Jahrgang 2002 Nummer 3

Bilder des Lichtes der ewigen Wahrheit

Das Bayerische Nationalmuseum zeigt den kostbaren Basler Münsterschatz

Heinrichs-Kreuz 11. Jahrhundert, Kreuzfuß 12. Jahrhundert, Römisch-Katholische Kirche St. Clara

Heinrichs-Kreuz 11. Jahrhundert, Kreuzfuß 12. Jahrhundert, Römisch-Katholische Kirche St. Clara
Fußreliquiar, um 1445.

Fußreliquiar, um 1445.
Statuette des heiligen Christophorus, um 1440.

Statuette des heiligen Christophorus, um 1440.
König David und Christophorus, Ursula und Thekla, Pantalus und Eustachius – es wimmelt nur so von Heiligen im Bayerischen Nationalmuseum. Als Statuetten und Büstenreliquiare, aus Seide gewebt oder aus Gold geschmiedet sind die Dienerinnen und Diener Gottes in einer Ausstellung anwesend, die – nach New York (Metropolitan Museum of Art) und Basel (Historisches Museum) – nun in München gelandet ist und noch bis 24. Februar geöffnet bleibt: »Der Basler Münsterschatz«. Nicht die Fülle (etwa 70 Exponate), auch nicht deren unangefochtene kunsthistorische und -handwerkliche Rangstellung, sondern die Einzigartigkeit des erstmals nach 165 Jahren wieder nahezu vollständig der Öffentlichkeit präsentierte Ensemble einer wahrhaft kaiserlichen Sammlung und deren Bedeutung für das geistliche Leben der Betrachter macht den Wert des Basler Münsterschatzes aus.

Wie sagte doch vor knapp 900 Jahren Bernhard von Clairveaux’ Kollege, Gegenspieler und späterer Freund, der Abt von Saint Denis bei Paris, Suger? »Die materiellen Lichter«, also die Kunstwerke der Menschen, »sind Bilder des Lichtes der inneren Einsicht und vor allem des Lichtes der ewigen Wahrheit selbst«. Rechtfertigung des unsagbaren Aufwands, der schon im hohen Mittelalter getrieben wurde, um die Reliquien Jesu Christi und der Heiligen den Gläubigen kostbar zu präsentieren? Für Basel war Kaiser Heinrich II. (1002 bis 1024) ausschlaggebend, der die Stadt aus politischen Gründen ans Reich band und in ihrem Bischof einen brauchbaren Verbündeten sah. Spendabel erwies sich der Herrscher und spätere heilig gesprochene Stadtpatron Basels: Er begründete mit seinen heute so genannten »Heinrichsgaben« den Kathedralschatz. Durch Stiftungen und Schenkungen aus Adels- und Bürgerkreisen im Lauf von Jahrhunderten wurde er immer ansehnlicher und reicher. Doch schwand der Bestand, wurde ergänzt, schließlich in alle Winde zerstreut, um Geld zu haben für banale Zahlungen..., ein Jammer, wenn man in die wechselvolle Geschichte dieses sakralen Thesaurus blickt. Ein Wunder, dass er heute in dieser Vollständigkeit zu betrachten ist. Dass dies zu einem Erlebnis besonderer Art wird, dafür sorgt das Bayerische Nationalmuseum mit seinen Möglichkeiten würdiger Präsentation der vor Gold und Edelsteinen nur so strotzenden Ausstellungsstücke – angefangen beim so genannten Heinrichs-Kreuz aus der Ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts bis hin zu Grabfunden und einigen Nachbildungen und Kopien.

Kaum zu entscheiden, welche Seite dieser Kostbarkeiten – Reliquienkästen, Turmmonstranzen, Weihrauchfässer, Altarschellen, Vortrags- und Astkreuze, Büsten- und Armreliquiare – man mehr bestaunt: ihre liturgisch-geistliche, kunsthistorisch bedeutungsvolle oder kirchengeschichtlich-dokumentarische. Bei aller berechtigter Bewunderung der preziosen Hüllen darf doch die eigentliche Kostbarkeit nicht vergessen werden: das Heiltum, das sie bergen und zu Schau und Anbetung freigeben.

Kaum zu glauben, dass das sakrale Gerät 300 Jahre in der Münstersakristei schlummerte, nachdem es – ein Mirakel für sich – die Reformationszeit unbeschadet überstanden hatte; mehr noch, dass es nach der Splitterung 1833, als der Kanton Basel geteilt wurde, teilweisen Versteigerung und Veräußerung nun wieder vereint ist. Der reichhaltige, überaus feinsinnig und sachgetreu erarbeitete, bebilderte Katalog (87 Mark) gibt über Details erschöpfend Auskunft.

HG



3/2002