Jahrgang 2010 Nummer 52

Christkindl in Brokat und Seide

Die Verehrung des Jesuskindes in der Volksfrömmigkeit

Von 50 blühenden Christkindl-Wallfahrten in Europa sind heute nur noch einige wenige übrig geblieben. So weiß man, dass es im niederbayerischen Schildthurn schon vor über 300 Jahren eine Jesuskind-Wallfahrt gab. Hauptsächlich waren es fromme Pilgerinnen, die nach St. Ägidius kamen und um Kindersegen flehten. Dabei knieten sie vor einer Wiege mit einem gefatschten Kindl nieder und hutschten es. Dabei kam die Wiege gar oft ins Schwanken, wenn sich kein Nachwuchs einstellen wollte.

Christkindvisionen von Mystikern

Die große Zeit der Jesuskind-Verehrung war im Barock und Rokoko. Ihre Ursprünge reichen aber bis ins Mittelalter zurück. Vom Zisterzienser Bernhard von Clairvaux (1090-1153) erzählt man sich, dass er einmal in einer Weihnachtsnacht die Geburt des Jesusknaben geschaut habe, der »schöner an Gestalt als alle Menschenkinder« war.

Im 13.Jahrhundert kam es zu einem enormen Aufblühen der Frauenklöster und damit verbun-den der Frauenmystik. Drei Mystikerinnen aus dem thüringischen Kloster Helfta sind uns namentlich bekannt, die wundersame Erscheinungen hatten. Es sind dies Mechthild von Magdeburg, Mechthild von Hackedorn und Gertrud die Große, die in einer Vision den Jesusknaben als ein eigenes Kind zu erkennen glaubte.

Aus dieser Spiritualität entwickelten sich im 14.Jahrhundert Legenden zur Kindheitsgeschichte Jesu, in denen die Nonnen die nicht selbst erlebte Mutterschaft in der liebevollen Fürsorge für den Jesusknaben kompensierten.

Besonders innig vertiefte sich in die Geburt Christi die Dominikanerin Margareta Ebner aus dem Kloster Maria Medingen bei Dillingen. Jahrzehnte ihres Klosterlebens sah sie sich als “geliebte Braut Christi” und erlebte die geistige Mutterschaft auch körperlich. In tiefer Hingabe hielt Zwiesprache mit dem Jesuskind, das sie in mütterlichem Überschwang auch zu stillen vorgab.

»O du zartes Kindelein im Krippelein«

Die im Mittelalter grundgelegte Jesuskind-Verehrung lebte nach den Wirren der Reformation und den Schrecken des Dreißigjährigen Krieges zu neuer Blüte auf. Gefördert wurde sie auch durch Krippenlieder, z.B. von Friedrich von Spee aus Köln, der das noch heute bekannte Lied “Zu Bethlehem geboren ist uns ein Kindelein” dichtete.

In dieser gefühlsseligen Zeit entstanden auch Gnadenbilder des Jesuskindes. Eines der berühmtesten ist das Loreto-Kindl aus dem Kapuzinerinnenkloster in Salzburg. Kaiserin Elisabeth und zahlreiche Fürstinnen beschenkten das »Lauretanische Gnadenprinzchen« mit wertvollen Gewändern und kostbarem Perlenschmuck.

Ein stehendes Christkindl ist auch das bekannte Prager Jesulein, das bis heute in der Karmelitenkirche Santa Maria de Victoria in der Stadt an der Moldau verehrt wird. Von dem Gnadenbild gibt es eine Vielzahl von Gewändern, die nach dem Wechsel der liturgischen Farben im Kirchenjahr gewählt werden. Neben vielen Orten in Süddeutschland hat auch das schwäbische Kloster Oberschönenfeld eine Kopie des Prager Jesulein aus dem Jahr 1754.

Ein anderes stehendes Jesulein befindet sich in der Klosterkirche Holzen bei Donauwörth. Das Kind trägt eine Haarperücke und eine Krone.

Eine besonders fromme Verehrerin des Jesuskindes war Columba Weigl (1713-1783) aus dem Dominikanerkloster Altenhohenau bei Wasserburg. Sie schenkte ihre ganze Liebe einer holzgeschnitzten Figur, ihrem »göttlichen Haushalter«. Sie steht auf einem Sockel. In der linken Hand trägt sie eine blaue Traube, mit der rechten bietet sie eine Beere der Traube allen an, die zu ihr kommen. Das bis heute verehrte Columba-Kindl wurde mehrmals im Jahr liebevoll von den Klosterfrauen eingekleidet.

Ein Pfarrer von Engelbrechtsmünster hat dem »göttlichen Haushalter« eine Geschichte gewidmet. Er knüpft an die Vision der Schwester Columba , die das Figürchen nackt gesehen haben soll. Erst später ist ihm ein Schamtuch angelegt worden. Und darüber trug es ein wunderfeines weiß-blaues Seidentuch, das »Gnadenröckl«.

Eine Sonderstellung in den vielen Jesuskind-Darstellungen nimmt das Gnadenkind vom Kloster Reutberg bei Bad Tölz ein. Es wurde 1739 von einem Franziskaner aus Bethlehem nach Reutberg mitgebracht. Die Nonnen statteten es mit prächtigen Samt- und Brokatkleidern aus. In der Weihnachtszeit legten sie die Figur nackt und bloß auf Stroh in einer Krippe.

Fatschnkindl mit kostbarer Zier

»Himmlischer Bräutigam«, »Trösterlein«, »Haushalter«, »Kleiner König«, »Paradiesknabe« waren nur einige der dem Jesuskind zugedachten Ehrentitel. Im 18.Jahrhundert kamen zu den stehenden Figuren Darstellungen des liegenden Kindes dazu. Besonders beliebt waren die sogenannten Faschenkinder (von lateinisch fascia = Bündel), die auch als wächserne Votivgaben vorkommen. Bei diesen Wickelkindern war der ganze Leib eingefatscht, nur das Köpfchen blieb frei. Der ganze Leib wurde mit spitzenverzierten und rüschenbesetzten Bändern eng umwickelt. Das wächserne Köpfchen trug ein Häubchen. Fatschenkindl wurden meist auf ein Kissen gebettet und mit mancherlei Zierrat umgeben und in einem Glaskasten zur Schau gestellt. Hergestellt wurden die kleinen Kunstwerke in der Zeit des Barock und Rokoko vor allem in Frauenklöstern.

Das bekannteste Fatschenkindl ist wohl das Münchner Augustinerkindl, von dem es zahlreiche Nachbildungen gibt. Zu seinem Namen kam es, weil es ursprünglich in der Klosterkirche der Augustiner (heute Jagdmuseum) verehrt wurde. Die Gläubigen brachten zu dem gnadenreichen Kindl kostbaren Schmuck und Edelsteine. In den Wirren der Säkularisation und Klosteraufhebung konnte es vor einer Zerstörung gesichert werden. 1817 wurde es auf Veranlassung von König Ludwig I. in die Bürgersaalkirche gebracht, wo es bis heute in der Weihnachtszeit verehrt wird.

Dr. Albert Bichler



52/2010