Jahrgang 2021 Nummer 6

Boccaccio als Zeitzeuge der Pest von 1348 in Florenz

Vier Fünftel der Bevölkerung von Florenz erlag der Pes

Giovanni Boccaccio.

1348 raffte die Pest, über den Levantehandel nach Italien gebracht, vier Fünftel der Bevölkerung von Florenz hinweg. Im Jahr darauf beginnt ein Literat Namens Giovanni Boccaccio eine Sammlung von Novellen heiteren, erotischen, teils komischen, teils tragischen Inhalts zu verfassen. Auch Kritik an der Gesellschaft, speziell an kirchlichen Autoritäten, ist hinein geflochten. Der Titel: »Il Decamerone«. Die Schilderung, wie die Pest gewütet hat, ist Teil der Rahmenerzählung. Boccaccio hat sich folgende Geschichte ausgedacht: Sieben junge Frauen oder Damen zwischen 18 und 28 – der Autor legt Wert auf die Altersangaben – entschließen sich, gemeinsam aus der todbringenden Stadt aufs Land zu fliehen, und drei junge Herren, Mindestalter 25, schließen sich ihnen an. Sie verbringen zehn heitere Tage in einem Landhaus, wie vornehme Florentiner sie besaßen, und erzählen sich jeden Tag zehn Geschichten.(1) Um die Flucht aufs Land verständlich zu machen, schildert Boccaccio anfangs die Lage während der großen Pest.

Für uns, die wir zur Zeit auch mit einer gefährlichen Seuche konfrontiert sind, ist der Bericht darüber, was der schwarze Tod in der Florentiner Gesellschaft angerichtet hat und wie die Menschen darauf reagiert haben, von Interesse, um zu vergleichen, aber auch aus der historischen Distanz menschliche Reaktionsweisen zu reflektieren.

Zuerst wird den Leser*innen die Hilflosigkeit der Menschen verdeutlicht, die verständlicher Weise größer war als die unsere gegenüber dem Corona-Virus, wenn man die damalige Sterberate bedenkt: »Gegen dieses Übel half keine Klugheit oder Vorkehrung, obwohl man es daran nicht fehlen… ließ«.(2) Keine Arznei habe sich als wirksam erwiesen. Mindestens die Hälfte der Bevölkerung wurde damals vom schwarzen Tod dahingerafft. Es »entstand ein allgemeiner Schrecken«.

Die Einwohner*innen von Florenz reagierten unterschiedlich darauf. »Einige waren der Meinung, ein mäßiges Leben, frei von jeder Üppigkeit, vermöge die Widerstandskraft besonders zu stärken«. »Andere aber waren der entgegengesetzten Meinung zugetan und versicherten… in allen Dingen, soweit es sich tun ließe, seine Lust zu befriedigen und über jedes Ereignis zu lachen und zu spaßen, sei das sicherste Heilmittel für ein solches Übel«. Andere »gingen umher und hielten Blumen, duftende Kräuter und sonstige Spezereien in den Händen und rochen häufig daran, überzeugt, es sei besonders heilsam…«. Vermutlich gab es auch die, die vor Angst gar nicht mehr in der Lage waren, ihr Verhalten überlegt zu steuern. Von denen lesen wir nichts, auch nichts von denen, die einfach ihre Arbeit machen mussten. Die erste der drei beschriebenen Reaktionsweisen kann man als relativ rational gelten lassen, wogegen die zweite auf die Leugnung der Gefahr oder auf Verdrängung hindeutet. Und das Vertrauen der »Blumenkinder« in die Abwehrkraft wohlriechender Kräuter trägt magische Züge. Solche Reaktionen sind uns, seit wir die Ausbreitung des Coronavirus erlebt haben, nicht ganz fremd.(3)

Und noch etwas kommt einem bekannt vor: »Notare und Beamte verlangten für Testamente hohe Summen, Apotheker und Totengräber versetzten zu Höchstpreisen Bahren, Decken und Kerzen für die Leichenfeiern, die Lebensmittelpreise stiegen«.(4)

