeber. Eine Zeit lang tourt sie mit diversen Programmen auch um die Welt, gastiert dabei unter anderem in Australien. 1857 kehrt sie nach New York zurück. Gesundheitlich seit längerer Zeit angeschlagen, stirbt Lola Montez am 17. Januar 1861 in New York im Alter von nur 40 Jahren. Die »New York Times« schrieb im Nachruf: »Als Tänzerin, Schauspielerin, Politikerin, Mätresse und Vortragsreisende hat sie für viele Jahre, sowohl in Europa wie auch in unserem Land, große öffentliche Aufmerksamkeit erhalten. Diese Karriere, gleichermaßen unberechenbar wie schillernd, ist nun zu Ende gegangen.«

An Faszination für ihre Figur hat Lola Montez aber auch 200 Jahre nach ihrer Geburt und 160 Jahre nach ihrem Tod nichts verloren.

 

Susanne Mittermaier

 

Teil I in den Chiemgau-Blättern Nr. 7/2021 vom 13. 2. 2021

 

8/2021

 

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