Jahrgang 2021 Nummer 33

Bergener Hüttenwerk brauchte viel Holzkohle

Eine fiktive Wanderung zu aufgelassenen Almen und Kohlplätzen um 1800

Karte mit Kohlplätzen
Karte mit Schwarzachen- oder Wirtsalm, den Köhlerhütten und Kohlplätzen (Punkte).
Meiler des Köhlervereins Neukirchen.
Alter Pulvergrabenziehweg mit der Kaiser-Toni-Brücke.

Dieser Beitrag versucht, die Aktivitäten und Verhältnisse zur Hochzeit des Bergener Hüttenwerks in den Wäldern am Hochfelln anschaulich darzustellen. Der enorme Verbrauch von Holzkohle zum Schmelzen und Schmieden des Eisens im ehemaligen Hüttenwerk Maxhütte hatte zur Folge, dass in den Tälern der Weiß- und Schwarzache auf vielen Kohlplätzen Holzkohle gebrannt wurde. Das Liefergebiet erstreckte sich aber viel weiter bis ins Achental zum Maserer Pass und bis ins Rottauer Tal, wo überall Köhler das Brennmaterial für das Hüttenwerk in Bergen herstellten.

Wenn man heute vom Parkplatz Einfang auf dem Sommerweg durch das wildromantische Schwarzachental zur Bründling Alm wandert, so genießt man das unterschwellige Rauschen des Bachs und die Ruhe des Weges. Versetzt man sich aber in die Zeit um 1800 so wäre man überrascht über die Unruhe und das Treiben am Weg und im Wald. Denn gerade in diesem Tal waren neben den damaligen Almund Waldweideberechtigten auch viele Holzknechte und Köhler tätig, die das Brennmaterial für die beiden Hochöfen des Eisenwerkes Bergen lieferten. Laut den Berechnungen von Alfred Kotter brauchte das Werk zwischen 1791 und 1800 jährlich circa 4394 Fuder Holzkohle, was einer jährlichen Holzmenge von 32 333 Festmeter entsprach. Damit wurden sowohl die beiden Hochöfen betrieben, die im letzten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts jährlich 11 859 Ztr. Roheisen erzeugten, wie auch die Schmiede- oder Rennfeuer, in denen jährlich 2375 Ztr. Schmiedeeisen hergestellt wurden.

Dazu schreibt der kurfürstliche Berg- und Münzrath Mathias Flurl 1792: »Das hiezu benötigte Holz kommt vermög des im Jahre 1608 abgeschlossenen Kontrakts größtentheils aus kurfürstlichen Waldungen im Landgerichte Marquartstein; muß aber mit ausnehmenden Beschwernissen durch mühsam gebaute Riesen an die bestimmten Plätze zum Verkohlen gebracht werden. Dort erst wird es in große Meiler (Haufen) zusammengesetzt, welche 17 - 18 Fuß (5 - 6 m) im Durchmesser haben, und 30 - 32 Sack wohlgebrannter Kohle liefern. Das Holz wird daselbst nach der Zahl tausend in beinahe sechs Schuh (1,8 m) lange Scheiter oder Dreylinge geschlagen. Ein tausend Kohlholz wird auf 40 Klafter (70 m) gerechnet und liefert aus weichem Holz gewöhnlich zwanzig Fuder gut gebrannte Kohlen. Außer dem werden auch viele Kohlen von herumliegenden Unterthanen beygekauft.«

1825 waren am Hüttenwerk selbst 53 Männer (davon drei Beamte), 66 Holz- und Kohlearbeiter sowie 25 Zimmerleute, Maurer und Taglöhner eingestellt. Insgesamt arbeiteten 216 Personen für das Werk.

