Jahrgang 2006 Nummer 13

Brauch mit mythologischen Wurzeln

1. April: Schadenfreude am Narren

Das Possenspiel am 1. April ist zu einem beliebten »Volkssport« geworden. Einen Freund zum Narren halten gilt sonst als Verletzung der Konvention, am 1. April aber als Beweis spitzbübischer Freundschaft. Einmal so richtig lügen dürfen und dafür nicht bestraft werden, das ist der psychologische Hintergrund des Aprilscherzes. Durch die entstehende Schadenfreude wird der Mensch beglückt, dass er, ohne selbst Schaden genommen zu haben, einen anderen richtig täuschen konnte.

Das gezielte Lügen ist in unserer Gesellschaft zwar verpönt, trotzdem sagen die Menschen ständig die Unwahrheit. Eine amerikanische Studie hat erbracht, dass zwei Menschen, die sich gezielt treffen und unterhalten, in den ersten zehn Minuten drei- bis fünf Mal lügen.

Einmal im Jahr können der Menschen die sonst festgelegten Normen durchbrechen und ungestraft gezielt einen Mitmenschen manipulieren und sich darüber auch noch freuen. Je besser der Scherz und je überzeugter der zum Narren Gehaltene, um so größer stellet sich ein Gefühl »allgemeiner Handlungspotenz« ein.

Der Aprilscherz kann nicht eindeutig auf seine Herkunft festgelegt werden. Nachweisbar in Deutschland ist der Spaß seit 1618, andere Quellen nennen das Jahr 1631. Hintergrund soll die Reformation des Gregorianischen Kalenders sein. Anno 1584 ließ Karl IX. den Neujahrstag vom 1. April auf den 1. Januar festlegen. Das führte bei vielen zur Verwirrung. Zeitgenossen, die daraufhin zum alten Datum - dem 1. April - von Freunden zum Neujahrsfest eingeladen wurden, hatten den Spott auf ihrer Seite.

Im alten Germanien gehörte der Aprilscherz zu den Frühlingsbräuchen. Der Narr, der einem Schabernack zum Opfer gefallen war, galt als Symbol des Winters, mit dem der bereits eingetretene Frühling machen konnte, was er wollte. Die Römer feierten die ersten Aprilnächte mit rauschenden Orgien zu Ehren der Göttin Venus. Dazu gehörten mutwillige Streiche, die unter Freunden ausgetragen wurden.

Viele Menschen planen lange vor dem 1. April, wie sie möglichst geschickt einen nahen Bekannten zum Narren halten können. Allerdings schickt man nur einen Menschen in den April, die man mag. Leider gibt es den »klassischen Aprilscherz« kaum noch, denn dieser wäre von einem aufmerksamen Menschen als Scherz zu erkennen. Sinn der Posse ist es, dem anderen augenzwinkernd verstehen zu geben, dass man eben gescheiter ist.

Dafür werden Aprilscherze nach Expertenauffassung immer kurioser. Das ist unserer Gesellschaft mit seinen Grotesken und Obskuritäten nicht besonders schwer. Der reizüberflutete Mensch von heute kann gar nicht mehr unterscheiden, was falsch oder richtig sei. Die absurdesten Dinge erscheinen möglich, die Sensationslust schafft dafür Freiräume.

Jahrzehnte lang konnten am 1. April viele Gutgläubige mit abgestürzten UFOs zum Besten gehalten werden, inzwischen sind die Scherze so subtil geworden, dass selbst sehr misstrauische Zeitgenossen darauf hereinfallen. So soll Fidel Castro als 13-jähriger den damaligen US-Präsidenten Roosevelt auf Dollar angepumpt haben. Der dazugehörige handgeschriebene Bettelbrief war eine gelungene Aprilscherz-Fälschung einer Berliner Zeitung.

Nikolaus Dominik



13/2006