Eine vierte Gruppe, die Boccaccio nennt, bilden die Bürger*innen, die die Möglichkeit hatten, dem Grauen zu entfliehen, indem sie sich auf ein Landgut absetzten, was ihn zu seiner Novellensammlung angeregt hat. Leute unterschiedlichen Standes wurden also von der Seuche unterschiedlich hart getroffen. Boccaccios Erzählung macht implizit deutlich, dass es Privilegierte gab, die leichter davonkamen. Er berichtet auch explizit: »Die Lage der kleinen Leute und wohl auch der meisten aus dem Mittelstand war noch viel elender, da sie entweder von der Hoffnung oder von der Armut in ihren Häusern zurückgehalten wurden… und bei dem vollständigen Mangel an Pflege und Hilfe rettungslos starben«. Die tödliche Pest war also nicht die große Gleichmacherin, obwohl zum Beispiel auch hohe Kleriker umkamen. Und der Dichter Petrarca schrieb: »Ohne Rücksicht auf ihren Stand liegen die Vornehmen tot neben dem gemeinen Volk«.(5)

Im Rückblick sieht der Autor durch das Massensterben und allgemeine Elend die soziale Ordnung gefährdet, und zwar allein schon deshalb, weil den städtischen Autoritäten die Macht entglitt. »In solchem Jammer und Betrübnis der Stadt war auch das ehrwürdige Ansehen der göttlichen und menschlichen Gesetze fast ganz gesunken und zerstört; denn ihre Diener und Vollstrecker waren gleich den übrigen Einwohnern alle krank oder tot oder hatten so wenig Gehilfen behalten, dass sie keine Amtshandlung mehr vornehmen konnten« .

Weil manche aufs Land geflüchtet, andere verstorben waren und sich viele Bürger nicht mehr um ihr Eigentum kümmerten, »waren die meisten Häuser herrenlos geworden« und Fremde bedienten sich ihrer. »Mein« und »Dein« wurde kaum noch unterschieden.

Von heute auf morgen war auch kaum noch etwas von Fürsorge und Gemeinsinn zu spüren. »Wir wollen davon schweigen«, schreibt Boccaccio, »dass ein Mitbürger den anderen mied, dass der Nachbar fast nie den Nachbarn pflegte«, ja schlimmer noch, »dass ein Bruder den anderen im Stich ließ, der Oheim seinen Neffen, die Schwester den Bruder und oft die Frau den Mann«.

Es schwand das Bewusstsein für das, ‚was sich gehört‘. Regelverstöße wurden zur Normalität. Ausdrücklich vermerkt Boccaccio, »dass nämlich Damen, wie vornehm, sittsam und schön sie auch waren, sich, wenn sie erkrankten, durchaus nicht scheuten, von Männern… bedient zu werden, und vor ihnen… ohne alle Scham jeden Teil ihres Körpers zu entblößen, sobald die Bedürfnisse der Krankheit es erforderten«.

Es entstand, so Boccaccio, »manche Unregelmäßigkeit, die den früheren bürgerlichen Sitten widersprach«. Vermutlich folgte das ganze Alltagsleben nicht mehr den sonst gewohnten Regeln und den damals religiös durchwirkten Bräuchen. Aber während der Pest wurde das vor allem beim Tod deutlich. Boccaccio geht deshalb darauf ein. Die damals üblichen Begräbnisrituale, die den sozialen Zusammenhalt sicherten, ließen sich nicht mehr durchführen. Die Ansteckungsgefahr hinderte Verwandte und Nachbarn daran, sich beim Tod eines Menschen zu versammeln und gemeinsam seinen Tod zu beklagen. Und nicht mehr Freunde, »nicht achtbare und befreundete Bürger«, trugen den Sarg unter Gesang und mit viel Zeremoniell zur Kirche, sondern »Pestknechte«. Die Menschen erlagen der Krankheit oft allein ohne Beistand. Ja, statt der Klagen »hörte man nun meist geselliges Lachen, Scherze und Gespött«. Boccaccio deutet an, dass es sich um einen Abwehrmechanismus gehandelt hat. Die Toten wurden ohne jede Feierlichkeit in der nächstbesten Kirche begraben. Die Leute niederen Standes wurden ohne große Umstände verscharrt, wie man den Chroniken über die mittelalterliche Pest entnehmen kann.