Wandern wir um 1800 das Schwarzachental (Sommerweg) hinauf, so erkennt man den ersten rauchenden Kohlenmeiler etwa dort, wo sich nach der engen Schlucht das Tal weitet. Im Wald ertönen die Axtschläge der Holzknechte, die wie damals üblich die Bäume durch zwei gegenüberliegende mit der Maisaxt gehackte Kerben fällten und auch mit dieser auf einen Klafter (1,75 m) ablängten. Die Säge zum Fällen der Bäume wurde erst später eingeführt.

Wir gehen den hier links abzweigenden Weg zur Schwarzachenoder Wirtsalm weiter. Die Alm selbst war damals ein Doppelkaser, der vom Wirt in Bergen, Mathias Niederhauser, und vom Rupp auf dem Ramberg, Georg Haitinger, bestoßen wurde. Zusammen mit dem Besitzer des Tischlergütl, Georg Haidinger, und des Grabmanngütls (Grabenhäusl), Josef Hächer, durften sie 24 Kühe, 14 Rinder (Galtvieh bzw. Kälber) und 11 Schafe auftreiben. Der Grabmann und der Tischler hatten nur ein Heimweiderecht und durften das Vieh nicht auf der Alm einstallen. Auf der 1774 als Maisalpe nur auf Widerruf vergebene Waldweide darf nicht geschwendet oder Bäume gefällt werden »und sie dehnt sich nur auf die dem Kaser zunächts gelegenen Waldpartien aus, und darf sohin die älter bestehenden angränzenden Weide-Verhälnisse auf keine Weise beinträchtigen« (Liqu. Prot. von 1829). Diese umliegenden Waldweiden gehörten zur Gschwendalm des Grafen Törring, zur Gleichenbergalm, die von den sechs Pattenberger Bauern bestoßen wurde, zur Bründling Alm mit acht Almgenossen aus Bergen und Ruhpolding, zur damaligen Wiederspacheralm der Maria von Mayerhofen aus Grabenstätt und zum großen Waldweidebezirk des Scheichen-, Für- und Hammerbergs mit über 70 Weideberechtigten.

Schon circa 100 Meter vor dem Almkaser treffen wir auf die Hütten der Köhler, die hier in mehreren Meilern das Holz verkohlen. Die Meiler haben 5 bis 6 Meter Durchmesser und fassten etwa 10 bis 12 Klafter Holz (2 Klafter mit 6 Schuh Scheitlänge = 4 Salinenklafter = 7,53 Festmeter). Aus jedem Meiler erhält man 5 bis 6 Fuder Kohlen, das ergab bei 6 Sack pro Fuder circa 30 Sack Kohlen (Bergener Sackmaß: 178 cm lang, 70 cm weit, 60 cm tief). Da die Holzkohle nur im Winter mit dem Schlitten zum Hüttenwerk gebracht werden kann, muss sie in überdachten Barmen vor Ort zwischengelagert werden. Man kann sich vorstellen, dass hier ganz schön Betrieb war mit mehreren Holz- und Kohlknechten, die meist aus den Bauernhöfen stammen, deren Besitzer Lieferverträge mit dem Hüttenwerk abgeschlossen haben. Vom Aufspalten des Holzes über das Aufrichten der Meiler, Überwachen der Verkohlung, Wasserholen, Löschen und Bunkern sieht man alle notwendigen Arbeiten hier.

Vom Mais (= Schlag) wird das Holz meist über Riesen zum Kohlplatz gebracht, der sich immer an einem Bach oder Wasserlauf befindet. In den alten Karten erkennt man Mitte des 19. Jahrhunderts im Weiß- und Schwarzachental circa 12 Kohlplätze. Die vormaligen Besitzer des Schipflgütls, fast durchwegs mit Namen Schwaiger, und des Kohlstattergütls – die Niederbichler – waren alle Holz- und/oder Kohlmeister. Der Schipfl musste seine KohlholzRiese über die Gschwendalm »zur Frühlings-, Sommer- und Herbstzeit abtragen, um dem Vieh ungehinderten Durchgang zur Weide zu verschaffen, auch muß er den Hang, welcher durch den Wurf der Riese verdorben ist, außer der Zeit seiner Holzbringung, jederzeit unklagbar, mittels Belegen herstellen« (Liqu. Prot. von 1829).

