Jahrgang 2012 Nummer 44

Bayerns heiliges Kaiserpaar

Heinrich und Kunigunde stifteten vor 1000 Jahren den Bamberger Dom

Grabmal Bischof Ottos I. (gestorben 1139) im Boden des Hochchores von St. Michael, Bamberg mit Relief des hl. Kaiserpaares, das den Bamberger Dom als Attribut hält.
Hochgrab des heiligen Kaiserpaares Heinrich II. und Kunigunde im Dom zu Bamberg von Tilman Riemenschneider, 1513.
Von Bischof Albert von Wertheim gestiftetes Glasfenster aus der Andreaskapelle, Kreuzgang im Bamberger Dom, um 1414, mit dem heiligen Kaiserpaar.
Reliquienkreuz vom Heinrich-Portatile (Tragaltar) aus der Schatzkammer der Münchner Residenz, 15. Jahrhundert.
Hölzerne Räder-Uhr mit »Apostelgang«, vermutlich von Andreas Utzmüller, um 1580.
Heilige Kunigunde, Barockfigur auf der Unteren Brücke, im Hintergrund eines der schönsten Barockhäuser Bambergs mit Giebelmalerei.
Replik der sogenannten Heinrichskrone aus der Schatzkammer der Münchner Residenz, 13. Jahrhundert, im Hintergrund: heilige Kunigunde.

Im Bamberger Diözesanmuseum steht in einer Glasvitrine eine hölzerne, bunt bemalte Räder-Uhr. Sie wird Andreas Utzmüller zugeschrieben, der das lustige Stück um 1580 bewerkstelligt haben könnte. Mit seinen Gewichten, Glocken und Zugdrähten ist es voll funktionstüchtig. Als Besonderheit weist die Uhr einen »Apostelgang« auf. Bei voller Stunde – zwölf Stunden, zwölf Apostel – drehen sich die Jünger des Herrn um eine Christusfigur. Zwei gekrönte Figuren, der Herr links, die Dame rechts, schauen dem mechanischen Treiben zu. Sie sind unschwer als das Kaiserpaar Heinrich II. und Kunigunde von Bamberg zu erkennen. Der Herrscher schwenkt beim »Apostelgang« den Geldsack, die Gemahlin bewegt leicht den schönen Kopf dazu.

Wer zum Jubiläum des vor 1000 Jahren als Stiftung des Kaiserpaars errichteten, zweiten Nachfolgebaus des Heinrich-Doms besucht – der am 6. Mai 1012 eingeweihte Erstbau brannte, ebenso wie der durch Bischof Otto I. wiederhergestellte und von seinem Amtsnachfolger Eckbert von Andechs- Meranien neu erstellte Dom nieder – begegnet auf Schritt und Tritt Bildern von Bayerns heiligem Kaiserpaar. Vor dem Hochgrab Tilman Riemenschneiders (1513) drängen sich die Besucher – fromme Pilger ebenso wie der christlichen Botschaft neutral Gegenüberstehende und lediglich an den Kunstwerken der sich nach dem Motto des aktuellen Bamberger Erzbischofs Ludwig Schick »dem Himmel entgegen« streckenden Kathedrale Interessierte aus aller Herren Länder.

Etwas Geheimnisvolles geht von dem Doppelgrab aus. Es erhebt sich vor dem Ostchor, während im Westchor der reich verzierte Stuhl des Bischofs, die Kathedra, steht. Um die Häupter des einzigen deutschen Herrscherpaares, der Bistumsgründer, zu sehen, besucht man die 1997 eingerichtete, modern gestaltete, in Schummer liegende, feierliche Ruhe ausstrahlende Häupterkapelle. Als vor 25 Jahren im Bamberger Dom gegraben wurde, fand man Reste der Krypta des ersten, des sogenannten Heinrich- Doms. 1996 weihte der damalige Erzbischof Karl Braun, ehedem Oberhirte der Nachbar-Diözese Eichstätt, die nach Plänen des Münchner Architekten Alexander Freiherr von Branca und des Bildhauers Fritz König renovierte Bischofsgrablege ein.

Gibt das Hochgrab im Ostchor kunstvoll in Stein gehauene Hinweise auf Leben und Legenden des kanonisierten Kaiserpaares, steht auf der Steinsäule mit dem transparenten Häupterschrein im Westchor lediglich »Heiliger Heinrich / Heilige Kunigunde / Bittet für uns!«. Der heutigen Schlichtheit steht die von Fantasie und Frömmigkeit getragene Erzählfreude des 16. Jahrhunderts gegenüber. Man wird nicht fertig, Riemenschneiders fünf seitwärts angebrachte Reliefs zu betrachten, wo, unter anderem, von der Steinheilung die Rede ist – wohl die Todesursache des Kaisers, der in seiner Pfalz Grona bei Göttingen am 13. Juni 1224 starb – und von der Seelenwägung nach seinem Tod, bei dem seine Frau zugegen war. Ihr ist das Relief mit der Pflugscharprobe gewidmet: Die Legende spricht vom Gottesurteil nach Kunigundes unbeschadetem Überschreiten glühend heißer Pflugscharen.

