Jahrgang 2006 Nummer 8

Bei Schnee und Eis und warmer Sonne

Hinüber nach Frauenwörth – Ein Wintersonntagsausflug





Vor dem Münsterportal erscheint, wie kann es auf dieser Insel anders sein, als erstes eine Frau: Schwester Katharina. Sie hat gut Lachen. Ihr neues Buch über die Barockkrippe der Abtei Frauenwörth im Chiemsee wird gelobt. »Nein, die Krippe ist schon abgebaut. Erst nächstes Jahr wieder. Da zeigen wir auch ‘Die Hochzeit zu Kanaan’«, sagt die vor 24 Jahren aus dem Münsterland hierher gekommene »Krippenschwester«, wie sie sich schmunzelnd vorstellte. Sie verabschiedet sich nach einem kurzen Ratsch und blinzelt dabei in die Sonne.

Die Fraueninsel ist an dem winterlichen Sonntagnachmittag keineswegs menschenleer. Die Sonne hat sich durchgesetzt am Februarhimmel, der tonnenweise Schnee auf Land und See geschüttet hat. Auf manchem Dach lastet er noch. Die schmalen Gehwege bedeckt festgetretener Schnee. Der Rundgang von der Anlegestelle des Schiffes aus Gstadt in Richtung Münster und wieder zurück ist ungefährlich.

Zweimal die Insel umrunden – jetzt ist Zeit dazu. Die meisten vermummten Besucher mit Wollschal und Pelzmütze, den Hund an der Leine, haben sich nach kurzem Luftschnappen in den schwülen, abgestandenen und rauchigen Dunst der Klosterwirtschaft – sie hat als einziges Speiselokal geöffnet – gesetzt und lassen es sich wohl ergehen.

Sie sollten dennoch lieber im Freien flanieren, um die bald wieder ermattenden Strahlen der Sonne einzufangen und die Wärme der Natur zu speichern. Und ab und an den Blick fest entweder in die Ferne, über den Chiemsee hinweg, oder in die Nähe, etwa an einen efeubewachsenen, den Raureif der Nacht noch immer tragenden Baumstamm richten oder auf das beschneite Holzwagenrad auf dem frei zugänglichen Klampfleuthner-Anwesen. Unweit davon ragt ein stattlicher rotmarmorner Pinienzapfen aus dem Schnee. Das Ensemble lässt an Papst Benedikt XVI. denken mit seiner von vielen so gar nicht akzeptierten Winterpelzmütze aus rotem Samt und der weißen Pelerine über die Schultern.

Man kommt hier, auf der in Weiß versunkenen Fraueninsel, kaum auf Weltliches. Zu stark wirkt das Kloster der Benediktinerinnen auf den Besucher, der immer wieder den Helm des Münsterturms sucht. Von ferne sieht er ihn schon, noch in Gstadt am Bootssteg, im Dunst auf der lang gestreckt wirkenden Insel demütig aus der kahlen Baumreihe ragen.

Die Grabstellen des Inselfriedhofs sprechen ihre eigene Jenseits-Sprache, besonders die des Pavoldinger Bildhauers Heinrich Kirchner im Eck an der Mauer, wo auch, nur ein paar Schritte weiter, die Haushofers begraben liegen. Ein graues, steinernes Trauerbüblein neigt schüchtern das Köpfchen. In seiner Schale fehlt ihm das Weihwasser. Das Eis, das noch vor Tagen darin glänzte, ist schon geschmolzen. Die Augenhöhlen des steinernen Totenkopfs – ein Memento Mori von großer Seltenheit – sähen mit ein wenig Schnee darin versöhnlicher aus. Wie die stets sich streng gebende frühmittelalterliche Torhalle mit ihren schlanken romanischen Fensternischenpaaren und dem Schatten der Münsterturmhaube, der sich über den dicken Schnee vor der Torhalle hinweg auf ihre Steinquader schleicht.

Bei der Rückfahrt nach zwei Spazierstunden in der eisig-schneeigen Weltferne: schnatternde schwarze Blesshühner am Bootssteg, die die aufgetauten Stellen am Gstadter Seeufer für laute nachmittägliche Familienausfahrten nützen. Sie scheren sich nichts um die wagemutigen Zweibeiner, die fünfzig Meter weiter westlich kein Risiko scheuen, um sich die Schiffsfahrtkosten zu sparen und, koste es auch einen Einbruch in das schon brüchig werdende Eis, auf dem nur zum Teil zugefrorenen See auf die Insel marschieren.

»Narrische muass s aa gebn!«, bemerkt, wie zum Eigentrost, der Schiffsschaffner, der die Fahrscheine einsammelt und noch »an scheena Nachmittag« wünscht. Auch er hat, wie zwei Stunden zuvor die Benediktinerin Katharina, gut Lachen. Nicht weil er ein Buch geschrieben hat, sondern weil es bald Feierabend für ihn gibt. Im Winter gilt nämlich »der Eisfahrplan«. Und der lässt bald Schluss machen.

Hans Gärtner



8/2006