Wir übersteigen eine Holzriese und kehren bei der Wirtsalm ein. Mit etwas Glück treffen wir dort die Wirtin von Bergen, Anna Maria Niederhauser, die Tochter vom Hefterwirt in Grassau, geborene Schwarzenböck. Der Kaser ist mit 14 mal 14 Meter relativ groß und mittig unter dem Giebel in zwei gleichwertige Einheiten geteilt. Eine Kaserhälfte bewirtschaftet der Mathias Neuhauser, Wirt zu Bergen, mit dem Recht, 10 Kühe, 5 Rinder (= Kälber) und 4 Schafe einzutreiben, die andere der Georg Haitinger, Rupp am Ramberg, mit 8 Kühen, 7 Rinder und ebenfalls 4 Schafen.

Hinter der Wirtsalm führt ein Weg Richtung Süden wieder hinab zu einem weiteren Kohlplatz an der Schwarzache. Auch hier stehen Hütten zum Aufenthalt der Köhler und zur Lagerung der Holzkohlen. Der Köhler schimpft auf das Bergund Hüttenamt in Bergen, »da ehe er seine Waldung zu verhacken anfängt, ein gewisser Preis abgemacht werden musste, um welchen man ihm das Fuder gebrannte Kohlen von der Kohlstatt weg bezahlt. Hingegen ist er dann gehalten, für seine Knechte und einen guten Kohlbrand selbst zu sorgen, und alle nur vorkommenden Ausgaben selbst zu bestreiten« (Flurl 1792). Diese Art des Kohlenhandels wird von Flurl dadurch begründet, dass die Überwachung des Hackens, Bringens und der Verkohlung am Berg durch das Bergamt in Bergen zu aufwändig wäre. Bezahlt wurde die Kohle am Kohlort, das Fuder zu 12 Kreuzer. Von dort wurde es im Winter mit Schlitten zum Eisenwerk gebracht. Der Kohlmeister von der Schwarzache bekam für das Fuder einen Fuhrlohn von 14 Kreuzer, der von der Weißache nur 11 Kreuzer.

Auch heute erkennt man noch die Grundmauern der Hütten an der Schwarzache und die Erde ist im weiten Umkreis mit Holzkohlenstückchen bedeckt. Ein weiterer Kohlplatz war am Pulvergraben, den man über einen Steig über das Herrmannseck erreicht. Er heißt »Säulner Wastl Kohlstatt«. Vermutlich stammt der Name vom Huber Sebastian, dem ehemaligen Besitzer vom Schlittenmachergütl (Beim Säulner) in Bergen. Das Tal des Pulvergrabens wurde ehemals durch einen Ziehweg entlang dem Pulvergraben erschlossen. Er endet unten am heutigen Sommerweg am Einfang. Sowohl der Nutzholz- wie auch der Kohlentransport erfolgte mit dem Schlitten im Winter über den teilweise gut ausgebauten aber auch sehr gefährlichen Weg und wenn man die noch erkennbaren Reste des Ziehweges verfolgt, erkennt man die unfallträchtigen Kurven und Abbrüche. Wie das im Winter in der Maxhütte aussah, beschreibt Flurl in seinen Briefen an den Grafen Sigismund von und zu Haimhausen, dass »eben zu dieser Zeit alle Zufuhr an Erz und Kohlen vor sich ginge, und manchmal Reihen von 300 Schlitten hintereinander stünden ...« (Flurl 1792).