Mit dem Stifter des Hochgrabes kommt Salzburg ins Oberfranken-Spiel: Der Salzburger Bischof Melchior Otto Voit, gestorben 1653 – sein Epitaph fand im Zuge der Entbarockisierung des Domes durch Bayernkönig Ludwig I. in der Klosterkirche St. Michael seinen Platz – ordnete die (lateinische) Inschrift an: »Dem größten und besten Gott, dem Erlöser des Menschengeschlechts, Jesus Christus, den Gründern, Schützern und Patronen dieser Kirche, den Heiligen Heinrich und Kunigunde, dem kaiserlichen und jungfräulichen Ehepaar, hat Altar, Denkmal und Grabtumba geweiht, aufgeführt und errichtet Melchior Otto, Bischof«.

Jungfräulich? Dem seit dem Jahr 1000 verheirateten Paar waren bekanntlich Nachkommen versagt. Seiner Ehefrau, die aus einer großen luxemburgischen Familie stammte, war Heinrich in Liebe zugetan. Und das in so hohem Maße, dass er ihr – wenn ihr schon die Mutterschaft versagt blieb – seinen Lieblingsort Bamberg zur Morgengabe gemacht hatte. Heinrich war als Sohn des Bayernherzogs Heinrich, der den Beinamen »der Zänker« trug, 973 (die Bayern hören es gern: in Abbach bei Regensburg, auch wenn das ungesichert ist) geboren, in Freising erzogen und in der Domschule zu Hildesheim auf die geistliche Laufbahn vorbereitet worden. Er kam durch seinen Vater in Kontakt mit dem Regensburger Bischof Wolfgang und dem Abt von St. Emmeram, Romwold. Den Klöstern und ihrer Erneuerung von Anfang an verschrieben, wird Heinrich, unter anderem von dem Wiener Historiker Helmut Bouzek, von Gewalttaten und Machtgelüsten, die zu seiner Königskrönung in Mainz am 7. Juni 1002 führten, nicht frei gesprochen.

Es kostete lange Kämpfe, auch rücksichtslose und dubiose Machenschaften, um die Kaiserwürde zu erlangen. 1007 begann Heinrich, eng an seiner Seite Kunigunde, mit dem Bau des Domes, der fünf Jahre dauerte, um an des Kaisers 39. Geburtstag eingeweiht zu werden. Bamberg war, dank Heinrichs Umsicht, aber auch teilweise schändlicher Manipulationen, eigenständige Diözese geworden.

Heinrich und Kunigunde schlossen so etwas wie einen Totenbund mit bedeutenden Fürsten, was so viel heißt wie: Die Bundesgenossen versprachen, für die Seele des Menschen zu beten, der aus ihren Reihen verstarb, darüber hinaus nicht kleinlich zu sein in der Gabe von Almosen und Messopfer- Stiftungen. Die Kirche sollte Heinrich dabei helfen, das Frankenreich zu erneuern. Kunigunde war, soviel wir wissen, stets mit Heinrich einig, was dessen politische Zielsetzungen anbelangte. Sie war stark und energisch genug, um während der Italienfeldzüge ihres Gatten die Reichsregentschaft zu übernehmen.

Kunigunde stand am Sterbebett ihres Mannes. Bevor Konrad dem Älteren die Reichsinsignien übergeben wurden, führte Kunigunde sechs Wochen die Regierungsgeschäfte. Als Witwe ging sie ins Kloster Kaufungen. Sie hatte es, nach längerem Krankenlager, einst selbst gegründet. Am 3. März 1033 starb sie. Man bettete sie neben ihren Gatten im Bamberger Dom. Die zahlreichen – nicht nur in Bamberg, auch in Basel und anderswo anzutreffenden – bildlichen Darstellungen des heiligen Kaiserpaares zeigen sie fast stets mit dem Modell ihres bedeutendsten, noch heute (wenngleich in mehrfach gewandelter Form) sichtbaren und als Pilgerstätte gezielt aufgesuchten Werkes: den Bamberger Dom. Wie er zum Jubiläum mit teils rätselhaften, teils die Frohbotschaft des Evangeliums lustig und beredt kommentierenden, modernen Kunstwerken die Besucher anspricht, ist beispielhaft und verlockend.

»Man kann«, so urteilte Traudl Seifert in den 1960er Jahren, »Heinrich und Kunigunde nur aus ihrer persönlichen Auffassung des Christentums verstehen. Heilige im Sinne der geistlichen Hingabe sind sie nicht gewesen. Sie waren auch keine außerordentlichen Menschen«. Vielmehr seien sie ein Herrscherpaar gewesen, »das einen von Gott verliehenen Auftrag annahm und sich bemühte, ihn unter Zuhilfenahme aller Talente und natürlichen Gaben zu einem guten Ende zu führen und Gottes Willen in großen und kleinsten Dingen zu sehen, selbst in den Widerwärtigkeiten, die ihr Amt mit sich brachte …« Das goldene Hochaltar-Antependium, das das Kaiserpaar 1018 dem Basler Münster schenkte (Heinrich und Kunigunde sieht man in demütiger Haltung Christus zu Füßen), steht mit seiner ernsten Geste im scheinbaren Gegensatz zur eher volkstümlichen Darstellung der beiden großen Heiligengestalten des Hochmittelalters auf der hölzernen Räder-Uhr im Bamberger Diözesanmuseum. Wer eine Vorstellung von der Pracht und dem Reichtum des Paares erhalten will, schaue sich hier die beiden goldbestickten Mäntel an und stelle sich vor, die Steinfiguren neben Sankt Stephanus an der Adamspforte, die das Kaiserpaar darstellen, hätten sie umgehängt. Wer, statt der Kopien der Heiligenfiguren, die Originale sehen will, sucht sie erfolgreich im Kreuzgang des Doms.

Dr. Hans Gärtner

 

44/2012