Was hier an Kulturbruch geschildert wird, war auf die Zeit beschränkt, in der die Pest wütete. Aber die historische Forschung führt einige kulturelle Veränderungen der Folgezeit in Europa auf die Pest zurück.(6) Diese macht sie speziell neben der Syphilis, die nach der Entdeckung der Neuen Welt von dort eingeschleppt wurde, für das Ende der mittelalterlichen Badekultur verantwortlich. Die Furcht vor Ansteckung im Badehaus war zu groß.

Über die Folgen für die Wirtschaft des Stadtstaats Florenz erfahren wir bei Boccaccio kaum etwas, nichts über das Schicksal der großen florentiner Banken und über die Wollmanufakturen, die wohl die Produktion einstellen mussten. Nur über die Verwahrlosung der Ländereien und die Vernachlässigung des Viehs auf den Landgütern im Umland, wo die Pest auch wütete, berichtet er, eine Katastrophe für die Versorgung der Stadt. Nicht unmittelbar spürbar war dagegen, dass der Levantehandel einbrach, wie man aus anderen Quellen weiß. Aber außer der Pest musste Florenz in der Folgezeit noch mehrere Schläge verkraften, »von denen sich die Florentiner Wirtschaft niemals wieder richtig erholen sollte«.(7) Das anarchische Durcheinander der Pestzeit könnte die Ciompi(8) und andere rechtlose Arbeiter zu den sozialen Unruhen ermuntert haben, die in den Jahrzehnten nach 1348 ausbrachen.

Von Interesse an Boccaccios Buch ist aber etwas Anderes, nämlich das Programm, das er in seiner fiktiven Erzählung für den zehntägigen Aufenthalt der jungen Damen und Herren vorsieht. Das Leben ist höchst stilvoll und jeder Tag verläuft nach derselben Ordnung. Gleich am ersten Tag lustwandelt man nach der Ankunft im Garten und speist dann an einer schön gedeckten und mit Blumen geschmückten Tafel. Danach wird mit Laute und Geige zum Reigentanz aufgespielt. In der Mittagshitze wird geruht. Danach setzt man sich in den Schatten der Bäume und beginnt mit der ersten Runde des Erzählens.

Jeder der zehn Tage wird mit kleinen Modifikationen nach demselben Muster gestaltet. Für jeden Tag wird eine »Königin« oder ein »König« bestimmt, der auf die Einhaltung achtet. Morgens ein Rundgang oder eine Exkursion zu einem benachbarten Landgut, dann die Mahlzeit, gefolgt von Musik und Tanz, nach einer Siesta die Erzählrunde. Den Tag beschließt man nach dem Abendessen mit Brettspielen oder Lesen. Psycholog*innen würde heute von einem »strukturierten Tagesablauf« sprechen. Der Dichter wollte sicher kein therapeutisches Programm entwerfen. Aber er hat instinktiv verstanden, was für traumatisierte Menschen heilsam sein könnte.

 

Georg Auernheimer

 

Anmerkungen:

1 Der gewählte Titel bezeichnet in Anlehnung an das Griechische so viel wie »Zehn-Tage-Werk«. Man beachte, dass es auch zehn Protagonist*innen sind. Die Seitenzahlen beziehen sich im Folgenden auf die Taschenbuch-Ausgabe aus dem Fischer Verlag, Boccaccio »Das Dekameron«, Frankfurt/M. u. Hamburg 1961.

2 So erließen die Florentiner Behörden Bestimmungen für das Reinhalten der Straßen und Häuser und für die Abfallbeseitigung (Felicitas v. Aretin, 2002: Die Pest von 1348. https://www.fu-berlin.de/presse/publikationen/fundiert/archiv/2002_01/02_01_aretin/index.html)

3 Zu Verschwörungsgeschichten ließen sich die Florentiner in ihrer Ohnmacht nicht verleiten. In anderen Städten wurden damals die Juden für die Pest verantwortlich gemacht und Opfer von Pogromen.

4 Felicitas v. Aretin, 2002

5 ebd.

6 ebd.

7 Zit. bei Frank Deppe (2014): Niccolò Machiavelli. Zur Kritik der reinen Politik. Köln, S.149.

8 Ciompi wurden die Handlanger in den Textilmanufakturen genannt. Sie unternahmen 1378 einen größeren Aufstand.

 

6/2021

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