Nur wenige Meter oberhalb der Säulner Wastl Kohlstatt liegt die ehemalige Widerspacher Alm. Sie hatte eine Weidefläche von 86 Tagwerk 40 Dezimalen, die zwar eingezäunt aber mit Baumbestand war, auf der aber nicht geschwendet und gerodet werden durfte. Lediglich um den relativ großen Kaser mit 12 mal 14 Meter war eine kleine schwandrechtige Fläche nämlich der Alpanger von 3 Tagwerk 50 Dezimalen. Ursprünglich gehörte laut dem Grundbuch von Marquartstein aus dem Jahre 1584 dem »Georg Pettendorfer, Bäck zu Mühlwinkl der halb Thaill am clainen Scheuchenberg, das ist der gar alt Mais, auf Widerruffen, järlich, vend daß er denselben mit Haag und Zaun umbfachen, und verfrieden thun verleyen word ...«. »1693 wurde dem damaligen Besitzer Freiherr von Wiedersbach zu Grabenstatt zwar bewilligt, die Mais-Alpe von dem darin befindlichen Holze reinigen zu dürfen, jedoch mit dem ausdrüklichen Vorbehalt, daß dieß Holz dem Bergamte Bergen abgegeben werden müße« (Liqu. Prot. 1829).

Der letzte Almbauer der Widerspacher Alm war der Ägid Aicher, Angerer aus Bergen, der sie 1826 von Frau Maria von Mayerhofen gegen die Eckbrand-Alpe bei Rottau eintauschte. Er trieb alles Vieh auf, welches beim Angerer Gut überwintert werden konnte, nämlich im Durchschnitt 30 Stück Galtrinder und 6 bis 8 Schafe. Er beklagte sich zeitlebens, dass er bei dem Tausch »über das ganze Rechtsverhältniß dieser Alpe von seiner Gebkäuferin keineswegs in gehörige Kenntniß gesezt worden, auch habe die Entschliessung der königlichen General Bergwerks und Salinen Administration vom 5ten Jänner 1827 erst nach dem Tauschabschluße erhalten, weil lezterer schon am 29ten Feber 1826 vor sich gegangen sey, zumahl aber habe er diese leztere nicht einmal recht aufgegriffen, weil er des Lesens nicht kundig sey« (Liqu. Prot. 1829). Die Eckbrandalm mit 53 Tagwerk Fläche war nämlich schwandrechtig und ihm wurde »ausdrücklich versichert, daß bei der Widerspacher Alm nicht bloß der Alpanger von 3 Tagwerk 50 Dezimalen sondern auch die ganze übrige Fläche sohin namentlich auch der jezt abgemaiste Waldboden von 79 Tagwerk vollkommen schwandrechtig, und sohin mit allem, was darauf steht unbeschränktes Eigenthum des künftigen Alpbesitzers sey« (Liqu. Prot. 1829). Da laut Beschluss der königlichen General Bergwerks und Salinen Administration von 1827 die Fläche »künftiglich aber nicht gereutet und geschwendet werden darf, sondern dem Salinen Holzwuchse überlaßen werden muß«, war die Rechtslage klar und der Angerer hatte das Nachsehen. 1854 wurden die Almrechte abgelöst und die Alm verfiel ebenso wie die Wirtsalm, deren Forstrechte 1865 abgelöst wurden.

 

Dr. Kristian Krammer

 

Quellen:

Flurl Mathias: Beschreibung der Gebirge von Baiern und der oberen Pfalz-Vereinigung der Freunde der Mineralogie und Geologie VFMG e.V., Heidelberg 1972.

Köhler Verein Neukirchen: https://www.koehlerverein.de.

Kotter Alfred: Resourcen-Knappheit als Motiv staatlichen Handelns, Holzknechtmuseum Ruhpolding 1998.

Krammer Kristian und Soika Christian: Bergen, Ein Heimatbuch, Gemeinde Bergen 2020.

Liquidationsprotokoll von 1929/30: Liquidation der Weide und Alpenrechte im Königlichen Salinen Forstamt Marquartstein, III. Band Weidecomplex N. VIII bis X, Revier Bergen.

Paukner Josef: Die Maxhütte Bergen und die Welt des Eisens, Museum Maxhütte Bergen 2006.

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